Archi W. Bechlenberg / 24.12.2017 / 06:08 / Foto: Malene Tyssen / 8 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag – Vom Elch geknutscht

Es gab einmal eine Zeit, da erzitterte ganz Europa vor den Schweden. „Die Schweden kommen!“ hallten angstvolle Rufe von Niebüll bis St. Kützelmütz, und selbst in großen Städten fragten sich die Menschen, ob es nicht besser wäre, heute nicht zu Ikea zu fahren und besser daheim zu bleiben.

Doch die Schweden waren nicht aufzuhalten, und so kam es zuverlässig nach ihrer Ankunft vor Ort zu Saufgelagen, in denen der so genannte Schwedentrunk eine tragende Rolle spielte. Dessen Konsum war, um es vorsichtig auszudrücken, recht gewöhnungsbedürftig, und zeitgenössische Beschreibungen lassen erahnen, dass der Spruch „Was der Bauer nicht kennt, das trinkt er nicht“ aus eben jener Zeit stammt. „Da haben die reuber und mörder ein Holt genohmmen den armmen leutten solches im halße gestocken, umbgerühren, waßer eingegoßen, sandt darzu eingeschutten, ja wohl menschen koth und die leutte jämmerlich gequelen umb Gelde, wie den eine Bürger in Beelitz, David Örtel genannt, wiederfahren und balde davon gestorben.“ In heutiges Hochdeutsch übersetzt: „Gips du mir Handy, du Opfa, sons mach ich dich trinke Pipi und Kaka!“

Literarisch zu Ehren kam der skandinavische Übelschlück durch Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der in seinem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus" aus dem Jahre 1668 eine ähnliches Gelage schilderte: „Den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperrholz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib, das nenneten sie ein Schwedischen Trunk.“

Lange her, die Zeit zerstört alles. Heute erzittern vor den Schweden weder Dänen noch Deutsche noch Böhmen noch Katholiken. Heute können die Schweden nur noch eine kleine, im Aussterben begriffene Minderheit in Angst und Schrecken versetzen: die Schweden, die schon länger Schweden waren, aber nicht mehr lange dort leben werden. Diese dürfen hautnah miterleben, wie ihr einst so gemächlich am Rande Europas dahin dämmerndes Land in etwas versinkt, das bereits der weise Meistersänger Hans Sachs (bekannt aus der beliebten Fernsehshow „Was bin ich?“) einst so beklagte: „Wahn! Wahn! Überall Wahn!“

Jahrelange Haft im Knast nördlich von Kummavuopio

Sie werden es gelesen haben: Zukünftig muss in Schweden jeglicher Geschlechtsverkehr mittels eines wasserdichten Vertrages abgesichert werden. Nicht nur die schnelle Nummer hinter den papperskorgen, sondern auch die der Fortpflanzung dienende Begattung im äktenskapliga sängen. Nicht notariell beglaubigter Beischlaf ist nämlich eine våldtar, und das gibt im Land der Halbsonne mächtig Ärger. Jahrelange Haft im Knast nördlich von Kummavuopio bei Surströmming und Schwedentrunk ist nur eine Möglichkeit, den Delinquenten, der seinen korv nicht in der Hose lassen konnte, für das Ausleben des Triebes ohne schriftliche godkännandet zu bestrafen...

Eigentlich wollte ich für den heutigen Sonntag ja etwas Besinnliches, ohne Hohn und Spott, ohne Häme und Herrenmenschliches, also etwas ganz und gar Halales schreiben. Etwas, das ein wenig Hoffnung und Zuversicht und Empathie statt Zynismus und Misanthropie ausstrahlt. Etwas, das selbst bei Facebook – wo ich wegen des (isch schwör, Alda!) Verschreibers „Surensohn“ mal wieder gesperrt bin – durch die Meinungsfreigabekammer abgesegnet würde. Doch dann kamen mir die Schweden in die Quere.

Deren Kreativität bei der Erfüllung von Wahnideen und Selbstvernichtungsmaßnahmen lässt einen Spötter nicht ungerührt, im Gegenteil: „Warum ist mir das nicht eingefallen?“ fragt sich der Stinkstiefel und sieht sich geradezu gezwungen, wenigstens durch detailliertes Durchdenken der Originalvorlage aus Malmö und Stockholm noch ein wenig draufzusetzen. Als älterer Herr, aus dem Gröbsten raus, kam mir beim Lesen der Meldungen zur zukünftigen Rammelrechtsregelung sogleich eine nicht unsympathische Idee.

