Eine gewisse Verwandtschaft hat dieses Raunen mit den damaligen Positionen zur Todesnacht von Stammheim. Auch bei denen war die Behauptung, es habe sich nicht um Suizide gehandelt, weniger eine Analyse der Todesumstände als vielmehr eine Anklage des – aus Sicht der entsprechenden Parteigänger – „Schweinesystems“, an der sich auch nichts ändern würde, wenn es doch Suizid war.
Kundenliste oder Schwindel?
Aus dem anhaltenden Raunen um Epstein wurde die politische Forderung nach Aufklärung, insbesondere durch die Veröffentlichung der „Epstein-Akten“, deren Kronjuwel eine angebliche „Kundenliste“ Epsteins sei, voller Prominenter, die von Epstein die sexuellen Dienstleistungen minderjähriger Mädchen erhalten hätten. Erstaunlich daran ist nun, dass ein und dieselben Politiker zum einen Zeitpunkt die Enthüllung dieser Geheimnisse fordern und zum Wahlversprechen machen konnten, zu einem anderen Zeitpunkt dann behaupten konnten, es sei schon alles offengelegt, es gäbe nichts weiter zu sehen, man solle sich um wichtigere Dinge kümmern.
Justizministerin Pam Bondi verwickelte sich in den größten Widerspruch diesbezüglich, als sie im Februar 2025 behauptete, die Kundenliste Epsteins liege auf ihrem Schreibtisch und sie sehe sie in Vorbereitung auf die Veröffentlichung durch, im Juli dann aber behauptete, eine solche Liste existiere gar nicht. Donald Trump hat als Oppositionspolitiker und nach seinem Regierungsantritt die Veröffentlichung angekündigt. Ab letztem Juli war er der Meinung, es handle sich bei den Epstein-Akten um einen „Schwindel“ und „sie könnten erfundene Dinge in die Akten stecken.“ Bei der Demokratischen Partei entwickelte sich die Position zu der Frage umgekehrt. Wer gerade an der Macht ist, will offenbar die Veröffentlichung verhindern, wer nicht an der Macht ist, will denen, die es sind, Vertuschung vorwerfen, und nach einem Machtwechsel werden die Positionen einfach ausgetauscht.
Überdruck
Der Druck, die Akten zu veröffentlichen, stieg nach Juli 2025 an, denn er kam von zwei Seiten. Einerseits verlangen die Demokraten als parteipolitische Opposition die Offenlegung, entweder in der Hoffnung, dass Enthüllungen den Präsidenten diskreditieren würden, oder in der Hoffnung, dass die Weigerung der Republikaner sie diskreditieren würde. Andererseits wollte aber der Kern von Trumps populistischer MAGA-Bewegung, dessen Kernbeschwerde gerade ist, dass die Eliten es auf Kosten der einfachen Leute zu wild treiben, Aufklärung, sicher oft verbunden mit der Hoffnung, ein möglichst süffiger Skandal werde das ganze System entlarven.
Im November wurde der Druck unwiderstehlich und Präsident Trump empfahl seinen Parteifreunden im Kongress, einem Gesetz zur Freigabe der Akten zuzustimmen, laut seiner Pressemitteilung, „weil wir nichts zu verstecken haben und es Zeit ist, diesen Demokraten-Schwindel hinter uns zu lassen, den Radikale Linke Verrückte begehen, um von dem Großen Erfolg der Republikanischen Partei abzulenken [ungewöhnliche Großschreibung wie im Original].“ So wurde der Epstein Files Transparency Act beschlossen, ein durchaus ungewöhnliches Sondergesetz, das ungeachtet sonstiger Vorschriften zum Schutz der Privatsphäre die Veröffentlichung aller Akten zur Strafverfolgung Epsteins innerhalb von 30 Tagen forderte.
Dreieinhalb Millionen Seiten
Ganz so schnell, wie vom Gesetz gefordert, ging es dann doch nicht, denn auch unter diesem Gesetz waren ermittlungsrelevante Daten und private Daten zu mutmaßlichen Opfern zu redigieren. Nach einer ersten Lieferung im Dezember wurden am 30. Januar die laut Ansicht des Justizministeriums vollständigen Daten auf einer öffentlich zugänglichen Website veröffentlicht, inklusive einer Volltextsuchfunktion. Man muss anklicken, kein Roboter zu sein, und dann, durchaus ungewöhnlich für regierungsamtliche Veröffentlichungen, dass man über achtzehn sei, was aber nicht näher geprüft wird, und dann kann man sie lesen.
Bei der nun zugänglichen Veröffentlichung handelt es sich um ein in mehrere Abteilungen untergliedertes Konvolut von rund dreieinhalb Millionen Aktenseiten, knapp zweihunderttausend Bilddateien und zweitausend Videos. (Hier findet sich eine Einführung in die Struktur der Akten.) Viele davon sind Alltagsdokumente, sodass die am einfachsten zu generierende Metrik bezüglich bestimmter Personen, nämlich die Anzahl der Treffer für ihren Namen, vollkommen nichtssagend ist. Ein Suchtreffer kann ebenso gut darauf beruhen, dass jemand in einem Zeitungsartikel erwähnt wurde, den jemand per E-Mail weitergeleitet hat, wie auch darauf, dass man sich auf Epsteins Privatinsel verabredet hat. Dankenswerterweise haben sich Analytiker die Mühe gemacht, die Dokumente und die Beziehungen zwischen verschiedenen Personen und Firmen, die sich aus ihnen ergeben, in Graphen einzuordnen, die man dann visualisieren kann. Das können bei dem gegebenen Datenumfang nur Anfänge sein, aber selbst bei denen wirkt eine graphische Visualisierung schon wie ein sternengefülltes Firmament.
