Gunter Weißgerber / 02.05.2021 / 14:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 1 / Seite ausdrucken

„Das Glück meiner Mutter“

„… und irgendwann bist du 40 und willst irgendetwas wieder und dann weißt du nicht mehr was und wofür und dann stehst du irgendwo – in der rechten Hand ‘n Fahrschein in der linken eine Klinke ohne Tür…“

Thommie Bayer? Da war doch was! Richtig, es war Ende der 1970er Jahre. Julia Edenhofer stellte in ihrer „Disco 3“ auf „Bayern 3“ eine deutschsingende Newcomergruppe namens „Thommie Bayer Band“ aus Südwestdeutschland vor. „Rockig, intelligente Texte, ein Geheimtipp“, so habe ich die kundige Bayern-3-Moderatorin in Erinnerung. Julia Edenhofer und Georg Kostya („Aus meiner Rocktasche“) gehörten mit vielen anderen Westradio-Musikvorstellern zu den mir zeitlebens gut in Erinnerung bleibenden Begleitern in Beat- und Rockzeiten. 

Julia Edenhofer also stellte die „Thommie Bayer Band“ mit „Rock’n’Roll ist, wenn man‘s trotzdem macht“ vor. Das war 1979. Seitdem achtete ich auf die Band und schaltete das Tonbandgerät zu, wenn die Rede auf die Band kam. Nicht, weil es Rockmusik der Extraklasse, sondern weil es rockige Musik mit klugen Texten war. Eine sympathische Mischung. Welche Geschichte kommt denn dieses Mal, mit diesem Gedanken nahm ich Thommie Bayer dann immer im Westradio auf. Inzwischen weiß ich, dass einige Texte aus der Feder von Bernhard Lassahn stammten, einem mir ebenfalls sympathischen Achgut-Autor. Diese Welt ist klein. Irgendwann trifft man sich doch.

„Rock’n’Roll, Hippies, Pubertät, Liebe, Aufruhr“

Ein Mosaikstein im schier unendlichen Mosaik „Rock-Universum“: Die „Thommie Bayer Band“. Eine für mich schöne Erinnerung, die auch heute noch des Zuhörens wert ist. Leise Töne mit Rock gewürzt. Zum harten Musikausleben hatte ich ja noch Rory GallagherJethro TullChicago oder die orchestralen „Yes“ mit und ohne Rick Wakeman

Auf seiner Website gibt Thommie Bayer Einblick in Privates und nährt so das Fragenkarussell nach Fiktion und Wirklichkeit in seiner Schreibe (frei nach John Lennons „In his own write“/1964). 

Ich wurde am 22. April 1953 in Esslingen am Neckar geboren, als ungeplantes, aber willkommenes viertes Kind von Annelise und Karl Bayer. Mein Vater, ein stiller, einsamer Mensch mit unerreichbar hohen Ansprüchen an sich und seine Umgebung, war damals noch Berufsberater beim Arbeitsamt, und meine Mutter, deren Leben sich in größerer Bodennähe abspielte, Hausfrau. Die ersten sechs Jahre meiner Kindheit waren glücklich, alles drehte sich um Ritter, Indianer, Geheimbünde und Obstklau, aber dann sah ich Fotografien vom Völkermord im Dritten Reich, und etwa zur selben Zeit entpuppte sich die Ehe meiner Eltern als eine Hölle, der sie beide nicht entkamen. Als ich nach Stuttgart in die Schule kam, war mein Vater Lehrer geworden in Tübingen, dort blieb er die Woche über, und kam nur Mittwochs und am Wochenende nach Hause, oft, um die angesparten Strafen zu exekutieren.

Dann drehte sich alles schneller: Rock‘n Roll, Hippies, Pubertät, Liebe, Aufruhr – ich ging ohne Abitur von der Schule, spielte zuerst Gitarre, später Schlagzeug in verschiedenen Bands, begann, an der Kunstakademie Stuttgart bei Professor Rudi Haegele Malerei zu studieren, unterbrach das Studium für den Zivildienst in der Villinger Jugendherberge, setzte es danach fort und begann, parallel dazu, meinen Lebensunterhalt als Liedermacher zu verdienen.

Zuerst mit einem, dann einem zweiten Kollegen, dann allein und dann mit einer ständig wachsenden Band spielte ich in Jugendzentren, Kneipen, Clubs, auf Festivals, nahm Platten auf, heiratete, magerte ab und vertraute den falschen Personen.

Meine Ehe wurde geschieden, mein Plattenvertrag nicht verlängert, das Finanzamt schickte einen Steuerprüfer, und auf einmal waren meine Musiker weg, mein Lastwagen, der Flügel, die Verstärkeranlage und das Erbe, das mein Vater mir hinterlassen hatte.

Ich zog nach Freiburg, meiner nach sechzehn Jahren wiedergefundenen großen Liebe hinterher, begann Bücher zu schreiben, hatte Glück damit, heiratete wieder und zog nach Staufen im Breisgau, wo ich jetzt seit über zwanzig Jahren lebe….“

Die Signale aus der Jugend ließen nicht locker

„… Der Direktor vom Knast fragt: 'Paßt's Ihnen nicht?'
Ich frag: 'Wieso?' Er sagt: 'Sie machen so'n komisches Gesicht.'
Ich sag: 'Das liegt ganz sicher an dem Licht hier drin. 
Ich wollte Ihnen grade sagen, wie glücklich ich bin! 
Die Welt ist leer. Der Knast ist voll. 
Überhaupt ist alles hier unheimlich toll! 
Ich kann auch Sie, Herr Direktor, wahnsinnig gut leiden. 
Wenn ich draußen wär, würd' ich die hier drinnen beneiden! ...'
(„Alles geregelt“)

Was ist biographisch an seinem neuen Roman „Das Glück meiner Mutter“? Was ist Fiktion? Wo steckt der Thommie Bayer drin? Interpretiere ich hinein, was nicht hinein gehört? 

