Dirk Maxeiner / 09.02.2007 / 09:59 / 0 / Seite ausdrucken

Das Klima-Maskottchen

Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 9.2.2007

Der Eisbär prägt die gegenwärtige Medienlandschaft wie kein zweites Lebewesen. Praktische keine Zeitung kommt ohne ein Foto des weißen Zottels aus. Mit einem Pfotenstreich hat er Politiker und Schauspielerinnen von den Titeln gewischt. Spitzenreiter war das Motiv „trauriger Eisbär auf Scholle“ gefolgt von „Eisbär steht das Wasser bis zum Hals.“

Völlig zu Recht ist der Ursus maritimus zum Wappentier der Klimawarner aufgestiegen. Schon Tiervater Alfred E. Brehm schrieb, dass ihm „Feuer und Rauch ein Gräuel“ seien. An anderer Stelle in seinem „Tierleben“ berichtet er, wie ein Eisbär die amerikanische Flagge fraß (Kyoto!).

All die Meldungen über nasse Tatzen im Schmelzwasser steigerten unser Staunen über die arktischen Naturwunder. Mal wird der Eisbär aus Angst vor der globalen Erwärmung in den Kannibalismus getrieben, mal in den Selbstmord. Besonders beunruhigend war freilich folgende Schlagzeile: „Verzweifelte Eisbären paaren sich aus Panik mit Braunbären.“ Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Eisbären-Fotos noch schneller steigt als der Meeresspiegel. Erste Paparazzi erwägen von Paris Hilton auf die prominenten Polarpetze umzuschulen.

Um den Gefährdungsgrad der weißen Riesen wirklich ermessen zu können, empfiehlt sich der Vergleich mit anderen Bärenpopulationen. Der bayrische Braunbärenbestand beispielsweise betrug im vergangenen Jahr für einige Tage exakt ein Exemplar (Spezies: Ursus bruno). Kurz darauf lag die Gesamtzahl bei null. Ein Zusammenhang mit der globalen Erwärmung kann nicht ausgeschlossen werden, schließlich handelte es sich um einen besonders heißen Sommer, in dem Bruno zum Abschuss frei gegeben wurde. In jedem Fall haben wir es mit einem Abwärtstrend von 100 Prozent zu tun, warum der bayrische Braunbärenbestand als extrem volatil gilt. Der Bestand der Polarbären lag nach dem zweiten Weltkrieg bei etwa 5000 Exemplaren. Heute leben etwa 20 000 Eisbären in den arktischen Regionen. Wenn der Eisbär weiterhin in diesem Tempo ausstirbt, dann ist 2050 mit zirka 80 000 Tieren zu rechnen. Es sind also immer mehr Eisbären gefährdet, die Situation verschärft sich dramatisch.

Sollten ein Eisbär dann bis nach Süddeutschland wandern, bestünde weniger Gefahr mit Landwirten in Konflikt zu geraten als im Falle Bruno. Denn, so erläutert Brehm: „An die Haustiere wagt er sich nur selten. Man hat mehr als einmal bemerkt, dass er zwischen weidenden Kühen durchgegangen ist.“ Und auch die Bevölkerung muss sich nicht ängstigen: „Den Menschen greift er ungereizt nur bei dem größten Hunger an und geht ihm gewöhnlich aus dem Wege.“

Natürliche Feinde hat der Eisbär eigentlich nicht, wenn man mal vom Eskimo absieht. Beide Minderheiten gehören nicht zu den Vegetariern und sind nicht Mitglied bei PETA. Es hat sich eine gewisse Konkurrenzsituation entwickelt, denn beide lieben zarte Jungrobbe. Und wie die Eskimos beharren die Eisbären auf ihrer kulturellen Identität. Ab und zu wollen sie auch mal in der Stadt einen drauf machen, etwa im kanadischen Churchill. Dort kommt es mitunter zu Missverständnissen, weil sie einen Bewohner mit einer Robbe verwechseln. Außerdem ignorieren sie die Verkehrsregeln, weshalb man so eine Art Bären-Guantanamo errichtet hat. Von dort werden sie dann mit einem Hubschrauber in eine Gegend ohne Parkuhren ausgeflogen. Die Arktis wimmelt gewissermaßen von entlassenen Straftätern mit Flugerfahrung, die dringend unsere Hilfe benötigen.

Der Eisbär ist nicht nur ein besonders großes, sondern auch ein besonders geheimnisvolles Tier, weil seine Herkunft durch die neusten Forschungsergebnisse immer unklarer wird. Wie konnte er bloß die mittelalterliche Warmzeit überleben, als das Nordmeer zu einem guten Teil eisfrei war und die Wikinger auf Grönland Ackerbau betrieben? Sind die Eisbären möglicherweise erst nach 1450 vom Himmel gefallen? Woher kommen sie? Wohin gehen sie? Fragen über Fragen.

 

 

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