Das Netzwerk der Eliten
Die von Pam Bondi vor einem Jahr versprochene Kundenliste war nicht unter den Dokumenten. Es scheint mir auch unwahrscheinlich, dass sie existiert, denn eine Kunden/Auftraggeber-Beziehung wie bei einem schnöden Zuhälter, der jedenfalls theoretisch einen Beleg mit Kunden- und Auftragsnummer für einzelne Transaktionen schreiben könnte, scheint es im System Epstein nicht gegeben zu haben. Eher scheint es sich um einen Klüngel zu handeln, bei dem man sich ohne direkte Bezahlung Gefallen tut, sich besucht, gerne mit Transport im Privatflugzeug des Gastgebers, dabei Vorteile jenseits eines Abendessens erhält, und ein solches System funktioniert ohne Kundenlisten und Quittungen.
Was man aber wohl findet, ist ein soziales Netzwerk der globalen Eliten aller Felder. Epstein hatte in der einen oder anderen Form Kontakt mit amerikanischen Politikern aller Schattierungen, insbesondere auch Trump und den Clintons, auswärtigen Politikern von Norwegen bis Australien, Hochadel von Bismarck bis zum Sultan von Brunei, Unternehmern und Milliardären, Unterhaltern und Journalisten, Sportfunktionären und Sportlern, Wissenschaftlern und Wunderheilern. Natürlich fehlen, die Klischees müssen bedient werden, auch die Rothschilds nicht. Die Art dieser Kontakte wird vielfach aber nicht klar, und bei einem berufsmäßigen Netzwerker liegt nahe, dass er prominente Kontakte eher extensiv in Adressbücher eintragen oder ihnen eine E-Mail oder Geburtstagskarte schicken wird, ohne dass das viel bedeuten muss.
Suggestive Zweideutigkeit
Ein interessantes Dokument in diesem Zusammenhang ist ein dreibändiges Buch mit Erinnerungen und Glückwünschen zu Epsteins fünfzigstem Geburtstag, das schon vor dem jetzt freigegebenen Konvolut bekannt wurde. Eine Seite mit der Unterschrift Donald Trumps, der allerdings die Echtheit bestreitet, enthält, eingerahmt in der Zeichnung eines Frauenkörpers, eine fiktive Konversation zwischen den beiden, die mit Trumps Spruch endet: „Ein Kumpel ist eine wunderbare Sache. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag – und möge jeder Tag ein anderes wunderbares Geheimnis sein.“ Die Art der Kumpanei und der Geheimnisse wird allerdings nicht näher ausgeführt.
Vom Spitzenjuristen Alan Dershowitz gab es eine fiktive Titelseite des Magazins „Vanity Unfair,“ das verspricht, der Inhalt werde sich mit dem Liebesleben Epsteins und der Frage, ob er al-Qaida finanziere, beschäftigen. Nathan Myhrvold, vermutlich knapper Microsoft-Milliardär, Investor und Autor definitiver (und empfehlenswerter) Kochbücher, trug Bilder koitierender afrikanischer Tiere bei, mit der Erklärung, „sie schienen passender als alles, was ich in Worte fassen könnte.“ Ein weiterer Beitrag meinte: „Um dem Leben mehr Würze zu geben; treibt Jeffrey jetzt öfter sein Streben: bei jeglichem Anlass, fast ohne viel Nachlass, verletzt er die Sitte im Leben.“ Das kann alles und nichts bedeuten.
Die Reaktionen der in den Dokumenten erwähnten Personen sind ebenso zweideutig wie die vorherigen der direkt Beschuldigten.
Ein Rätsel führt zum nächsten
Der ehemalige Prinz Andrew bestreitet einerseits die Vergewaltigungsvorwürfe Virginia Giuffres, hat sich mit ihr aber andererseits auf einen Vergleich geeinigt, der schon für sich seine Finanzen ruiniert hat und durch die Implikationen dieser Zahlung sein Leben. Alan Dershowitz, der mit seinen juristischen Prognosen für gewöhnlich richtig liegt, meinte dazu, dass Andrew den Prozess, den Giuffre gegen Andrew angestrengt hat, gewonnen hätte. Giuffre hat wiederum auch Dershowitz bezichtigt, sie sexuell missbraucht zu haben und ihn verklagt, diese Klage dann aber zurückgenommen – sie könne sich getäuscht haben.
Damit steht man vor einem Rätsel: Dass ein kriegserfahrener Kampfpilot und Spross eines regierenden Königshauses ohne Grund Schutzgeld zahlt und damit sein Leben ruiniert, kann man sich so schlecht vorstellen, wie dass einer der fähigsten Juristen und Strafverteidiger der Welt nicht erkennen würde, dass der Missbrauch von Minderjährigen eine wirklich dumme Idee wäre. Als Lösung des Rätsels hat Dershowitz etwas vorgeschlagen, das zwar plausibel, aber wiederum nur ein Rätsel ist: „Oft einigt man sich auf Vergleiche, nicht weil man das getan hat, was einem vorgeworfen wird, sondern weil man nicht andere Dinge zugeben will, die man getan hat.“
Was geschah?
So ähnlich wie mit dem Rätsel, welche unaussprechlichen Dinge Andrew in einem Prozess nicht entdeckt haben wollte, verhält es sich nun auch mit den Reaktionen praktisch aller, die in den neu enthüllten Akten zu direkt erwähnt werden, um die Verbindung einfach abstreiten zu können. Sie alle, von Bill Gates bis zum britischen Botschafter Mandelson, drücken große Zerknirschung über ihre „Verbindung“ zu Epstein aus. Jemanden irgendwie als sozialen Kontakt zu kennen, ist nun aber nicht eigentlich verwerflich, auch wenn sich später herausstellen sollte, dass diese Person ein schimpfliches Doppelleben führte, solange man davon nichts wusste. Dafür bräuchte man weder Zerknirschung zu zeigen noch zu fühlen.
