Früher war mehr Lametta – Warum Loriot tot ist, aber so dringend benötigt würde wie nie. Beobachtungen zum 100. Geburtstag des legendären Humoristen.
Es war irgendwann zu Beginn der siebziger Jahre, als meine Eltern ein paar Freunde und Bekannte aus meiner Heimatstadt zu einem vorweihnachtlichen Beisammensein eingeladen hatten. Mein Vater, immer aufgelegt zu diabolischen Scherzen, wollte der Veranstaltung wohl ein wenig Schwung verleihen und hielt meinen älteren Bruder dazu an, ein 1969 erstmals veröffentlichtes Gedicht von Loriot vorzutragen. Unter der schlichten Überschrift „Advent“ handelt das skurrile Poem von einer Försterin, die ihren Gatten erschießt, um ihn alsdann fachgerecht zu zerlegen und die Einzelteile, festlich verpackt, dem auf einem Hirsch herannahenden Knecht Ruprecht zu überlassen – als milde Gabe für bedürftige Menschen.
Loriot zertrümmert in diesem Gedicht, vorgetragen im Gartenlauben-Duktus von einem Knollennasen-Großvater im Schaukelstuhl, nicht nur so meisterhaft wie gnadenlos das Klischee traulich-deutscher Weihnacht, sondern stellt zugleich traditionelle Geschlechterrollen infrage. Schließlich ist es eine Frau, die ihren Gatten auf dem Gewissen hat, weil er ihr auf die Nerven geht („war ihr bei des Heimes Pflege / seit langer Zeit schon sehr im Wege“, wie es im Gedicht heißt), und zudem seine ehelichen Pflichten vernachlässigte: „Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen / nach Waidmanns Sitte aufgebrochen / Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied / was der Gemahl bisher vermied“. Dazu ein Schuss Kannibalismus – „behält ein Teil Filet zurück / als festtägliches Bratenstück“. Vor allem der frühe Loriot besaß etwas zutiefst Abgründiges. Weniger Advent geht nicht.
Der Erfolg des Vortrages in meinem Elternhaus war durchschlagend. Während sich mein Vater, ich vermute es, vor Lachen krümmte, zeigte sich ein Teil der Adventsgesellschaft not amused. Einer der Gäste, ein ortsansässiger Unternehmer, soll meinem Vater sogar die Freundschaft aufgekündigt haben und nie mehr in unserem Haus erschienen sein. Ja, solchermaßen konnte damals die Wirkung eines Werkes des Satirikers Vicco von Bülow alias Loriot sein. Heute würde man schnell wieder zum Punsch übergehen. Stoff, um eine Freundschaft zu sprengen, böte das skurrile Meisterwerk gewiss nicht mehr.
„Moooment!“
Dieser Tage wird in den Medien der hundertste Geburtstag des 2011 im Alter von 87 Jahren verstorbenen Großmeisters der Satire gefeiert, selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, das trockenste aller Brötchen, versuchte sich an einer launigen Hommage. Die ARD, auf deren Plattform Loriot seine größten Erfolge gefeiert hatte, brachte vergangenen Mittwoch sogar eine biografische Dokumentation in Tatort-Länge und hernach Loriots zweiten Spielfilm „Pappa ante portas“, seinerzeit ein Kassenschlager.
Die Doku mit Schnipseln aus Loriots Sketchen und Filmen erging sich in den üblichen Lobhudeleien („zeitlos“, „genial“), die von ehemaligen Weggefährten Loriots, ein paar willkürlich ausgewählten „Experten“ und von diversen Komiker-Kollegen angestimmt wurden, darunter Gerhard Polt, Oliver Kalkofe, Hape Kerkeling, Torsten Sträter oder Helge Schneider, von denen keiner, außer vielleicht Polt, dem Grandseigneur Loriot das Wasser reichen konnte und die das darstellten, was sie sind: kleine Geister. Am erhellendsten waren die Äußerungen Vicco von Bülows selbst, der sehr präzise seine künstlerischen Anliegen zu erläutern verstand.
