Seit April 2020 habe ich manches Mal Mühe, „Corona-Nachrichten“ zuzuordnen. Wurde das nun hier in Frankreich verlautbart oder in Deutschland? Und nach etwas Recherche musste und muss ich oft feststellen: Die Nachricht war in beiden Staaten gleich.
Ein paar Beispiele: Auch hier in Frankreich werden offene Briefe von Ärztegruppen und Juristen geschrieben, veröffentlicht und politischerseits prominent ignoriert. Die Ungeimpften sind schuld am Fortdauern der Pandemie. Neue Wellen müssen gebremst werden. Abstimmungen im Parlament finden zu nächtlicher Stunde statt, wenn bestenfalls noch 60% der Abgeordneten zugegen sind. Leiter von Gesundheitsämtern werden gekündigt oder versetzt, wenn sie sich dem politischen Willen entgegenstellen. Die Ungeimpften verstopfen die Krankenhäuser. Kinder infizieren immer noch ihre Eltern und Großeltern, und die „Impfung“ schützt immer noch auch die Anderen. Und die von der Regierung verlautbarten Zahlen stimmen mit denen unabhängiger Verbände und Journalisten so wenig überein, dass ein Berichten darüber nahezu unmöglich wird.
In diesem Frankreich-Bulletin sei nun der Fokus auf die Unterschiede zu Deutschland gelegt, am Ende berichte ich von den neuesten ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung eines einzelnen Erregers einer Atemwegsinfektion.
Universität und Schule
An den französischen Universitäten und Hochschulen kann ohne Pass Sanitaire studiert werden. Das heißt auch, dass Ungeimpfte keinen Test vorweisen müssen.
Ende November 2021 verteilten die Klassenlehrer an den Mittelschulen und Gymnasien ein Schreiben an die Eltern, dass das regelmäßige Testen jetzt Voraussetzung für den Schulbesuch wird. Die Eltern sollten unterschreiben, dass sie einverstanden seien. Ein Kästchen zum Ankreuzen, dass man nicht damit einverstanden ist, gab es nicht.
Ich habe nicht den Überblick über alle Schulen in allen Regionen Frankreichs. Kann aber von jenen, zu denen ich eine direkte Verbindung habe, das Folgende berichten: Die erste Kraft, die dem behördlichen Testplan entgegenwirkte, ist des Franzosen Neigung zur Verschleppung. Die Schüler bekommen kein Schreiben. Oder sie verlieren es. Oder vergessen, es zuhause abzugeben. Die Eltern, bei denen das Schreiben ankommt, vergessen, es zu unterschreiben. Oder sie „vergessen“ es, zu unterschreiben. Und ihren Kindern wieder mitzugeben. Oder sie werfen es einfach weg. Die Klassenlehrer wiederum fragen nicht nach, wenn die unterschriebenen Schreiben nicht zurückfließen.
Auch an den Grundschulen soll nun dreimal pro Woche getestet werden, unklar bleibt, ob zuhause oder in der Schule. Im Radiosender France Info kommen Grundschullehrer zu Wort, die sagen, dass diese Forderung nicht umsetzbar sei.
Zusammenfassend: Wie bereits im Frühling 2021, wo flächendeckend Speicheltests an allen Schulen durchgeführt werden sollten, ist auch diesmal in den Schulen, zu denen ich Beziehungen habe, einfach gar nichts passiert.
Gastronomie, Einzelhandel, Kino
Die Anzahl gastronomischer Betriebe, die Menschen ohne Pass Sanitaire gerne bedienen, ohne Fragen zu stellen, wächst stetig an. Es kommt auch vor, dass andere Gäste, die soeben beflissen ihr Zertifikat vorgezeigt haben, mitbekommen, dass Andere es nicht vorzeigen. Das wird so hingenommen – leben und leben lassen. Hierbei möchte ich nochmalig auf die von Einwanderern betriebenen Restaurants hinweisen, wo man ohne Fragen sehr freundlich empfangen wird. Ebenso entspannt verhält es sich beim Maskentragen. Der Security-Mann im Supermarkt geht grüßend an mir vorbei: meine Maske baumelt an einem Ohr. Wenn ein Verkäufer ermahnt: „Bitte setzen Sie Ihre Maske korrekt auf!“, reicht es, sie aufs Kinn zu schieben. Von Mitmenschen, die in der Tram sitzen oder selbst nur Kunde sind, habe ich seit Beginn der Maskerade genau zweimal eine Aufforderung bekommen. Bioläden tolerieren ihre Kunden immer ohne Maske. Viele weitere Geschäfte ebenso. Manche Kinos halten es so: „Sie haben einen Pass Sanitaire, oder? Der Film läuft in Saal 3, viel Spaß!“ Ein Nicken auf die Frage wird nicht abgewartet, angesehen wird gar nichts. All diese Berichte beziehen sich auf Südfrankreich.
