Die Größe des Verlusts macht sich fest an der Größe des Wohlwollens und der Verantwortung, die jene trugen, die von uns gegangen sind, denn nun sind wir es, die in vorderster Linie stehen. Ausreden gelten nicht mehr.
Das Menetekel der Instabilität ist es nicht, wenn die Königin stirbt; es ist es auch noch nicht, wenn ein Kinderbuchautor Wirtschaftsminister wird. Es ist es schon eher, wenn er öffentlich kundtut, beispielsweise das Bäckerhandwerk zu verachten und eine Geschäftsaufgabe wegen der Unfähigkeit, noch wirtschaftlich zu produzieren, für etwas Besseres hält als eine Insolvenz; eine Verachtung und Dummheit, die andere in siebzig Jahren ihrer Regierungszeit sich nie zuschulden kommen ließen. Andere kommen zu Ehren; solche Schulden aber werden teuer bezahlt, nicht vom Schuldner allein.
Als Arzt kenne ich die Zeichen der Instabilität. Dem Organismus – vulgo: Menschen – geht es schlecht, aber der Zustand ändert sich stündlich. Er wird manchmal plötzlich besser. So sprach Friedrich der Große: „La montagne est passée: nous irons mieux“ (Wir sind über den Berg: uns wird es besser gehen). Wenig später starb er, in seinem Sessel auf Schloss Sanssouci, im Beisein seiner Hunde und seines Kammerdieners.
So auch rief mich meine eigene Mutter von der Intensivstation aus an, ich solle sie besuchen, fast schon in der Nacht; denn es ginge ihr so viel besser. Ich fuhr sofort hin, und wir sprachen angeregt über alles Mögliche, auch darüber, dass Joachim Gauck Bundespräsident werden solle. Mutter war nicht begeistert, aber immerhin nickte sie. Ich versprach, sie am nächsten Tag auf der Normalstation zu besuchen. Noch in der Nacht kam der Einbruch, und drei Tage später war sie tot; es war unser letztes Gespräch, vor gut zehn Jahren.
Die Größe des Verlusts macht sich fest an der Größe des Wohlwollens und der Verantwortung, die jene trugen, die von uns gegangen sind, denn nun sind wir es, die in vorderster Linie stehen. Ausreden gelten nicht mehr.
Vorzeichen eines politischen Scheiterns
Der Tod ist das letzte Scheitern, für den Rest der Welt nicht das Ende, zuweilen nur eine Randnotiz. Wenn aber Menschen von uns gehen, die Jahrzehnte des Wohlwollens, der Treue und Liebe ihrer Sache, sei es eine Familie oder ein Land, geschenkt haben mit jeder Faser ihrer Existenz, so ist das ein tiefer Einschnitt, ein Zeichen großer Verantwortung auch für die Nachwelt, die wir sind und bleiben, so lange wir leben.
Darum bin ich Konservativer. Ich komme nicht aus dem Nichts. Ich kann nicht alles besser machen, was andere vor mir gut gemacht haben. Ich kann es nicht durch Phrasen ersetzen, schon gar nicht durch Ideologien, in denen ich die Wirklichkeit zwingen will, sich mir anzupassen. Nur das Bessere ist der Feind des Guten. Das unbegründete Besserwisserische ist sein eigener Feind. Das Funktionale und Stabile bleibt der Feind des Dysfunktionalen und Instabilen. Der Sieg des Dysfunktionalen und Instabilen ist möglich; dieses Land hat ihn mehrfach durchlitten; er ist ein Akt von bestürzender Zerstörung, ebenso wie einer von historischer Dummheit und Lächerlichkeit.
Das Tragische der Lächerlichkeit preiszugeben, kann nötig sein. Es ist vernünftig, solange es früh genug geschieht.
Ich mache es kurz, denn auch mir kann das Lachen vergehen; bitter ist es jetzt schon: Ich wünschte, auch jene, die uns regieren, begriffen, dass sie es sind, die in vorderster Linie stehen, und sei es auch ein schwieriges Erbe, das sie angetreten haben; dass für sie Ausreden und vor allem glatte Unverfrorenheiten nicht gelten, nein, niemals, wenn sie sich gewillt zeigen, statt ihrer selbst Andere für sich frieren zu lassen.
Vor allem aber wünsche ich ihnen, den Regierenden, eines: dass auch sie die Zeichen der Instabilität erkennen, wenn sie selbst es sind, die abwechselnd ihre erhebliche Sorge und ihren durch nichts begründeten, gegen sich selbst weichen und gegen Andere schnodderigen Optimismus verbreiten; wenn sie gleichzeitig gegen Rechts kämpfen, die Heimat und ihr Wohlergehen verachten und zugleich den Zusammenhalt einer Nation beschwören, die ihnen nichts bedeutet. Diese Instabilitäten sind die Zeichen der Hilflosigkeit und die Vorzeichen eines politischen Scheiterns, das einige erstaunen und das dennoch kaum jemand betrauern wird – ich ganz gewiss nicht. Ich sehe es nicht gern, doch es kann nötig sein, denn es ist kein Verlust. Allerdings: Dieses Tal ist nicht durchschritten, uns wird es nicht besser gehen.
Daran musste ich schon öfter denken, zuletzt beim Tode Elizabeths der Zweiten.