Als ehemaliger London-Korrespondent hatte auch ich einst die Ehre und das Vergnügen, die Garden Party der Queen zu besuchen. Ich kann die Enttäuschung der Eingeladenen verstehen, als sie erfuhren, dass die diesjährige Sause im Garten des Buckingham-Palastes abgesagt wurde. Oder die Erleichterung: Die Party hätte ein Corona-Infektionsherd erster Ordnung werden können. Zwar handelt es sich um eine vergleichsweise exklusive Affäre; gerade mal 8.000 Leute versammeln sich, bürgerlich gediegen gekleidet, im königlichen Garten, der zu den größeren in London gehört. Es gibt kein Gedränge, aber man steht, was in diesen Zeiten ausgesprochen ansteckend sein kann, mehr oder weniger in Reih und Glied und harrt der Dinge, die da kommen werden.
Diesmal kommen die Dinge nicht. Aber als sie noch kamen, ging das so: Auf ein Zeichen hin verlassen die Royals ihren Pavillon und schlendern die Gassen entlang, die ihnen das Spalier stehende Volk freigelassen haben. Alle paar Meter bleibt die Queen oder ein anderer Royal vor einem oder einer Wartenden stehen, um ein paar Sekunden zu plaudern. Zum Entzücken des oder der Angesprochenen natürlich. Ich hatte seinerzeit das Pech, dass Elizabeth direkt auf die Dame neben mir zusteuerte. Kurzer Wortwechsel und dann ging sie lächelnd, aber wortlos an mir vorüber, um nach ein paar Metern das nächste Glückskind anzuplaudern. Gerne hätte ich meiner Redaktion berichtet, dass die Queen mich nach meiner Herkunft befragt hat, und dass ich im passenden Akzent „Germany“ gesagt habe. Hat sie aber nicht, ich also auch nicht.
Das Glück und das Pech wohnen auf der Garden Party dicht beieinander. Dass dieses spannungsreiche Ereignis nun ausfällt, gehört in England zu den radikaleren Maßnahmen gegen das Corona-Virus. Insgesamt ist man der Pandemie lange mit erstaunlicher Gelassenheit begegnet. Selbst Boris Johnson, der in der Brexit-Krise als nimmermüder Dynamo durchs Land wirbelte, gab sich angesichts des Corona-Virus bisher vergleichsweise temperamentlos. Seine Empfehlung: abwarten und Tee trinken.
Inzwischen hat Johnson seinen Modus der betonten Gelassenheit verlassen. Er hat seinen Landsleuten empfohlen, von Pub-Besuchen Abstand zu nehmen. Das ist sicher der denkbar dramatischste Eingriff in die englische Lebensart. Auch Theater und Kinos sollen gemieden werden. Ob die Briten so gehorsam sind wie wir, bleibt abzuwarten. Bisher war die Lage zwar auch angespannt, aber anders als bei uns: Volle Pubs, aber leere Regale in den Geschäften. Auch dies womöglich eine Folge des Abwartens und Teetrinkens. Meine in England lebende Tochter ist gerade mal wieder mit leeren Händen vom Einkauf zurückgekommen. Und jetzt soll auch noch der trostreiche Pub-Besuch ausfallen. Der Alltag der Briten scheint sich allmählich dem eingeschränkten Leben der Kontinentaleuropäer anzunähern.
Britanniens Versuch eines Corona-Brexit, also eines vom Kontinent losgelösten coronalen Eigenlebens, ist offenbar nicht durchzuhalten. Dass man es überhaupt versuchte, hat mit der Insellage und der damit verbundenen insularen Mentalität zu tun. Aufgeregtheit gehört nicht zur britischen Lebensart, auch dann nicht, wenn ein bisschen Aufgeregtheit nicht schaden würde. Boris Johnson war nicht der einzige Unaufgeregte im Königreich. Nun aber achtet er doch etwas genauer darauf, dass der Virus seine Landleute nicht noch so kalt erwischt wie er die Bewohner der Apenninen-Halbinsel erwischt hat.
Dass die Queen, soweit es in ihrer Macht steht, nun energisch durchgegriffen hat, kann als ein Signal im Sinne des englischen Dichters John Donne verstanden werden: Niemand ist eine Insel. Oder weniger poetisch ausgedrückt: In Corona-Zeiten ist eine Insel auch nicht mehr das, was sie mal war.

Zahlen, Zahlen für ein Urteil!
Tja, das haben die Briten nun davon, dass sie die Luftschlacht um England gewonnen haben. Hätten sie mal auf den Führer und den Großdeutschen Rundfunk gehört.
Offensichtlich gibt es eine (Süd-) Koreanische und Chinesische "Antwort auf die Coronaepidemie". Irgendetwas machen diese Länder viel besser als die Europäer. Aber was?
Herr Bonhorst. Hätten Sie 42er-Jahrgangs-Hunne der Queen halt jemals gedient, Elizabeth wäre direkt auf Sie zugesteuert, gleich nach der Dame vor Ihnen. Sie denken, Briten wären doof. Dass die Queen nicht unterscheiden könne zwischen Ihnen und der Dame neben Ihnen. Klar, der Hunne denkt so. Immer noch, mit bald 80 Jahren. Armer Kerl. "Confound their politics, Frustrate their knavish tricks"!
Nun, dann sollen doch die Briten ruhig wie wir Theater, Geschäfte, Unternehmen für ein halbes Jahr oder gar ein Jahr dicht machen. Dann interessiert Corona niemanden mehr, weil die Leute ganz andere Probleme haben...
Dragan@Isakovic Es gibt keine Corona-Pandemie. Es gibt nur fehlende oder verschwiegene Zahlen, und eine Dilettantenhorde, die Vorhandenes eigenwillig interpretiert. Zuarbeiter einer "Neuen Weltordnung"?
Inseln sind schön. Aber Erreger kannten nie eine Grenze, zumindest, seit es Schiffe gibt. "By autumn, the plague had reached London, and by summer 1349 it covered the entire country, before dying down by December. Low estimates of mortality in the early twentieth century have been revised upwards due to re-examination of data and new information, and a figure of 40–60 percent of the population is widely accepted." wiki, Black Death in England. Boris hat versäumt, nach der Diamond Princess sein reiselustiges Völkchen aufzuhalten und andere nicht mehr ins Land zu lassen. Kapitaler Fehler. Überall. Nächstes Mal wird man das so machen, ja, und dann wird es nur eine Endemie, und die Leute sagen: "Wieso habt ihr das gemacht? War völlig unnötig."