Christian Osthold, Gastautor / 06.03.2023 / 10:00 / Foto: Mil.ru / 101 / Seite ausdrucken

Das Symbol Bachmut

Ein Jahr schon setzt sich die Ukraine mittlerweile gegen Moskaus Invasion zur Wehr. Seit dem ersten Tag wird dabei um den Donbass gekämpft. Mit allen Mitteln will Wladimir Putin die Region an sich reißen. Als nächstes muss Bachmut fallen. Was bedeutet es, wenn Russland das gelingt?

Im Krieg können durchaus auch die vermeintlich kleinen Dinge eine große Bedeutung gewinnen. Obwohl Bachmut vor dem 24. Februar 2022 nur eine unscheinbare Kleinstadt in der Ostukraine war, kommt ihr für Russland heute eine hohe Relevanz zu. Sollte Moskau die Einnahme gelingen, wäre das der erste größere Erfolg nach Soledar. Gleichwohl wäre er vor allem von symbolischer Natur. Die Verkehrsnetze der Stadt, die sie zu einem wichtigen Knotenpunkt machen, sind teilweise zerstört. Inwieweit Russland sie künftig nutzen könnte, ist fraglich.

Hinzu kommt, dass die Einnahme von Bachmut am Verpuffen der russischen Frühjahrsoffensive nichts ändern würde. Zu bescheiden sind die Geländegewinne, die Moskau mit seinen weitgehend unkoordinierten Angriffen im Osten verzeichnen konnte. Lediglich 100 km2 konnten erobert werden. Dafür hat das russische Heer mit hohen Verlusten bezahlt. Erneut sind tausende Soldaten gefallen und eine Vielzahl gepanzerte Fahrzeuge verloren gegangen. Längst steht fest: Auch nach sechs Monaten ist es nicht gelungen, Bachmut zu nehmen. Nach wie vor sind Verteidiger in der Stadt. Die brutal geführten Straßenkämpfe dauern an.

All das ist kein Zufall. Für die Ukrainer ist Bachmut längst zum Innbegriff des Widerstands geworden. Auch wenn die Verteidigung der Stadt zuletzt nicht mehr sinnvoll erschien, wollte man dem Feind keine Zugeständnisse machen. Das könnte sich jetzt ändern. In den letzten Tagen ist der russische Druck immer größer geworden. Die Preisgabe von Bachmut scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Für den Kreml ist seine Einnahme überlebenswichtig. Das Regime braucht dringend Erfolgsmeldungen, um sie in der Heimat als große Triumphe darzustellen. Aus diesem Grund wird es einen Sieg mit allen Mitteln forcieren. 

Der lange Kampf um die Einkesselung

Im Gegensatz dazu stehen die Ukrainer unter keinem derartigen Erwartungsdruck. Wie schon in der Vergangenheit haben sie die Möglichkeit, bei Bedarf zurückzuweichen. Und sich auf gut ausgebaute Stellungen zurückzuziehen. Dabei kommt ihnen vor allem ihre hohe Beweglichkeit zugute. Dass es ihnen bislang gelungen ist, ihre Position im Osten zu behaupten, darf jedoch über Eines nicht hinwegtäuschen: Auch das ukrainische Militär leidet unter hohen Verlusten. So waren vor allem die letzten Wochen von besonders intensiven Kämpfen geprägt. Nahezu täglich haben Söldner der Gruppe Wagner neue Angriffe vorgetragen. Dabei sind sie zuletzt immer stärker von regulären Soldaten unterstützt worden. Mittlerweile ist klar, was dahintersteckt. 

Die russische Taktik zielt offenkundig auf die Einkesselung von Bachmut ab. Sollte dieses Kalkül aufgehen, wären die ukrainischen Nachschubwege unterbrochen. Ein weiteres Standhalten wäre damit unmöglich. Problemlos könnte die russische Artillerie die Verteidiger dann an Ort und Stelle vernichten. Für die Ukrainer kann es darauf trotz aller Beteuerungen, den Kampf fortzusetzen, nur eine Antwort geben: den Rückzug. Experten gehen davon aus, dass es täglich zu Absetzbewegungen nach Westen kommen kann. Die Dramatik der Situation ist kaum in Worte zu fassen.