Vor allem blieb die entscheidende Frage unbeantwortet. Was bleibt von Loriot? Ist sein Werk heute noch aktuell? Oder zumindest verständlich? Die Antwort auf diese Fragen muss, leider, im Großen und Ganzen negativ ausfallen, denn die Zeit ist auch über Loriot und sein künstlerisches Schaffen hinweggegangen. Jedenfalls, wenn man von den Erinnerungen derjenigen absieht, die sich damals vor dem Fernseher oder mit seinen Büchern in der Hand schieflachten und denen sich manche Redewendungen aus seiner Feder ins Gehirn gebrannt haben.
Aber welcher Jugendliche kann heute noch ermessen, warum die Menschen prusteten, wenn nur das Wort „Kassel“ fiel oder einer seiner Sketchhelden „Ach was!“ oder „Moooment!“ stammelte. Dafür mangelt es den allermeisten Opfern der digitalen Revolution allein schon an Sinn für sprachliche Feinheiten. Früher war mehr Lametta – diese Feststellung lässt sich heute problemlos auf Loriots gesamtes Œuvre beziehen.
In unserer Welt fehlt der Bezugsrahmen für Loriots Komik
Dabei war es nicht zuletzt Loriot selbst, der die Grundlagen für ein Verständnis seiner Werke aus heutiger Perspektive systematisch zerstörte: die Anschauungen und Konventionen des deutschen Bildungsbürgertums, dem er selbst angehörte, veredelt mit einem Schuss alten, mecklenburgischen Adels. Aufgeklärt, selbstironisch, literarisch bewandert, kunstbeflissen (Wagner!), dabei traditionsbewusst mit Sinn für Etikette, aber auch liebäugelnd mit der Revolution.
Zwar hieß es in der ARD-Doku, Loriot sei keinem politischen Lager zuzuordnen gewesen. Das mag richtig sein, wenn man ihn mit Schriftstellern wie Günter Grass vergleicht, der sich ganz offen in den Dienst einer Partei stellte, in diesem Fall der SPD. Doch eigentlich war auch Loriot ein Linker. Wobei er, wie er selbst sagte, seinen Blick nicht auf die Politiker richtete („die paar Nasen da oben“), sondern aufs Volk, in dem er richtigerweise den Souverän einer funktionierenden Demokratie erkannte. Satire richte sich immer gegen die Macht, sagte Loriot. Und wenn das Volk im Besitz der Macht sei, sei es auch das Ziel satirischer Attacken.
Heute ist dieses Volk atomisiert, in zahllose, sich oft feindlich gesinnte Milieus gespalten, gegeneinander aufgehetzt, in den Bann von vielerlei Ängsten geschlagen, kulturell zersetzt von den Folgen einer aus dem Ruder gelaufenen Einwanderungspolitik und regiert von einer selbsternannten, entweder intellektuell unfähigen oder fast schon böswilligen Elite, der willfährige Medien zu Diensten sind. Das konservative Bildungsbürgertum von einst existiert nur noch in Spurenelementen. In einer Welt des „anything goes“ fast ohne Konventionen und Autoritäten fehlt dem Werk von Loriot jener Bezugsrahmen, der die Fallhöhe für seine einst unnachahmliche Komik schafft.
Abarbeiten am eigenen Volk und der eigenen Klasse
Nehmen wir als Beispiel Loriots legendären Sketch im Flugzeug. Das Chaos, das Loriot und seine Spielpartner Evelyn Hamann und Heinz Meier beim Versuch der Essensaufnahme in der drangvollen Enge einer Flugzeugkabine anrichten, wird nur deswegen zum Brüller, weil sich alle vorbildlich gekleidet und frisiert um vorbildliche Manieren bemühen. Wenn Hamann dann Gedichte von Rainer Maria Rilke, dem feingeistigsten aller Sprachjongleure, zitiert und dabei sich und ihre Nachbarn mit Tomatensaft bekleckert, wird der Kontrast noch augenfälliger.
Im Casual-Look heutiger Tage mit Schlabbershirt, tätowierten Armen und Lippenpiercing wäre der komische Effekt weitaus weniger eindrucksvoll. Außerdem kennt so gut wie niemand mehr die Klassiker der Literatur, und auch Tischsitten gehören der Vergangenheit an. Nicht nur bei McDonald‘s ist der Saustall eine alltägliche Erscheinung. Warum sollte man noch darüber lachen?
