Jesko Matthes, Gastautor / 24.12.2017 / 16:30 / 1 / Seite ausdrucken

Das rotnasige Rentier: Aktuell und vergessen

Als ich klein war, dankenswerterweise auch noch, als ich schon groß war, da gab es in Berlin etwas, das im Advent einfach „Kult“ war, wenn man das Radio einschaltete. Es handelte sich um ein Rentier. Es hieß Rudolph. Es hatte eine rote Nase, es war anders als all die anderen Rentiere. Alle anderen Rentiere lachten und gaben ihm, Rudolph, lustige Namen.

Erst, als der Weihnachtsmann erkannte, dass Rudolph das Besondere an der Weihnacht war, da wollten sie plötzlich alle seine Freunde gewesen sein. Kein Wunder, dass gerade er das sang, der Moabiter Jude, der sich mit der SA anlegte, 1933 nach London und 1935 in die USA auswanderte, um nach dem Krieg zurückzukehren in sein geliebtes Berlin: John Hendrik.

Rudolph, der Verlachte, der Verfemte, er wurde plötzlich zum Publikumsliebling, für gute vierzig Jahre. Wenn er, John Hendrik, „Rudolph, the red-nosed reindeer“ sang, dann wusste er genau, warum: „Na, Sie wissen ja, wie die Menschen – äh – die Rentiere sind.“ Den Subtext des vertrieben Juden, den hörte damals kaum jemand zwischen den Zeilen, auch ich nicht. Das tut mir heute leid.

Das war John Hendrik, eine Berliner Radio-Legende, die fast 100 Jahre alt wurde und mit neunzig Jahren noch aktiv war, die längste Zeit beim RIAS, dessen Jugendreporter auch ich einst war. Ich interviewte damals, im Oktober 1980, auch Wahlforscher  – damals, als die Wahlbeteiligung noch nahe 90 Prozent lag, außer in Berlin, wo niemand den Bundestag wählen durfte. Seither werde ich das Gefühl nicht los, dass etwas scheinbar so Banales, wie wählen zu dürfen, ein Privileg ist.

John Hendrik hatte anderes hinter sich, er konnte gerade noch wählen, am Leben zu bleiben, und er kam trotzdem – oder deswegen – zurück nach Berlin. Sein merkwürdiges Leben können auch Sie kennenlernen für einen Appel und ein Ei, beispielsweise hier.

Darum gehört für mich zum Advent auch John Hendriks ach so triviales, lächerliches Lied. Hören Sie es, bitte, noch einmal. Hören Sie genau zu, was ein deutscher Jude im Advent zu seinen Erfahrungen mit den Rentieren zu berichten weiß (die Erklärung erfolgt in der Mitte des Videos auf deutsch).

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Leserpost (1)
Hermann Neuburg / 24.12.2017

Auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt in Hamburg wird die Geschichte sei vielen Jahren dreimal am Tag erzählt, von der unnachahmlichen Stimme von Gunter Gabriel inkl. dem nachfolgenden Lied. Danke für die Erklärung, ich gestehe zu meiner Schande, dass ich die Geschichte hinter der Geschichte nicht kannte!

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