Archi W. Bechlenberg / 18.02.2018 / 06:15 / 15 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Wie heißt das Zauberwort?

Es ist früher Samstagmorgen; draußen wird es gerade hell, und ich bin extra zeitig aufgestanden, um diesen Text zu schreiben. Seit Tagen suche ich nach einem Thema, und wenn mir diesmal nicht, wie sonst stets zuverlässig, eines über die Wochentage zugeflogen kam, liegt es an dem gleichen Phänomen wie dem, das seinerzeit den Geiger auf der Titanic besorgt hinter seinem Notenpult herschauen ließ, als es der Schwerkraft folgend davon rutschte. Wie man hört, hat der Mann trotzdem tapfer weitergespielt, aber der sonst vorhandene, unbeschwerte Enthusiasmus wollte sich nicht mehr so recht aufrecht erhalten.

Seit dem Ausbruch der Welcome- und Bärchenwerferhysterie im Herbst 2015 hat sich ausnahmslos alles bewahrheitet, was seinerzeit von kritischen Beobachtern vorausgesagt wurde; schlimmer noch: die Prognosen wurden in unzähligen Fällen durch die Realität übertroffen. Statt Chopin läuft bei mir heute im Hintergrund Berlioz

In der Nacht schlief ich ungewöhnlich schlecht und so sah ich mich dann auf einmal in eine Zeitungsredaktion und ihre Nöte versetzt. Und es spielte sich folgendes ab (Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen und tatsächlich  erschienenen Berichten sind rein zufällig): 

Kommen Sie rein, Rabunke, kommen Sie rein! Haben wir was im Ticker?“

„Ähm, ja, leider nichts Gutes. Eine Vergewaltigung...“

„Ist das alles? Haben wir denn nichts, das mal nicht so alltäglich ist wie „Hund beißt Mann“?

„Ich fürchte, der Fall ist nicht alltäglich... eine ältere Frau, in Viersen...“

„Ältere Frau? Was heißt älter? Wie alt?“

„Sie ist 65...“

„Unmöglich, Rabunke, da haben Sie sich verlesen...“

„Leider nein – sehen Sie selbst!“

Ressortchef Schömpf überfliegt die Meldung.

„Was für eine Sauerei! Ein Westafrikaner...! Und die Frau ist wirklich 65?“

Rabunke nickt lautlos. Schömpf denkt nach.

„Ist das schon rund?“

„In Viersen weiß es jeder. Wir werden es nicht unter den Tisch fallen lassen können...“

„Na dann ist Einsatz gefordert. Das ist doch ein gefundenes Fressen für Nazis und Rassisten. Da müssen wir die Luft so gut es geht rauslassen!“

„Ist klar, Chef. Ich habe mir schon Gedanken gemacht. Es ist auf alle Fälle ein Einzelfall, zumindest in Viersen. Dann ist die Tatzeit ein wichtiger Punkt! 0:30 Uhr. Was macht eine Frau von 65 Jahren nachts um halb eins...“

„..und dann auch noch in Viersen! Richtig, Rabunke, die Frage muss gestellt werden!“

„Allerdings war Karneval, da sind die Leute nicht selten um diese Zeit..“

„Aber doch keine Omas! Oder war sie betrunken? Prekariat? Pöbel? Würde mich ja nicht wundern. Und dann kommt schnell eins zum anderen!“

Redakteur Rabunke nickt.

„Ich werde das noch recherchieren, ansonsten stellen wir es einfach in den Raum.“

Schömpfs Finger krallen sich in das Papier. „Und der Afrikaner? Weiß oder schwarz?“

Rabunke zuckt lautlos mit den Achseln. „Ich fürchte...“

„Ja wahrscheinlich. Weiß man sonst was über den Mann?“

„20 Jahre, polizeibekannt, wie es heißt...“

„Das ist gut! Polizeibekannt bedeutet, er ist schon mal aufgefallen, aber wegen Lappalien, sonst würde er nicht in Viersen so frei rumlaufen... Was macht so einer überhaupt um diese Zeit auf der Straße? Alleine, ohne Kumpel?“

Rabunke zuckt erneut lautlos mit den Achseln.

„Ich weiß es nicht, Chef. Er suchte was zu essen? Ein Nachtquartier? Hatte sich verlaufen?“

„Wir lassen das offen, so bleibt auch besser hängen, dass die Frau noch um so eine Zeit unterwegs war.“

Beide nicken schweigend. Abrupt haut Schömpf auf den Tisch.