Der ganze Reigen der Prominenten bereut also öffentlich eigentlich nur, dass die Verbindung zu Epstein bekannt geworden ist. Das macht aber eigentlich auch nur Sinn, wenn es im eigenen Verhalten in Verbindung mit dieser Sache etwas gibt, das einen nicht gut dastehen lässt – ob das nun der gemachte Vorwurf oder eine andere Sache ist, ist die Frage. Bill Gates erklärt, er sei „närrisch“ gewesen, aber die genaue Natur der Narretei überlässt er der Vorstellungskraft.
Eine Antwort darauf, wie das System Epstein funktionierte, kann ich aus dem Bekannten also nicht geben. Ich möchte aber drei Wege vorschlagen, um sich dem Rätsel anzunähern: Was machte Epstein zu einem der bestvernetzten Menschen der Welt? Woher kam sein Geld? Und welche Dimension der Kriminalität im Bereich des sexuellen Missbrauchs lag vor, mit welchem Erpressungspotenzial?
Matthäus
Jeffrey Epstein war ohne Frage einer der bestvernetzten Männer der Welt. Das Rätsel, das ich zumindest aufstellen will, ohne es beantworten zu können, ist: Warum war es ausgerechnet er?
Verschwörungstheoretiker machen gerne einen Vorwurf alleine schon daraus, dass sich in einer Gruppe von Menschen alle zu kennen scheinen. Der Umstand, dass manche Menschen drastisch besser vernetzt sind als andere, ist für sich genommen keineswegs erklärungsbedürftig. Die mathematische Disziplin der Graphen- und Netzwerktheorie gibt mit der Theorie skalenfreier Netze eine Erklärung dafür, wie es kommt, dass die Anzahl der Kontakte verschiedener Menschen einem Potenzgesetz folgt, in dem einige wenige extrem viele Kontakte haben, die meisten anderen aber ziemlich wenige. Dieser Umstand wird allgemeiner auch als der Matthäus-Effekt bezeichnet, nach Matthäus 25,29: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“
Fitness
Für die Entstehung dieses Effekts in Bezug auf soziale Kontakte kommen zumindest zwei Mechanismen infrage: Einerseits führt im Barabási-Albert-Modell ein Mechanismus der bevorzugten Anbindung zu diesem Resultat. Wenn der Besitz von Kontakten dazu führt, dass man alleine deswegen schon bevorzugt neue Kontakte knüpft, dann führt das zu diesem Potenzgesetz. Ein weiterer Mechanismus tritt im Bianconi-Barabási-Modell auf, in dem relativ kleine Unterschiede in der „Fitness“, definiert als die Gesamtheit aller Umstände, die das Knüpfen von Kontakten erleichtern, eine solche Verteilung hervorrufen.
Beim Knüpfen sozialer Kontakte sind offensichtlich beide Mechanismen gegeben. Wer mehr soziale Kontakte hat, gar jeden Tag mit anderen Bekannten zu Abend isst, knüpft einfacher neue Kontakte als jemand, der einsam in seiner Stube hockt. Wer mit einem Startkapital an Charme, Geld, Schönheit, Talent und dergleichen begabt ist, knüpft leichter neue Kontakte als jemand, der diese Gaben nicht hat. Daraus alleine erklärt sich eine enorme Ungleichverteilung solcher Kontakte als eine Konstante menschlicher Existenz.
Charme
Was sich aus der Netzwerktheorie allerdings nicht erklärt, ist, worin genau die „Fitness“ bestand, die ausgerechnet Jeffrey Epstein zum Zentrum eines sozialen Netzwerks der Mächtigen machte. Es ist einfach zu sehen, warum beispielsweise ein Regierungschef sehr gut vernetzt ist: Man braucht überdurchschnittliche Talente als Netzwerker, um Regierungschef zu werden, und wenn man es ist, dann wollen viele Menschen an einen heran, um sich im Glanz der Macht zu sonnen und Einfluss oder jedenfalls dessen Schein zu bekommen.
Jeffrey Epstein war – das erkennt man bereits an den schmachtenden E-Mails, die ihm selbst von einer Prinzessin, die sich bereits einen Prinzen eines regierenden Königshauses geangelt hatte, geschrieben wurden – sicherlich mit einem außergewöhnlichen Charme begabt. Aber das sind noch mehr Menschen. Ansonsten war er aber ein Studienabbrecher aus einfachen Verhältnissen, und das Nächste, was er als bürgerlicher Beruf ausübte, war eine Tätigkeit als eine Art Steuerberater für zwei wesentliche Klienten. Dieser Beruf ist eigentlich nicht für sein besonderes Netzwerkpotenzial bekannt.
Was also hatte Epstein anzubieten, das ihm augenscheinlich eine ganz außergewöhnliche „Fitness“ als Netzwerker verlieh? In irgendeiner Weise konnte er den Leuten geben, was sie wollten. Eine pessimistische Interpretation wäre natürlich, dass tatsächlich die Zuführung minderjähriger Frauen das ist, was die Reichen und Schönen – oder jedenfalls ein Teil von ihnen – am meisten begehren. Wer regelmäßig bei Veranstaltungen mit „networking breaks“, bei denen man mit anderen Teilnehmern netzwerken soll, bestenfalls interessante Beobachtungen, sonst eher Belanglosigkeiten austauscht und am Ende nicht vernetzter ist als vorher, kann da ins Grübeln kommen.
