Archi W. Bechlenberg / 10.12.2017 / 06:02 / Foto: Tim Maxeiner / 1 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Hochspannung

„Männer. Messer. Mohammed. Machete. Made. Malaria. Mamba. Malzkaffee. Maas. Manie. Maoist. Merkel. Megalomanie. Mielke. Meschugge. Migräne. Minderjährig. Moralist. Moschee.  Moskito. Machtwort. Mörder. Müll. Mutti. Ministerium. Minister. Mischpoke. Misereor. #metoo...  Auf dem M scheint ein Fluch zu liegen.

So sinnierte ich Mittwoch laut vor mich hin. Die Mütze der Pandora war damit gelüftet. Wer bei Facebook kluge Freunde hat, bleibt nicht lange unergänzt. „Muckefuck!“ miefte man mir entgegen. „Marietta!“ „Miosga!“ „Magengeschwür, Macron, Microsoft!“ „Migrationsdruck! Muskelkater. Muttergottes. Mullah!“ „Marxisten, Memmen, Melde-Muschi!“ „Montag!“ Auch Stadt-Land-Fluss-Begriffe blieben nicht aus. „Mannheim!“ „Marxloh!“ „Mitte!“ „Mekka!“ „Maas...“ „Merian!“ warf ein besonders machiavellistischer Macho in die Runde, er hatte offensichtlich Wolfgang Röhls Erinnerungen hier auf der Achse gelesen. Und dass das Geschwür unter den Autos „Multipla“ heißt, rundete den Verdacht gegen das M überwältigend ab.

Vereinzelt stemmten sich einige Manuels, Michaels, Matthias’, Madelaines, Marisas und Martins gegen das Evidente. „Mozart!“ „Marilyn!“ „Menuhin, Marzipan!“ Selbst mir fiel ein durch und durch positives Wort mit M ein: „Misanthrop“. Doch das änderte auch nichts mehr an der erdrückenden Beweislast, zudem mit „Maischberger!“ „Mazyek!“ „Milch!“ „Mahnwachen!“ „Mariachi!“ „Morgengagazin!“ „Milf!“ „Michael Moore! Marianne und Michael!“ noch einmal ultimativ, teils massiv unter die Gürtellinie nachgelegt wurde.

Am Fazit lässt sich nicht rütteln: „Die Eingangsthese ist statistisch belegt!“ konstatierte Freund Simon, der den mephistophelischen Buchstaben dezent, aber nicht zu übersehen, in der Mitte seines Vornamens versteckt hat. Mein persönlicher Favorit unter allen M-Wörtern, in diesem Falle eine absolut mottenfeste Beleidigung, stammt vom Meister persönlich, dem auf Schloss Moulinsart residierenden Kapitän Haddock: „Mussolini de carnaval!“

Franco Campana von Rammeln-Töten-Lallen (RTL)

Italien und seine Verbrecher – da fällt mir ganz nebenbei ein, dass vor wenigen Tagen Franco Campana in Colonia verstorben ist. Wenn Ihnen der Name nichts sagt: Damals, als das deutsche Privatfernsehen aufkam, sendete RTL (Rammeln, Töten, Lallen) mangels ausreichender Buchungen für die Werbeblöcke als Pausenfüller Spielchen mit einem zwielichtigen Hütchenspieler, der sich Salvatore nannte. Die Älteren unter uns erinnern sich eventuell. Man konnte ihn anrufen und dann mit ihm um die Frage zocken, unter welcher Nussschale eine Erbse liegt. Salvatore, das perfekte Klischee eines Mafioso mit schmierigem Outfit, erfreute sich rasch größerer Beliebtheit als das übrige Programm von RTL („Das N in RTL steht für Niveau“), aber das ist fast 30 Jahre her; heute würde der Mann sofort Scharen von Beauftragten, die irgendwas mit Antidiskriminierung machen, auf den Plan rufen.

Salvatore hieß nicht wirklich Salvatore, sondern Franco Campana und verbrachte nach seiner kriminellen TV-Karriere bei RTL (Reiche Titten Luder) den Rest des Lebens mit Malerei. Er muss ein echt netter Typ gewesen sein, nichts im Vergleich zu den Hütchenspielern, wie sie heute in allen deutschen Städten weitgehend unbehelligt ihren Metageschäften nachgehen. Und da er es in seinem Leben offenbar immer tüchtig hat krachen lassen, wurde er nur 63. Aber die richtig. Ich habe Ihnen einen Clip mit ihm als Gast bei Haraldino Schmidtolini heraus gesucht. Pronto! 

Ja, das morbide M – Mundraub, Mord und Mädchenhandel gehen auf sein Konto, da kann auch der MAD nichts ausrichten. Womit ich einen eleganten Bogen aus den Niederungen der Machthaberei hin zur Hochkultur schlage – reden wir von Lesenswertem, genauer von Krimis. Eigentlich bin ich kein Krimi- und Thrillerfan, Mankell und McDermid haben mich nie interessiert, und Leo Malet habe ich zwar gerne gelesen, aber nur wegen der Pariser Kulissen zwischen Montparnasse und Montmartre, in denen seine Fälle spielen.

Zwei Thriller von Frank Jordan

Derzeit habe ich allerdings zwei Thriller von Frank Jordan vorliegen, den einen fast ausgelesen, den anderen noch eingepackt. Aber nicht mehr lange. Denn „Der Fonds“ ist ein ausgesprochen spannend zu lesender Thriller, in dem es auf gut 600 Seiten um wirtschaftliche und politische Machenschaften geht, die, so darf man als einigermaßen aufmerksam durch die Welt gehender Mensch und Bürger annehmen, mehr mit der Wirklichkeit zu tun zu haben, als man es vielleicht wünschen würde. Und sobald ich damit durch bin, werde ich zu „Die Ministerin“ greifen.

