Unsere Regierenden fühlen sich und die Mehrheit erklärtermaßen von der Tyrannei einer Minderheit bedroht. Aber sind denn diese Mehrheits-Politiker wirklich von einer Mehrheit der Bürger gewählt worden?
Neuerdings bringen Politiker gern die „Rechte der Mehrheit“ ins Spiel, um unliebsame Gruppen einzuschüchtern. „Mehrheit“ – in einer Demokratie ein gewichtiges Wort. In der Schule haben wir gelernt, dass in demokratischen Staaten nicht mehr Alleinherrscher oder Cliquen von Mächtigen, sondern „Mehrheiten“ unsere Geschicke bestimmen. (Semantische Probleme beginnen bei der Frage, ob das Wort „Mehrheit“ den unbestimmten oder bestimmten Artikel erfordert, ob es also „die Mehrheit“ oder „eine Mehrheit“ heißen muss, da Mehrheiten ständig wechseln. Politiker bevorzugen „die Mehrheit“ – es klingt so schön absolutistisch.)
Besonders beunruhigt zeigen sich Politiker über den zunehmenden Einfluss von Minderheiten, die in den sozialen Netzwerken kommunizieren, sich gegenseitig informieren und – hier wird es gefährlich – zu gemeinsamen Handlungen aktivieren. Die Demo-Szene in Deutschland war längere Zeit ziemlich überschaubar: am 1. Mai die Linke in Berlin-Kreuzberg und anderswo mit dem üblichen Sachschaden in Millionenhöhe, dann natürlich (ja, man war geneigt, eine Art Naturrecht darin zu sehen) die Partyszene der jungen Männer, „arabischstämmig, nicht politisch organisiert, eher erlebnisorientiert“, mit den üblichen Mordaufrufen gegen Israel, die Juden und sonstigen Bekundungen ihrer Verachtung gegen den Rechtsstaat.
Nun erscheinen plötzlich „Minderheiten“ auf der Bildfläche, aus der Mitte der Gesellschaft, erboste Bürger und solide Steuerzahler, mit denen man nicht gerechnet hatte. Sie protestieren gegen eine fahrlässige Flüchtlingspolitik, gegen mit Corona begründete Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten, überhaupt gegen den schleichenden Abbau ihrer Grundrechte. Gelegentlich kommt es zu Handgemenge mit der Polizei, dann ist von „aggressiven Minderheiten“ die Rede. (Eigentlich war das aggressive Auftreten Privileg muslimischer Milieus, gegen die wenig unternommen wurde. Die geringe Aufklärungsrate und oft lächerlich sanften Gerichtsurteile haben andere aggressive Gruppen, etwa Neo-Nazis oder Rockerbanden, eher ermutigt als abgeschreckt.) Die neue Protest-Szene aus der Mitte ist besonders beunruhigend, weil sich ihr fast jeder irgendwann anschließen kann und daher ihre Ressourcen fast unerschöpflich sind. Schon ihre Benennung macht Mühe: Neue Pejorative werden eingeführt wie „Querdenker“, weil sich die Protestierenden in keines der gängigen Muster deutscher Politiksprache einordnen lassen.
Wen hat denn die Mehrheit gewählt?
Gegen diese Minderheiten müsse man die Mehrheit schützen, finden viele Politiker, da diese in einer Demokratie das Vorrecht hat. Offen ausgesprochen wurde ihr Wunsch von einem tonangebenden, regierungsnahen Journalisten, dem Stellvertretenden Chefredakteur der Hamburger Zeit, Bernd Ulrich. Der befand – lehrerhaft, wie es zu seinem Blatt passt – in einer deutschen Talkshow: „Man muss jedenfalls mal anerkennen, dass zwei Drittel bis drei Viertel der Deutschen sich in den letzten zwei Jahren fast überwiegend vernünftig verhalten haben – und solidarisch. Die wurden nur nicht vor der unvernünftigen Minderheit geschützt (…) Die wichtigste Regel in der Demokratie ist die Mehrheitsregel, und die Mehrheit muss das, was sie sich selber vornimmt, wo sie die Leute für gewählt haben, dann auch durchsetzen, damit das Projekt überhaupt gelingt.“
Wen aber hat „die Mehrheit“ gewählt? Die derzeit regierenden Politiker? Sie behaupten natürlich, sie seien von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt und dadurch demokratisch legitimiert. Doch wenn man genauer hinsieht: Bei einer Wahlbeteiligung von 76,6 Prozent erhielten Bundeskanzler Scholz und seine Partei 25,7 Prozent der Stimmen, das sind unter Berücksichtigung der Wahlbeteiligung 19,7 Prozent aller wahlberechtigten Deutschen. 19,7 Prozent – ist das eine Mehrheit? Herr Ulrich von der Zeit hat offenbar eine Grundschule ohne Rechenunterricht besucht. Und will Olaf Scholz angesichts dieser 19,7 Prozent allen Ernstes behaupten, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung stünde hinter ihm?
Die führenden Politiker der Grünen erhielten 14,8 Prozent aller abgegeben Stimmen, das sind, gerechnet auf die genannte Wahlbeteiligung, 11,3 Prozent der deutschen Wahlberechtigten. Die Freien Demokraten mit ihren 11,5 Prozent wurden sogar nur von 8,8 Prozent aller Wahlberechtigten gewählt. (Und selbst wenn wir diese Zahlen im Sinne der vom Wähler nicht beeinflussbaren Koalitionsbildung addieren, kommen wir auf gerade mal 39,8 Prozent aller deutschen Wahlberechtigten, die überhaupt irgendwen gewählt haben, der in dieser Regierung sitzt). In Wahrheit erweisen sich die führenden Politiker auch nur als Vertreter von Minderheiten und die durch die Koalition zusammengeschusterte „Mehrheit“ als notgedrungener, brüchiger Zusammenschluss schmaler Wählergruppen.
