Thilo Schneider / 11.05.2018 / 15:00 / Foto: Timo Raab / 9 / Seite ausdrucken

Das Kopftuch von Dormagen

Vorab zu diesem Artikel: Es ist immer traurig, wenn ein Laden schließen muss, dessen Besitzer Zeit, Geld und nicht zuletzt Herzblut investiert hat. Wenn er neue, andere oder bessere Ideen hatte und enthusiastisch und tapfer genug war, ein Risiko einzugehen. Ja, solche Unternehmer tun mir immer leid, denn in der Regel gehen sie ja mit nicht nur finanziellem Verlust aus ihrer Unternehmung. Gründe für ein Scheitern gibt es viele: Konkurrenzdruck, Fehlkalkulation, schlechter Service, schlechte Ware, mangelnde Erfahrung im Umgang mit Behörden, schlechte Presse, falsche Werbung oder schlicht zu hohe Privatentnahmen. Häme ist da unangebracht, und so will ich diesen Artikel auch nicht verstanden wissen. Ich freue mich für und über jeden, der den Mut hat, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen und bereit ist, fortan für seine Geschicke und seinen Erfolg oder auch Misserfolg die volle Verantwortung zu übernehmen und trauere mit ihm, wenn ihn der ominöse „Markt“ nicht braucht .

Allerdings gibt es in Dormagen jetzt einen weiteren Grund für eine Geschäftsaufgabe, für die die Betreiber nun wirklich nichts können: Rassismus.

Was ist geschehen? Haben finstere Nazis ein Lokal verwüstet? Wurden Wände beschmiert? Die Inhaber bedroht, weil sie „Stricken gegen Rechts“ veranstaltet haben?

Nein, nichts von alledem. Aber der Reihe nach:

Der bisherige Betreiber des Ladens hat eine Art Literaturcafé betrieben. Man konnte dort lesen und frühstücken, es gab einen kleinen Mittagstisch und gelegentlich Lesungen oder Konzerte, und das Konzept war zumindest so erfolgreich, dass der bisherige Betreiber ganze sechs Jahre lang durchgehalten hat und am Platz war. Die Bewertungen bei TripAdvisor zeigen die übliche Mischung aus „war prima“ und den ein- zwei Kanaillen, die den Ärger über kalten Kaffee und zu wenig Marmelade nicht beim Personal, sondern beim Internet zur Beschwerde eingereicht haben. Ist ja viel witziger und erspart Diskussionen mit dem Wirt. Auch, wenn es für miese Bewertungen trotzdem nicht mehr Marmelade und heißeren Kaffee für die Beschwerdeführer gibt. Ein paar ewig Unzufriedene und Querulanten hast du ja als Unternehmer immer. Ein gemütliches, angegrüntes und politisch auf jeden Fall ziemlich korrektes kleines Kaffeehaus, in dem man sich gerne traf und die eigene Nachhaltigkeit feierte. Wulf-Hinnerk Vauk, der so kluge Aussagen macht wie „auf der Strecke zu Rekordumsätzen und DAX-Indizes bleibt nicht selten der Mensch, der Mitarbeiter, der zur ‚Ressource‘, zum Humankapital erklärt wird. Doch seelenlos nach Zombieart sind in Wahrheit diejenigen, die sich vor Moral, Anstand, Respekt, sozialem Gewissen und Verantwortung für Menschen, Waren, Rohstoffe, Unternehmen, Kunden und Mitarbeiter drücken“, während sein Gastgeber 450-Euro-Kräfte sucht, war zu Gast. So, wie auch viele andere Autoren, die irgendwann einmal ein wegweisendes und bahnbrechendes Senkblei für die Bücherschränke geschrieben haben.

Nun hatte der bisherige Besitzer keine Lust mehr oder war zu reich geworden oder hatte einfach eine andere Idee und beschloss, das Café zu verkaufen. Und wer wäre für das Stamm-Publikum besser geeignet gewesen, als zwei Schwestern mit Migrationshintergrund, die – man höre und staune – bereits Erfahrungen als Bürokauffrauen hatten und sogar den Namen beibehalten wollten?