Nach einem Rückzug der Ukrainer bliebe den Eroberern nichts als eine entvölkerte Ruinenlandschaft. Tausende russische Kämpfer haben hier bis heute den Tod gefunden. Und eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Im Mai 2022 hatten sie Bachmut erstmals mit Raketen beschossen. Zahlreiche Bewohner flüchteten daraufhin nach Westen. Nach dem Fall von Lyssytschansk begannen sich die Kämpfe im August 2022 schlagartig in die Außenbezirke zu verlagern. Kurze Zeit später starteten die Russen ihre Belagerung. Waren diese Operationen zunächst nahezu ausschließlich vom Heer vorgetragen worden, wurden später sukzessive Söldner der Gruppe Wagner in die Kämpfe involviert. 

Aus militärischer Sicht war Bachmut zunächst wegen seiner Funktion als wichtiger Verkehrsknotenpunkt relevant. Als gut befestigtes Gebiet deckte es in dieser Weise zahlreiche Offensivrouten zu von der Ukraine kontrollierten Städten in der Region Donezk ab. Wäre es Russland gelungen, die Stadt im Spätsommer schnell einzunehmen und die Verluste gering zu halten, hätten seine Truppen von hier aus später eine größere Offensive gegen Slowjansk und Kramatorsk starten können. Dazu kam es jedoch nicht.

Kampf um den politischen Nutzen

Stattdessen ging das Momentum verloren, als sich die Russen im September 2022 fluchtartig aus Isjum und Lyman zurückzogen. Für Moskau war das mit großen Nachteilen verbunden. Um auf größere Städte wie Kramatorsk oder Slowjansk vorzustoßen, stand jetzt nämlich nur noch eine einzige Route zur Verfügung: nämlich die östliche über Bachmut. Die Möglichkeit, vehemente Angriffe von Norden her vorzutragen, war damit endgültig dahin. Der ukrainische Generalstab weiß das. Und kann sich gut auf eine solche Operation vorbereiten.

Wie erwähnt, kommt es Russland in Bachmut weniger auf den militärischen, als vielmehr auf den politischen Nutzen an. Nach den eklatanten Misserfolgen in den Oblasten Cherson und Charkiw ist es für den Kreml jetzt wichtig, neue Erfolge an der Front zu vermelden. Jewgenij Prigoschin hat sich dieser Aufgabe verschrieben. Wie man weiß, hegt er seit Monaten die Hoffnung, sein politisches Gewicht und seinen Einfluss innerhalb Russlands zu erhöhen. Allerdings ist es ein Irrglaube, anzunehmen, dass er Putin gefährlich werden könnte. Prigoschins Bilanz ist ohnehin nicht sonderlich überzeugend. Anstatt Bachmut rasch zu nehmen, kam es zu monatelangen verlustreichen Straßenkämpfen.

Dass die Ukraine die Stadt trotz hoher Verluste so lange verteidigen wollte, ist ihrem Kalkül geschuldet, möglichst viele russische Truppen zu binden, um ihre westlich gelegenen Verteidigungsstellungen auszubauen. Gleichzeitig sollten weitere russische Operationen in anderen Gebieten verhindert werden. In einem Interview für die Deutsche Welle vom Dezember 2022 hat der österreichische General Walter Feichtinger folgende Einschätzung zur Bedeutung von Bachmut gegeben:

„Unter symbolischen Gesichtspunkten sind die Kämpfe um Bachmut faktisch zu einem Krieg innerhalb des Krieges geworden. Die Ukraine macht deutlich, dass sie nicht nur in der Lage ist, ihr Territorium zu verteidigen, sondern es auch zurückzuerobern. Die russische Armee wiederum will zeigen, dass sie all jene Gebiete erobern kann, die sie für wichtig erachtet, wenn sie nur die entsprechenden Anstrengungen und Opfer bringt. Und es gibt noch einen dritten Aspekt, den man nicht unterschätzen darf – die Gruppe Wagner. Diese nimmt besonders intensiv an den Kämpfen um Bachmut teil. Und strebt danach, den Ukrainern zu zeigen, dass sie über eine größere Kampfkraft verfügt als die regulären russischen Truppen. Sie will deutlich machen, dass sie die mächtigste Waffe, der stärkste Trumpf in diesem Kampf ist.“

Ist es ein Erfolg oder eine Niederlage?

