Thilo Schneider / 30.08.2020 / 10:00 / Foto: Timo Raab / 21 / Seite ausdrucken

Das Dachfenster

Ich mache es nicht mehr. Nie mehr. Ich lasse mir, beziehungsweise dem Haus natürlich, kein Dachfenster mehr einbauen. Die sind ja bescheuert. Ich bin ruiniert!

Anders: Haben Sie sich schon einmal einen Reifen wechseln lassen, also, am Auto? Das funktioniert doch so: Sie fahren zum Reifenhändler, zeigen auf den Reifen und sagen „Den da. Den hätte ich gerne gewechselt“, dann bockt der Reifenhändler Ihr Gefährt (oder Ihre Gefährtin, je nachdem, welches Geschlecht Sie ihrem Auto gegeben haben und wie innig Ihre Beziehung ist) auf, macht den alten Reifen ab, zieht einen neuen Reifen auf die Felge, wuchtet diesen nach dem Aufblasen aus und bastelt ihn dann wieder ans Vehikel dran. Sie zahlen Ihre Rechnung, fahren los und haben Spaß und der Reifenhändler auch. So simpel. 

Und ich Kleingläubiger und Kleinwüchsiger nahm an, dass das bei einem Dachfenster auch so funktioniert. Also rief ich einen Fensterbauer an und sprach zu ihm, dass ich ein Dachfenster in meinem Dach bräuchte. Der Mann kam auch pünktlich, sah sich mein Dach von innen an, fand die Idee gut, zückte einen Zollstock, notierte sich die Maße, nannte seinen Preis und wir waren uns einig. Eine Woche später kletterte er die Treppe nach oben und setzte das Fenster ein.  

„Und was ist mit den Ziegeln?“, fragte ich, „da fehlen welche. Das regnet rein.“ „Das ist nicht mein Gewerk“, antwortete mein Fenstermann, „das ist Sache des Dachdeckers.“ „Sie machen das nicht?“, wollte ich wissen. „Nein, ich bin kein Dachdecker. Wenn ich das mache, dann übernehme ich die Haftung dafür. Ich habe aber keinen Meisterbrief, das kann ich nicht!“ 

Aber das würde dann ziemlich viel kosten

Also rief ich einen Dachdecker, der besah sich die fehlenden, provisorisch mit einer Plane abgedeckten Dachlöcher und meinte, dass er das erst machen könne, wenn das Dach komplett neu isoliert wäre. Steinwolle hätte man heute nicht mehr und die wäre auch nicht so gut. Er könnte das tun, aber das würde dann ziemlich viel kosten. Ich wollte aber nicht ziemlich viel ausgeben, deswegen machte das der Schatz quasi für umsonst und wir mussten nur die alte Verkleidung im Dach herunterreißen und die Dämmkeile kaufen, was schon teuer genug war.

Jetzt hatten wir zwar das Dach, bis auf die Aussparung mit dem Fenster neu isoliert, aber jetzt musste ich ja das Dach neu verkleiden. Also rief ich einen Trockenbauer an, damit er mir vor die Dämmschicht ein paar Trockenbauwände stellen würde, weil wir ja die ursprüngliche, in guter 70er-Jahre-unbehandelte-Fichtenbretter gehaltene Verkleidung mittlerweile thermisch im Garten entsorgt hatten. 

Der kam auch zeitnah, sah sich unsere Dämmung an und meinte, dass die Heizung, da, wo sie jetzt hinge, unökologisch und für den Raum sowieso ungeeignet wäre. Er kenne aber einen guten Installateur, der das quasi für lau machen könne, und außerdem würde er dann den Kniestock neu abstellen, da könnten die neue Heizung und die zugehörigen Leitungen auch rein. Wenn wir doch sowieso schon dabei wären…

Bevor ich den Mund aufmachen konnte, hatte der Schatz schon die Nummer des Heizungsinstallateurs, der dann auch erschien, aber meinte, er müsse sich da mit dem Maurer absprechen wegen des Kniestocks, er könne nicht mauern, aber wenn wir einen Kniestock mit Hilfe seines Bruders, der zufällig Maurer wäre, mauern würden, dann wäre es doch schön, auch gleich ein paar Steckdosen zu haben. Sein Cousin sei Elektriker, das sei jetzt echt keine große Sache, zumal dann mein Dachboden nur an einer Stelle durchbrochen werden müsste, um gleich beide Leitungen nach oben zu ziehen.