Die Spur des Geldes
Die Frage nach der Herkunft von Epsteins Netzwerk führt uns zur zweiten Frage: die Herkunft seines Reichtums. Diese Frage dürfte im Prinzip von Ermittlern mit Zugang zu Dokumenten am ehesten zu beantworten sein, denn finanzielle Transaktionen hinterlassen Spuren.
Epstein soll zum Zeitpunkt seines Todes ein Vermögen von 578 Millionen Dollar besessen haben. Angefangen hat er mit nichts, trotz einiger Talente das Studium abgebrochen, dann zunächst an einer Schule Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet. Da soll er mit einem Pelzmantel voller Länge herumgelaufen sein und auf die Schülerinnen, nur wenig jünger als er, einen charmanten, aber auch schrägen und bisweilen unheimlichen Eindruck hinterlassen haben. Schon wie er ohne Abschluss diesen Job als Lehrer an einer teuren Privatschule bekommen hat, ist ungeklärt.
„Arm, schlau und verzweifelt nach Reichtum“
An dieser Schule soll er dann auf die Tochter des damaligen Chefs der Investmentbank Bear Stearns, wie auch immer, einen solchen Eindruck hinterlassen haben, dass sie ihren Vater davon überzeugt hat, ihn ohne Studienabschluss oder sonstige passende Qualifikation einzustellen. Der war ohnehin auf der Suche nach einem Persönlichkeitsmuster, das er „PSD“ nannte, „poor, smart, and desperate to be rich,“ arm, schlau und verzweifelt nach Reichtum. Das traf auf Epstein sicher zu.
Da hatte er dann einen Job als eine Art Hilfsverkäufer, mit einem sechsstelligen Salär, das für einen Studienabbrecher sehr gut war, in der Welt von Bear Stearns aber eher mager, und stieg dann schnell zum Händler und sogar zum Partner auf. Dieses Unternehmen musste Epstein dann verlassen, was einerseits mit einer Insiderhandelsaffäre, andererseits mit einem verbotenen Privatkredit an einen Freund zum Kauf von Wertpapieren in Verbindung gebracht wurde. Schon damals soll er mit Betrügereien Freunden Gefallen getan haben, beispielsweise indem er auf Flugtickets Aufkleber für Upgrades in die erste Klasse angebracht haben soll, die zwar nicht echt waren, aber oft funktionierten.
„Großartig: Kein moralischer Kompass“
Als Nächstes war Epstein wohl in einer Geschäftsverbindung mit Steven Hoffenberg, der gerade dabei war, mit Towers Financial eines der größten Ponzi-Systeme bis dahin zu betreiben, mit einem Schaden von knapp einer halben Milliarde und zwanzig Jahren Haft als Strafe. Hoffenberg behauptete, Epstein sei einer der Hauptbeteiligten an diesem Betrug gewesen. Allerdings verließ Epstein die Firma rechtzeitig und wurde nie angeklagt.
Der britische Waffenhändler Douglas Leese soll damals Epstein, was als Lob gemeint war, gegenüber Hoffenberg attestiert haben: „Der Typ ist ein Genie. Er ist großartig im Verkauf von Wertpapieren. Und er hat keinen moralischen Kompass.“ Hoffenberg behauptete dann in einem Prozess, dass Gewinne aus diesem Betrug der Grundstock eines von Epstein betriebenen Hedgefonds gewesen seien. Hoffenberg wollte dann übrigens nach seiner Entlassung, mit wie auch immer noch vorhandenem Geld, den Wahlkampf Donald Trumps mit 50 Millionen unterstützen, überwarf sich aber schnell mit ihm.
Seinen wirklichen Durchbruch hatte Epstein dann mit seiner Geschäftsbeziehung zu zwei Milliardären.
Unterwäsche und Generalvollmacht
Zunächst war das mit Les Wexner, dem Gründer einer Reihe von Markenartikelverkäufern, am bekanntesten darunter die Unterwäschemarke Victoria’s Secret. Wexner soll Epstein über zweihundert Millionen Dollar für Leistungen wie Vermögens-, Steuer- und Erbschaftsplanung bezahlt haben, und Wexner überließ Epstein auch ein Haus in Manhattan, das einen zweistelligen Millionenbetrag wert war, nachdem Wexner wegen der Heirat einer jungen Schönheit mehr Platz brauchte.
Es ist nun kaum ersichtlich, welche Leistungen Epstein erbringen konnte, die derart hohe Gebühren rechtfertigen würden. Die in dieser Hinsicht erfolgreichste Anwaltssozietät, Kirkland & Ellis, erzielte 2024 einen Gewinn von knapp zehn Millionen pro vollem Partner und einen Umsatz von knapp zwei Millionen pro beschäftigtem Anwalt. Das sind stolze Summen, aber selbst zu diesen Preisen hätte Wexner jede legale Beratungsleistung, die Epstein, der offenbar kein größeres Team beschäftigte, hätte erbringen können, zu einem Bruchteil des an Epstein bezahlten Preises erhalten können.
Noch erstaunlicher: Bereits 1991 hatte Epstein eine Generalvollmacht, für Wexner beliebige Rechtsgeschäfte abzuschließen, eine extrem ungewöhnliche Konstruktion. Das letzte Mal, als ich von einer solchen Generalvollmacht für einen Geschäftspartner gehört habe, war es, als der Rapper Bushido eine solche an Arafat Abou-Chaker ausgestellt hatte. Die bekannten Gründe, warum man solche Vollmachten nicht ausstellen sollte, scheinen auch im Falle Wexners vorgelegen zu haben, denn der beschuldigte später Epstein, sich mit mindestens 46 Millionen Dollar aus seinem Vermögen bedient zu haben, woran zwar die Geschäftsbeziehung zerbrach, was Wexner offenbar jedoch nicht weiterverfolgte. Auch das überrascht.
