Vera Lengsfeld / 03.06.2013 / 07:26 / 0 / Seite ausdrucken

Das unbekannte Land der Wunder

Wer sich über Südkorea informieren will, hat es schwer. Auch gut sortierte Buchhandlungen führen kaum Titel, die dieses Land betreffen. Selbst Reiseführer sind selten. Also musste ich mich mit einem Buch begnügen, dass ich vor Jahren schon aus einer Grabbelkiste mitgenommen hatte: Simon Winchester „Das Land der Wunder“, geschrieben, nachdem der Autor im   Jahre 1987 das Land zu Fuß durchquert hatte.

Auf den Spuren holländischer Schiffbrüchiger, die von der Insel Cheju ganz im Süden auf Befehl des Königs nach Seoul gebracht und sechzehn Jahre festgehalten wurden, bis einem Teil von ihnen die Flucht gelang. Vom Schiffszimmermann Hendrik Hamel stammt die erste Beschreibung des bis dahin in Europa unbekannten „Eremitenkönigreichs“ Korea. Winchesters Buch, eine genaue , gründlich recherchierte Beschreibung der Situation vor dreißig Jahren, gilt heute noch als Klassiker, obwohl sich das Land seitdem vollkommen verändert hat.Ein Journalist, den ich später in Seoul treffe, versichert mir, dass selbst seit dem Jahre 2008, als er das letzte mal hier war, Südkorea kaum wieder zu erkennen ist.
Wenn man in Seoul landet, kommt man auf dem modernsten Flughafen der Welt an, der seit acht Jahren auch als der bestgeführte ausgezeichnet wird. Selbst wer des Koreanischen nicht mächtig ist, hat keinerlei Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden.

Das Land der Morgenruhe, wie seine Bewohner es bezeichnen, empfängt mich erst mit einem rosa Frühnebel, der zart über den unzähligen Azaleensträuchern in voller Blüte liegt, die rund um den Flughafen angepflanzt wurden, damit den Besuchern ein erfreulicher Anblick geboten wird. Bald drauf steigt eine blutrote Sonne auf, die den Zauber noch vertieft. Selbst die Hochhäuser der Millionenstadt Incheon, die man erst passieren muß, ehe die Autobahn in die Hauptstadt führt , sind in ein unwirkliches Licht getaucht. Seoul selbst wirkt funkelnagelneu, was es im Grunde auch ist. Die Hochhausquartiere sind in den letzten Jahren entstanden. Elf der insgesamt 50 Millionen Einwohner leben hier. Es ist nach Tokyo der zweitgrößte Ballungsraum der Welt.

Der mächtige Hangang- Fluß sorgt aber für eine Entzerrung des Stadtbildes. An seinen Uferhängen ziehen sich Parks und Erholungsanlagen hin. Manche Flußinseln sind so groß, dass z. B. ein ganzes Parlamentsviertel darauf passt. Zusätzlich aufgelockert wird das Bild durch nahe und ferne Berge. Selbst die Stadtmitte wird von einem Berg, dem Namsan, dominiert, von dessen Spitze man bei guter Sicht das nahe Nordkorea sehen kann.

Mein Hotel liegt dem Rathaus gegenüber, einem Bau aus der japanischen Besatzungszeit, einer der ersten westlichen Stils ,der glücklicherweise stehen blieb, als hinter ihm ein neues, futuristisches Gebäude für die Stadtverwaltung errichtet wurde. Die beiden völlig unterschiedlichen Bauten sind auf geheimnisvolle Weise eine Symbiose eingegangen, so dass man sie als Ganzes wahrnimmt.

Rechts neben dem Hotel befindet sich einer der ausgedehnten Kaiserpaläste. Ich lasse ihn links liegen, denn es zieht mich auf den größten Markt der Stadt, der keine fünf Gehminuten entfernt ist. Auf dem Weg dahin fällt mir auf, was sich bei weiteren Stadtgängen bestätigt: Straßenschluchten wie in New Jork gibt es hier nicht. Sie sind aufgelockert durch Häuser mit zwei bis drei Stockwerken, die meist Geschäfte und Restaurants beherbergen. Auch das wirkt wie miteinander verwachsen: asiatisches Flair mit der Moderne.

