Vera Lengsfeld / 31.05.2020 / 11:00 / Foto: Library of Congress / 6 / Seite ausdrucken

Das vergessene Grauen

Die Beseitigung des Kommunismus in der Friedlichen Revolution von 1989/90 hat diesem Regime keineswegs den Todesstoß verpasst. Im Gegenteil. Seit das reale Vorbild außer in der Abschottung von Nordkorea nicht mehr existiert und in Kuba von karibischer Romantik überzuckert ist, wuchern die sozialistischen Phantasien. Angeblich müsste die soziale Marktwirtschaft, die für einen beispiellosen Massenwohlstand gesorgt hat, dringend mit sozialistischen Rezepten kuriert, sprich ersetzt werden.

Auch über Enteignungen wird schon wieder nachgedacht, wenn auch vorerst der „Reichen“, wobei in Deutschland schon reich ist, wer knapp über dem Durchschnittsverdienst liegt. Das ist eine Folge der allgemeinen Weigerung der tonangebenden West-Linken, über die Verbrechen des Kommunismus zu sprechen wie über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Zum Glück gibt es die Osteuropäer und die Intellektuellen aus der ehemaligen Sowjetunion, die das Thema immer wieder auf die Tagesordnung setzen.

Ein Meisterwerk in dieser Debatte ist das Erstlingswerk der tatarischen Schriftstellerin Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen.“

Ihr Roman, der 1930 in einem tatarischen Dorf beginnt und 1946 in einer Neusiedlung an der sibirischen Angara endet, reiht sich ein in die Werke wunderbarer bikultureller Schriftsteller der Sowjetunion und Russlands, die einer der vielen Ethnien des Riesenlandes angehörten, aber Russisch schrieben. Genannt sei hier nur Tschjingis Aitmatow, der zu den Weltliteraten zählt. Ich bin sicher, dass die 1977 in Kasan, heute Tataristan, geborene Jachina auch bald dazu gehört. Ihr Roman besitzt, wie Ljudmila Ulitzkaja im Geleitwort schreibt, „die wichtigste Eigenschaft echter Literatur: Er trifft mitten ins Herz“. Der Bericht vom Schicksal Suleikas, einer analphabetischen Bäuerin und ihres Widerparts, des Rotarmisten und GPU-Agenten Iwan, aus der Zeit der Kampagne gegen die Kulaken ist so authentisch, glaubhaft und faszinierend, dass man das Gefühl hat, Jachina wäre dabei gewesen.

An den Augen sehen, wer sterben wird

Es beginnt mit der Schilderung des letzten Tages vor der Deportation. Suleika, die von ihrer Schwiegermutter als „nasses Huhn“, also minderwertig, bezeichnet wird, muss in der Frühe mit ihrem dreißig Jahre älteren Mann in den Wald, um Holz zu schlagen. Auch ein aufkommender Schneesturm beendet diese Arbeit nicht. Auf dem Heimweg, schon in der Dunkelheit, bricht Suleika vor Erschöpfung zusammen und muss von ihrem Mann aus der Schneewehe gezogen werden. Aber zu Hause angekommen, muss sie die Banja heizen, die Schwiegermutter entkleiden, waschen, ankleiden, dann ihren Mann bedienen, sich von ihm schlagen lassen, die Banja säubern und schließlich ihren ehelichen Pflichten im Bett ihres Mannes nachkommen. Als er endlich mit ihr fertig ist und sie zurück in den Frauenteil schickt, wo sie auf einer Truhe schlafen muss, bekommt sie den Weg dorthin schon nicht mehr mit, weil sie bereits schläft.

Die Kulaken hatten sich nach zwei Hungersnöten – eine zur Zarenzeit und eine in den 20er Jahren der Sowjetmacht – gerade wieder trotz ständiger Abgaben einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet, als Stalin ihre Liquidierung als Klasse beschloss. Das heißt für Suleika, dass sie am nächsten Tag ihr Dorf, zusammen mit allen anderen Einwohnern verlassen muss. Vorher wird ihr Mann, der sich mit der Axt zur Wehr setzte, vom Kommandanten der Entkulakisierungsabteilung, Iwan, erschossen. Der Treck zieht nach Kasan, wo die Bewohner aller „entkulakisierten“ Dörfer in ein Durchgangsgefängnis gepfercht werden, das schon unter dem Zaren errichtet worden war. In Suleikas Zelle hatte vierzig Jahre zuvor unter wesentlich komfortableren Bedingungen der Student Wladimir Uljanow, besser bekannt als Lenin, für ein paar Tage gesessen. Da der Bezirk Kasan nicht die von der Zentrale geforderte Anzahl von Kulaken beibringen kann, füllt man das Kontingent mit Geisteskranken und Versprengten aus Leningrad auf.