Sicher, die beiden Neu-Unternehmerinnen krempelten die Speisekarte auf links, verwandelten das einstige Szenecafé in einen nahöstlichen Hochzeitssaal und hatten sogar gemeinsame Wehen – also eigentlich beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Weiterbetrieb – aber irgendetwas ging schief. War es vielleicht das türkische Spezialitätenrestaurant Meva, das in Laufnähe eröffnet hat? Oder dass zumindest auf Facebook plötzlich keine Veranstaltungen mehr beworben wurden? Obwohl doch „das Konzept weitergeführt wurde“?

Nein, der Grund ist viel profaner und simpler: die beiden Jungunternehmerinnen richteten sich brav nach den Vorschriften ihres Glaubens und trugen ordentliche Kopftücher, und das hat die Gäste vertrieben. Zumindest die deutschen Stammgäste. Weil das irgendwie Nazis sind. Die Stammgäste. Nicht die Betreiberinnen. Nachweisen können das die beiden Schwestern im Geiste zwar nicht – aber sie fühlen das so stark, dass sie den Integrationsrat angerufen haben, der prompt mahnt, dass „Integration nicht als Einbahnstraße zu sehen ist und Kopftuch-Trägerinnen nicht als fremd oder als Bedrohung angesehen werden." Und dass es „um Toleranz und Akzeptanz und um das gegenseitige Verständnis von Kulturen geht.“ Denn „wenn man keinen richtigen Kontakt zueinander hat, entstehen schnell Vorurteile." Vielleicht ist auch nur eine falsche Speisekarte an unrichtigem Kontakt schuld, aber so hart will man beim Integrationsrat dann doch nicht sein.

Es waren also Vorurteile, die den beiden Neu-Gastronominnen das unternehmerische Genick gebrochen haben und nicht die eigene Unfähigkeit oder der Konkurrenzdruck. Die beiden Damen sind einfach das Opfer einer kalten, desinteressierten und vorurteilsbeladenen Gesellschaft geworden. Dabei haben sie sich „so viel Mühe gegeben“ und auf Facebook sogar auf türkisch geworben. Völlig unverständlich, dass da die einen nicht mehr und die anderen noch nicht hinwollten. Die Abneigung gegen das Kopftuch – das muss der Grund sein.

Zwar hat der Integrationsrat quasi auf den letzten Zapfhahn-Rückzieher an der Grundschule Burg in Hackenbroich ein „Mehrsprachigkeits-Projekt mit Schülern und Kindergartenkindern gemacht“, aber gegen Rassismus ist nun einmal kein gefülltes Weinkraut gewachsen. Und bis die mehrsprachigkeitsprojektierten Schüler und Kindergartenkinder ins frühstücksbuffetberechtigte Alter gekommen wären, mochten die Betreiberinnen nicht warten.

Nun mag es zwar mittlerweile so Usus sein, dass sich die Nachfrage gefälligst nach dem Angebot und nicht mehr umgekehrt zu richten hat – aber so lange es noch kein entsprechendes Integrationseinbahnstraßengesetz gibt, entscheidet jeder Bürger selbst, wo und was er wann und wie bei wem zu welchem Preis essen möchte. Auch, wenn der Vegetarismus auf dem kulinarischen Vormarsch ins Schweineländchen (in Rahmsoße) ist.

Ich persönlich hätte ja als Unternehmer – wenn ich doch den Verdacht habe, dass es an meiner Kopfbedeckung liegen könnte, dass die Gäste ausbleiben – entweder diese abgesetzt oder Personal eingestellt, dessen himmlischer Boss bezüglich Damenoberbekleidung weitaus entspannter ist. Oder männliche Verwandte hinter dem Tresen geparkt. Oder den Namen dezent in „Koranseitenverse“ oder, ganz knuffig, in „Goldmann’s“ (der Apostroph ist einfach ein Muss im Deppengenitiv)  geändert, um neues und toleranteres Publikum zu gewinnen.

