Akif Pirincci (Archiv) / 08.03.2013 / 13:51 / 0 / Seite ausdrucken

Das Märchen vom erfüllten Leben

Ich weiß es! Ich weiß es! Ich weiß, welches Buch der Bestseller der Saison sein wird! Mein Killerinstinkt sagt mir, daß es sich dabei um “Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen” handeln wird. “Was bereuen wir, wenn unser Leben zu Ende geht? Eine Palliativpflegerin, die viele Menschen am Sterbebett bis zum Tod begleitete, hat darüber ein Buch geschrieben”, verrät DIE WELT schon vorab. Es stammt von der Australierin Bronnie Ware, die in England acht Jahre lang Patienten bis in den Tod gepflegt und von diesen erfahren hat: “… das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hat. Vorwürfe gegenüber sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war …”

Bis auf wenige Ausnahmen, habe ich von schriftstellernden, dichtenden und Bekenntnisse und persönliche Erfahrungen publizierenden Frauen bis jetzt weder etwas Geistreiches noch literarisch Gehaltvolles gelesen. Das liegt daran, daß weibliche Kreative gewöhnlich ihrem Geschlecht zum Opfer fallen und die Welt und das Leben mittels und ausschließlich aus weiblicher Perspektive analysieren, wogegen ein Mann sich auch einfach mal über seinen infernalischen Haß auf einen Wal ausläßt oder sich über die Herkunft von Außerirdischen Gedanken macht. Das klingt pauschal, ist es auch, aber ich möchte mich jetzt nicht in rühmlichen Einzelfällen verlieren, sondern spreche hier von der Regel.

Die Ratgeber-Literatur ist inzwischen eine Domäne von Autorinnen, was naheliegt, da sie auch zumeist von Frauen gelesen wird. Dieser Art Bücher besitzen eine starke Affinität zu Kalenderweisheiten, banalen Erkenntnissen, zum Esoterik-Scheiß, zu einfachen Lösungen, zu sozialem Humbug, zum Karriere-Hokuspokus, zu Dritte-Welt-Romantik und zu jeder Menge Liebsein und Harmonie. Auch im vorliegenden Fall handelt es sich um einen Beweis, wie das kleine Weibchen sich die große Welt vorstellt. Doch diesmal ist der Schwachsinn derart eklatant, daß ich mich einfach öffentlich darüber echauffieren muß.
Zunächst einmal ist die Anzahl der Interviewpartner der Dame nicht repräsentativ. Aber hier drücke ich mal ein Auge zu, denn auch ich fälle täglich Urteile und gebe Behauptungen von mir, für die mir grad keine repräsentative Untersuchung vorliegt. Ich schließe aus Fakten, die ich irgendwo aufgeschnappt habe, und aus Beobachtungen. Das tut jeder. Nein, mir kommt die “Versuchsanordnung” an sich, wie das Leben zu bilanzieren sei, einfach lachhaft vor. Aber was bedauern und bereuen die Sterbenden denn eigentlich genau? Angeblich folgende Punkte:

1. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.”
2. “Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.”
3. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.”
4. “Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten.”
5. “Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.”

Alles Dinge also, welche der DGB, Margot Käßmann, Richard David Precht und irgendwelche gutmenschlichen Heinis in Talk Shows auch fordern und predigen. Höchst seltsam ist jedoch, daß kein männlicher Sterblicher gesagt hat: “Ich wünschte mir, ich hätte in meiner Jugend 3000 geile Weiber gefickt, stets einen Ferrari 458 gefahren, ein Schloß besessen und wäre ständig mit meinen Kumpeln auf angesagten Partys unterwegs gewesen.” Und keine Frau hat bedauert: “Ich wünschte, ich hätte ausgesehen wie ein Modell, mir jeden Tag 5 Paar Schuhe gekauft, die attraktivsten Männer des Planeten wären mir zu Füßen gelegen und ich wäre ständig mit meinen Freundinnen auf angesagten Partys unterwegs gewesen.” Wieso nicht? Ganz einfach: Es handelte sich um a l t e Sterbende! Die Sichtweise, aus der diese Aussagen gemacht wurden, ist die vom sterbenskranken Opa und von der sterbenskranken Oma. Hätte man den röchelnden Alten gefragt: “Soll noch Scarlett Johansson kommen und vor dir einen Striptease aufführen?”, hätte er geantwortet “Bloß nicht, das ist doch total uninteressant!” Und hätte man der röchelnden Alten mitgeteilt: “Das Modehaus Channel hat eigens für dich ein Kleid kreaiiert”, hätte sie gesagt “Was soll ich damit? Das ist doch total unwichtig!”