Carl Brun heißt der mit seinem Team für den zivilen Nachrichtendienst der Schweiz NDB tätige Ermittler. Zunächst mit einem eher unspektakulären Routinefall, dem Tod eines renommierten Wissenschaftlers, befasst, gerät Brun bald über seine Recherchen in ein komplexes Geflecht von Wirtschafts- und Finanzunternehmen, „der Fond“ genannt, der sich bei der Durchsetzung seiner Interessen alles andere als zimperlich verhält. Für den Fond existieren die nach außen hin agierenden Instanzen wie Regierungen, Parteien, Behörden, Aufsichtsgremien und nicht zuletzt souveräne Nationalstaaten – zu deren Souveränität auch die Kontrolle über das umlaufende Geld gehört – schlicht und ergreifend nicht.

Nationalstaaten sind lästig und obsolet aus Sicht dieser kriminellen Vereinigung, in deren Zentrum eine Gestalt sitzt, bei deren Charakterisierung dem informierten Leser sogleich ein Name in den Sinn kommt: George Soros. Gabriel Kolko, so heißt der Strippenzieher in Frank Jordans Thriller, gehört zu den Menschen, denen man nichts mehr schenken könnte, da sie alles haben. Auch Macht besitzt Kolko bereits im Übermaß, allerdings nicht genug, aus eigener Sicht. Da ist noch einiges drin, denkt er sich, und um der Welt und sich das zu beweisen, ist ihm keine Schandtat schlecht genug.

Mit dem Fond zu tun zu haben, das kann sehr leicht zur Frage „Leben oder Tod“ werden. Bruns Ermittlungen führen bald dazu, dass er und sein Team gewissen Leuten ausgesprochen lästig werden. Nur mit Rückendeckung von ganz oben, dem neu ins Amt gekommenen Schweizer Finanzminister, der ein ehrenwerter Mann ist und die Strategie des offiziell „Nukleus“ genannten Fonds durchschaut, kann Brun mit seinem NDB-Team weiter ermitteln.

Frank Jordan ist Monika Hausammann

Was das Buch so lesenswert macht, ist zum einen Frank Jordans Fähigkeit, diese Geschichte in einem schnörkellosen Stil zu erzählen, sprich: bestens zu unterhalten. Und zum anderen, dass er in der populären Form des Thrillers über Mechanismen und Machenschaften einer Kaste aufklärt, die ebenso wenig fiktiv ist wie derartige Unternehmen mit ihren Aktivitäten zur Erlangung von Vermögen, Einfluss und letztendlich Macht.

Das ließe sich gewiss auch in Form eines Sachbuchs präsentieren, aber dass die Geschehnisse in die unterhaltendere Form eines Romans, eines Thrillers, gebracht wurden, dürfte dafür sorgen, dass die Botschaft weitaus mehr Leser findet, als ein Sachbuch zum gleichen Thema, das im Buchhandel in der Abteilung Wirtschaft/Finanzen einsortiert wäre und somit gewiss weniger Leser lockt, als ein Thriller im Regal für Unterhaltungsliteratur.

Frank Jordan ist der nom de plume der Schweizer Autorin Monika Hausammann, die nicht nur Romane schreibt, sondern zu den regelmäßigen Autoren bei eigentümlich frei  gehört.

Ihr erster Roman Die Ministerin von 2016 ist ebenfalls ein Polit-Thriller mit dem Ermittler Carl Brun, welcher – wie in Der Fond – nicht alleine gegen Kriminelle, sondern auch gegen die eigene Seite in Form von politischen Instanzen und staatlichen Behörden in der Schweiz arbeiten muss. Somit erklärt sich auch der scheinbar unzutreffende Untertitel beider Bücher: Kein Fall für Carl Brun.

Und nun lese ich weiter. Es bleibt spannend. Genießen Sie den Sonntag. Für diesen habe ich Ihnen noch ein besinnliches Poem gereimt:

Menschen tragen Zipfelmützen
Rot und weiß, mit LED
Hier und dort steh'n sie in Pfützen
Und es frieren Bein und Zeh.

Frauen tragen schwere Tüten,
Männer Kästen aus Karton.
Polizei tut Ordnung hüten.
Drum herum liegt der Beton.

„Achtsam sein!" sagt der Minister.
„Haltet Aug' und Ohren spitz.
Doch hört nicht auf die Philister,
Eher schlägt euch tot ein Blitz!"

„Glühwein! Waffeln!" Hört die Schreie!
Überall klingt „Dödeldaus!"
Menschen tragen Elchgeweihe,
Sehen damit albern aus.

Ich sitz still in meinem Hause,
Lass das Draußen Draußen sein.
Mach' beim Rauchen eine Pause
Und schütt' mir noch etwas ein.

Glocken, Lieder, Glühweinschreie.
Weihnachtsmarkt ist laut und kalt.
Elche essen etwas Kleie
Und verschwinden dann im Wald.

Frank Jordan. Der Fonds: Kein Fall für Carl Brun, Print: 602 Seiten, ISBN-10 3939562777 (Bei Amazon auch als Kindle Edition erhältlich) Lichtschlag Reihe Literatur

Frank Jordan, Die Ministerin: Kein Fall für Carl Brun, Print: 404 Seiten,ISBN-10: 3939562432 (Bei Amazon auch als Kindle Edition erhältlich) Lichtschlag Reihe Literatur

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (1)
Wilfried Cremer / 10.12.2017

Mainzelmännchen. Main-Donau-Kanal. Mongolensturm.

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