Cora Stephan / 04.05.2020 / 17:30 / 12 / Seite ausdrucken

Das neue Normal ist das alte

Ich fürchte den Herbst oder jedenfalls den Zeitpunkt, an dem wir überschüttet werden mit Büchern à la „Mein Leben mit Corona“. Jedenfalls die, in denen Autoren die Freuden des einfachen Lebens entdecken: Wie schön es ist, abends nicht ausgehen zu müssen! Wie wohl es tut, stattdessen ein gutes Buch zu lesen! Und wieder kochen zu lernen! Selbstgenügsam zu sein, sich wieder auf sich und die kleinen Dinge zu besinnen! Das neue Normal! Will man soetwas wirklich lesen? Ich nicht.

Die Zeit des angeordneten Stillstandes lehrt doch womöglich etwas ganz Anderes: dass sich unter der vielfältigbuntdiversen Oberfläche die ganze Zeit das alte Normal versteckt hielt. Das, was man zu Zeiten, als man sich noch nicht aussuchen konnte, welches Geschlecht man hat, die „Natur des Menschen“ nannte. Und die zeigt Züge in der Krise, die man sympathisch finden kann oder auch nicht, die aber tief verwurzelt zu sein scheinen.

Angesichts einer Gefahr schließen Menschen sich zusammen, die einander die Nächsten sind. Familien, funktionierende Nachbarschaften. Sie ziehen die Brücken hoch und schließen die Tore. Sie schotten sich ab gegen die Gefahr, die da von außen und, ja, wie so ein Virus: durch andere Menschen droht. Sie tun das, was vor Jahrzehnten noch völlig üblich war, als sich keine Supermärkte in der Nähe befanden, die von morgens bis abends offen hatten: sie legen Vorräte an und bemühen sich ansonsten um Selbstversorgung. Der Welthandel wird im Übrigen nicht zum Erliegen kommen, wenn auch Unternehmen wieder lernen, Vorrat zu halten, statt allein auf Lieferketten zu setzen.

Nicht, dass ich das Horten von Klopapier verstünde, aber man sollte nicht Hamstern nennen, was einer ursprünglichen Vernunft entspricht. Die Welt schrumpft wieder auf ein überschaubares Maß, und siehe da: Nicht nur nationale Grenzen erscheinen wieder erstrebenswert, auch regional wird ausgegrenzt: Selbst in so gering besiedelten Landstrichen wie in Vorpommern nahe der polnischen Grenze verwehrte man Menschen mit Zweitwohnsitz den Aufenthalt.

Die feindliche Umwelt

Kann sein, dass es manch einen demütig macht, zu erfahren, dass all das Große, was man sich vorgenommen und angemaßt hat, nichts bedeutet vor dem Angriff eines Feindes, der es aufs Leben abgesehen zu haben scheint, ohne dass der Mensch eine Waffe zur Gegenwehr besitzt.

Wir retten das Klima, wir schützen die Natur? Welch Hybris. In Gestalt eines Virus erscheint die Natur als das, was sie immer schon war: als feindliche Umwelt, derer sich der nackte Mensch zu erwehren versucht. An die Güte der Natur kann nur glauben, wem es, wie die westliche Zivilisation, gelungen ist, sich seit Jahrhunderten erfolgreich gegen sie zu verbarrikadieren, wer Feuersbrünste und Überschwemmungen zu verhindern und zu bekämpfen gelernt hat und wer fernab aktiver Vulkane lebt. Doch die Natur hat keine Moral, sie denkt nicht daran, gut oder böse zu sein und würde – könnte sie es – all jene belächeln, die so größenwahnsinnig sind, zu glauben, dass sie die Macht hätten, sie zu schützen oder gar zu retten.

Also doch eine Lehre aus der Krise, die man ziehen könnte? Ach, ich habe keine pädagogischen Absichten, ich denke nur, dass es sinnvoll ist, sich ab und an mal klarzumachen, dass wir im Ernstfall weder das Klima noch die Welt retten können und womöglich noch nicht einmal uns selbst. Und dass es im Übrigen viele Menschen gibt, die kein neues Normal brauchen, weil sie im alten Normal leben. In der Krise wird sichtbar, wen und was wir wirklich brauchen: eher keine Gendersternchen oder heiße Debatten um Toiletten für ein drittes Geschlecht, keine politisch korrekte Sprachsäuberung oder Kampagnen gegen alte weiße Männer, sondern Handwerker und Landwirte, Postboten und LKW-Fahrer, Verkäuferinnen, Apotheker, Ärzte und Pfleger. Normale Menschen, eben.

Romane über „Mein Leben mit Corona“ werde ich ganz bestimmt nicht lesen.

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Leserpost

netiquette:

Eva Meier / 04.05.2020

Leute, die sich mit Corona “einrichten” nerven mich wahnsinnig. Bereits das dritte blödsinnige Filmchen in einer WhatsApp-Gruppe nervte mich. Wahrscheinlich wird es auch Kochbücher “Aus meiner Corona-Zeit” geben. Ich liebe gutes Essen, aber das nervt alles!