Suleika wird in der überfüllten Zelle vom Arzt Wolf Karlowitsch, der sich wegen der bolschewistischen Verbrechen, die er mit ansehen musste, in geistige Übernachtung geflüchtet hat, auf seiner Pritsche Platz gemacht. Sie bleiben auch Pritschengefährten, als der Zugtransport nach Sibirien beginnt. Was normalerweise die Fahrt von einer Woche gewesen wäre, dauert von März bis September. Transportführer ist jener Iwan, der Suleikas Mann erschossen hat. Dieser Iwan hat aber außer seiner Ideologie auch noch ein Gewissen. Als er feststellt, dass häufig an den Haltepunkten keine Verpflegung für die „Umsiedler“ bereitgestellt wird, legt er sich mit den Verantwortlichen an. Er setzt sogar das für die Wachmannschaft im Kühlwagen mitgeführte Lammfleisch als Bestechung ein, um Essen für seine Leute zu bekommen. Trotzdem sterben während der langen Monate erst die Kinder und die Alten, dann die Erwachsenen. Zum Schluss kann Iwan es an den Augen sehen, wer sterben wird und wer noch weiter leben kann.

Der Trupp übersteht wunderbarerweise den Winter

Als sie endlich bei Karaganda ausgeladen werden, lebt von den ursprünglich tausend Menschen nur noch die Hälfte. Die meisten davon sterben beim Untergang des alten, hoffnungslos überladenen Kahns auf dem Jenessej, als ein Gewitter ausbricht. Iwan kann nur sich und Suleika von dem sinkenden Schiff retten.

Übrig bleiben nur 28 Menschen, die auf einem anderen Schiff mitgefahren waren, weil sie nicht mehr auf den Kahn gepasst hatten. Dieses andere Schiff setzt Iwan und die Überlebenden Ende August am Ufer der Angara, mitten in der Wildnis, ab. Man lässt ihnen ein paar Gerätschaften, Fuchsschwänze, Seile, Kochtöpfe, ein paar Messer, einen Sack Munition und eine Pistole da.

Mit dem Versprechen in einer, spätestens zwei Wochen wiederzukommen, lässt man sie zurück. Die erste Nacht verbringen sie in Reisighütten, am zweiten Tag beginnen sie mit dem Bau einer Erdhütte für alle. Zum Glück findet sich unter den Leningradern ein Mann, der weiß, wie man stabile Holzwände errichtet. Wie man sie mit Lehm abdichtet, wissen die Bauern. Auch einen Lehmofen können sie bauen. Iwan geht mit der Pistole auf Jagd, um Nahrung zu beschaffen, später beginnen sie auch noch zu fischen. Zum Glück ist der traumatisierte Arzt unter ihnen, denn Suleika ist von der letzten Nacht mit ihrem Mann schwanger geworden und muss entbunden werden. Dies holt den Doktor aus seiner Umnachtung.

Der Trupp übersteht wunderbarerweise den Winter, ist im Frühjahr aber dabei, zu verhungern, weil die Munition zur Neige geht. Da kommt ein Kahn mit neuen „Umsiedlern“ an.

Suleika ist erst jetzt wirklich frei

Der Vorgesetzte Iwans begrüßt ihn überrascht: „Was, Du bist am Leben? Das hätte ich nicht gedacht.“ Dann setzt er Iwan zum Kommandanten der zu erbauenden Siedlung ein. Die entsteht tatsächlich. Die Sterberate bleibt hoch, jedoch sind es hauptsächlich Neuankömmlinge, die sterben. Auf diese Weise verbessert sich die Kleidungssituation der „Alteingesessenen“, die alles erben, was die Neuen hinterlassen. Nach ein paar Jahren gibt es außer den Gemeinschaftsbaracken auch Privathütten. Man hat begonnen, Getreide und Gemüse anzubauen und hätte es geschafft, sich ausreichend zu ernähren, wenn nicht die „Kulakisierungstendenzen“ mit Sorge von dem GPU-Chef beobachtet worden und umgehend ein Abgabesoll festgelegt worden wäre. Also müssen weiter Menschen Hungers sterben.

Suleika hat ihren Sohn übrigens großziehen können. Sie ist in dieser Zeit von einem „nassen Huhn“ zu einer starken Frau geworden. Ihr Sohn hat, unterrichtet von den „Leningradern“, nicht nur lesen und schreiben, sondern Geografie, Geschichte, Französisch und Malen gelernt. Er will fliehen, sich nach Leningrad durchschlagen, um dort an der Kunstakademie zu studieren. Bei der Flucht hilft ihm Iwan. An seinem letzten Tag als Kommandant der Siedlung fälscht er eine neue Geburtsurkunde und trägt sich als Vater von Suleikas Sohn ein. Das eröffnet dem Jungen eine Chance, die er als Kulakensohn nicht gehabt hätte. Suleika ist erst jetzt wirklich frei und bereit für ein neues Leben.

„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina, 2017, Aufbau-Verlag, Berlin, hier bestellbar.