Trotz des anhaltenden russischen Drucks unter Bereitstellung immenser Ressourcen hat sich Bachmut als überaus belagerungsfähig erwiesen. Dieser Erfolg ist maßgeblich den Grabensystemen und Schützengräben am Stadtrand geschuldet. In der Stadt ist ein ausgeklügeltes System verschiedenster Barrieren entstanden, welches ihr Territorium in Verbindung mit der natürlichen Landschaft zu einem Wellenbrecher russischer Vorstöße gemacht hat. Dies allein erklärt jedoch nicht, warum die Ukrainer Bachmut so lange erfolgreich verteidigen konnten. 

Die Hauptrolle bei der erfolgreichen Abwehr des Feindes scheinen vor allem die koordinierten Aktionen des ukrainischen Militärs gespielt zu haben. In diesem Zusammenhang ist besonders der forcierte Einsatz von Drohnen und kleineren taktischen Gruppen zu nennen. In den einschlägigen Telegramkanälen wimmelt es von Filmen, die den drohnengestützten Abwurf von Granaten und kleinen Bomben über russischen Truppen zeigen. Die Opfer haben in der Regel kaum eine Chance, da sie die totbringenden Sprengladungen nicht kommen sehen. 

Als besonders effektiv haben sich in Bachmut zudem kleinere Kommandotrupps erwiesen. Dabei handelt es sich um gut ausgebildete Einheiten, die zur Aufklärung ausrücken oder Nachtangriffe auf feindliche Stellungen durchführen. Dabei identifizieren sie Ziele für die ukrainische Artillerie, die sich im Gegensatz zur russischen durch ihre hohe Präzision auszeichnet. Immer wieder konnte sie durch ihre hohe Zielgenauigkeit hohe Verluste in den Reihen des Feindes auslösen. Ist Bachmut nun aber eher als Erfolg oder als Niederlage für Russland zu sehen?

Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Bewertet man den Kampf um die Stadt vom Ergebnis her, scheint ein russischer Sieg unmittelbar bevorzustehen. Andererseits ist klar, dass dieser mit einem hohen Preis erkauft wurde. Nach ukrainischen Angaben kommen in Bachmut aktuell bis zu 500 russische Soldaten pro Tag ums Leben. In den letzten Monaten ist ferner deutlich geworden, dass die russische Armee erhebliche Probleme bei der Erstürmung von Städten hat. Schon in Kiew waren die von Moskau bei Kriegsbeginn arrogant eingesetzten Luftlandetruppen vollständig aufgerieben worden. Wirft man einen Blick auf die bis heute verzeichneten Eroberungen urbaner Gebiete, lässt sich feststellen, dass der Schein trügt. 

Keine Erfolge außer Zerstörung?

So sind praktisch alle genommenen Städte nur unzureichend verteidigt oder aber von den ukrainischen Nachschubwegen abgeschnitten gewesen. Das gilt sowohl für Cherson, Sewerodonezk und Lyssytschansk. Wie sinnlos dabei vor allem der forcierte Einsatz von Artillerie ist und dass er militärisch praktisch keinen Effekt hat, zeigt nicht zuletzt der Fall von Mariupol. Bis auf die totale Zerstörung der Stadt konnte das russische Militär hier keine Ergebnisse vorweisen. Die von der russischen Propaganda massiv ausgeschlachtete Kapitulation der im Stahlwerk Asow-Stahl eingeschlossenen Kämpfer erfolgte faktisch nur auf Anordnung Kiews. 