Apollo und Dionysos
Epsteins zweiter wesentlicher Klient war Leon Black, der Gründer des Private-Equity-Unternehmens Apollo Global Management. Der hatte nach dem Börsengang seines Unternehmens 2011 viel flüssiges Geld und wollte wohl Strategien erarbeitet haben, um Einkommen- und Erbschaftsteuern zu reduzieren. Für derartige Dienstleistungen soll Black Epstein mindestens 150 Millionen Dollar bezahlt haben.
Epstein soll Black auch dabei beraten haben, wie Black einer Ex-Freundin, die ihn wegen eines sexuellen Übergriffs beschuldigte, Millionen für ihr Stillschweigen zahlen könne. Auch in diesem Fall ist vollkommen unklar, warum Black solche Summen an einen Studienabbrecher bezahlt hat, wenn er jede legale derartige Dienstleistung für einen Bruchteil des Geldes von den besten Anwälten und Steuerberatern, die man für Geld anheuern kann, hätte erhalten können.
Talent oder dunkles Geheimnis?
In der Herkunft von Epsteins unwahrscheinlichem Vermögen scheint mir viel mehr der Schlüssel zur Epstein-Affäre zu liegen als in allen Mutmaßungen über die Wahrheit oder Unwahrheit von Anschuldigungen bezüglich Sexualstraftaten.
War „Der Talentierte Mr. Epstein“ ein begnadeter Betrüger, der mit seiner Wirkung auf junge Frauen und alte Männer sich von einem Betrug zum anderen hangelte und sich dann aus den Profiten dieser immer größeren Betrügereien Freunde und Einfluss gekauft hat um seine Eitelkeit zu befriedigen, noch größere Betrügereien vorzubereiten oder sich vor Strafe zu immunisieren? Oder gab es schon damals irgendein dunkles Geheimnis, das zwei geschäftserfahrene Milliardäre und Unternehmer mit Zugang zu den besten Anwälten bewogen haben mag, einem Studienabbrecher und Betrüger phantastische Summen als eine Art Schutzgeld zu zahlen? Das scheint mir die Schlüsselfrage zu sein, auf die Kontoauszüge vermutlich eher Auskunft geben könnten als Schilderungen sexueller Übergriffe.
Ein übles Genie und alle anderen Opfer?
Die dritte Frage, die sich mir aufdrängt, und die politisch unkorrekteste unter den Dreien, ist die nach der Rolle der beteiligten Frauen und möglichen Opfern. Die wiederum könnte Hinweise auf die Wahrscheinlichkeit der Existenz dunkler Geheimnisse jenseits finanzieller Betrügereien in Epsteins finanziellem Aufstieg liefern. Epstein ist tot, und mögliche Mittäter haben ein erhebliches Interesse daran, ihn als pervertiertes Genie und Inkarnation des Bösen darzustellen, dementsprechend alle anderen als reine Opfer, oder sich selbst als reines Opfer und noch weitere Beteiligte als Mittäter. Das ist eine Konstellation, die man nicht nur aus der deutschen Geschichte zu gut kennt.
Wir haben da einerseits die Schilderung von Virginia Giuffre, deren ganzes Leben, von der Kindheit bis zur Ehe im Erwachsenenalter, offenbar eine Geschichte des Missbrauchs durch Männer war. Die war vor häuslichem Missbrauch geflohen und hatte als minderjährige Teenagerin eine Anstellung als Rezeptionistin bei Donald Trumps Mar-a-Lago gefunden. Da traf sie dann auf Epsteins Freundin und Mädchenbeschafferin Ghislaine Maxwell, die ihr eine Anstellung bei Epstein als Masseuse verschaffte. Laut eigener Aussage empfand sie es als „Chance“, als der nackte Epstein vor ihr lag und massiert werden wollte. Der soll sie dann für Massagen und sexuelle Dienstleistungen herumgereicht haben, unter anderem an Andrew und Dershowitz. Bezüglich Dershowitz hat sie dann ja ihre Anschuldigungen zurückgezogen. War das, weil sie fürchtete, in einem Prozess um die Existenz eines der fähigsten Juristen zu verlieren, obwohl sie recht hatte, oder weil ihre Geschichte Löcher hatte? Wir wissen es nicht. Ich habe jedes Mitgefühl für Opfer sexueller Ausbeutung, aber der feministische Ratschlag „Glaube immer den Frauen“ ist auch kaum ein Rezept zur Ermittlung der Wahrheit.
Milliardäre geangelt
Andererseits haben wir auch die Geschichte von Eva Andersson-Dubin. Die war Jahrgangsbeste an ihrer Schule in Schweden, wurde dann – mit welchem Zutun zu der Zufallsbegegnung auch immer – als Model „entdeckt“ und dann Miss Schweden. Vom Alter von zwanzig bis neunundzwanzig Jahren war sie Epsteins Freundin, studierte Medizin, traf dann den Fund-of-Funds-Pionier und heutigen Milliardär Glenn Dubin und heiratete ihn. Epstein wurde der Patenonkel ihrer vier Kinder mit Dubin. Epstein behauptete jedenfalls auch, dass Melania Trump mit ihrem zukünftigen Ehemann und dem heutigen amerikanischen Präsidenten zum ersten Mal in seiner Boeing 727 verkehrte, und Melania war in ihren Schilderungen ziemlich offen darüber, wie sie sich ihren Milliardär geangelt hat. Darin liegt keine moralische Wertung, sondern die Anerkennung einer Strategie. Man kann dieses Spiel der Eitelkeiten verachten, aber man kann nicht so tun, als säßen am Tisch der High Society nur Wölfe und Lämmer. Manchmal sitzen dort einfach nur Geschäftsleute, und manche davon tragen Abendkleider.
