Vor einigen Jahren hatte ich einen ambitionierten Plan. Ich wollte ein Buch darüber schreiben, wie man Kinder und Jugendliche von ihren Smartphones wegbekommt. Ein richtiges Buch. Mit Lösungen, Strategien und all dem pädagogischen Werkzeug, das verzweifelten Eltern Hoffnung macht.
Nun gut, ich hatte mich gedanklich überholt. Denn um ehrlich zu sein: Ich weiß bis heute nicht, wie das gehen soll. Wohlklingende Empfehlungen aus dem Munde eines Erwachsenen entsprechen meistens nur den naiven Vorstellungen eines Erwachsenen, dass so etwas im echten Leben tatsächlich nützlich sein könnte. Wenn ich heute im Buchhandel an den entsprechenden Tischen vorbeikomme, blättere ich aus reiner Neugier durch die Neuerscheinungen. Ich versuche zu ergründen, wie andere Autoren es geschafft haben, 200 Seiten und mehr zu diesem Thema zusammenzubekommen. Das ernüchternde Ergebnis: Sie wissen es auch nicht.
Dennoch bewundere ich diese Autoren für ihre Fähigkeit, hunderte Seiten bedrucktes Papier zu füllen, ohne die eigentliche Lösung zu kennen. Ehrlicher wäre es, wenn das letzte Kapitel dieser Ratgeber aus einer einzigen Frage und einer noch kürzeren Antwort bestehen würde. Frage: Wie bekomme ich mein Kind vom Handy weg? Antwort: Gar nicht. Zumindest nicht so, wie sich Eltern das gemeinhin vorstellen.
Nach vielen Jahren als Erziehungsbeistand mit unzähligen Stunden im direkten Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien bin ich zu einer Erkenntnis gekommen, die ebenso unbequem wie unpopulär ist. Das Problem beginnt nicht im Kinderzimmer. Es beginnt bei uns Erwachsenen. Ich behaupte sogar: Das Smartphone ist nicht die größte Erfindung für Kinder, sondern für überforderte Eltern. Es ist der teuerste Schnuller der Welt.
Das Kind als neues „Hobby“
Kinder zu bekommen bedeutet nach meiner tiefen Überzeugung nicht, einen lange gehegten Kinderwunsch auf einer To-do-Liste des Lebens abzuhaken. Es bedeutet, sich selbst radikal zu verändern. Es bedeutet, sein bisheriges Leben über Bord zu werfen und einen völlig neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Meine Definition lautet deshalb: Mit der Geburt eines Kindes wird dieses Kind zu deinem neuen Hobby. Und zwar nicht zu einem Hobby, das man zweimal in der Woche für anderthalb Stunden im Verein ausübt, sondern zu dem Hobby schlechthin.
Du wächst mit ihm. Du spielst mit ihm. Du redest mit ihm. Du streitest mit ihm. Du entdeckst die Welt durch seine Augen ein zweites Mal. Ein Kind verändert nicht nur sein eigenes Leben, sondern vor allem deines. Wer das versteht, wird diese intensiven, anstrengenden Jahre irgendwann schmerzlich vermissen. Wer dagegen vorab nur den abstrakten Wunsch hatte, ein Kind zu bekommen, sich aber nie ernsthafte Gedanken darüber gemacht hat, was in den zwanzig Jahren danach kommt, wird früher oder später nach Entlastung suchen.
Und genau hier betritt der eigentliche Held unserer modernen Zeit die Bühne: das Smartphone.