Aber jetzt ist es leider zu spät und die beiden engagierten und mühevollen Schwestern suchen eine(n) Nachfolger_InX. Und der Vermieter des Ladens auch. Aber nur, wenn dieser keine Bäckerei, Shisha-Bar oder Kulturverein betreiben möchte. Über „AfD-Parteibüro“ hat er allerdings nichts gesagt. Falls Sie sich also mit einem Handy-Laden oder einem Nagelstudio selbstständig machen wollen – hier ist Ihre Chance. Aber setzen Sie kein Kopftuch auf. Da bleiben die Kunden weg. Weil das „fast“ alles irgendwie Nazis sind. Da in Dormagen. Sie können nichts dafür. Sie sind einfach Opfer.

Foto: Timo Raab

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Markus Werner / 11.05.2018

Wenn bei meinem langjährigen “Lieblingsitaliener”  plötzlich Gyros und Zaziki verkauft würde,  obwohl draußen noch ” Bella Italia” dranstünde, würde ich mich als Kunde primär veräppelt fühlen. Dazu müsste der nette Grieche gar kein Kopftuch tragen….

Stefan Lanz / 11.05.2018

Mist, jetzt hat das Ding schon zugemacht! Gerade wollte ich dieses Wochenende nach Dormagen fahren, nur wegen diesem, ähh, Cafe, Kaffehaus, Dönerhaus, türkischem Bade-, Hochzeitssaalhaus, naja, was auch immer…. Und dann so etwas. Wenn ich mir die herzlichen Zwillinge so ansehe, dann kann ich mir absolut nicht vorstellen, dass die Pleite an ihnen liegen könnte. Ich persönlich meine, das liegt an den ganzen AfD-Wählern, die weggeblieben sind, weil man an diese nicht austeilen, ähhh, auschenken, ähhh, weil man sie dort eben nicht bedienen konnte, aufgrund unterschiedlicher interkultureller Vibrations und dem Alkoholverbot für gläubige AFDler, Muslime meine ich natürlich! So gesehen ist die AFD (mal wieder) Schuld an dem Ganzen und das braucht auch keinen zu wundern, denn das war ja vorher schon klar, das die AFD schuld ist, an allem so! Aus diesem Grund werde ich Dormagen nicht besuchen, solange bis nicht jeder/jede AFDler/in dort und auf der ganzen Welt ebenfalls ein Kopftuch trägt! Versprochen!

Joachim Lucas / 11.05.2018

Lieber Herr Schneider, ein schöner Bericht aus dem verlogenen Leben in D. Ich habe mir den Bericht des Dormagener Blatts angeschaut und muss Ihnen sagen: Sie haben nur die sofort unterstellten “nazistischen” Abgründe des vormaligen Publikums angesprochen. Die müssen aber auch extrem sexistisch gewesen sein. Denn das weibliche Erscheinungsbild der beiden Damen erfordert schon eine gewisse grüne Prinzipientreue, um diesem Cafe treu zu bleiben. Ums mal einfach zu sagen. Ein bisschen was Nettes zum anschauen beim bestellen wär halt schon ganz nett gewesen. Oje, jetzt isses raus, ich bin noch ein normaler deutscher Mann.

Bernd Naumann / 11.05.2018

Am Kopftuch? Hier in einer sächsischen Kleinstadt gibt es seit Jahren ein türkisches Restaurant, ein freundliches, fleißiges junges Ehepaar betreibt es. Sie mit Kopftuch, aber durchaus auch nett zu männlichen Gästen. Da ich dort Gast bin, akzeptiere ich das Kopftuch, wenn es mir auch nicht gefällt. Aber das Essen schmeckt und die beiden sind freundlich. Ich habe auch noch nie einen unfreundlichen Gast erlebt. Der Laden ist gut besucht. In Sachsen. Irgendwas scheint bei den Schwestern gefehlt haben.

Wolf-Dieter Schmidt / 11.05.2018

Wo ist eigentlich Frank Rosin, wenn man ihn bräuchte?

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