Loriot arbeitete sich aber nicht nur ab am eigenen Volk und der eigenen Klasse, sondern auch an den Medien als deren Sprachrohre. Wenn er etwa Journalisten durch den Kakao zog, den Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth karikierte oder den betulichen Tierfilmer Bernhard Grzimek im hellgelben Pullunder, zielte er auf den damals zunehmend als schulmeisterlich empfundenen Duktus des Bildungs- und Erziehungsfernsehens der Nachkriegszeit ab.
Auch hier möchte man Herrn von Bülow posthum zurufen: mission accomplished! Dabei wäre es angesichts des zunehmenden Versagens staatlicher Bildungsinstitutionen wichtiger denn je, wenn die öffentlich-rechtlichen Medien ihren Bildungsauftrag noch wahrnähmen. Dass meist das Gegenteil der Fall ist, zeigt schon die wenig tiefschürfende, sich in bekannten Klischees erschöpfende Loriot-Geburtstagsdokumentation, die mehr auf flache Unterhaltung als auf Erkenntnis zielt. Der Rest des Programms der Öffis ist mehr oder weniger Regierungspropaganda. Und über das, was bei ARD und ZDF heute unter Kabarett läuft, deckt man angesichts vulgärer Hetz-Formate wie der „heute-show“ oder Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ lieber den Mantel des Schweigens.
Die politische Satire ist tot
Loriot ist, wenn man ganz ehrlich sein will, mehr oder weniger tot, abgesehen von manchen Episoden slapstickhafter Situationskomik („Das Bild hängt schief“) und vielleicht von Teilen seines zeichnerischen Werks, das weniger zeitgebunden erscheint als die Sketche, und die im Vergleich zur satirischen Kurzform relativ schwachen Spielfilme. Einstweilen ist auch die (politische) Satire als solche in der Versenkung verschwunden. Vielleicht liegt das daran, dass die Politik mit ihren grotesken Verrenkungen heute selbst so inhärent komisch ist, dass es nichts nützt, ihren Protagonisten den Spiegel vorzuhalten. Man würde darin die gleiche Narrenfratze erkennen, die sie auch in der Realität zeigen. Wie Loriot als Frankensteindarsteller, der seine Maske nicht ablegen konnte, weil er wirklich ein Monster war.
Andererseits wäre echte Satire, die es wagt, die Macht zu attackieren, nötiger denn je in Zeiten, in denen zuvor undenkbare Freiheitsbeschränkungen durchgesetzt worden sind, nicht zuletzt Beschränkungen der Meinungsfreiheit. Anders als zu Loriots seligen Zeiten liegt heute die Macht in erster Linie wieder beim Staat. Doch insbesondere die öffentlich-rechtlichen Kabarettisten kühlen ihr laues Mütchen lieber an den Kritikern der Macht und den Ohnmächtigen in unserer Gesellschaft wie den Corona-Opfern und den Leidtragenden einer unsäglichen Migrationspolitik, weil sie selbst mit im gut gepolsterten grünroten Boot sitzen. Anders als Loriot, der zwar als tendenziell nach links geneigter Freigeist agierte, aber parteipolitisch immer die Äquidistanz wahrte.
Und wenn Oliver Welke, Christian Ehring, Dieter Nuhr und Konsorten doch einmal Scholz, Habeck, von der Leyen, Biden & Co. ins Visier nehmen, dann immer in dem unterschwellig vermittelten Bewusstsein, das „die da oben“ ja im Prinzip auf dem richtigen Weg seien, es nur manchmal an der Umsetzung hapere.
Georg Etscheit ist Autor und Journalist in München. Fast zehn Jahre arbeitete er für die Agentur dpa, schreibt seit 2000 aber lieber „frei“ über Umweltthemen sowie über Wirtschaft, Feinschmeckerei, Oper und klassische Musik u.a. für die Süddeutsche Zeitung. Er schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss, und auf Achgut.com eine kulinarische Kolumne.

Ein Grundkonzept von lustigen Humor, ist Rarität, um mit Nachhaltigkeit vor Abnutzung zu schützen und das hat Sketch History in seiner Einzigartigkeit bisher gegenüber den ausgelutschten Formaten, die es seit Rudi Carellzeiten gibt, voraus.