Pressekonferenz
Am 27.12.2021 gaben der Premierminister Jean Castex und der Minister für Gesundheit und Solidarität (das Amt hieß früher mal auch nur Gesundheitsminister) Olivier Véran eine Pressekonferenz.
In Kürze:
Etwaige Ausgangssperren könnten wieder eingeführt werden. Die Schulen bleiben offen. Die „Impfung“ hat absolute Priorität, es gibt keinen anderen Weg aus der Krise als die „Impfung“. Sie schützt vor schweren Verläufen, sie schützt auch die anderen. Der Druck und die Nötigung auf die Ungeimpften wird weiterhin bestehen bleiben, ja, er wird sogar verstärkt werden. Mit Omikron stecken sich auch Leute an, die sich schon symptomatisch mit Covid infiziert hatten. Omikron spricht weniger auf die „Impfung“ an. Aber die gute Nachricht ist: Die dritte Dosis schützt!
An Schwangere ergeht vom Gesundheitsminister die direkte Aufforderung: „Lassen Sie sich impfen, unbedingt!!“
Sodann wurden die Maßnahmen für die kommenden drei Wochen aufgezählt, ich gebe einige wieder und wünsche allen Lesern viel Freude bei der Realsatire.
• Diskotheken und Nachtclubs werden geschlossen.
• Versammlungen werden limitiert auf 2.000 Personen in Innenräumen, 5.000 im Freien. Diese Regelung gilt jedoch nicht für politische Zusammenkünfte.
• Essen und Trinken wird verboten in Kinos, Theatern und Sporthallen.
• Essen und Trinken wird ebenfalls verboten in sämtlichen öffentlichen Verkehrsmitteln, inklusive aller Fernzugverbindungen. (Zur Inspiration: Nizza-Paris: 6 Stunden.)
• Konzerte, bei denen man als Zuhörer steht, werden abgesagt.
• Konzerte, bei denen man als Zuhörer sitzt, finden statt.
• In der Gastronomie darf man nichts mehr stehend konsumieren, nur noch sitzend.
Pass Sanitaire und Pass Vaccinal
Der Pass Sanitaire ist seit 15. Dezember 2021 für alle Menschen über 65 Jahren abgelaufen, sofern sie sich keine dritte Dosis spritzen ließen.
Ab 15. Januar 2022 verlieren auch alle Menschen von 18 bis 64 Jahren ihren Pass Sanitaire, sofern ihre zweite Spritze vor über sieben Monate her ist und sich nicht bis 15.01.2022 die dritte geben lassen.
Nicht mehr im Besitz eines gültigen Pass Sanitaires zu sein, bedeutet, dass man sich für gesellschaftliche Teilhabe testen lassen muss. Mindestens 24,80 € kostet dann der Besuch in der Bibliothek. 24,80 € zusätzlich zum Eintrittskartenpreis der Besuch eines Konzerts, ein Essen im Restaurant, ein Film im Kino, ein Theaterstück, eine Oper. Und der Fahrschein mit dem Fernzug. Regionalzüge und den öffentlichen Personennahverkehr darf man nach wie vor ohne Pass Sanitaire benutzen.
Kommende Woche soll im Parlament über folgende Punkte abgestimmt werden:
Einführung von 3 G am Arbeitsplatz. Olivier Véran verweist auf Deutschland, das damit schon gute Erfahrungen gemacht habe.
Transformation des Pass Sanitaire (Gesundheitspass) in den Pass Vaccinal (Impfpass). Vom Onlinemagazin Brut dazu befragt, worin denn nun genau der Unterschied zwischen dem Pass Sanitaire und dem Pass Vaccinal bestünde, antwortete Olivier Véran: „Ich werde Ihnen das ganz ehrlich sagen: der Pass Vaccinal ist eine verschleierte Impfpflicht. Wir haben festgestellt, dass der Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe weitaus effektiver ist, als Bußgelder zu verhängen.“
Der Pass Vaccinal entspricht dann dem deutschen „1 G“. Von Genesenen ist überhaupt nicht mehr die Rede.