Wer etwas Erfahrung im Leben und mit der Damenwelt hat, kann sich sicher sein, dass die Anzahl der Frauen, die für die Chance, sich einen Milliardär zu angeln, ziemlich viel tun würden, so gering nicht ist. Es gibt genügend, die schon eine Einladung zu einem Abendessen oder einem Sitzplatz in einer Diskothek, die den Verkauf jeder gnadenlos überteuerten Flasche Schaumwein mit dem Abbrennen von Feuerwerk feiert, als einen grandiosen Erfolg der Vermarktung ihrer Reize ansehen.
„Besser als schwul“
Diese Art von Anziehung zwischen älteren, mächtigeren Männern und jungen, aufstrebenden Frauen ist jedenfalls nicht neu. Franz Josef Strauß hielt sich als amtierender Minister mehr oder minder offen eine siebzehnjährige Freundin, bis seine Frau zu deren Eltern fuhr und die Sache beendete. Silvio Berlusconi kam wegen seiner Beziehung zur siebzehnjährigen Demimondaine mit dem Künstlernamen Ruby Rubacuori nach einer erstinstanzlichen Verurteilung wegen Förderung der Prostitution Minderjähriger in der Berufung mit einem Freispruch heraus. Der kommentierte das dann noch 2010, also nach dem Zenit des Systems Epstein, mit dem lapidaren Ausspruch: „Wie immer arbeite ich ohne Unterlass, und wenn ich gelegentlich einem schönen Mädchen ins Gesicht schaue, dann ist es besser, schöne Mädchen zu mögen, als schwul zu sein.“ Das muss man erst einmal bringen, aber es spricht jedenfalls gegen ein Unrechtsbewusstsein in den entsprechenden Kreisen.
Es scheint also ein Kontinuum zu geben zwischen Frauen, die jedenfalls aus offensichtlich erkennbaren Notlagen heraus in das Epstein-Reich geraten und bewusst ausgenutzt wurden – Fälle, die juristisch und moralisch zweifelsfrei als Verbrechen zu ahnden sind. Doch am anderen Ende dieses Spektrums stehen Frauen, die ihre Schönheit durchaus bewusst als Vermögenswert mit hoher jährlicher Abschreibung einsetzen. Wer diese Frauen pauschal zu Opfern erklärt, spricht ihnen nicht nur ihre Mündigkeit ab, sondern verkennt auch die ökonomische Realität eines Milieus, in dem Schönheit eine harte Währung ist, die ganz nüchtern gegen Status getauscht wird.
Ebenso scheint es unter den Männern ein Kontinuum zu geben zwischen solchen, die derartige Affären als natürlichen Ausfluss der Attraktivität ihres Erfolgs ansehen, und solchen, denen die Zustimmung der Frau schlicht egal ist. Auf welchen Bereichen dieses Kontinuums sich das System Epstein abgespielt hat, wäre von einigem Interesse, will man es nicht auf die Machenschaften eines wie auch immer verstorbenen Bösewichts reduzieren, sondern in seiner Komplexität verstehen.
Zwanzig für Siebzehn
Nun hatten natürlich Strauß und Berlusconi den Vorteil, in Ländern zu agieren, in denen die strafrechtlichen Vorschriften zum Schutz Minderjähriger eher laxer waren und sind. Das allgemeine Schutzalter in Deutschland war und ist vierzehn Jahre; damals gab es noch eine Vorschrift zur Verführung „unbescholtener“ Mädchen unter sechzehn Jahren. Berlusconi konnte sich auf die Unschuldsvermutung berufen, das Alter des Mädchens nicht gekannt zu haben.
Amerika hat dagegen eine puritanische Tradition. Das Schutzalter, unter dem man dem Geschlechtsverkehr nicht zustimmen kann, variiert, wie auch das heiratsfähige Alter, von Bundesstaat zu Bundesstaat, mit Sonderregelungen bei Zustimmung eines Gerichts usw. Weitere Regelungen gibt es im Bundesrecht für das Verbringen über Grenzen von Bundesstaaten und sogar extraterritorial. Je nach Bundesstaat wird der Mangel an Zustimmungsfähigkeit vom Recht dahingehend interpretiert, dass es sich bei aus Sicht beider Seiten noch so einvernehmlichem Verkehr um eine Art der Vergewaltigung oder des gewaltsamen sexuellen Übergriffs handle, mit entsprechenden Strafmaßen. Als seltene Ausnahme vom eigentlichen Prinzip des Strafrechts, dass zur Verwirkung der Strafe die mens rea, die böse Absicht, erforderlich sei, ist Unkenntnis des wahren Alters keine Verteidigung. Daraus folgt dann der Spruch, es gebe „zwanzig für siebzehn“, zwanzig Jahre Haft, wenn das Mädchen sich als siebzehn Jahre alt herausstellt.
Christliche Werte
Andererseits durfte bei der gestrigen alternativen, konservativen Halbzeitshow, veranstaltet von der konservativen und christlichen Organisation Turning Point USA, zum Superbowl Kid Rock auftreten, mit dem sich auch Präsident Trump gerne zeigt. Der aber sang in einem 2001 aufgenommenen Lied zu diesem Themenkomplex: „Junge Damen, junge Damen, ich mag sie minderjährig; Seht, manche sagen es sei Vergewaltigung; ich sage, es ist unabdingbar.“ Die Maßstäbe sind offenbar flexibel.