Die Herrschaft der Mehrheit ist ein Märchen. In Wahrheit herrschen kleine Kreise, gewählt von Minderheiten. Wenn nun also gegen andere, den Regierenden unliebsame Minderheiten vorgegangen wird, steht nicht, wie behauptet, „die Mehrheit“ dahinter, sondern besondere Gruppeninteressen. Und die sich Regierung nennenden Interessenvertreter können alles Mögliche zur Legitimation ihrer Übergriffe gegen andere Gruppen ins Feld führen, aber nicht den Willen der Mehrheit.
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Beitragsbild: Freud CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Also ich fühle mich absolut nicht von der Minderheit der Ungeimpften tyrannisiert! Tyrannisiert fühle ich mich dagegen von der Minderheit der Gender-Sprachpanscher, von der Queeren-Bewegung, eifernden Klimahysterikern, und weitere Gruppierungen, hier zum Beispiel alle Links-Grünen NGO’s und nicht zuletzt von Feministinnen die glauben sie müssten die Gesellschaft in ihrem Sinne umkrempeln. Die Aufzählung von Minderheiten die versuchen diese Gesellschaft neu zu gestalten läßt sich leicht weiter vervollständigen. Vielleicht sollte der neue Spalter der Nation, neben Herrn Steinmeyer, der hier in Rede stehende Bundeskanzler sich dieser Gruppierungen kritisch annehmen.
Danke, lieber Herr Noll und wie immer das Problem gut erkannt und angesprochen. Es spricht ja auch für sich, dass der Kandidat der AfD mit der Begründung abgelehnt wurde, dass Teile seiner Partei vom Verfassungsschutz beobachtet werden und nun mit Frau Pau jemand den Vorsitz innehat, bei deren Partei das ganz genau so ist – das scheint aber niemanden zu stören.
Wie auch niemand kritisiert, dass Scholz in seiner Antrittsrede „Kanzler aller Deutschen“ behauptete sein zu wollen, aber in seiner letzten Rede ganz klar eine Gruppe Menschen diskriminiert und attackiert. Aber das ist nicht spalten, klar ;)
Wir haben keine Regierung mehr, sondern ein Regime. Und wie überall auf der Welt geht das Regime mit Gewalt gegen seine Kritiker vor, während es die Verletzungen der Menschenrechte, die Einschränkung von Opposition und Minderheiten, von Demonstrations- und Versammlungsfreiheit (die bei uns für Ungeimpfte per Gesetz aufgehoben ist) und die Gewalt anderer Regimes gegen Regimekritiker mit Krokodilstränen beklagt. Hätte man sich vor 3 Jahren nicht ausdenken können…
Die Leute haben das Grundgesetz nicht verstanden. Es dient gerade dem Minderheitenschutz. Deswegen ist eine allgemeine Impfpflicht schon rechtlich nicht möglich und wird nur kommen, weil das BVG quasi nicht mehr existiert. Es gibt vermutlich bei Zeiten auch eine Mehrheit für die Einführung der Kastration für Sexualstraftäter oder der Todesstrafe auf Mord. Trotzdem führen wir sie nicht ein.
Nein. Das sehe ich anders. Im Bundestag haben am 2021-12-10 nur die AfD, Wagenknecht und sechs andere gegen Corona gestimmt. Das war Dreiviertel-Mehrheit. Lauterbach wurde mit knapp der Hälfte direkt gewählt. So viel hat kein AfD bekommen. Auch beim mir wichtigsten Thema, nämlich der Vernichtung der europäischen Völker, gibt es eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Dass dass nicht an gefälschter Briefwahl liegt, habe ich persönlich erlebt. Ich war in einem Wahllokal im wilden Osten dabei. Da haben knapp 400 Leute ihre Stimme abgegeben, habe ich selber gesehen, und es waren nur 30% AfD, aber 25% SPD. Die Deutschen haben sich mal wieder mit großer Mehrheit für das entschieden, was jetzt geschieht. Tut mir leid, aber es ist so. Mir fällt da, so wie Klonovsky, nur noch der Spruch von Claudia Roth ein.
Lieber Herr Noll, „Corona hat den Vorteil, dass es die Perversen von den Edlen scheidet.“ Mit solchen Sprüchen stinkt man zwar als Autor, aber einen Stinketag pro Jahr hat jeder frei.
Es geht auch wohl mehr um die „gefühlte“ Mehrheit. Und das ist die, die mittels Propaganda suggeriert wird. Es ist die Fernseh-Talkshow-Meinungsumfragen-Mehrheit. Die steht fest wie ein Merkel-Poller am Weihnachtsmarkt. Und sie soll Nachdenkende unter Druck setzen, einschüchtern, zum Gleichschritt ermuntern. „Das sagen doch alle, das denken doch alle, alle Vernünftigen“. So heißt sie Botschaft. Jeden Tag aufs Neue. Von morgens bis abends. Und das nennt sich dann „Mehrheit“. Ganz einfach, unsere Mathematik. Und schließt du dich der Mehrheit an, hast du alles richtig gemacht.