In diesem Sinne ist Bachmut also nicht nur ein Schlachtfeld mit großem Symbolcharakter für den Widerstandswillen der Ukrainer und hoher politischer Bedeutung für die russische Kriegspropaganda. Es ist zugleich auch ein mustergültiges Beispiel für die auf blinder Zerstörungswut basierende Kriegführung Moskaus. Die russische Führung ist bereit, jede ukrainische Stadt in Schutt und Asche zu legen, nur um sich anschließend gegenüber der eigenen Bevölkerung als Herrin der Ruinen inszenieren zu können. Für die Ukraine wiederum liegt darin eine große Gefahr. Ein Gegner, dem zum Erreichen seiner Ziele praktisch jedes Mittel recht ist, wird im Zweifelsfall eher eskalieren, als zurückweichen. 

In dieser Optik beginnt die weitreichende Zerstörung ukrainischer Städte und ihrer Infrastruktur immer schärfere Konturen anzunehmen. Bachmut fungiert dabei als Episode im Präludium des weiteren Kriegsverlaufs. Ihr Schicksal wird auch andere Städte ereilen. Es sei denn, es gelingt, den russischen Vormarsch zu stoppen und die Truppen des Kremls von den größeren Ortschaften fernzuhalten. Dabei handelt es sich um einen Grundsatz, der vor allem für das in Grenznähe gelegene Charkiw von Bedeutung ist. Bislang finden die Kämpfe lediglich in seinem Umland statt. Sollte es jedoch zu Straßenkämpfen in der Stadt sowie zu Artilleriebeschuss kommen, droht ein Inferno. 

Bachmut hat all das bereits hinter sich. Lange war es den ukrainischen Verteidigern gelungen, die bestehenden Nachschubwege vor dem Zugang der russischen Artillerie zu schützen. Bis zuletzt konnten dadurch Personal, Munition und Ausrüstung ins Kampfgebiet geschafft werden. Darüber hinaus verfügt Bachmut über eine große Anzahl von Bunkern. An diesen Stellungen haben sich die russischen Angreifer in den letzten Monaten die Zähne ausgebissen. Vor allem Söldner der Gruppe Wagner sind hier in großer Zahl gefallen. Gleiches gilt für russische Strafgefangene. Jewgenij Prigoschin persönlich hatte sie angeworben. Im Dienst von Wagner können sie mit einem Monatslohn in Höhe von 7.000 Dollar rechnen. 

Wenig virtuose Taktik

Dafür müssen sie ihr Leben für eine Formation einsetzen, deren Taktik wenig virtuos ist. Dafür aber verlustreich. In Bachmut besteht sie aus Frontalangriffen auf ukrainische Stellungen, ohne dass dabei Rücksicht auf Verluste genommen würde. Gemäß dem Prinzip „Trial and error“ sollen Schwachstellen in der Verteidigung des Gegners gefunden werden. Die Folgen dieses Vorgehens könnten verheerender kaum sein. Mittlerweile dürften tausende Wagner-Söldner in Bachmut ums Leben gekommen sein. Nach Angaben des ukrainischen Militärs werden verwundete Söldner oft stundenlang auf dem Schlachtfeld zurückgelassen. Solange ein Angriff nicht beendet ist, spielten personelle Ausfälle keine Rolle.

Die in Bachmut eingesetzten Wagnereinheiten bestehen meist aus Gruppen von acht bis zwanzig Kämpfern. Bevor sie angreifen, erfolgt immer ein umfangreicher Artillerieeinsatz. Im Anschluss daran rücken die Söldner mit Unterstützung von Mörsern und Granatwerfern vor und gehen dann rasch in den Nahkampf über. Dieses Vorgehen mag gefährlich sein, bietet aber auch einen Vorteil. Selbst wenn ein Angriff abgeschlagen wird, werden die ukrainischen Stellungen aufgedeckt, woraufhin in der Regel erneut schweres Artilleriefeuer einsetzt. Danach beginnt das Procedere aus Neue. Die dabei hervorgerufenen Verluste spielen für Moskau keine Rolle. Menschen sind eine Ressource, die grundsätzlich inflationär eingesetzt wird. 