Vier Herren auf meinem vergewaltigten Dachboden

Ich verstand seine Idee, wenn wir schon gerade dabei waren, dann war das sehr sinnvoll. Also kamen eine Woche später der Installateuer gemeinsam mit dem Ekelektriker. Beide bemerkten unisono, dass eigentlich sowohl unsere Wasserrohre als auch die Elektroleitungen total veraltet seien, das würde man heute ja gar nicht mehr so machen, da könnten sie jetzt keine Verantwortung dafür übernehmen, dass das noch lange hält. Und während ich noch überlegte, ob man Strom nicht mehr in schwarzen, blauen und diesen lustigen bunten Kabeln führt, klingelte es an der Haustüre, und der Freimaurer kam gemeinsam mit dem Staubtrockenbauer zu Besuch. 

So standen dann die vier Herren auf meinem vergewaltigten Dachboden und tranken Bier und beratschlagten, was mit meinem Haus und meinem Geld zu tun sei. Ich telefonierte mittlerweile mit meiner Hausbank, welcher Betrag der Grundschuld schon frei wäre und ob wir das Darlehen aufstocken könnten. 

Ich war gerade mitten in der Bankverhandlung und am Punkt „Drohen und Flehen“ angekommen, als der Installateur mehr beilleitungsläufig erwähnte, dass die Rohre komplett „zu“ wären und sowohl Zu- als auch Ableitungen des Hauses quer durch den Garten liefen und er da einen Bagger und ich einen Landschaftsgärtner benötigen würde, wenn das ordentlich sein soll. 

Mittlereile hatte es zu regnen angefangen und das Regenwasser sammelte sich in der provisorischen Plane des Fensterbauers über den fehlenden Ziegeln, ich war erschöpft und müde und dachte darüber nach, das Haus, diese Bruchbude, zu verkaufen. Aber der Schatz munterte mich mit den Worten „was Du an Schulden nicht zurückzahlen kannst, können nach Deinem Tod ja die Kinder übernehmen“ wieder auf.

Das ist jetzt acht Wochen her. Mein Garten sieht aus wie ein Handgranatenwurfstand und mein Haus wie eine Teststation für Pressluftmaschinen aller Art. Überall wird gelegentlich gehämmert, gebohrt, gesägt, gewachst, gedrechselt, gemalt, getestet und gesoffen. Mein Anwesen hat sich zum beliebten Treffpunkt von allen möglichen Handwerkern gemausert, die sich über das Haus und seine Innereien lustig machen oder die Handwerkskunst der Handwerker aus vergangenen Jahrzehnten entweder bewundern oder belächeln.

Die Älteste ist mittlerweile schwanger vom Verputzer und der Schatz steht kurz davor, mit dem Fliesenleger durchzubrennen, und ich lasse den Keller derzeit zu einer Kneipe ausbauen. „Zum lustigen Gewerk“ könnte ich mir als Name vorstellen, alternativ: „Zur Dachluke“. Ich weiß es noch nicht. Und ich habe auch immer noch nicht herausbekommen, was zum Teufel eigentlich der Reifenhändler auf meinem Grund und Boden zu suchen hat. Ich trau mich auch nicht zu fragen. Aber ich muss jetzt eh aufhören, weil eben der Fernmeldetechniker da ist und mir verkündet, dass er jetzt das Internet abstellen muss, weil er am WLAN arbeiten will. Das ist nämlich zu langsam und das macht man heute so auch nicht mehr. 

(Weitere Gewerke des Autors auch auf www.politticker.de

Foto: Timo Raab

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Leserpost

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Ulla Schneider / 30.08.2020

Korrektur:  Hallo Herr Schneider, das heisst jetzt Fachwerk.de und nicht mehr Holznagel. Dort geht es mit Fragen über Fragen…...