Könnte es nicht einen Handel mit Sperma-Emissionszertifikaten geben? Wer einem guten Glas Wein und einer Zigarre dem meist doch etwas anstrengenden Sexualverkehr eher den Vorzug geben möchte, könnte das ihm zustehende Kontingent an Rammeleinheiten veräußern und den gewiss nicht geringen Gewinn vielleicht in die eine oder andere Flasche... Aber nein. Nicht in Schweden. Dieses Land der Mucker und Temperenzler, denen nicht einmal der Rausch der Nüchternheit vertraut ist, steht ja auch anderen Lebensfreuden ganz und gar feindlich gegenüber.

Schwedisches Modell und Surströmming

Zu meinen einschneidenden Erinnerungen an Schweden gehört, dass mir dort Eingeborene beiderlei Geschlechts – damals gab es nur zwei – alles versprachen, wenn ich in den staatlichen Fuselladen ging, um dort für sie eine ganz und gar schmucklose Flasche zu erwerben, in der sich eine Art Industriealkohol befand, den sie dann mit dem Inhalt kleiner Phiolen aufpimpten, die Zuckerkulör und künstliche Aromen enthielten und den Konsumenten mit zunehmender Breite das Gefühl gab, sie seien gerade dabei, sich mit uraltem Cognac die Kante zu geben. Ich hielt die Schweden schon damals für durch und durch bekloppt und bereiste das Land in späteren Jahren einzig als zwangsläufig zu absolvierende Pinkelpause auf dem Weg nach Finnland oder Norwegen.

Wo Schwedisches Modell und Surströmming gemeinsam „intensiv; faulig und stinkend“ seit vielen, allzu vielen Jahren die Luft verpesten; wo zu den extremsten Exzessen der Ureinwohner eine als „Weihnachtsbaumplünderung“ bekannte Feierlichkeit gehört und wo Humor traditionell unfreiwillig ist (man denke an die Filme Ingmar Bergmans), da ist es nicht leicht zu leben. Jedenfalls nicht für die, die man sich seit dem Dreißigjährigen Krieg als „Schweden“ vorstellt. Also die, von denen einst die Schwedin Zarah Leander sang:

Mein Ideal auf dieser Welt
Das ist für mich der kühne Held,
der große blonde Mann.
Er kommt aus einem Märchenland
und reicht mir seine starke Hand,
die mich zerbrechen kann.

Für Andere hingegen nimmt Schweden mit seiner Fernstenliebe selbst den Deutschen den Schneid ab, und das will etwas bedeuten. Wohin das bis heute geführt hat, dürfte zumindest aufmerksamen Beobachtern der feindlichen Medien bekannt sein, und wenn ein Schwede heute etwas Freundliches über sein Land sagen will, macht er Bemerkungen wie „Immerhin ist Schweden das einzige arabische Land, das Israel noch nicht angegriffen hat.“

Geht es nicht auch ohne Schweden?

Es muss offen gefragt werden: Geht es nicht auch ohne Schweden? Die Chinesen übernehmen Ikea, und gut ist's für den Rest der Welt. Kann man das Land nicht einfach den Feministinnen, Piraten, Wohlfahrtsstaatlern, Sozialdemokraten, Puritanern und Pfaffen jeglichen Geschlechts zwecks Plattmache überlassen? Wenn man die noch ein wenig vor sich hin werkeln lässt, wird das Land geradezu vorbildlich zeigen, wohin Wahn, Wahn, überall Wahn führen wird.

Schweden, die schon länger dort leben und sich dem nicht ausliefern wollen, könnten zunächst einmal in den benachbarten Ländern Zuflucht finden, aber auch in Deutschland wären gewiss viele als Asylsuchende willkommen. Das hat Tradition;  bereits vor einigen Jahrzehnten strebten deutsche Männer zu Scharen ins Kino, wo Filme wie Drei Schwedinnen in Oberbayern, Drei Schwedinnen auf der Reeperbahn, Hurra, die Schwedinnen sind da, Sechs Schwedinnen auf der Alm, Sechs Schwedinnen von der Tankstelle oder Her mit den Schwedinnen („In einem Stockholmer Lustgarten lassen gleichwohl hübsche wie aufgeschlossene Schwedinnen die Hüllen fallen...“)

Womit wir pflichtgemäß abschließend bei der Kultur wären. Dazu zähle ich nicht die so genannten, sterbenslangweiligen, blut- und moralismusrünstigen Schwedenkrimis, vor denen selbst einer ihrer trübsinnigsten Vertreter namens Mankell nach Mosambik floh. Dort schien es ihm denn doch wohnlicher zu sein als in dem von ihm ansonsten so verehrten arabischen Umland Israels, dem Land, das er als vorbildlicher, selbstgefälliger Linker für weitaus verdammenswürdiger ansah als afrikanische Musterländle, wie sie der Kongo oder der Sudan sind.