In den letzten Wochen ist das Ringen um Bachmut in seine letzte Phase eingetreten. Ende Februar 2023 haben die russischen Streitkräfte die Einkesselung der Stadt massiv forciert. Dennoch berichtet der britische Auslandgeheimdienst auch weiterhin über anhaltende Kämpfe in der Stadt. Noch stehen den ukrainischen Streitkräften einige Nachschubwege nach Westen offen, so dass sie die Verteidiger der Stadt unterstützen können. Dennoch ist das für einen Ausbruch zur Verfügung stehende Zeitfenster dabei, sich zu schließen. Ein weiteres Zuwarten wäre mit verheerenden Folgen verbunden. 

Nicht zufällig sprach Kiew Anfang Februar von einer schwierigen Lage in Bachmut und verwies auf die anhaltenden Versuche, die Stadt zu stürmen. Trotzdem haben die Verteidiger bislang nicht erklärt, Bachmut zu verlassen. Es ist gut möglich, dass die Ukraine durch ihren zähen Widerstand unter dem Risiko einer Einkesselung den Westen unter Druck setzen und zu einer Beschleunigung der Waffenlieferungen drängen will. Dieser Plan ist jedoch zu riskant, als dass die ukrainische Führung ihn ernsthaft in Erwägung ziehen dürfte.

Der Westen wollte den Rückzug

Was auch immer sich hinter dem ukrainischen Kalkül verbergen mag, steht doch fest, dass die westlichen Alliierten die Preisgabe der Stadt für richtig halten. In Kiew sieht man das aktuell noch anders und bekundet, aushalten zu wollen. Dieser Ansicht ist auch Kyrylo Budanow, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes. Nach den verlustreichen Kämpfen der vergangenen Monate hält er einen Rückzug für strategisch nicht zielführend. Das ist nicht sonderlich einleuchtend. Daher steht zu vermuten, dass es sich bei dieser Verlautbarung um den Versuch handelt, die Russen über die eigenen Absichten hinwegzutäuschen. So ist unstrittig, dass der Rückzug aus einer drohenden Umklammerung den einzigen Ausweg darstellt.

Dass hierzu mehr denn je große Notwendigkeit besteht, geht daraus hervor, dass der russische Vormarsch in Richtung Bachmut zuletzt deutlich besser vorangekommen ist als in den vergangenen Monaten. Am 25. Februar 2022 meldeten russische Militärblogger, die Ukrainer hätten nordwestlich von Bachmut einen Damm in die Luft gejagt, um das Vordringen von Wagnersöldnern aufzuhalten. Dass wohl schon bald ein Rückzug aus der Stadt erfolgen könnte, lässt sich indes aus Selenskyjs Aussage ableiten, man werde die Stadt nur so lange halten, wie es sinnvoll sei. Zuvor hatte der ukrainische Präsident eine Preisgabe noch kategorisch ausgeschlossen. 

Ganz egal, welche taktische Disposition die Ukraine in Bachmut letztlich wählen wird: Militärisch wird die Einnahme der Stadt nichts daran ändern, dass sich die russische Frühjahrsoffensive totgelaufen hat, ohne einen nennenswerten Durchbruch zu erzielen. Anstatt in der Öffentlichkeit heiß ersehnte Erfolge in der Ostukraine vermelden zu können, müssen sich russische Spitzenpolitiker auch weiterhin auf die Verbreitung von Legenden beschränken. 

Dass sie damit immer weniger verfangen, zeigte sich jüngst in Indien. Als Sergej Lawrow auf einer Konferenz in Neu-Delhi davon sprach, der Westen habe Russland den Krieg in der Ukraine aufgezwungen und nutze ihr Volk, um sein Land zu vernichten, reagierte das Publikum mit süffisantem Gelächter. 