Die Szene kennt jeder, wir sehen sie täglich. Das Kind ist zwei oder drei Jahre alt. Im Restaurant wird es unruhig. Im Wartezimmer des Arztes langweilt es sich. Auf der Autobahn quengelt es auf dem Rücksitz. Früher mussten Eltern in diesen Momenten kreativ werden. Man musste Geschichten erzählen, Grimassen schneiden, vorbeifahrende Autos zählen oder Lieder singen. Man musste präsent sein. Heute reicht ein routinierter Griff in die Tasche. „Hier, schau ein bisschen.“
Aus fünf Minuten werden zwanzig. Aus zwanzig Minuten wird eine Stunde. Aus der absoluten Ausnahme wird schleichend die Gewohnheit. Und irgendwann wird aus dem technischen Gerät ein vollwertiges Familienmitglied. Es tröstet, es beschäftigt, es beruhigt, es belohnt und es verhindert die gefürchtete Langeweile. Kurz gesagt: Das Smartphone übernimmt Aufgaben, die eigentlich Kernkompetenzen der Eltern sein sollten. Das Geniale daran ist: Es funktioniert. Das Tragische daran ist: Es schafft eine irreversible Verbindung zwischen Kind und digitalem Lebensraum.
Der digitale Lebensraum lässt sich nicht wegreglementieren
Denn irgendwann, meistens in der beginnenden Pubertät, glauben Eltern plötzlich, sie könnten den Schalter einfach wieder umlegen. Handy weg. Tablet in den Schrank. Bildschirmzeit per App halbieren. WLAN-Passwort ändern. Fertig.
Viel Erfolg dabei. Das funktioniert in der Realität ungefähr so gut, wie einem Fünfzigjährigen zu erklären, dass ihm Kaffee, Auto, Fernsehen und Internet ab morgen früh gleichzeitig verboten sind. Das Problem ist nämlich längst nicht mehr das physische Gerät. Das Gerät ist für die Jugendlichen zum primären Lebensraum geworden. Zum besten Freund. Zum sicheren Rückzugsort. Zum körpereigenen Belohnungssystem. Es ist der Ort, an dem man Anerkennung bekommt, an dem man lacht, spielt und die Einsamkeit besiegt. Wenn dann plötzlich die Eltern um die Ecke kommen und dekretierten: „Ab heute nur noch eine Stunde pro Tag“, dann passiert aus der Sicht des Kindes etwas völlig anderes, als die Eltern bezwecken. Es wird ihm nicht ein technisches Gadget weggenommen. Es wird ihm ein Stück seines realen Lebens weggenommen.
Deshalb entstehen in den Familien diese erbitterten, oft hasserfüllten Kämpfe.
Weil ich genau das verstanden habe, kommen die Kids und Jugendlichen in meiner täglichen Praxis auch besonders gut mit mir aus. Wenn ich in die Familien gerufen werde, komme ich nicht mit den üblichen wohlfeilen Ratschlägen – weder für die Kinder noch für die Eltern. Stattdessen nutze ich den Moment, wenn ich mit dem Jugendlichen allein bin, und sage ihm ganz pragmatisch: „Ich habe da einen Trick für dich. Das Leben ist ein Geben und Nehmen. Mach einfach so oft es geht Dinge, die deine Eltern glücklich stimmen. Wenn sie dich zum Essen rufen, dann brüll nicht genervt zurück, sondern sag direkt: 'Ich bin in zehn Minuten da' oder 'Punkt viertel nach stehe ich am Tisch'. Allein damit machst du sie schon glücklich – und du wirst sehen, dass du plötzlich viel bessere Karten hast, wenn es um das Verhandeln deiner Handynutzungszeiten geht.“
Der Ratgeber-Tourismus
Danach beginnt das, was ich inzwischen als klassischen „Ratgeber-Tourismus“ bezeichne. Man kauft stapelweise Bücher, man schaut sich YouTube-Videos von vermeintlichen Experten an. Man installiert komplizierte Überwachungs-Apps zur Bildschirmzeitkontrolle. Man besucht Betroffenen-Elternabende. Man erstellt pädagogisch wertvolle Wochenpläne. Man klebt bunte Sterne auf den Kühlschrank und handelt mit Bildschirmminuten wie früher mit Fußballbildern auf dem Schulhof.