Bisweilen führt der Maßstab des positiven Rechts auch zu allgemein als absurd angesehenen Ergebnissen. Gerade geht ein Fall durch die Medien, in dem ein Lehrer mit einer Schülerin an seiner Schule, aber nicht seiner, nach ihrem Schulabschluss und während sie volljährig war, eine sexuelle Beziehung hatte. Dafür drohen ihm jetzt wohl eher theoretische zwanzig Jahre, aber jedenfalls die Existenzvernichtung als registrierter Kinderschänder, während die Sache legal und straffrei gewesen wäre, hätten die beiden neunzig Tage nach dem Schulabschluss gewartet.
„Die Suche nach der Essenz“
Aus einer Rechtslage, die Kinderschänder und sogar einvernehmliche Konstellationen mit Jugendlichen oder gar jungen Erwachsenen in einen Topf wirft, wenn auch mit stark abweichenden Strafmaßen und Verfolgungsintensitäten, scheint mir auch das Missverständnis zu entstehen, dass es sich bei Epsteins System um einen weltumspannenden Pädophilenring gehandelt habe. Nichts des bisher Bekannten spricht dafür, dass bei Epstein oder seinen Begünstigten eine Paraphilie im Sinne einer sexuellen Fixierung auf Kinder vorgelegen habe. Die Suche mächtiger Männer nach Frauen am Anfang des fruchtbaren Alters ist wohl in gewissem Maße ein genetisch angelegtes Programm, das nicht nur Kid Rock, sondern auch weniger krude Animotion besungen haben, ohne Probleme im Radio spielfähig. („Jeder Mann hat einen Hunger; er kann den stärksten Willen überwältigen; besonders wenn die Frau jünger ist […] Die Suche nach der Essenz im Herzen einer jüngeren Frau; Adoleszenz [fleischlich] zu erkennen, ist die feinste Kunstform.“)
Diese Spannung zwischen Rechtslage, Volksempfinden, Popkultur und dem Anspruchsdenken der Mächtigen, die meinen, die Welt habe ihnen zu Füßen zu liegen, ist wiederum von gewisser Relevanz für das Erpressungspotenzial, das Epstein oder andere gehabt haben mögen. Wenn sich herausstellt, dass Begegnungen, die mindestens aus Sicht des mächtigen Mannes, vielleicht zur Zeit des Vorfalls aber auch aus Sicht aller Beteiligten, einvernehmlich waren, drastischste und existenzvernichtende Strafmaße nach sich ziehen, dann ist der Erpressungspotenzial offensichtlich. Niemand bestreitet die Notwendigkeit, Minderjährige vor Übergriffen zu schützen. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Die Frage ist jedoch, ob ein Rechtssystem, das zwischen echter sexueller Gewalt und empirisch häufigen einvernehmlichen Handlungen unter Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kaum mehr unterscheidet und beides mit drakonischen Strafen belegt, wiederum Tür und Tor für Erpressung öffnet.
Russland und Israel
Dieses Erpressungspotenzial könnte einerseits von Epstein selbst ausgeübt worden sein, andererseits könnten es auch beliebige Dritte getan haben. Zeugen behaupten, Epstein habe belastendes Videomaterial von Clinton und Andrew besessen. Manche gehen davon aus, dass es sich beim ganzen System Epstein um eine „Honigfalle“ gehandelt habe, mit der kompromittierendes Material über möglichst viele Mächtige gesammelt werden sollte. Manche führen Verbindungen Epsteins nach Russland an, andere nach Israel. Es könnten natürlich auch Geheimdienste oder nahezu beliebige andere Mitwisser nachträglich ein Geschehen erpresserisch ausgenutzt haben, das im Ursprung lediglich der Kauf von Einfluss eines begnadeten Betrügers gewesen sein mag.
Eine Auflösung des Systems Epstein kann ich nicht anbieten. Ich habe starke Zweifel, dass diese Auflösung in den veröffentlichten Akten zu finden ist, auch wenn sich in dreieinhalb Millionen Seiten viel verbergen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich nicht um einen Kinderschänderring der „Globalisten“ handelt, wie er schon Gegenstand der Pizzagate-Verschwörungstheorie war, damals mit den Clintons als angeblichem Zentrum, wegen derer jemand gar eine Pizzeria beschossen hat, in deren Untergeschoss er sexuell missbrauchte Kinder vermutete, die aber gar kein Untergeschoss hat. Andererseits bin ich mir auch ziemlich sicher, dass viele der Prominenten, die jetzt ihre „Verbindung“ mit Epstein mit Heulen und Zähneklappern bereuen, jedenfalls mehr zu bereuen haben als unschuldige soziale Kontakte. Wie weit sich das gerichtsfest beweisen lässt, steht auf einem anderen Blatt.
Schweinesystem?
Präsident Trump meint, die Amerikaner sollten die Epstein-Affäre hinter sich lassen und sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Diesen Gefallen werden ihm weder die Opposition der Demokraten tun, noch Trumps eigene MAGA-Bewegung, die sich gerade aus der Wut darüber speist, dass – ausgeprägt auch im System Biden – für die Mächtigen, Reichen und Schönen andere Regeln gelten als für das gemeine Volk. Eher wird sich bei denen diese Wut dahingehend ausweiten, dass man – in der Sprache der deutschen Linken vor einigen Jahrzehnten – immer das ‚Schweinesystem‘ bekommt, offenbar unabhängig vom Wahlausgang. Vermutlich mit Folgen, die nicht produktiv sind.