Dr. Armin Schmid / 30.08.2020

Bravo Herr Schneider, das ist mindestens so gut wie Ephraim Kishon und Franz Kafka zusammen.

Bernhard Büter / 30.08.2020

..so ein popeliges Dachfenster baue ich einfach selbst ein. Ist im Grunde simpel. Politik für alle Themen darf in Deutschland ja auch jeder machen, der sich auf die Partei- Dummenliste gemobbt hat ohne jemals gearbeitet geschweige den Verantwortung als Kompetenz vorzuweisen hat. Wenn die Dummen das Sagen kriegen, wird das demokratische Dachfenster halt undicht und der Sozialismusbrei der Merkel- DDR macht das Heim der Deutschen unbewohnbar. Womit wir beim Thema Wahl wären. Wenn Dumme dumme Polithandwerker wählen kommt halt superdummes Polithandwerk zum Tragen. Gute Nacht Deutschland.

Arnold Warner / 30.08.2020

Ich sage nur: “Zahnarzt”. Man geht eher mal aus Langeweile hin, um eine kurze Standard-Inspektion durchführen zu lassen und endet mit einem Sanierungsplan in den Händen, bei dem selbst die “unerlässlichsten Maßnahmen” bereits das vorgesehene Budget für die Anschaffung des neuen Mittelklassewagens komplett verschlingen. Die Funktion der zusätzlich nötigen anderen Gewerke übernehmen Kieferchirurg und Zahntechniker. Nur auf Kaffeefahrten wird noch dreister die Hilflosigkeit des Opfers ausgenutzt.

E. Albert / 30.08.2020

Ich habe Tränen gelacht! Vielen Dank dafür! Im alltäglichen Wahnsinn passiert das nicht mehr allzuoft…(Erinnerte mich an den Umbau unseres Reihenhäuschens in meiner Kindheit…lief ähnlich ab…hat knapp 7 Jahre gedauert…dann sind wir umgezogen!)

F. Hoffmann / 30.08.2020

Haben Sie für den anstehenden Ausbau des Kellers schon die bergrechtliche Genehmigung? (Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung…)

Manni Meier / 30.08.2020

Ähnlich geht’s auch in anderen Handwerksberufen zu. Kfz-Meister zum Lehrling im 3. Lehrjahr: “So, und jetzt üben wir für die Prüfung nochmal das Kopfschütteln beim Öffnen der Motorhaube.”

Rainer Seidel / 30.08.2020

Sehr geehrter Herr Schneider, herzliche Grüße auch von meinem Schatz. Haben Sie auch an die Statik gedacht? Zusätzliche Dämmung und Trockenbau kann da alles verändern. Vielleicht brauchen Sie noch einen Doppel-T-Träger als Unterzug. Da sollten Sie unbedingt einen Statiker hinzuziehen. Spaß beiseite: wir bauen seit einem halben Jahr einen Stall Baujahr 1908 zum Wohnhaus um. Sie glauben gar nicht, zu was statische Berechnungen alles führen können. Schönen Sonntag noch!

J.G.R. Benthien / 30.08.2020

Herr Schneider, sie haben das Dixi-Klo vergessen. Seit Anfang dieses Jahres ist es Vorschrift, dass Handwerker ein Dixi-Klo aufstellen, weil irgendwelche Beamten festgelegt haben, dass die Handwerker weder Ihre Toilette im Bad noch die im Gäste-Klo benutzen dürfen. Das kostet »nur« rund 40 Euro pro Tag, zuzüglich 19% Scholzsteuer. Wenn Sie das dann haben, sollten Sie erstmal einen Frikadellenschein machen, sonst wird das nix mit der Kneipe.

Emmanuel Precht / 30.08.2020

“können nach Deinem Tod ja die Kinder übernehmen” ist zu toppen, indem das Haus rechtzeitig auf Rentenbasis verhökert wird. Wohlan…

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