Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 11.08.2017 / 15:48 / Foto: Superbass / 2 / Seite ausdrucken

Die rettende Idee: Quanzler

Von Ulrich Schödlbauer.

Bei der Jagd nach der Kanzlerschaft muss es Sieger und Verlierer geben, das ist ganz natürlich, es liegt gleichsam in der Natur der Dinge, um nicht zu sagen, es ist die Seele des Spiels: In diesem Satz sind zwei ideologische Stolpersteine verborgen, wer sie bemerkt, kommt weiter, alle anderen müssen zurück auf Null. Apropos Null. Bei einer Aussichtsquote von Null verwandelt sich der Kanzlerkandidat automatisch in einen Loser, wie das im Deutschen heißt, der Sprache des Landes, in dem alles heißer gegessen als gekocht wird – man verbrennt sich hier die Zunge selbst dann, wenn nur rohe Zutaten auf den Tisch kommen, aus denen der Gast sich sein Essen selbst basteln kann.

Ein Wahlkampf zum Beispiel, der langsam in die heiße Phase übergeht, besteht praktisch nur aus Zutaten, an denen sich jeder bedient, der mitzukämpfen behauptet, sie liegen so ungefähr über den Tisch ausgeschüttet, dass man sich gar kein Gericht dabei vorstellen kann, es sei denn das Jüngste. Bis dahin ist alles Thema, vor allem das, was unausgesprochen bleibt, zum Beispiel die Euro-Verwerfungen, die das Land noch teuer zu stehen kommen werden, das teure Griechenland, das uns nach der Wahl noch teurer sein wird, die verschleierte und verschlampte Einwanderungspolitik, ein Panikschürer ersten Ranges, die Energiewende auf Schlingerkurs und schließlich, als jüngstes und verwöhntestes Kind, die Krise der EU-Institutionen nach dem britischen Abgang und dem Abfall der Visegrád-Staaten vom rechten Glauben – wenn’s denn beim Glauben bleibt.

Wir lesen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung die Schlacht ums Kanzleramt gerade so und nicht anders will – "Bitte kein Themenwahlkampf, bitte, nur das nicht!" Da lächeln die Kämpfer, vor allem die Kämpferin, ein bisschen von oben herab, das ist wahr, sie könnten auch von unten hinauf lächeln, das wäre mühsamer, aber gerecht, der Themenberg, er erscheint dem Wahlbürger allzu hoch, um weggelächelt zu werden, vielleicht will er selbst auch weggelächelt sein, weil dann die Qual der Wahl sich von selbst erledigt. Denn wer die Wahl hat, hat die Qual, und wer die Qual hat, beißt sich auch … in den Hintern, jedenfalls manchmal, dort, wo es sich so bequem sitzt, solange man sitzt und ausschwitzt, was man an Feuchtem intus hat.

Da kommt der Skandal um den Diesel gerade noch rechtzeitig in die Gänge: ein Selbstzünder, bei dem jedes Kind weiß, was hinten ’raus kommt, Stick-, Stick-, wie heißt das Zeug? Stickoxide, ganz recht, manche kriegen Erstickungsanfälle, wenn das Wort sie ansieht, es hat eine Art, einen anzusehen, es wird einem ganz anders dabei. Anderen wird dabei elektrisch, sie hüpfen auf ihren Sesseln herum, als sei dies ein Wettbewerb im Sackhüpfen, es herrscht aber Wahlkampf. Ein Kanzlerkandidat ohne Fortune, man weiß das, wird niemals Kanzler, deshalb ist es mehr als geschickt, auf halbem Weg die Elektroquote nach vorn zu schieben, zur Galvanisierung der Parteigänger, denn Quote … Quote ist gerecht. Und dass der Kandidat am Ende das doch nicht wird, was zu werden er sich vorgenommen, ist … richtig! Ungerecht. Ein Dilemma.