Und viele Monate und Nervenzusammenbrüche später stellt man ernüchtert fest: Das Problem sitzt gar nicht im Kinderzimmer. Es sitzt am Esstisch.
Ich mache Eltern daraus nicht einmal einen moralischen Vorwurf. Als Praktiker und aus eigener Erfahrung mit unserem Sohn weiß ich nur zu gut, wie markerschütternd anstrengend Kinder sein können. Ich weiß auch, dass viele Eltern Vollzeit arbeiten, unter enormem finanziellem Druck stehen und abends schlicht nur noch funktionieren wollen. Aber ehrliche Konfrontation hilft in der Erziehung manchmal mehr als der nächste Topf pädagogischer Zuckerguss. Das Smartphone hat unseren Kindern die Kindheit nicht gestohlen. Wir Erwachsenen haben dem Dieb freiwillig den Haustürschlüssel ausgehändigt. Das Gerät musste nie bei uns einbrechen. Es wurde von uns höflich hereingebeten.
Aufmerksamkeit statt WLAN
Die eigentliche Therapie beginnt deshalb nicht beim Kind. Sie beginnt zwingend bei den Eltern. Man muss wieder radikal akzeptieren lernen, dass Kinder etwas kosten. Sie kosten Zeit. Sie kosten Nerven. Sie kosten Schlaf. Sie kosten extrem viel Geld. Sie kosten die persönliche Freiheit. Und manchmal rauben sie einem den allerletzten Rest Geduld.
Erziehung funktioniert nicht im Vorbeigehen oder als Nebenbeiprojekt im Homeoffice. Kinder wollen echte Aufmerksamkeit, nicht das schnellste WLAN.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner vielen Jahre mit Kindern und Jugendlichen. Nicht das Handy muss zuerst aus dem Alltag verschwinden. Sondern die elterliche Illusion, dass man Kinder erfolgreich großziehen kann, ohne selbst ständig physisch und psychisch präsent zu sein. Ich schreibe das übrigens weder als theoretisierender Wissenschaftler noch als akademischer Psychologe. Ich schreibe das aus der harten Praxis jahrelanger Erfahrung.
Dass ich in diesem Text überwiegend die männliche Form verwende, hat im Übrigen keine ideologischen Gründe, sondern pragmatische: Ich habe in meiner Laufbahn fast ausschließlich mit Jungen gearbeitet. Über Mädchen könnte ich viele Dinge schlicht nicht mit derselben empirischen Sicherheit behaupten.
Zum Schluss bleibt eine unbequeme Wahrheit: Kinder brauchen keine perfekten, fehlerfreien Eltern. Aber sie brauchen Eltern, die im Alltag spannender sind als TikTok, geduldiger als YouTube und lustiger als Instagram. Das klingt in Zeiten der totalen digitalen Reizüberflutung fast unmöglich. Ist es wahrscheinlich auch.
Aber genau das war echtes Elternsein noch nie: einfach.
Und falls Sie diesen Text tatsächlich bis hierher gelesen haben, ohne zwischendurch dreimal reflexartig auf Ihr eigenes Smartphone zu schauen, dann gehören Sie vermutlich bereits zu einer aussterbenden Spezies. Und falls nicht – keine Sorge. Sie wissen jetzt wenigstens ganz genau, bei wem die Therapie heute Abend beginnen muss.

Ich würde das Smartphone nicht als Gerät betrachten das den Kindern „ die Kindheit stiehlt“,
sondern als „Partner der Kindheit“. Ich glaube es ist falsch dieses Gerät als Antipode oder
Gegner einer Lebenskultur aufzufassen, sei es der kindlich-jugendlichen oder der erwachsenen.
Wir müssen es assimilieren und lernen damit zu leben, so wie wir es mit dem Automobil auch getan haben.
Das Smartphone ist die perfekte Umsetzung des Dynabooks von Alan Kay. Für dumme Menschen ist es nur ein Katalysator ihrer Dummheit. Sperrt euren Kindern einfach die dummen Apps und Kanäle.