Auf dem Markt begegnet mir Seoul, wie es lebt und webt. Es herrscht ein schier unübersehbares Gewimmel von Buden, Geschäften, Garküchen, Werkstätten, Bäckereien, Metzgern, Schuhputzern, Kartenlesern, Schmuckhändlern, Blumenverkäufern, Bücherständen, Kunsthandwerkern, Optikern, Apotheken, Heilpraktikern. Immer wieder bleibe ich stehen, um das Herstellen von handgemachten Nudeln, Konfekt, Teigtaschen, Pfannkuchen zu beobachten. Mein Interesse wird mit großer Freude registriert. Ich bekomme immer wieder Kostproben angeboten. Am Ende wage ich nur noch Blicke im Vorübergehen, denn ich fühle mich schon wie eine Stopfgans.Auf dem Markt sehe ich kaum Fremde. Das ändert sich, als ich in eine der berühmten Einkaufsstraßen der Stadt einbiege. Seoul ist zum Mekka der globalen Einkaufsschickeria geworden. Hier geben sich die Jetset- Ladys die Klinke in die Hand.

Die neuesten Trends, die angesagtesten Labels, gibt es inzwischen nicht mehr in Tokyo, sondern hier. Gleiches gilt für alle technischen Neuheiten. Wer sich auf dem koreanischen Markt durchsetzt, hat es geschafft. Da mich Shopping kalt lässt, habe ich noch Zeit für eine der bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten der Stadt: den Cheonggycheon-Fluß.

Bis 2005 war die uralte Wasserstraße von einer Stadtautobahn überdeckt. Dann hat man den Beton entfernt, den Fluß freigelegt, seine Ufer begrünt, ihn mit malerischen Brücken überspannt und eine fast 6 Kilometer langen, schmalen Freizeitpark geschaffen, der besonders abends bei Liebespaaren beliebt ist. Alle paar hundert Meter kann man die Flußseite wechseln, mit Hilfe von mit schnell fließenden Wasser umspülten Stepping- Stones, die eine Überquerung zum kleinen Abenteuer werden lassen. In Deutschland wäre ein von so vielen Menschen frequentierter Ort vermüllt. Hier nicht. Der Abfall nach dem Picknick wird brav in die bereit stehenden Tonnen entsorgt, die höchstens am Samstagabend überquellen, was dann nur ein punktuelles Problem ist.

Am Vorabend von Buddhas Geburtstag waren bunte, von innen beleuchtete Szenen aus seinem Leben auf Podesten mitten im Fluß aufgestellt worden. Zusätzlich waren zahllose Lampignonketten von Ufer zu Ufer aufgespannt worden. Das weiche Licht sorgte für einen sanften Schimmer auf dem schäumenden Wasser. Man fühlt sich in alte Zeiten versetzt und vergißt die Stadt.

Als ich endlich totmüde zum Hotel zurück ging, kam ich an einer Straßenausstellung über den Koreakrieg vorbei. Im Jahre 1950 überfiel Nordkorea ohne Ankündigung den Süden und machte unter anderem Seoul dem Erdboden gleich. Wer heute durch die Stadt geht, kann sich nicht vorstellen, dass hier eine Steinwüste gewesen ist, die schlimmer aussah als das Berliner Stadtzentrum nach der letzten Schlacht des 2. Weltkrieges. Mit der Hilfe Amerikas und weiter 63 Länder schlug der Süden den kommunistischen Angriff zurück. Als ich die Bilder betrachte, berührt mich vor allem, wie jung die amerikanischen Helfer waren, die sich um die Kinder mit den vom Hunger aufgeblähten Bäuchen, um die Verwundeten und die Toten kümmerten: Anfang zwanzig waren die meisten, ein Alter, in dem heutige Jugendliche kaum ans Erwachsenwerden denken.

Auf den Bildern sehe ich ein Korea, das mittelalterlich wirkt. Tatsächlich war der Süden agrarisch und rohstoffarm. Was das Land heute reich macht, sind nicht die natürlichen Ressourcen, sondern die menschliche Innovation. Bildung ist in Südkorea der Rohstoff, aus dem der Wohlstand gemacht wird.

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