Die Frage wird auch sein, ob deutsche Medien schnell alles vergessen, oder etwa Aufklärung hegen. Was ich nicht glaube. Schließlich betrifft es doch auch die „guten Freunde“ der Kriegspartei in der Ukraine und EU-Politiker in hohem Maße. Hat Deutschland, also die deutsche Regierung, wissentlich Pädophile unterstützt und tut es heute noch? Macht aber alles nichts, die dürfen dann sagen, vom allen nichts gewußt …, das Schreiben vom BND ist verloren gegangen, oder jemand hat ausversehen sein Pauenbrot damit eingewickelt, der Spruch ist bekannt.
Erstaunlich, was sich an Abgründen in der vermeintlich so integeren geistig-wirtschaftlich-moralischen Elite des Planeten auftut. Womöglich mit ein Grund, aus dem „Netzwerken“ so beliebt geworden ist – man gelangt in diese Zirkel, nutzt deren Vorteile und verpflichtet sich zu gemeinsamem Schweigen. Die berüchtigten „Leichen im Keller“. Übrigens kann das auch in der Wirtschaft gern betonte „Networking“ ebenso wie die Nutzung des Begriffs „Einordnung“ (letztlich Framing, vgl. Subtitel des Beitrags) als Indiz für eine ganz bestimmte Gesinnung gelten. Zur (meines Erachtens widerlichen) Pädophilie: man merkt dem Autor an, dass er seinen Lebensmittelpunkt aus Westeuropa verlagert hat, denn hierzulande werden inzwischen angesichts kultureller Entwicklung selbst Kinderehen verstorbener oder lebender Prominenter mit anderen Augen gesehen.
Am Ende sind all die hochmoralischen, weltbeherrschenden oder weltrettenden Lichtgestalten doch nur brünftige Gorillas. Mit Huren und selbst Edelhuren sind sie gesättigt. Wenn aber nach einem stressigen Geschäftstermin und der öden „Come together Party“ plötzlich splitternackte minderjährige Schönheiten aus Moldawien oder Weißrussland auftreten, deren Naivität so ganz anders ist als die Abgefeimtheit der Edelnutten, dann sind selbst alte puritanische Verteidigungsminister nur noch hormongesteuertes Knetgummi (siehe Profumo-Affäire). Wer die Organisationsfähigkeit hat, Zuhälterdienstleistungen nicht nur für Malocher im Puff im Gewerbegebiet zu organisieren, sondern im Umfeld von Davos, hat Zugriff auf die Weltherrschaft. Im Falle Ebsteins hat dann doch noch jemand die Notbremse gezogen und es gab einen „ Suizid“ mehr in der Geschichte.
Danke für den wohltuend unhysterischen Beitrag mitsamt dem Einblick in das absurde, teils überaus repressive amerikanische Sexualstrafrecht. Zur Erinnerung für alle Selbstgefälligen: Erst vor ca. 15 jahren wurde das Schutzalter bei Prostitution in Deutschland von 16 auf 18 Jahre angehoben.
Trump ist viel klüger als der Autor denkt. Er hat gelernt und ist viel besser vorbereitet als beim ersten Mal. Man kann nicht alles auf einmal und zu viele Feinde sind des Hasen Tod.
In Deutschland hat man sich immer schon auf „wesentliche Dinge konzentriert“ und derartige Affären locker hinter sich gelassen. So hat der letzte Innenminister der DDR Peter Michael Diestel in einem immer noch frei verfügbaren „Artikel Berliner Zeitung 30.9.2020 Peter Michael Diestel: Die DDR Staatssicherheit war zu diesem Zeitpunkt der fähigste Geheimdienst“ erklärt, „Das Wissen, daß ein Bundespräsident für uns als IM Kardinal gearbeitet hat, das es von dem obzöne Bilder und Informationen über strafrechtlich relevante sexuelle Praktiken gegeben hat..“weiteres siehe Artikel. Den Namen des Bundespräsidenten hat Diestel nicht genannt. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung hat dies im Artikel „6.1.2021 Die Staatssicherheit war zu diesem Zeitpunkt der fähigste Geheimdienst“ wiederholt. Eine Aufklärung oder Recherche, wer denn der Bundespräsident war, „über den es obzöne Bilder und Informationen über strafrechtlich relevante sexuelle Praktiken“ gegeben hat und ja wohl immer noch gibt, ist nicht erfolgt. Siehe auch Artikel „Danisch.de 7.1.24 Als IM Kardinal auf Mielkes Schoß saß.“ Bundespräsident IM KARDINAL tot, also Klappe zu. „SZ 11.5.2010 Callgirl Ring hat weitere prominente Kunden“. Nach dem Artikel gehörten zum Kundenkreis ukrainisch/russischer Zwangsprostituierten mindestens ein hochrangiges Mitglied einer Partei sowie bekannte Medienvertreter und Sportunktionäre. In der ARD Mediathek verfügbar, brandneue Doku „Das Kentler Experiment“. Der Film schildert erstaunlich detailliert, wie in Westberlin bis in die Neunzigerjahre Knaben von Jugendämtern als „Pflegekinder“ an vorbestrafte Sexualstraftäter „vermittelt wurden“. Die Folge war, daß die Sexualstraftäter hohe Summen an „Pflegegeldern“ kassierten und die Knaben sexuell unter staatlicher Aufsicht sexuell missbraucht wurden. Die verantwortlichen Stadträte und Beamten sind strafrechtlich nie belangt worden. Die Sexualstraftäter übrigens auch nicht.
Wenn man jetzt das Stichwort Mohammed in die Debatte wirft, ist der Sexismus plötzlich tot, so dass die Omas, die man damals übergangen hatte, wieder gegen den Rassismus keifen können.