Die Quote, die gute Quote, sie sollte, wie jedes, auch dieses Dilemma lösen. Wer Kanzler sein will und es nicht werden kann, obwohl die Chancengleichheit es ihm in die Wiege gelegt hat, warum, um alles in der Welt, sollte er nicht Quotenkanzler, kurz Quanzler werden? Was spricht dagegen? Der Vorschlag liegt auf dem Tisch, neben all den Ingredienzien zu einem Festmahl, Wahlkampf genannt, jeder kann ihn sich greifen wie eine Hasenkeule, der Kandidat wäre gut beraten, ihn sich rechtzeitig zu eigen zu machen, bevor der alerte Herr Lindner ihm doch noch zuvorkommt – ein geborener Quanzler, der es nur noch nicht weiß, aber bereits aus tiefster Seele anpeilt.
Man kann davon ausgehen, dass Quanzler auf Halde produziert werden.

Ulrich Schödlbauer ist Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Essayist. Dieser Beitrag erschien zuerst auf Globkult.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Roland Richter / 12.08.2017

Noch eine Idee, um den teuren Wahlkampf zu vermeiden. Alle die Kanzler werden wollen, melden sich und werden in das Große Glücksrad eingespeist. Wen die Glücksfee ausrubbelt, wird Kanzler. Wenn aus Versehen, weil der Manipulator, der Merkel asuspucken sollte versagte, der parteilose Heinz Müller aus Klein Posemuckel Kanzler wird, was soll es? Schlechter als derzeit geht nicht. Es kann nur besser werden.

Andreas Rochow / 12.08.2017

Wunderbar! “Quanzler/in” könnte auch ein schöner Übergang von “Kanzlerin” zur “Queen” sein. Als Queen wird sie nicht gewählt und kann sich wie gewihnt den Wahlkampf sparen. Egal, wie das Wahlvolk abstimmt: Die Qualitätsmedien kennen die Quote und wissen, dass alles bleibt wie es ist. Man kann ja immer noch koalieren.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 09.07.2022 / 16:00 / 4

Schödlbauers Aphorismen. Kommt der Tag, kommt schon die Nacht

Wer sich viel unter Menschen bewegt, muss ernüchtert zur Kenntnis nehmen: Ja, es gibt ein Gutmenschentum, das sich hart an der Grenze zur Psychopathie bewegt.…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 21.02.2022 / 10:00 / 22

Die Omikron-Lektion

Omikron, die endemisch gewordene Variante eines „Killervirus, der die Welt in Atem hält", erteilt auch eine Lektion in Sachen Ideologie: Irgendwann, nach soundsoviel Mutationen, infiziert…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 30.01.2022 / 14:00 / 7

Schödlbauers Aphorismen. Denkpest und andere Bitterstoffe

Wenn die 1980 geborene Außenministerin der Bundesrepublik Deutschland sich öffentlich der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs "erinnert", dann überschreitet dies deutlich die Grenze zum Wunder. Aber…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 11.12.2021 / 14:00 / 31

Ungeimpft. Die Wahngesellschaft und ihre Feinde

Der Sündenbock gilt, anders als der Feind, als schuldig im umfassenden Sinn, also vor allem am eigenen Versagen, das nicht nur der Erklärung, sondern auch…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 09.11.2021 / 11:00 / 37

„Inzwischen steht das Wort ungeimpft für ideologieresistent“

„Dieses Land ist krank.“ Die Kritik hat diesen Satz so lange hin und her gewendet, bis die Politik schließlich zugriff. Warum die Sache nicht selbst…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 26.09.2021 / 18:00 / 13

Das Gelächter der Geschichte

Man kann den Merkelismus, dieses gezielte Einknicken vor den Panikmedien, verachten oder verlachen. Eines jedoch kann man nicht: ihn ungerührt fortsetzen, als verberge sich dahinter…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 22.08.2021 / 12:00 / 7

Potemkinese

„Solange man in Frankreich den Impfausweis nicht auch fürs Scheißen braucht, ist noch alles offen.“ Und weitere Aphorismen zur Lage. Was hilft der eleganteste Kniefall,…/ mehr

Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 09.07.2021 / 16:00 / 9

Das böse Land

„Der Herbst der Matriarchin: gutes Drehbuch für politische Abgänge, die sich allzu lange hinziehen. Ist die Küche vermodert, halten die Schaben das Land im Griff."…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com