Henryk M. Broder / 27.08.2007 / 21:59 / 0 / Seite ausdrucken

Das ist nicht mein Israel! (5)

Inzwischen hab ich ernste Zweifel, ob es richtig war, den Judenstaat in Palästina zu etablieren. Nicht wegen der Palästinenser, sondern wegen des Wetters. Es ist ja nicht nur die Hitze, es ist die Luftfeuchtigkeit, die sogar den Eingeborenen zu schaffen macht. “So heiß war es lange nicht mehr”, sagt Yoni. Aber was sind schon 35 Grad in Tel Aviv gegen 44 Grad in Eilat. Ich fahre zu Jamal, dem Hamas-Barber in Yaffo, und laß mir den Bart auf ein Minimum kürzen. Als er ganz zum Schluß zum Rasiermesser greift und eine neue Klinge einsetzt, muss ich mich ganz schnell entscheiden. Sag ich: “Kein Messer bitte, ich hab eine Allergie”, mach ich mich und das zionistische Projekt lächerlich, lass ich ihn gewähren, komme ich unter Umständen nie wieder in den Genuss von Profiterole http://de.wikipedia.org/wiki/Profiterole. Ich schließe die Augen und entspanne mich.
Nach dieser Mutprobe habe ich eine Belohnung verdient. Ich fahre zum “Potsdamer Platz”, wie die Kreuzung aus Alenby, Sheinkin, King George und Nachlat Benjamin früher hiess, stelle meinen Hummer am Rande des jemenitischen Viertels ab und gehe in die King George. Die “Wolfsschanze”, wie das Likud-Haus auf Hebräisch heißt, steht noch da, aber wo, verdammt und zugenäht, ist Gotlieb? Es war eine der ältesten Bäckereien und Konditoreien in Israel, der Mohnkuchen, der Strudel und die Käsetaschen lohnten die weiteste Anreise. Tel Aviv ohne Gotlieb, das ist wie Köln ohne den Dom, München ohne das Hofbräuhaus und Hamburg ohne den Fischmarkt. Ich lauf die King George auf und ab - das Gotlieb ist weg! Und dort, wo es einmal war, werden in einem Geschäft, das nur aus Weisstönen besteht, Designer-Moden angeboten. So müssen sich die Spätheimkehrer gefühlt haben, als sie nach Berlin zurückkamen und das “Aschinger” am Bahnhof Zoo war nicht mehr da. http://de.wikipedia.org/wiki/Aschinger Nachdem das Original-“Kapulski” in der Alenby schon vor Jahren zugemacht hat, ist mit dem Ende von Gotlieb das letzte Monument der frühen Jahre dem Fortschritt geopfert worden.
Auf diesen Schock hole ich mir eine doppelte Falafel-Portion, laufe zurück zum Hummer und fahre , vorbei an Latrun und Abu Ghosh, in die judäischen Berge. Es hat seinen Vorteil, dass das Land so klein ist. Nach 6o Minuten bin ich in Jerusalem, finde vor dem King David Hotel einen Parkplatz, der groß genug ist, setze mich auf die Terrasse von YMCA und bestelle eine Portion Profiterole.  Drei eisgefüllte Windbeutel schwimmen in heißer Schoko-Sauce: einer für Jamal, einer für Gotlieb und einer für mich.

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