In der Tat zeigt gerade das Beispiel von Bachmut, dass Moskau in der Ukraine kein Konflikt aufgezwungen wird, sondern dass es einen brutalen Vernichtungskrieg führt. Einen Krieg, den es unter allen Umständen für sich entscheiden will. Die Antwort des Westens kann daher nur darin bestehen, die Ukraine auch weiterhin mit allen Mitteln auszustatten, um die russische Aggression gegen sich zu ersticken. 

Nur wenn die Fortführung der Feindseligkeiten für Moskau nicht mehr lukrativ und politisch zu heikel ist, wird Russland die Umklammerung der Ukraine beenden. Erst dann kann es Hoffnung auf Frieden geben. 

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Klaus Meyer / 06.03.2023

Über den Krieg in der Ukraine lese ich sowohl die NATO-Presse (zu der ich im großen und ganzen auch Achgut zählen würde) als auch RussiaToday-Deutsch (übrigens problemlos zu lesen, wenn man auf einen zensurfreien Nameserver wechselt. Einfach danach googlen)). Und die Berichterstattung ist naturgemäß stark unterschiedlich. Achgut bzw. Herr Osthold betont die russischen Verluste (>500/Tag) während RT-Deutsch die ukrainischen betont (auch >500/Tag). Glauben sollte man in Kriegszeiten beiden Seiten nichts. - Aber allein der gesunde Menschenverstand sagt einem, daß Rußland in einem längeren Abnutzungskrieg irgendwann siegen wird. Die Frage ist nur wieviel Soldaten (sowohl ukrainische als auch russische) und wieviel Zivilisten bis dahin ihr Leben lassen müssen. Und um wieviel mehr das Land bis dahin zerstört werden muß. - Ohne westliche Waffen und westliche Aufklärung wäre der Krieg auf jeden Fall schon lange beendet. Und weitere westliche Waffen sorgen nur für eine Verlängerung und eine Vervielfachung des Leids.

Fritz kolb / 06.03.2023

Ich stimme Ihnen zu, @Ricardo Sanchis, und nicht den Krieg im Yemen vergessen. Unsere kriegsgeilen Weiber der Ampel können das vermutlich intellektuell nicht auch noch verarbeiten, massenweise getötete Yeminiten, vorwiegend Frauen und Kinder, unisono auch die zahllosen Opfer diverser mörderischer Kriege über den afrikanischen Kontinent verteilt, das passt in den moralinsauren Arbeitsspeicher ihrer Köpfe nicht mehr hinein. Scheinbar gibt es bei denen (und den meisten Medienvertretern) deshalb unterschiedliche Kategorien von Kriegsopfern. Da stehen die Ukrainer, auch deren Nazi-Soldaten ganz oben, die jungen Russen finden keinerlei Erwähnung und die anderen auch nicht. Und lieber Autor der Geschichte, auch Sie blenden in Ihrem tendenziellen und deshalb nicht objektiven Beitrag die Realitäten völlig aus, oder sterben in dem Krieg gar keine jungen Russen?

Rolf Mainz / 06.03.2023

“Wie schon in der Vergangenheit haben sie (die Ukrainer) die Möglichkeit, bei Bedarf zurückzuweichen.” Also bitte, solche Statements hätte ich eher in der Deutschen Wochenschau oder in der Aktuellen Kamera vermutet.

