Wolfram Weimer / 13.06.2014 / 15:59 / 1 / Seite ausdrucken

Das deutsche Börsen-Eigentor

Weltweit wagen aufstrebende Unternehmen den Gang an die Börse. “Going public” boomt. Nur in Deutschland nicht. Ein bedenkliches Indiz für verlorene Gründer- und Wagnismentalität

Börsengänge sind wieder schwer in Mode. Von Alibaba und Huawei in China bis Facebook und Twitter in Amerika sind sogar Riesen dabei. Vor allem die neuen Internetkonzerne von Spotify, Godaddy bis Dropbox wollen mit der Börse durchstarten, besorgen sich Kapital und ermöglichen Wachstum in neue Dimensionen. Weltweit wagen derzeit so viele Unternehmen den Sprung an die Börse wie seit Jahren nicht mehr: Bei 228 (Vorjahr: 163) Börsengängen wurden bereits im ersten Quartal 42,6 (24,4) Milliarden Dollar erlöst. In China allein gingen 67 Firmen an die Börse, die 11,5 Milliarden Dollar einnahmen.
Aber auch in Europa ist die Börsengang-Stimmung wieder deutlich besser. Demnach zog das Volumen der hiesigen IPOs um 191 Prozent auf 15,2 Milliarden Dollar an - den höchsten Stand seit dem Jahr 2000. Bankern zufolge keimt bei den Investoren nach der Schulden-Krise die Hoffnung auf, dass sich die Wirtschaft mehr und mehr erholt. Das Geld fließe insbesondere wieder nach Südeuropa. In Spanien, das vom Platzen der Immobilienblase schwer getroffen war, schaffen es sogar wieder Immobilienfirmen an die Börse. Selbst das krisengeschüttelte Frankreich meldet mit dem Kabelnetzbetreiber Altice (2,04 Milliarden Dollar) einen großen Börsenneuling.

Nur an Deutschland geht der neue Börsenschwung vorbei. “Es fehlt die Akzeptanz. Deutschland ist viel zu börsen- und bankenfeindlich”, klagt ein Investmentbanker in Frankfurt. Gerade einmal die anleiheähnlichen Immobilienunternehmen wie LEG oder die Deutsche Annington gehen neu aufs Parkett. Dabei waren Börsengänge vor zehn, fünfzehn Jahren oftmals Selbstläufer. Nachdem der Neue Markt aufgelöst wurde, sind Börsengänge in Deutschland aber immer unbeliebter geworden. So strebten im Jahr 1999 noch 165 deutsche Unternehmen an die Börse, während 2012 nur noch sieben Neuemissionen zu verzeichnen waren.

Auch im laufenden Jahr 2014 rechnen Experten trotz des Börsen- und Konjunkturaufschwungs bestenfalls mit einem Dutzend Neu-Emissionen. Der Dachpfannen-Hersteller Braas Monier ist noch die interessanteste. Deutschland schadet sich mit dieser Askese. Denn so wird es nicht nur aufstrebenden, jungen Firmen schwer gemacht, sich zu kapitalisieren und rasch zu wachsen. Die Gründer- und Wagnismentalität ist gebrochen.

Damit weist die Börsenabstinenz auf ein tiefer liegendes Problem Deutschlands. Die verbreitete Meinung der Deutschen hält die Börse für Las Vegas ohne Musik und die Banken für Banditen. Für eine Nation mit erheblichem Kapitalstock ist diese Grundeinstellung fatal. Unsere Finanzmarktakteure werden politisch attackiert, gesellschaftlich erniedrigt, überreguliert und in ihren Geschäften zusehends eingeengt. Damit fallen deutsche Kapitalsammelstellen im internationalen Vergleich immer weiter zurück. Deutschland gerät im großen Investitions-Verteilungskampf der Globalisierung zurück und spielt nurmehr eine Randrolle. Damit aber werden Zukunftsbranchen wie Informations- und Biotechnologie hierzulande nicht mehr ausreichend kapitalisiert.

Eigentlich müßte Deutschland seine Intelligentesten an den Finanzmärkten platzieren, müßte seine Kapitalmacht geschickt einsetzen, strategisch invetieren, junge Unternehmen systematisch fördern. Tatsächlich aber verteufeln wir intelligente Kapitalallokation und verspielen aus einer Mischung aus Naivität und Idelogie Zukunftsoptionen. Wenn der deutsche Kapitalstock von 15 Billionen Euro nur ein Prozent besser gemanagt würde, dann macht das eben 150 Milliarden Euro im Jahr aus.

Halten wir unsere Unternehmen aber von der Börse ab, dann verlieren immer mehr Branchen den Anschluß im internationalen Wettbewerb. Die Konkurrernz aus Amerika und Asien besorgt sich eine Kapitalmacht, der die Deutschen irgendwann nichts mehr entgegen zu setzen haben. Am Ende klagen dann alle nur noch wehleidig über Google, dabei könnte man selber eine bessere Suchmaschine etablieren – wenn man sich das nötige Kapital über die Böse besorgt. Deutschland braucht den Mindestlohn nicht wirklich, es bräuchte aber eine Mindestzahl von Unternehmen, die regelmäßig neu an die Börse gehen. Damit am Ende alle hohe Löhne verdienen.

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Leserpost

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Engelbert Gartner / 13.06.2014

Tut mir leid, dass ich das mit den in Zukunft fehlenden Arbeitsplätzen nicht verstehen kann. In Deutschland kann man doch notfalls von der Sozialhilfe recht gut leben. Man benötigt keine Wecker, keine Arbeitskleidung und muss sich nicht im Berufsverkehr herumquälen. (schont Ressourcen und schützt vor der großen Klimakatastrophe ) Natürlich hat man auch einen gewissen Stress. Schauen sie mal von 10 Uhr Morgens bis um 1:00 Nachts Fernsehen, dann wissen sie von was ich rede. Ich mach hier mal Schluss, weil ich die Sendung “Bauer sucht Frau” nicht verpassen darf. Ich kann sonst, bei nachfolgenden Diskussionen, nicht mehr mitreden. LG Eng. Gartner

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