Zahlen
Was der französischen Regierung vor den Festtagen nicht eingefallen ist: Zahlengrenzen für Besuche in Privaträumen festzulegen. Aber die Regierung hat auf ihrer Webseite und in den Medien dazu eingeladen (ja, eingeladen, der Ergotherapeutensprech ist auch in Frankreich auf Regierungsebene angekommen), sich vor Besuchen bei der Familie zu testen. In den Tagen nach Weihnachten wurden dann im Radio täglich „explodierende Fallzahlen“ verlesen. Am 29.12.2021 wurde verlautbart, dass sich in den vergangenen 24 Stunden 208.000 Personen angesteckt hätten. Soll heißen: einen positiven Text hatten. Dann wechselt es vom Ergotherapeutentonfall in die Kriegsrhetorik. Seit Macron im März 2020 erklärt hat: „Wir sind im Krieg. Im Krieg gegen das Virus.“, sind wir in Frankreich daran gewöhnt. So erläutert Véran angesichts der explodierenden Fallzahlen: „Wir stehen zwei Feinden gegenüber. Der Variante Delta, die noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat und der Variante Omikron. Und Omikron ist keine Welle, das ist eine Sturmflut.“
Der Radiosender France Inter kommentiert knapp: „Die maritimen Vergleiche sind mit 'Sturmflut' nun dann aber endgültig ausgeschöpft.“
In der Amtszeit von Emmanuel Macron wurden Krankenhausbetten abgebaut:
2017: 4300 Betten
2018: 4200 Betten
2019: 3400 Betten
2020: 5700 Betten
Diese Zahlen galten bisher als üble Nachrede und Verschwörungstheorie. Am 24.12.2021 wurden sie von der Plattform CheckNews bestätigt, die von der Tageszeitung Libération betrieben wird.
Laut den Mainstream-Medien sind die Krankenhäuser überlaufen, verstopft durch an Covid erkrankte Ungeimpfte, das Personal erschöpft. (Der durch die Impfpflicht weiter verschärfte Personalmangel wird dabei nicht thematisiert.)
Oktober, November und Dezember 2021 stellen sich wie folgt dar: Auf 100 Betten mit Patienten in kritischem Zustand kommen 15 Personen mit der Diagnose Covid-19. Davon sind 3 gar nicht aufgrund einer Infektion mit SARS-CoV-2 ins Krankenhaus gekommen. Von den 12 Patienten, die wegen einer Infektion mit SARS-CoV-2 ins Krankenhaus gekommen sind, sind 6 ungeimpft und 6 geimpft. Eine ausführliche Zusammenfassung der aktuellen Lage in den Krankenhäusern bietet eine PDF-Datei, die Reinfo Covid und Santé Liberté gemeinsam zusammengestellt haben. Sie bezieht sich ausschließlich auf die offiziellen Daten von Santé Publique France. Die Regierung und in ihrer Folge die Medien setzen Zahlen in Beziehung, die nicht zusammengehören, und so kommen sie zu Aussagen wie „9 von 10 Patienten, die mit Covid-19 im Krankenhaus liegen, sind ungeimpft!“.
Inzidenz wie angegeben auf der Seite der französischen Regierung, Stand 27.12.2021: 959.
Inzidenz wie angegeben auf der Seite der Sentinelpraxen Frankreichs, Stand 29.12.2021: 42.
Zum Vergleich: Die Inzidenz der Gesamtheit der respiratorischen Erkrankungen wird dort mit 163 angegeben.
Während Sentinelpraxen Erkrankte zählen, zählt die Regierung positive Tests.
Interessanterweise wird in Frankreich die Prozentzahl der positiven Tests im Verhältnis zu allen durchgeführten Tests erhoben, sie betrug in der Woche 51: 8,73 Prozent. Quelle: Santé publique France.
Epilog
Die weiße Maske des Ministers für Gesundheit und Solidarität hat ein blaues und ein rotes Band. Liberté, Égalité, Fraternité. Ich empfehle, sich 15 Sekunden der Ansprache von Emmanuel Macron vom 9. November 2021 anzusehen, mit etwas Vorlauf von 03:50 bis 04:12. Es gibt in der gesamten Rede einen Kamerawechsel von frontal zu seitlich. Während er weiterspricht, erscheint „Liberté, Égalité, Fraternité“ hinter der Gebärdensprachdolmetscherin, wandert von rechts nach links über den Bildschirm und versinkt dann links vorne. Zuerst versinkt die Brüderlichkeit, dann die Gleichheit und zuletzt versinkt die Freiheit. Ungeschickte Gestaltung? Sarkasmus der Redaktion? Ich bitte um Interpretationen!