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Petra Wilhelmi / 31.05.2020

Die vor allem auch in Moskau geschulten stalinistischen Linken der DDR sind auf die maoistischen, kommunistischen, stalinistischen, autonomen und grünen Gruppen gestoßen, die es nicht verkraften konnten, dass “ihre” DDR, in der sie aber zum Teufel komm raus nicht leben wollten, so sang- und klanglos gescheitert ist. Da ist eins geworden, was zusammen gehört und die Konservativen im westlichen Teil der Republik haben es nicht mal bemerkt, was ihnen untergejubelt worden ist. Die haben Merkel in hohe Positionen gewählt und dann hat der Wahlbürger sie noch zur Kanzlerin gemacht. Nun werden die Bürger im westlichen Teil erleben, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Diese Diktatur hat zwar noch eines, nämlich den Konsum, der aber bald immer mehr Bürgern verschlossen bleiben wird. Die DDR war Kindergeburtstag dagegen, was zukünftig die Bürger erleiden werden müssen. Nur, sie haben es so gewollt.

Gabriele Klein / 31.05.2020

Danke für Ihren Einsatz Frau Lengsfeld! Vor allem bin ich dankbar für Ihren einstigen Hinweis auf die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Hillary Clinton und Frau Dr. Merkel die mit unseren Steuergeldern, welche in die Clinton Foundation flossen wohl mitfinanziert werden. Zu Ihrer Äußerung: “Die Beseitigung des Kommunismus in der Friedlichen Revolution von 1989/90 hat diesem Regime keineswegs den Todesstoß verpasst.” Damit geh ich nicht ganz einig, mir scheint es war von vornherein keine Revolution.  sondern die Suche, kommunistischer Funktionäre nach einem neuen “Wirtsvolk”, nachdem sie das alte, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verloren hatten.  Die Melkkühe machten sich nach drüben und die Melkenden folgten ihnen auf den Fuß hinterher, Dies, nachdem der oberste Planer, H. Gorbatschow das “Planen” einstellte vermutlich weil zum Einen die Kasse der DDR leer war, und zum andern, ein an das Gute im Menschen glaubender Ronald Reagan ihn eindringlich um den Fall der Mauer bat. Eine solche Verfolgungsjagd der Armen durch die Reichen von Ost nach West würde ich nicht als Revolution sondern als eine Form der Anpassung an die neuen Umstände bezeichnen und zwar auf beiden Seiten, der der Verfolgten wie auch jener der der Verfolger. Von einem echten Revolutionär erwarte ich, dass er mit seinem Unterdrücker abrechnet, das ist in der Geschichte so üblich, Gerne friedlich, indem er sich z.B. für den Erhalt der Akten des Regimes einsetzt, oder als Zeuge auftritt um seine Figuren vor den internationalen Gerichtshof zu zerren.  Diesen, in jeder Revolution erfolgende Schritt der “Abrechnung” seh ich nicht. Von daher scheint mir die Bezeichnung Revolution nicht wahrheitsgemäß. Wenn nun jemand meint der Westen sei für die Aktenvernichtung genauso verantwortlich gebe ich ihm vollkommen recht. Allerdings feiern sich die Wessis hier nicht als “Revolutionäre” bzw “Befreier”  Ein Aufstand fand weder im Westen noch im Osten statt, einzig darum gehts.

Karsten Dörre / 31.05.2020

Karaganda lag und liegt immer noch in Kasachstan. Die Entfernung von Kasan nach Karaganda sind über 2100 km. Bis zur Angara in Sibirien noch mal soviel oder sogar mehr. Kasachische Steppe ist kein Sibirien, auch wenn nicht sehr einladend. Es starben also die meisten Deportierten vor Beginn der unendlichen Weiten Sibiriens.

Joerg Machan / 31.05.2020

Liebe Vera Lengsfeld, vielen Dank für Ihre großartigen Romanbesprechungen. Sie verdienen es wirklich, als “Kultur - relevant” bezeichnet zu werden!

Rudi Knoth / 31.05.2020

Nun solche Geschichten gibt es sicher viele. Das Buch Archipel Gulag von Alexander Solchenyzin ist voll davon Nur die “Sozialisten” haben wohl auch heute Erklärungen wie “das ist nicht der richtige Sozialismus” oder “dies ist Hetze oder unwahr”. Selbst heute noch gibt es in der Partei “Die Linke” Gedankenspiele wie “Arbeitslager für Reiche”.

Marc Greiner / 31.05.2020

Um zu verstehen wie Sozialistischer/Kommunistischer/Sowjetischer Agitprop, Manipulation und Lüge funktionieren empfehle ich auch das Buch “Abrechnung mit Moskau. Das sowjetische Unrechtsregime und die Schuld des Westens” von Wladimir Bukowski, 1995, ISBN 3-7857-0829-7. Die “Unruhen” in den USA und auch in grösseren Städten des Westens (Paris, Lyon usw.) sind ein Vorgeschmack auf das, was die Neo-Marxisten gerne durchsetzten würden: Chaos, Umsturz, Sozialismus.

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