Die Shoah ist zu einem monströsen Objekt der Begierde geworden: Nicht als Abscheulichkeit schlägt sie alle in den Bann, sondern als ein perverser Schatz, aus dem sich jeder nach Belieben bedienen zu können glaubt. Statt die Öffentlichkeit für eine ungeheure Schandtat zu sensibilisieren, haben wir eine perverse Metaphysik des Opfers alimentiert. Daher der Eifer, dem Club anzugehören und diejenigen zu vertreiben, die sich bereits darin befinden. So forderte etwa Sir Iqbal Sacranie, bis 2006 Generalsekretär des Muslimischen Rats in Großbritannien, den (der Shoah vorbehaltenen) Holocaust Memorial Day durch einen Genocide Day zu ersetzen: “Die Botschaft des Holocausts, das ‘Nie wieder!’, ist nur dann von Nutzen, wenn sie umfassender wird. Sie darf nicht eine Diskriminierung des menschlichen Lebens bedeuten. Die Muslime fühlen sich verletzt und ausgeschlossen durch die Tatsache, dass ihr Leben nicht denselben Wert haben soll wie diejenigen, die ihres im Holocaust verloren haben.“13 Kurz: Es ist Zeit für einen Opferaustausch. In der Weltmeisterschaft der Opfer sollen die Muslime die Juden ersetzen, zumal letztere nicht nur ihr Anrecht auf den Titel verloren haben, sondern mit der Gründung des Staates Israel auch noch zu Kolonialherren geworden sind.
Die Idealisierung der Juden nach dem Krieg bereitete ihrer späteren Verunglimpfung den Weg, oder anders gesagt, mit der Stilisierung der Muslime als den neuen Juden ging automatisch die Stilisierung der Israelis als die neuen Nazis einher. Es gibt den guten Juden des Gestern, ewig verfolgt und in der Diaspora, sowie den bösen Juden, den herrischen und rassistischen im Nahen Osten. Wie es Enzo Traverso so treuherzig zum Ausdruck brachte: Einst kämpften Juden und Schwarze als Verbündete zusammen gegen Faschismus und Kolonialismus, doch dann verließen die Juden die “Linien der Farbigen” und wurden “Weiße”, also Unterdrücker!14 Der wahre Jude trägt heute Kefije und spricht Arabisch, der andere ist nur ein Hochstapler, der sich einen Titel anmaßt, doch “die moralische Erhabenheit des Märtyrers” (Peguy) schon lange verloren hat. Um noch ein Zitat zu bringen, eines von Hunderten oder Tausenden, ein Interview, das der frühere Diplomat Stéphane Hessel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Januar 2011 gegeben hat: “Die deutsche Besatzung war, wenn man sie zum Beispiel vergleicht mit der heutigen Besetzung von Palästina durch die Israelis, eine relativ harmlose, von Ausnahmen abgesehen wie den Verhaftungen, Internierungen und Erschießungen, auch vom Raub der Kunstschätze.” Wenn also Juden unterdrücken oder besetzen, dann verwandeln sie sich nicht nur sofort in Nazis, sondern sie agieren auch noch schlimmer als die Nazis, keine halbe Sachen! http://www.perlentaucher.de/essay/die-vertauschten-opfer.html