Mein Interesse für schwedische Kultur geht zurück in die erste Hälfte der 1970er Jahre. Da erschien eine Truppe auf den Bühnen dieser Welt, die zwar eine ganz und gar grauenhafte Musik machte, zu deren Exponenten aber zwei Schwedinnen gehörten, die nicht alleine bei mir wegen ihres nordländischen Erscheinungsbildes auf größtes Wohlwollen stießen. Agnetha hieß die Blonde, Anni-Frid die nicht so Blonde, und deren einziger Fehler bestand darin, dass sie mit zwei Typen liiert waren, von denen ich mich fragte, was die hatten, was ich nicht hatte.

Nur Waterloo gehört nicht dazu

Heute, viele Jahrzehnte später, sehe ich das realistischer, Björn und Benny hatten musikalisch durchaus einiges drauf, und viele der vielen mir damals unhörbar erscheinenden Songs ertrage ich inzwischen nicht nur, sondern höre sie ab und zu richtig gerne. Nur Waterloo gehört nicht dazu und auch nicht Mama Mia und Fernando, und das wird auch so bleiben. Doch vor allem Stücke aus der Zeit, als die Beziehungen der beiden Paare Waterloo'sche Dimensionen annahmen, sind echte Perlen der Popgeschichte.

Sängerinnen aus Schweden gibt es viele, denen ich oft und gerne zuhören mag, so die mit einem literaturgeschichtlich wohl bekannten Nachnamen gesegnete Victoria Tolstoy, die Stimme der Gruppe The Cardigans, Nina Persson, die in Frankreich lebende Fredrika Stahl oder die mit einer zwar gewöhnungsbedürftigen, aber dennoch angenehm anzuhörenden Stimme gesegnete Lisa Ekdahl.

„I am following the path of my heart, this is the music we have to play, this is the music we love to play, the only music we want to play.“

Esbjörn Svensson

Zu den großartigen schwedischen Instrumentalisten von heute gehören der Gitarrist Ulf Wakenius, der Pianist Jacob Karlzon, und der auch in Deutschland bestens bekannte Posaunist und Sänger Nils Landgren. Weltweit die größte Bedeutung dürfte wohl das Esbjörn Svensson Trio (e.s.t.) erlangt haben, eine Gruppe, deren musikalische Innovativität nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Esbjörn Svensson, der kreative Kopf des Trios, kam bei einem Tauchunfall 2008 ums Leben, da war er gerade einmal 44 Jahre jung. Seine Musik ist heute so aktuell, so verzaubernd, so hinreißend, so virtuos, so leidenschaftlich, so hymnisch, so ekstatisch, so verblüffend wie immer und wird es bleiben.

Ich wünsche Ihnen ein friedliches Weihnachtsfest, ohne Schwedentrunk, Surströmming und sonstige Plagen.

Viktoria Tolstoy – Old-And-Wise

Lisa Ekdahl – I Will Be Blessed

ABBA – The Winner Takes It All

The Cardigans mit  Tom Jones – Burning Down The House

Fredrika Stahl – Willow

Jacob Karlzon 3 – Maniac

Nils Landgren – I will survive

Ulf Wakenius – Elevation of love

Esbjörn Svensson Trio – Elevation of Love

E.S.T. Esbjorn Svensson Trio - Jazzwoche Burghausen 2004

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Leserpost (8)
M. Friedland / 24.12.2017

Doch, Frau W. - das ist verdient. Schweden war (und ist in weiten Teilen noch) ein liebenswertes Land, aber jetzt auf einem unerfreulichen Weg. Ist schade drum.

L.N. Cavar / 24.12.2017

Ein wunderbarer Text! Ich schließe mich dem “Lacher” für das “arabische Land” an ... besser kann man´s nicht formlieren! Aber eigentlich macht mich die Entwicklung sehr traurig, wenn ich an Nils Holgersson, Michel, Pippi, Madita usf. denke. Wer weiß, wie viel von diesem Teil der Kultur, die so wichtig ist für aufgeklärt, hinterfragend, neugierig aufwachsende Menschen und damit für die Gesellschaft Schwedens. Ihnen, Herr Bechlenberg, aber vielen Dank für diesen Text (und die vielen anderen übers Jahr) und frohe, schöne, erholsame Feiertage!

Konstantin Wegmann / 24.12.2017

Sweden - a failed state. Viele bewohner merkens noch nicht.

Winfried Sautter / 24.12.2017

Ergänzend seien noch die beiden Söderberg-Lerchen mit ihrem Indie-Duo “First Aid Kit” erwähnt. Süsser die Kehlen nie klingen ...

Sonja Brand / 24.12.2017

Absolut herrlich, eine schöne Weihnachtsgeschichte! Ich habe mehrmals laut aufgelacht, dass will etwas heißen. Am schönsten finde ich: „Immerhin ist Schweden das einzige arabische Land, das Israel noch nicht angegriffen hat.“ Fröhliche Weihnachten an alle!

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