Frank-Michael Goldmann, Dänemark / 04.05.2020

(Zitat) ” dass sich unter der vielfältigbuntdiversen Oberfläche die ganze Zeit das alte Normal versteckt hielt.” (Zitat Ende) So isses So wie Ihr Essay zur Corona-Nachlese. Ein bischen versüsst mit einer homöopathisch-poetischen Überdosis Zuckerguss. Hübsch, aber nicht wirklich lebensnotwendig. Bleibts gsund!

Nils Knospe / 04.05.2020

Heute war doch wieder toller Tag: Überall in den Nachrichten wurde berichtet von “Lockerungen”. Es wird hier “gelockert” und dort “gelockert”. Überall wird es “locker” und “lockerer”. Ich fühle mich jetzt auch total “locker”. Easy. Free & easy. Ist das nicht wunderbar ?

Jens Richter / 04.05.2020

Sehr schöner Artikel, der ohne die hier vorherrschenden overvalued ideas auskommt.

Archi W. Bechlenberg / 04.05.2020

Ich liebe Corona. Als praktizierender Vollzeit-Misanthrop ohne Vorurteile (ich hasse alle gleichermaßen) erlebe ich den jetzigen sozialen “Lock Down” seit langem als alltäglichen Normalzustand. Weitestgehend Menschen meiden, entspannt im eigenen Bunker sitzen, die Außenwelt draußen lassen, die Medien ignorieren - was kann es Befriedigenderes geben? Das ganze Unglück dieser Welt rührt ohnehin daher, dass die Menschen nicht in Ruhe zu Hause sitzen bleiben können. Für mich hat sich in den letzten Wochen nichts geändert, nur Zigarren habe ich mir, als der Vorrat etwas zu übersichtlich wurde, per Paket zuschicken lassen. Gestern habe ich einmal - zum eigenen Erstaunen - kurz den Nachbarskindern aus dem Fenster zugewunken, das genügt als soziale Aktivität jetzt aber auch bis Monatsende.

Friedrich Neureich / 04.05.2020

Es ist noch nicht einmal vorbei, und Gender, Klima, Umvolkung etc. drehen schon wieder hart am roten Bereich. Bald kommt sicher auch die Gretel wieder hervorgehupft; die Spitze, die sie bannte, saß ganz vorne an der Kante. Die Bundessignaltonne hat ja auch schon signalisiert, dass es ein einfaches Wiederanfahren der Republik nicht geben wird, sondern aufs Genaueste zwischen erwünschten und unerwünschten Unternehmen zu unterscheiden sei. Lasciate ogni speranza voi ch’entrate…

Jochen Wegener / 04.05.2020

Aber, aber,alles wird doch besser werden wenn im Zuge des ökologisch korrektem Neuaufbaus der Wirtschaft die bekannte Ingenieurin Luisa Neubauer erst das vollkommen emissionsfreie Auto mit Federwerkaufzug vorstellen und dann noch Annalena mit verschmitztem Lächeln bekanntgeben wird wozu sie Millionen Kultur- und Kenntnisfremde über die Jahre zur Einwanderung eingeladen hat und noch weiter einlädt: ja, wer soll alle zehn Meter das Federwerk wieder aufziehen, wer die Rikschas ziehen und wer denn sonst die Tretmühlen mit Fußantrieb zur Stromerzeugung betreiben wenn nicht die neuen Bürger in der Nach-Corona-Zeit?

Sebastian Gumbach / 04.05.2020

Ja, aber das Virus wird instrumentalisiert - und unter dem Deckmantel dieses Virus wird sukzessive in Deutschland die Diktatur eingeführt. Corona, das mutet an wie 1933 auf globaler Ebene. Wenn aber noch nicht mal Deutsche begreifen, dass es jetzt Zeit ist, energisch Widerstand zu leisten - es gibt ihn noch, den Artikel 20 GG -, wer um Gottes Willen soll das denn begreifen?

Frances Johnson / 04.05.2020

Würden Sie lesen: Die Instrumentalisierung von Corona als Steigbügel für Regierende? Vorwort: “Ich schreibe dieses in meiner leeren Ferienwohnung, in der ich aber nicht bin. Die Miete weiter zahlend, muss ich mich geistig dorthin versetzen, damit ich den Duft der Bougainvillea wenigstens in der Vorstellung spüre und die fetten Zitronen mich auf fruchtbare Ideen bringen. Der Staatschef ist schwer angefasst, sieht er doch zum ersten Mal im Leben, wie alte Menschen sterben und Krankenhäuser von innen aussehen.” etcetera

Gert Köppe / 04.05.2020

Auch ich werde solche Romane nicht lesen, denn sie werden garantiert von Leuten geschrieben, die eben gerade NICHT zur den Aufgezählten gehören, die wir brauchen. Man muss schon gewisse Prioritäten setzen. Ansonsten gilt im Leben, Weniger ist manchmal Mehr.

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