Die Vorstellung, daß Nordrhein-Westfalen zu Deutschland gehört, mag zwar in den Köpfen einiger Leute herumspuken und sogar an manchen Schulen Kindern eingetrichtert werden, aber sie ist mindestens so fragwürdig wie der Glaube, daß es von Natur aus zwei Geschlechter gebe und jedes Menschenwesen entweder Mann oder Frau sei. Nein, das alles sind, wie wir heute wissen, bloß Annahmen, soziale Zuschreibungen, Hirngespinste, die dekonstruiert gehören. Heute gilt: jeder und jede kann wählen, kann alles sein und alles werden. Und so wie es in unserer Gesellschaft, um die verpönten Begriffe Nation oder gar Volk zu vermeiden, Transsexuelle gibt, so gibt es auch Transnationale: die fühlen sich zum Beispiel mit ihrem Nordrheinwestfalenkörper irgendwie nicht wohl in Deutschland.
Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der BILD-Zeitung finden immerhin 14 Prozent der Nordrhein-Westfalen, ihr Land solle sich von der Bundesrepublik lösen. Nicht ganz klar ist leider, ob damit der Beitritt zu einem anderen Staat verbunden wäre, wobei die Auswahl nicht auf Belgien und die Niederlande beschränkt sein müßte, denn im Zeitalter der Billigfliegerei und der Globalisierung sind weiträumige Zugehörigkeiten eigentlich kein Problem, und Frankreich hat schließlich schon seit langem ein paar Landesteile in der Karibik, oder ob es sich um puren Separatismus mit dem Ziel einer eigenen Staatsgründung handelt.
Für sämtliche Varianten gibt es eine Menge historischer Beispiele. Das Streben nach Unabhängigkeit ist eine der stärksten Triebfedern der politischen Geschichte; meist führt es zu Blutvergießen, selten zu Frieden und Stabilität. Die Basken und Katalanen, die Schotten und Bretonen träumen seit alters von staatlicher Souveränität. Im Baltikum waren die Ergebnisse zufriedenstellend, auf dem Balkan eher nicht. Was aber wollen die Bayern? Ein Drittel von ihnen würde besagter Umfrage zufolge Deutschland den Rücken kehren. Aber auch in den anderen Bundesländern finden sich zwischen acht und 22 Prozent Scheidungswillige. Niemand weiß, wo die alle hin wollen, aber man ahnt, wo ihre Unzufriedenheit her kommt.
Im politischen Alltag ist nämlich der Grundgedanke unserer Republik, der Föderalismus und das damit verbundene Subsidiaritätsprinzip, so gut wie tot. Abgesehen von folkloristischen Eigenheiten bei der Zulassung von Schulbüchern gibt es in unserem Staat keine wirkliche Selbständigkeit der Länder, keine Autonomie der Gemeinden und keine Beteiligung der Bürger. In Baden-Württemberg möchte ein Fünftel der Bevölkerung nicht bloß aus der Bundesrepublik austreten, sondern sich, wie man aus anderen Untersuchungen weiß, am liebsten der Schweiz anschließen. Dort bestimmt bekanntlich jede Gemeinde über ihr eigenes Schicksal, inklusive der Höhe der Steuern. Und obwohl die sehr viel niedriger sind als in Deutschland, macht die Eidgenossenschaft mit ihrer gesamten Infrastruktur keineswegs einen verwahrlosten Eindruck. Würde man eine Umfrage starten, welche Kantone aus der Schweiz austreten möchten, kämen nicht mal Promillewerte heraus.
Ganz unheikel sind die separatistischen Tendenzen vor dem Hintergrund wachsender Fremdbestimmung bei uns also nicht. Der Wunsch, die eigene Heimat von Deutschland abzukoppeln, ist allerdings utopisch; was als Möglichkeit für jeden bleibt, ist bloß die individuelle Variante: Emigration.
Beitragsbild: Tim Maxeiner

Der Exodus ist längst im Gange und wird sich verstärken. "Millionäre gehen: Die Nerze verlassen das sinkende Schiff" heißt ein online-Stern-Artikel zu diesem Thema. Aus Deutschland flohen 2016 ca. 4000 Millionäre, 12000 aus Frankreich. Das sind sicher "Einzelfälle" im Duktus unserer Politiker. Wer Grundrechenarten beherrscht, weiß, daß das Sozialsystem Deutschlands den Weggang von Leistungträgern und den Zustrom von Bedürftigen nicht überleben wird, Sieferle hat dazu ein ausführliches Buch verfasst.
Wieso soll es utopisch sein etwas, dass ja offensichtlich nicht ein Ganzes ( hier ein Volk) sein will, in seine besseren Teile zu zerlegen?
Leider bin ich (48, w., NRW) bereits zu alt für Emigration. Ich würd's sonst schon wirklich sehr gerne! Die Schweiz (oder CAN o. AUS oder USA) nähmen mich nicht (mehr)). Aber meinen zwei Kindern möchte ich es durchaus schon als Alternative an's Herz legen!
Die letzte Variante kommt für mich leider nicht mehr bzw. nicht aktuell infrage, werde ich aber meinen Kindern dringend ans Herz legen.
Die innere Emigration ist schon lange vollzogen.
Und diese Emigration gibt es grundsätzlich in zwei Varianten: der inneren und der äußeren Emigration. In der inneren Emigration befindet sich ein nicht genau feststellbarer Anteil der Bevölkerung - früher hätte man gesagt: des Volkes - schon heute. Die Höhe dieses Anteils bemißt sich an den zugrundegelegten Kriterien. Soll man beispielsweise jemanden bereits dann als einen inneren Emigranten ansehen, wenn dieser sich in keiner Weise an der res publica bzw. an der Politik beteiligt? Kein TV guckt (also auch keine ÖR-"Nachrichten", ÖR-"Talk-Shows", ÖR-"Dokumentationen" etc.), keine politischen Veranstaltungen besucht und nicht wählen geht - nicht einmal den Gemeinderat? Inwieweit ist ein solcher eigentlich noch "da" und ein "Staatsbürger"? Und inwieweit ist er längst auf und davon?
Das sind mitnichten neue Bestrebungen - zumindest in Bayern. Schon als wir noch 18 (1990) waren, haben wir immer davon geträumt, dass Bayern + Österreich + Südtirol das mit Abstand beste und leistungsfähigste Land der Welt wäre. Eine solche Wirtschaftsmacht aus HighTech-Industrie, Landwirtschaft sowie Sommer- und Wintertourismus auf so einem kleinen und kompakten Raum kenne ich weltweit nicht. Heute gilt das in potenzierter Form erst recht. Sollte eine Partei einmal diesem Pfad folgen, hat sie meine Stimme sofort. Man wird ja noch träumen dürfen...