So kommen wir zum eigentlichen Problem sämtlicher Lebensbilanz-Ratgeber. Dieses besteht in der völlig irrigen Annahme, daß ein Leben wahr und wahrhaftig erst im hohen Alter oder gar beim Sterben zu bilanzieren sei und daß einem die wirklich wichtigen Sachen des eigenen Seins erst da aufgehen. Das ist aber kompletter Blödsinn! Da das Leben nämlich unterschiedlichen Phasen der Alterung unterworfen ist, gehorcht auch die Entscheidungsfindung jenen Phasen. Und bilanziert wird in jedem Alter; auch 15jährige bilanzieren ihr Leben. Wenn jemand also mit 80 zu dem Schluß kommt, daß er mit 40 hätte weniger arbeiten und sich mehr um seinen Freundeskreis kümmern sollen, so unterliegt er der Illusion der Retrospektive, will sagen der Freundeskreis war ihm mit 40 halt nicht so wichtig, sondern die Arbeit, und er hätte seinem aus der Zukunft kommenden alten Doppelgänger etwas gehustet, wenn dieser an ihm deswegen mahnende Worte gerichtet hätte. Mag sein, daß es sich später als ein Fehler, als eine falsche Entscheidung entpuppt hat, aber in diesem bestimmten Lebensabschnitt war es eben kein Fehler und eine richtige Entscheidung, weil der Entscheider sich dabei etwas gedacht hat. Später ist man immer klüger.

Noch abstruser in diesem Buch ist die Tatsache, daß keiner der sterbenden alten Männer gesagt hat: “Ich wünschte, ich hätte mehr Sex in meinem Leben gehabt.” Das ist natürlich etwas gemein von mir, weil ich in Wahrheit einige repräsentative Untersuchungen zu dem Thema kenne, aus denen hervorgeht, daß selbst diese sterbenden alten Säcke auf ihrer Prioritätenliste des Bedauerns und der Versäumnisse keines der von Frau Ware angeführten Punkte ganz oben angesetzt haben, sondern genau das: hübsche junge Frauen ficken, als man mit seinem Pimmel noch etwas anzufangen wußte! Aber da das Buch sich vornehmlich an Frauen richten soll, macht sich das Bild eines ausgezehrten, dem Tod ins Angesicht blickenden Greises nicht so doll, der selbst in dieser Situation nur an das Eine denkt.

Zudem kommt ein Effekt hinzu, der nur im hohen Alter, von mir aus erst im Sterbebett auftritt: Alles, wirklich alles relativiert sich. Es ist einem 35jährigen Mann schwerlich begreiflich zu machen, daß sein Lebenssinn darin bestehen sollte, “Mut zu haben, meine Gefühle auszudrücken.” Das ist ihm scheißegal. Er will (in der Regel) viel, viel Kohle, guten Sex, Prestige und einen Porsche. Daß es ihm nach all dem als krebskranker sterbender alter Mann nicht mehr verlangt, ist klar wie Kloßbrühe. Nachher ist gut reden. Noch etwas anderes nervt mich an der Aussage dieses Buches, nämlich daß Menschen angeblich erst im hohen Alter über die absolute Weisheit des Lebens verfügen. Erinnert mich so ein bißchen an den alten Indianerhäuptling, der erhabenes Ökogeschwrubel und abgestandenen Mist über die Gier des weißen Mannes dahersalbadert. Die meisten Alten, mit denen ich in Verbindung komme, sind blöder als 12jährige, ein nicht unerheblicher Teil weiß nicht einmal mehr, wieviele Zehen es hat. Aber was der Sinn des Lebens ist, wissen die Grufties anscheinend ganz genau.

Zum Leben selbst: tja, ist nicht einfach, und wie man es macht, man macht es verkehrt. Oder das Gegenteil. Ein erfülltes Leben mag es vielleicht bei Karl Marx, in Hollywood oder bei der Heilsarmee geben, aber bestimmt nicht mehr in diesem r i c h t i g e n Leben. Aber daherzukommen und den Leuten weiszumachen, irgendwelche abnippelnde Omas und Opas hätten das Patentrezept dafür hinterlassen, ist wirklich eine Frechheit und eine Abzocke obendrein. Es gibt kein erfülltes Leben und es gibt kein Leben ohne fundamentale falsche Entscheidungen. Auch für den Erleuchteten nicht, wenn man ihm mitteilt: “Sie haben einen Tumor von der Größe einer Tomate in ihrem Hirn, und der Steuerbescheid ist auch schon da.” Mal sehen, ob dann Yoga noch etwas nützt.
Naja, das stimmt nicht ganz. Es gibt schon zwei Menschen auf der Welt, deren Leben vom ersten Moment ihrer Geburt an durch und durch erfüllt war und die noch nie einen wesentlichen Lebensfehler begangen haben. Sie heißen Brad Pitt und George Clooney.

P.S.: Gut, daß Brad damals kurz in “Dallas” aufgetreten ist, war vielleicht eine nicht so geniale Entscheidung. Aber er war jung und brauchte das Geld.

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