Das vollgefressene Land, was die größte Vielfalt, bis ins Totalitärprinzip zelebriert, löst den Überdruck von Reizüberflutung und aufkommender Langeweile aus. Erst gibt es eine Talkshow in den 90ern, dann zwei, drei, vier….dasselbe mit Schokoladensorten im Supermarkt, dasselbe mit „Comedystars“, erst eins, zwei, drei, vier…wieviele gibt’s?
Versetzen wir uns in das Jahr 1973.
Da gab es in Köln von einem kommunistischen Verlag (fast total von der DDR finanziert) ein juristisches Journal mit dem originellen Titel „Demokratie und Recht“. In dem „Redaktions-Kollektiv“ dieses DDR-Exilblattes arbeitete ein Redakteur namens F.-W. Steinmeier, der 2023 als BuPrä der alleroberste Bewacher von Freiheit, Demokratie und Recht sein wird.
Diese grad berichtete Story war vor 50 Jahren etwa so realistisch wie die Steinlaus-Geschichte-und hätte mithin – wenn man von der Grusel-Gänsehaut absehen könnte – ein ähnliches Steinlaus-Lachen hervorrufen können.
2023 ist es näherliegend, sich unmittelbar über die Wirklichkeit zu amüsieren.
Alles ist Geschmackssache. Otto und Hallervorden war für Kinder witzig. Sketch History ist ein Weltklasseformat, genau wie einst Loriot, Heinz Erhard und die Alfred Tetzlaff Familie in ihrer umfassenden Art. Schlimm wäre es, wenn zu viel konkurrierende Kopien, neben Sketch Historie mit der Reizüberflutung den Markt verderben.
Man sollte die Dinge in ihrer Zeit betrachten. Sie wissen genau so wenig wie ich was Loriot, sicherlich einer der grossen, heute zum Besten geben würde. Ein lebender Dieter Nuhr (auch wenn ich sicher nicht alles teile, was er sagt) ist mir heute aber zumindest genau so wertvoll, wie ein toter Loriot.
Einzige Höhepunkte der ARD-„Hommage“ waren wirklich die Sketche, vor allem den grandios verhohnepiepelten Papa Ditfurth hatte ich so gar nicht mehr im Gedächtnis. Störend waren mal wieder, wie von Herrn Etscheit schon beschrieben, eingeblendete Komödianten der Neuen Normalität wie die Sträter-Narkose, die ihren laschen Senf dazugaben. Vielleicht trägt Sträter meist Mütze, weil er sie für eine Tarnkappe hält, die ihn unsichtbar macht, sobald seine Witze immer noch schlechter werden (und die Latte bis dahin liegt hierbei nicht besonders hoch). Komplett deplatziert in der hiesigen Rückschau war jedoch die sich in tiefsinnigen Reflektionen über Evelyn Hamann ergehende Kaberettistin und passionierte Gastroenterologin Sarah Bosetti, mit der unnötig Sendezeit vergeudet wurde. Leute, die alten Meistern der Komik schon deshalb nicht das Wasser reichen können, weil jeder Tropfen davon vor Schreck verdampfen würde, wenn es auf solche Witzphantome träfe. Unfähig sind solche Komikerparodisten zudem, derart unterhaltsame Bücher wie die von Loriot zu schreiben und zu malen, z. B. jene, wo seine Knollennasen auf Prominente treffen, wie etwa die junge Uschi Glas: Die hat sich gerade in ein Badetuch gewickelt und schaut suchend an sich herunter, während daneben eine Knollennase steht und sagt: „So glauben Sie mir doch Uschi – es sind zwei!“
@ Peter Bernhardt…..Ihr Zitat von Oscar Wilde: „Es ist absurd, Menschen in Gut und Böse zu unterteilen. Die Menschen sind entweder charmant oder langweilig.“ … ist leicht zu widerlegen. Ich kenne charmante Menschen, die sterbenslangweilig sind und habe nicht den Menschen Loriot skizziert, sondern seine Art von Humor, die nur darin bestand, Negatives herauszustechen. Wahrer Humor ist etwas ganz Anderes. Habe es weiter unten nochmals umschrieben.