„Verdammte Scheiße! Immer wieder solche Geschichten! Und wir haben dann die Arbeit...“

Rabunkes leicht verfettete Figur strafft sich.

„Wir brauchen einen Experten, der was dazu sagt!“

„Richtig, Rabunke! Ein Psychologe, Kriminalitätsforscher, meinetwegen ein Pfarrer!“

„Wir können die Kollegin Suhr-Strömming fragen, die kennt einen Psychiater!“

Schömpf gniffelt leicht.

„Ich hoffe, nur beruflich...“

„So weit ich weiß, rein beruflich. Sie zitiert ihn immer mal bei ähnlichen Geschichten. Den brauchen wir auf alle Fälle mit ein paar Zitaten!“

„Mehr als nur ein paar! Die Suhr-Strömming soll ihn anrufen und so viel aus ihm rausholen, dass wir damit die Meldung zu mindestens dreiviertel füllen können. Also viel Allgemeines und auf die Notlage der Afrikaner hierzulande eingehend.“

Redakteur Rabunke eilt hinaus. Schömpf nestelt eine Zigarette aus der Packung und steckt sie unangezündet in den Mund. Schaum bildet sich zwischen seinen Lippen.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße! Jeden Tag dasselbe. Das will doch keiner mehr lesen! Und wir müssen es ausbaden!“

Der Ressortchef hält ein Feuerzeug an die Zigarette. Sie ist voller Schaum und geht nicht an.

Viertelstunden später. Rabunke stürmt ins Büro.

„Wir haben es! Die Suhr-Strömming hat ihren Kontakt sofort angerufen! Und hier die Eckpunkte von dem, was sie eingeholt hat...“

„Ich höre, Rabunke! Machen Sie mich glücklich, Mann! Und wo ist die Kollegin?“

„Die ist angefressen!“

„Warum denn das? Ihre Tage kann die doch nicht mehr haben?“

„Ich komme gleich drauf zu sprechen, Chef. Aaalso...“

Redakteur Rabunke setzt sich und blättert durch den Block, den ihm Frau Suhr-Strömming gegeben hat.

„Erstens und für den Anreißer: EINZELFALL! Aber so was von! Wissenschaftlich erwiesen! Nur 0,5 Prozent der Opfer von Vergewaltigungen sind über 60 Jahre alt!“

Schömpf strahlt über alle Backen.

„Na einzelfalliger geht ja wohl kaum!“

„Drum kommt das auch ganz nach oben. Es gab zwar vor ein paar Wochen einen Vorfall mit einer 72-jährigen und einem Afrikaner, aber die Frau wurde nicht vergewaltigt, sondern nur halb tot getreten. Oder tot? Ich habe davon gar nichts mehr gehört...“

„Egal, Rabunke. Viersen ist definitiv ein Einzelfall. Also weiter!“

 „Genau, Chef. Sogar der Doc kennt nur einen einzigen ähnlichen Fall, und da war der Täter...“

„Lassen Sie mich raten, Rabunke! Psychisch gestört?“

Der Redakteur nickt.

„Täter war ein in der Entwicklung zurückgebliebener junger Mann."

„Großartig! Diese Formulierung muss in einen Textbaustein für kommende Artikel zu solchen Zwischenfällen. „In der Entwicklung zurückgeblieben“. Warum fällt uns so was nicht ein, Rabunke? Das erklärt doch alles. Wer würde sich auch sonst an einer Oma...“

„Bitte sprechen Sie das nicht gegenüber der Kollegin Suhr-Strömming an! Die muss ziemlich aus der Haut gefahren sein, als der Fachmann ihr das gesagt hat. Das sei ja wohl der pure Sexismus meinte sie eben zu mir. Als wären ältere Frauen nicht mehr attraktiv genug! Sie war echt angefressen...“

„Die Befindlichkeiten der Frau Kollegin sind mir im Moment ziemlich schnuppe. Was haben Sie weiter?“

„Wenn Sie wollen, seitenweise Statements des Psychiaters. Über Täter allgemein und speziell, ’ne Menge Zahlen, Statistiken, Untersuchungsergebnisse, kurz: So ein Vergewaltiger ist bloß eine kranke Socke. Bekloppt, triebgesteuert, von seiner Mutter getriezt, das volle Programm eben! Wissenschaftlich hundert pro bewiesen, von Experten aller Fakultäten!“

„Ich sehe, Sie haben sich schon Gedanken gemacht. Bravo, Rabunke! Das ist meine Schule! Und wie nehmen wir jetzt den Nazis den Wind aus den Segeln, für den Fall, dass der Afrikaner kein Weißer ist, wie ich befürchte?“

„Alles paletti, Chef! Der Doc sagt, die leben bei uns im Elend, am Rande der Gesellschaft, haben ständig Druck in den Eiern, und dann betrinken sie sich... und hopp! Das muss man verstehen...“

Schömpf nickt.