Es ist verlockend, Bayers Liedtexte und sein Buch miteinander zu verweben, zumal meine Familie vor einigen Jahren in Camaiore in der Toskana Urlaub machte und die vom Autor beschriebenen Orte beim Lesen vor dem geistigen Auge immer mit dabei waren.

Belletristik oder gar Gedichte las ich noch nie sehr viel. Für mich mussten es mehr historische Romane, Biographien, auch Autobiographien sein. Alles in Zeiten, Orte, Epochen eingebunden. Die Signale aus der Jugend ließen nicht locker. Ich wollte „Das Glück meiner Mutter“ lesen und mehr über den Rockmusiker Thommie Bayer erfahren. Habe ich mehr erfahren? Ich weiß es nicht.

Die Fabel ist schnell umrissen. Phillip Dorn, ein erfolgreicher Autor und Schriftsteller hat noch Unbewältigtes aus komplizierter Kindheit und Jugend im emotionalen Rucksack. Jahrzehnte sind vergangen, den kalten Krieg, den seine Eltern Ehe nannten, hat er lange hinter sich. Inzwischen stellt er sich den Fragen, ob er dem Vater in seiner Ablehnung gerecht wurde und vor allem, ob er die Weichen für das Glück seiner Mutter nicht hätte doch weniger egoistisch stellen sollen? 

Das ausgefallene Glück seiner Mutter lastete schwer auf ihm

Fünfunddreißig Jahre vorher fragte ihn seine Mutter, ob er mit ihr in Italien ein neues Leben würde beginnen wollen. Sie hatte in Italien einen Mann kennengelernt, mit dem sie sich ein glückliches Leben vorstellen konnte. Natürlich nur, wenn Phillip mitkommen würde. Er, Philipp, erlebte gerade sein Aufblühen als junger Mann mit einer beginnenden musikalischen Karriere. Wo er hinschaute, überall Verheißung. 

Phillip gab seiner Mutter einen Korb, er würde sie gern in Italien besuchen, mitkommen wollte er nicht. Seine Mutter entschied sich gegen ihre Wünsche und blieb in der ehelichen Zwangsgemeinschaft. Sie war sehr attraktiv, holte sich fortan auf Reisen, was ihr zu Hause eisern verwehrt wurde. Was dem Heranwachsenden nicht so klar vor Augen stand, schob sich mit dem Älter- und Reiferwerden immer stärker ein Schuldkomplex seiner Mutter gegenüber in seine Gefühlswelt. Verstärkt wurden die Schuldgefühle auf späteren wichtigen Reisen, die er mit seiner Mutter nach Italien unternahm. 

Sohn und Mutter waren eine vertraute Einheit, in der beide es nicht wussten und doch ahnten, so manches hätte vielleicht besser und schöner laufen können. Hätte es nicht die Entscheidung Jahrzehnte vorher gegeben. Das ausgefallene Glück seiner Mutter lastete schwer auf ihm.

Diese Klärung kann nur Fiktion sein!

Die wichtigste Reise einige Jahre nach dem Tod seiner Mutter unternahm Phillip nach Camaiore in der Toskana. Dort wartete Überraschendes auf ihn. Die Nachbarin, die des Nachts den Pool in seinem Feriendomizil nutzte, zog sein Interesse an. Oder lag es in ihrem Interesse, ihn anzuzünden? Eine Ferienliebelei würde es nicht werden. Die Gewichte waren größer, andere Entwicklungen bahnten sich an. 

Mehr ist hier nicht zu verraten. Außer, dass bis zu den letzten Seiten die Fragen nach Realität und Fiktion sich die Waage halten. Mit einer unerwarteten Wendung am Schluss jedoch kam dann doch die Klärung. Aber diese Klärung kann nur Fiktion sein! Oder doch nicht? Das Leben schreibt ja tatsächlich manchmal die unwahrscheinlichsten Sachen und ein Dorf ist sie auch, diese Welt ...

Thommie Bayer schreibt liebenswert-melancholisch (Annemarie Stoltenberg/NDR). Er schreibt mit Humor aus dem Leben. Wer will, kann sich wiederfinden. Bayer bedient Sehnsüchte und seien es die nach italienischer Lebensart und Musik. Da kommt Lust auf mehr.  

Ich wünsche gutes Eintauchen!

„Das Glück meiner Mutter“ von Thommie Bayer, 2021, München: Piper Verlag. Hier bestellbar.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Peter Petronius / 02.05.2021

Ach Thommie, “Der letzte Cowboy”, seine “Überdosis Liebe” und “Einsam, zweisam, dreisam” waren für uns (damals grüne Ökofraktion) in den 80ern echt Kult, insbesondere dann, wenn man mit Freiburg zu tun hatte. Die Rezension des Glücks seiner Mutter klingt interessant.

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