Beitragsbild: SuperikonoskopCC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Vor nunmehr 11 Monaten hat Illner mit Söder, Tschentscher und Co die Frage diskutiert, ob der russische Impfstoff Sputnuk V in Deutschland zugelassen werden sollte, Breite Zustimmung, wenn die EMA den Impfstoff zulässt. Wieso kann es denn sein, dass dieser Impfstoff nach knapp einem Jahr noch immer nicht in Deutschland wenigstens genau so eine begrenzte Zulassung hat, wie die nebenwirkungsträchtigen mRNA-Gentherapie-Stoffe? Jetzt wird über Novavax behauptet, dass eine Zulassung unmittelbar bevor steht. Und Stöcker wird vermutlich immer noch vor die Gerichte gezerrt. Aus meiner Sicht, angesichts der offenkundigen Fehlangaben von Pfizer/Biontech, müsste der Biontech-Impfstoff eigentlich unmittelbar vor dem Ende der begrenzten Zulassung stehen. Wann endlich wollen sich diese EU-Granden bequemen, über eine Zulassung anderer wirksamer Impfstoffe nachzudenken? Oder gibt es dort etwa hinter den Kulissen eine Bewegung, die ich nicht erkennen kann?
Danke für den informativen Artikel. Zwei Dinge verstehe ich nicht: 1. (ganz praktisch): Gilt für Restaurants und Hotels ab 15.1. nicht 2 G? Ich habe deshalb heute einen Aufenthalt in Nizza storniert. Im Artikel steht es anders. 2. In Frankreich sind im April 2022 Präsidentschaftswahlen. Wäre es nicht ein leichtes für die Konkurrenten Macrons, sich von diesem hardliner abzugrenzen, indem man eine liberalere Linie fährt? Oder findet es die Mehrheit der Liberty-verliebten Franzosen gut, daß sie und ihre Landsleute aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden, wenn sie sich nicht die Spritze geben lassen? Ich verstehe es wirklich nicht.
Frau Dufond, vielen Dank! Was ist denn das für ein dadaistischer Quatsch: Stehend einen Kaffee trinken: infektiös – sitzend: keine Gefahr?!? Das kann doch niemand mehr ernst nehmen. Vielleicht ist es ja auch ein Test, wie weit man Absurditäten treiben kann? Danke für den Hinweis auf Macrons Rede, das ist wahrhaft beeindruckend subversiv. Könnten wir in Deutschland das nicht auch dem Kanzler anraten? Einigkeit und Recht und Freiheit ließe sich doch auch hübsch am Bildrand versenken.
Kostas @Aslanidis, Sie glauben doch nicht im Ernst, daß Wahlen den Volkswillen repräsentieren? Es zählt schon lange der Spruch: Wichtig ist WER zählt, nicht wer wählt. Es wird so lange gewählt, bis das Ergebnis stimmt, geschoben und betrogen.
@Werner Arning: Genau so ist es. Deshalb lebt sich’s hier auch angenehmer.
Regeln unterlaufen in Ehren, aber es sind doch Proteste, die wichtiger wären, und die scheinen in Frankreich schon versiegt, obwohl die Bürger dort von März 2020 bis jetzt fast immer mehr drangsaliert wurden als in anderen EU-Ländern. Ich wollte am 4. Advent zur Demo des Collectif Anti-Passe in Straßburg und kam wegen einer Innenstadt voller Shopper und Weihnachtsmarktgänger eine Stunde zu spät. Da hatte sich die Demo von vielleicht 250 Leutchen schon verlaufen. Eine Farce in einer Stadt von 300 Tsd. Einwohnern. So wie ganz Europa 2020 mit Bewunderung auf die mächtigen Querdenken-Kundgebungen für die Grundrechte im und aus dem sonst so verschlafenen Ländle schaute, so tut es das jetzt bei den Anti-Impfpflicht-Demos und -Spaziergängen in tausenden von deutschen, österreichischen und niederländischen Orten. Mich würde interessieren, warum die französischen linken Gewerkschaften, Gelbwesten und anderen Initiativen anscheinend nichts vergleichbares auf die Beine bekommen, von Paris vielleicht abgesehen.
Es gibt deutliche Unterschiede zu Deutschland. Nicht in den antidemokratischen, totalitären Schikanen um alle Einwohner in die Spritze zu treiebn, sondern darin, dass es die Nachbarn mit den Vorschriften nicht so genau nehmen und dass am 10. April Präsidentschaftswahlen sind. Ich gehe davon aus, dass die Franzosen nicht so dämlich sind wie die Deutschen und einen politischen 180 Grad Wechsel anstreben. Macron und seine Corona Faschisten werden danach hoffentlich Geschichte sein.