Gastautor / 27.10.2010 / 11:07 / 0 / Seite ausdrucken

Das Objekt Kelek

Schukran Marhaba

Necla Kelek bekommt in diesem Jahr den Freiheitspreis der Friedrich Naumann Stiftung verliehen. Dagegen gibt es wenig zu sagen, außer, dass sie diesen Preis schon längst hätte bekommen sollen. Aber: lieber etwas später als gar nicht. Kelek hat viele Gegner und Feinde, und so war es zu erwarten, dass einige mit dieser Auszeichnung nicht einverstanden sein würden. Nun hat sich Kamuran Sezer zu Wort gemeldet, mit einem Beitrag im MIGAZIN. Daran ist zweierlei bemerkenswert. Wir haben bis jetzt weder von Kamuran Sezer noch von einem Magazin namens MIGAZIN gehört. MIGAZIN bedeutet Migration in Germany, meint aber nicht die Oberbayern, die nach Ostfriesland ziehen und auch nicht die Sachsen, die in Schwaben einen Job gefunden gaben. Kamuran Sezer seinerseits ist “Diplom-Sozialwissenschaftler, Berater und Publizist, Gründer und Inhaber des futureorg Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung mit Sitz in Dortmund”. Also einer jener Profis, die aus einem Haufen Hundescheisse oder den Innereien eines toten Huhns die Zukunft vorhersagen und dafür bezahlt werden. Für ihn spricht auch, dass er sich mit seinem futureorg Institut in Dortmund niedergelassen hat, wo ein akuter Mangel sowohl an Organisation als auch an Zukunft herrscht. Nur in Duisburg sind die Verhältnisse noch aussichtsloser.

Sezer findet, Kelek sei als Preisträgerin ungeeignet. Er wirft ihr u.a. vor, sie habe nicht den Prozentsatz der “muslimischen Einwandererfamilien” genannt, in denen Ehrenmord und Zwangsheirat vorkommen. Das ist in der Tat ein schweres Versäumnis. Die Zahl ist nämlich so klein, dass man sie statistisch vernachlässigen kann und eigentlich nur für die Frauen von Bedeutung, die von ihren Männern, Vätern und Brüdern erschossen, erstochen und erwürgt werden. Ein Wissenschaftler darf sich nicht von Emotionen leiten lassen. Und deswegen beschliesst Kamuran Sezer, Gründer und Inhaber des futureorg Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung mit Sitz in Dortmund, seine Kritik an Kelek mit den Worten:

“Mein Fazit: Die Friedrich-Naumann-Stiftung ignoriert, dass der Islam in der Lebenswirklichkeit Deutschlands angekommen ist. Es gibt nicht den Islam! Die Denkfabrik ist blind für die Vielfalt im gelebten Islam und in den muslimischen Einwanderermilieus, wo Atheisten, Agnostiker und Laizisten, Gläubige, Orthodoxe und Fundamentalisten nebeneinander existieren und miteinander streiten. Mit der Würdigung von Necla Kelek gibt die Denkfabrik in Richtung der Partei und Öffentlichkeit ein politisches Statement ab. Durch Vereinnahmung des Objekts Necla Kelek präferiert sie einen obrigkeitsfreundlichen Integrationsbegriff. Dieser ist aber nicht freiheitlich. Freiheitlich ist, wenn eine junge Muslima kein Kopftuch tragen muss, wenn sie es nicht möchte. Und sie Kopftuch tragen darf, wenn sie es will. Und es ist an der Zeit, die Freiheit jener Menschen zu schützen und zu verteidigen, die ihre Religion leben und achten möchten. Denn – und das scheint die Friedrich-Naumann-Stiftung vergessen zu haben –die ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt in einer Gesellschaft ist stets das Ergebnis einer gelebten Freiheit.”

Ja, so isses. Ob eine Frau eine Burka oder einen Bikini trägt, läuft auf das Gleiche hinaus. Ob sie “kein Kopftuch tragen muss” oder eines “tragen darf” ebenso. Ganz besonders ausgeprägt ist der freie Wille bei Mädchen im schulpflichtigen Alter, die ein Kopftuch tragen “dürfen”, weil sie es wollen. Sie haben sich dieses Recht hart erkämpft. Wie Natascha Kampusch, die auf die Frage eines Reporters, ob sie mit ihrem Entführer Sex hatte, antwortete: “Ja, aber es war freiwillig.”

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