Schahin Pfitzer / 06.03.2023

Osthold (et alii): „Als Sergej Lawrow auf einer Konferenz in Neu-Delhi davon sprach, der Westen habe Russland den Krieg in der Ukraine aufgezwungen und nutze ihr Volk, um sein Land zu vernichten, reagierte das Publikum mit süffisantem Gelächter.“ Der Standard: „Gut eine halbe Stunde spricht der russische Außenminister Sergej Lawrow bereits. Auch wenn der indische Moderator ihn auf dem Podium immer wieder mit Fragen zu unterbrechen versucht, lässt sich der Russe davon nicht beirren. “Den Krieg in Europa gibt es wegen der Lügen der Nato”, sagt Lawrow in Richtung des Publikums. Der russischen Kultur und der russischen Sprache habe im Osten der Ukraine durch die “Nazi”-Regierung in Kiew unter Wolodymyr Selenskyj die komplette Auslöschung gedroht. Deswegen habe Russland sein Militär zur Verteidigung losschicken müssen. Sätze wie diese würden in westeuropäischen Hauptstädten beim Publikum derzeit einen Sturm der Entrüstung auslösen und zum Exodus aus der Veranstaltung führen. Bei der Raisina-Konferenz am Wochenende in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi geschah aber nichts dergleichen. Im Gegenteil … Doch mit der Zeit gab es aus einem Teil des Publikums auch authentischen Applaus für Russlands Außenminister – und mitunter waren sogar die Lacher auf seiner Seite. Wobei Lawrow den Bogen überspannte, als er einmal davon sprach, dass Russland versuche, den “gegen uns lancierten Krieg” zu stoppen: Da kam weniger gut an.“

T. Schneegaß / 06.03.2023

Gestern erschien hier auf der Achse ein sehr guter Beitrag von Felix Perrefort mit der Überschrift “Das unsägliche Geschwurbel der Melanie Brinkmann,” Dort kann man absolut richtig und korrekt lesen: “Was Regierungsberaterin Melanie Brinkmann von sich gibt, geht auf keine Kuhhaut mehr. Sie zeigt, dass man als Experte mit jedem Nonsens durchkommen kann.” Dazu zitiere ich ausnahmsweise einmal meinen veröffentlichten Kommentar: “Sehe ich genau so. Das wirft natürlich automatisch die Frage auf: hat diese Regierung eigentlich zum Thema Russland/USA-Konflikt in der Ukraine Berater vom gleichen Kaliber?” Wie wärs, Herr Osthold? Oder hat sich die Frage bereits erledigt?

Marcel Seiler / 06.03.2023

Auch wenn es die Gutmenschen nicht wahrhaben wollen: Die westliche Lebensform, die alle für selbstverständlich halten, braucht zum Überleben den Einsatz menschlichen Lebens. Nicht weil der Westen so kriegsgeil ist, sondern weil es andere sind. Auch wenn einem das Herz bei diesem Gedanken blutet: Es ist so.

Didi Hieronymus Hellbeck / 06.03.2023

Ich vertraue seit dem Februar 2022 einzig UNSEREN Qualitäts-Medien: dem Iwan ist das Benzin ausgegangen, der Iwan hat keine Geschosse mehr, der Iwan muss Relais’ aus alten Kühlschränken für Raketen nutzen, nur der Iwan vergewaltigt, nur der Iwan verliert Soldaten. Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Wahrheit allein.

Thomas Schmied / 06.03.2023

Man malt die Niederlage Russlands an die Wand, man verkündet Zahlen über tote Russen. Es ist klar, dass hier eine schmähliche Niederlage Russlands gewünscht wird. Glaubt der Autor denn, Russland kapituliert? Wenn es nicht zu weiteren kriegerischen Eskalationen kommt, was unwahrscheinlich ist, dann käme die Ukraine in die EU und vermutlich irgendwann doch noch in die NATO, unter deren Schirm sie faktisch jetzt schon steht. Dann hätte “das Gute” gewonnen und “das Böse” wäre besiegt. Das ist nur im Märchen so! So einfach ist dieser Konflikt nicht. Hier wird der Sieg in einer Machtprobe propagiert und nicht nach einer langfristig für die Welt verträglichen Lösung gestrebt. Es gab schon vor dem russischen Angriff einen Konflikt. Konflikte löst man durch Einigungen, bei denen beide Seiten irgendwie noch ihr Gesicht wahren können. Sonst bleiben sie schwelend bestehen! Als Historiker sollte der Herr Beispiele kennen. Jeder Tag, wo man die Mordmühle weiter mahlen lässt, nicht alles für Verhandlungen tut, ist ein verlorener Tag. Diese kalten Zahlenspiele finde ich zudem widerwärtig. Jeder dieser toten Soldaten ist ein schreckliches Schicksal. Niemand dieser Menschen kommt wieder, ob Russe oder nicht.

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