„Wenn ich ehrlich bin, Rabunke, aber das bleibt strikt unter uns: So was habe ich mir schon vor zwei Jahren gedacht. Was sollen sie auch machen? Ausschwitzen können sie es schlecht.“

Redakteur Rabunke nickt, erst misstrauisch zögerlich, dann zunehmend zustimmend.

„Klar Chef, wem das nicht in den Sinn kam damals, der hat echt null Ahnung von jungen Männern. Und jetzt müssen wir das wieder gerade biegen. Aber wir sind ja Profis. Und daher kommt es bestens, dass der Doc der Suhr-Strömming gesagt hat, viele von denen seien auf dem Weg hierher selber Opfer von Gewalt und allerlei Sauereien geworden, und das muss ja irgendwie verarbeitet werden, und wenn sie dann noch ein paar Gläser intus haben...“

„Großartig, Rabunke! Wie heißt das Zauberwort?“

Beide unisono: „TRAUMATISIERT!!!“

„Also, Rabunke, setzen Sie sich sofort dran, ehe die Nazis das überall instrumentalisieren! Ich will keine Umzüge in Viersen sehen. Anreißer: Einzelfall, dann kurze Schilderung dessen, was Sie im Ticker haben, verbunden mit der Frage, was die Frau überhaupt um diese Zeit auf der Straße verloren hatte, dann ganz viel Statistik und das übrige, was der Arzt der Suhr-Strömming erzählt hat, möglichst wissenschaftlich seriös und absolut allgemein gehalten. Und dann schließlich das mit dem traumatisiert!“

Redakteur Rabunke erhebt sich.

„Ich fange sofort an. Wollen Sie danach noch mal drüberlesen?“

„Die Zeit drängt, Rabunke, die Zeit drängt! Ich verlasse mich ganz auf Sie! Sie machen das schon!“

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Leserpost (15)
Tobias Berger / 18.02.2018

Lieber Herr Bechlenberg, unter Ihrem Niveau und keineswegs antideprimierend… Eine gute Woche, T.Berger

Stefan Lanz / 18.02.2018

Sehr sehr geil! Danke dafür :-)

Stephan Schwarz / 18.02.2018

Beim Lesen dieses Beitrags bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Nicht nur, weil sich dieser bedauerliche Einzelfall in der Nachbarstadt abgespielt hat. Sondern weil die örtliche Presse in ihrer “Berichterstattung” nach genau dem Schema verfahren hat, das hier satirisch aufbereitet wird. Das eigentliche Ereignis wird nur am Anfang kurz geschildert, den Rest des Artikels nimmt ein ausführlicher Erklärungsversuch eines Psychiaters aus der nahegelegenen Klapse in Süchteln ein. Betreuter Journalismus, der gar nicht mehr merkt, wie überflüssig er ist.

Bernd Ackermann / 18.02.2018

Rabunke sollte unbedingt noch mit dem Bürgermeister von Viersen sprechen, der den Einzelfall zwar bedauert, aber noch mehr die beschämende Art und Weise beklagt, wie nun schon vereinzelt Forderungen nach Abschiebungen laut werden. Außerdem wäre es hilfreich die Sprecherin des Aktionsbündnisses “Viersen ist bunt” zu Wort kommen zu lassen, die für das kommende Wochenende eine “Demo gegen Rechts” ankündigt. Weiterhin ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Tat gar nicht geschehen wäre, wenn der Flüchtling seine Familie hätte nachholen dürfen. Und daran sind ja nun mal eindeutig die Rechten schuld. Ohne diese Informationen ist der Artikel doch unvollständig.

Heiko Stadler / 18.02.2018

Wir wissen nichts über die Vergangenheit der Menschen, die ihr Glück bei uns suchen. Mit Sicherheit ist es aber nicht die gebildete Oberschicht. Sehr wahrscheinlich werden sorgar die Tore vieler überfüllter Gefängnisse geöffnet, um die traumatisierten Straftäter nach Europa zu schicken, wo sie dann nach Merkels Willen “gerecht” auf die EU-Staaten verteilt werden sollen.

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