Tja, Herr Dener, wie wäre es mit (Rat-) Schlägen eines unberufenen Kinderlosen? Einfach dem Kind kein Smartphone kaufen, nur ab & an mal eins leihen.
Zwei Anmerkungen zu dem überaus guten, ja wertvollen Text. Ich war über 40 Jahre lang Lehrer an einem Gymnasium, davon das letzte Vierteljahrhundert Direktor eines Gymnasiums.
Erste Anmerkung. Meine Schüler fragten mich gelegentlich nach meinen Erfahrungen als Vater von zwei Söhnen. Meine erste Antwort: Als ich meinen Ältesten erstmals auf dem Arm trug, wurde mir schlagartig klar, dass dies der erste Mensch in meinem Leben war, der wichtiger war als ich selbst. Dass nun mein ganzes Leben auf ihn zugeschnitten sein würde. Die Äußerungen eines verliebten jungen Menschen stehen dem scheinbar entgegen, aber die erfolgen im Delirium, nicht in der wahren Welt.
Zweite Anmerkung. Als meine Frau und ich erstmals Großeltern wurden, war klar, dass wir substantiell und nicht nur gelegentlich gefordert waren. Denn Vater und Mutter des kleinen Wesens würden weiterhin berufstätig sein müssen (nicht notwendig wollen). Meine Frau schlug einen bereits eingeschlagenen und als sicher geltenden Weg zu einer Stelle als Leiterin einer Berufsschule aus; statt dessen reduzierte sie radikal ihre Arbeitszeit auf die Hälfte. Ich selbst fand auch Wege, ausreichend Zeit für den neuen Erdenbürger bereit zu stellen. Mit einem Wort: Ohne Großeltern geht heute nichts in der Kindeserziehung. Dieser Dienst geht weiter, ja lebt erst richtig auf, wenn man das Rentenalter erreicht hat. Des europäischen Rentners Berufung ist heute der Dienst aan den Enkeln.
Dem Leser mögen meine Ausführungen als eine Wichtigtuerei erscheinen; das kann ich nicht ändern. Aber ich versichere ihm, dass mein Weg sehr häufig ist, ja recht eigentlich die Regel ist. Die ICE’s dürften voller Leute im Rentenalter sein, die auf dem Weg zum Enkel sind. Jetzt bin ich über achtzig, und meine Tage und mein Enkeldienst neigen sich ihrem Ende zu. Aber ich bin sicher, dass es ein Heer von Gleichgesinnten gibt, die den gleichen Weg gehen.
„Ständige physische und psychische Präsenz“ wird in der Regel übersetzt mit „Helikoptereltern“. Damit erzieht man keine selbstständigen Persönlichkeiten.
Wenn man den Kindern aber Freiräume lässt, nutzten sie sie … Wer erinnert sich nicht an den Schulfreund, der beliebt war, weil man bei ihm unbegrenzt fernsehen konnte? Oder später den mit den interessanten Zeitschriften …
Dazu kommt der soziale Druck, aber nicht wie früher im Sinne von Markenjeans oder Geha-gegen-Pelikan, sondern: Wer nicht drin ist,
ist draußen. Das Smartphone ist bei Jugendlichen nicht der Ersatz zu sozialen Kontakten, sondern der Schlüssel.
Alles nichts neues: Wer erinnert sich nicht an ausgefeilte Terminpläne, damit die Eltern auch mal telefonieren durften …?
Smartphoneverbot ist nicht so, als ob man den Kindern einen Teil ihres Lebens wegnehmen würde, sondern man nimmt ihnen damit tatsächlich den Zugang zur Gegenwart weg. Nicht weil sie nicht mehr Youtube gucken können, sondern weil Youtube nun mal zur heutigen Realität gehört wie früher RTL und davor ARD und davor der Plattenspieler.
Eine Lösung, um den Lauf der Welt aufzuhalten wird keiner finden.