Archi W. Bechlenberg / 14.10.2018 / 06:15 / 57 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Nazispuren auf dem Dachboden

Seit nunmehr zwei Jahren bin ich ein Nazi. Eigentlich sogar noch ein Jahr länger, aber da sagte mir das noch niemand. Ich erfuhr es erst, nachdem die ersten Texte von mir auf der Achse des Guten erschienen waren. Alte Bekannte, von denen ich teils seit Jahrzehnten nichts mehr gehört hatte, informierten mich über meine verwerfliche Verwandlung. Ich erinnere mich an einen, der offenbar seine eigenen Worte nicht in Gedanken fassen konnte, er bombardierte mich daher mit simplen Fragen („Wie kannst du nur?“) sowie zusammengeklaubten Zitaten von Kant, Camus und vermutlich Papst Konstanz XIV., Küblböck und Katzenberger. Da war es aber längst zu spät für eine Umkehr, denn inzwischen hatte ich ein gutes Jahr Zeit gehabt, um mir über die Politik des „Alles muss rein!“ substanzielle Gedanken zu machen.

Ich wurde also Nazi per Akklamation, wenn auch nicht unter Beifall; aber ich war ja auch kein römischer Feldherr auf dem Weg zum Imperator. Mich focht das, von einer sehr kurzen Phase des Erstaunens abgesehen, nicht weiter an. Mein Leben lang hatte ich mich stets eher auf der linken Seite des politischen Spektrums verortet, es war demnach im inzwischen fortgeschritteneren Alter durchaus angebracht, das Gehirn mal etwas auf Vordermann zu bringen. Dafür an dieser Stelle ein herzliches „Danke, Merkel!“

Das Nazi-Thema war also – so dachte ich – längst durch, zudem ja inzwischen heute jeder Nazi ist, der einen zusammenhängenden Satz formulieren kann und in diesem dann auch noch etwas Unbotmäßiges äußert; dennoch kam ich in der ablaufenden Woche ein wenig ins Grübeln. Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern – am vergangenen Sonntag ließ ich an dieser Stelle Erinnerungen an den Busenregisseur Russ Meyer freien Lauf. Und erwähnte den in einem Film auftretenden Tankwart und Garagisten Martin Bormann. Ein freundlicher, verständnisvoller älterer Mann mit einem etwas anrüchigen Namen. Aber sonst?

Ich dachte nach. Wann hatte ich den Film zum ersten Mal gesehen? Es musste in den 1970ern gewesen sein. Hatte sich da eventuell der Samen des Unaussprechlichen in meine noch junge Oberstube eingepflanzt? Ich sah mir den Film am letzten Sonntag noch einmal an. Und entdeckte Schlimmes: Auf der Stoßstange von Bormanns Abschleppwagen prangen unübersehbar zwei riesige H. Am Haken hängt ein demolierter, wie bei Tobruk entleibter VW Käfer, während in der darüber ablaufenden Titelschrift Mitwirkende mit deutschen Namen auftauchen: Knapp. Neuwirth. Brummer. Meyer natürlich Und wie heißt Bormanns Garage? Super Service!

Das kindliche Gehirn subtil kontaminiert

Ich war ehrlich entsetzt, konnte mich aber schnell beruhigen. Wenn Meyers Filme bei mir einen das Unterbewusstsein penetrierenden Einfluss hatten, dann eindeutig in anderen Belangen. Sie wissen, was ich meine. Karge Landschaften, visionäre Filmsprache, stilbildende Themen, ausgefeilte Dialoge. Nein, Russ und Martin waren nichts schuld.

In den folgenden Tagen ließen mir meine Gedanken aber keine Ruhe. War es denkbar, dass mich in früheren Zeiten, also dann, wenn das kindliche Gehirn noch weich und biegsam ist, andere Verführer so subtil kontaminiert hatten, dass schließlich jenseits der 60 in mir das braune Biest erwachte? Um es vorweg zu nehmen: Ja. Eindeutig ja.

Ich kam der Sache auf die Spur, nachdem ich mich für einen vollen Tag auf dem Dachboden einquartiert hatte. Dort stehen Dutzende von Kartons, die prall gefüllt sind mit Lektüren, vor denen ich damals, so wie jedes Kind, gewarnt wurde, natürlich erfolglos. Doch nicht nur die schundigen Comics, sondern auch scheinbar ehrenwerte  Kinderbücher mit bunten Bildern und launigen Texten enthalten, dies wurde mir im schnell klar, übelstes Gedankengut.

„Lurchi reist nach Afrika / Seht nur hin, er ist schon da! / Möchte auch mal Neger sein / Also färbt er schwarz sich ein. / Auch die Freunde, schwarz wie Mohren / fühlen sich wie neugeboren.“

Lurchi! Der sympathische Salamander mit den gleichnamigen Schuhen, millionenfach verteilt in Schuhgeschäften! Sicher ist manchem von Ihnen dieser schwarzgelbe Geselle samt seinen Gefährten noch ein Begriff! Ich liebte Lurchihefte, zudem sie einen hohen Seltenheitswert besaßen. Denn da ich zwei etwas ältere Vettern hatte, bekam ich kaum einmal neue Schuhe, stattdessen durfte ich die Treter der Verwandten auftragen. Man bekam aber Lurchihefte nur im Schuhladen, und das war für mich quasi ausgeschlossen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Harmlos daher kommende Bildergeschichten

Lurchi ein Rassist! Ich blätterte sprachlos in den grünen Heften und wurde schnell weiter fündig. Ein dicker Schwarzer mit Schlauchbootlippen fängt die ganze Bagage ein, da sie für seltene Tiere gehalten werden. Zum Glück werden sie nach Europa verschifft, wo sich die Verwechslung auflöst.

In einer anderen Geschichte findet Lurchi einen Stapel Elfenbein, doch er meldet das nicht etwa der Polizei, sondern tötet sogar einen seltenen, vom Aussterben bedrohten Tiger. In einer weiteren Geschichte versucht sich der Lurch als Torero: „Lurchi rettet mit Geschick / sich und bricht ihm das Genick.“ Und so geht es Heft um Heft weiter. Ein Kondor wird gerupft, Dachse werden ausgeräuchert, Maulwürfen werden die Hügel geplättet, Stare werden mit Schüssen verjagt, Eulen und Fledermäuse brutal verscheucht, und darüber hinaus wird dem Alkohol gefrönt. Einem Sägefisch wird, mit Hilfe der stabilen Salamanderschuhe, die Säge vom Kopf getreten und einem Polypen damit die Arme amputiert. Ein wahres Pandämonium tut sich in diesen so harmlos daher kommenden Bildergeschichten auf. Immerhin, bis auf eine Friedenspfeife mit Indianern wird nicht geraucht. Was, im Kontext betrachtet, durchaus auch seine Bedeutung besitzt .„Ein teutscher Lurch raucht nicht!“ Klang es nicht dereinst genau so?

Angewidert schleuderte ich die Lurchihefte beiseite. Als Nächstes zog ich ein altes Micky Maus Heft aus der Kiste. Schon ein Blick aufs Titelbild ließ mich erschaudern. Gegen die darauf zu sehenden Afrikaner waren die Neger bei Lurchi geradezu zivilisiert. Damit nicht genug, es handelt sich auch noch um Kannibalen, denen Maus und seine Gefährten in die Kessel plumpsen. „Willst du uns abschlachten?“ fragt Maus einen der Unholde, der eine weiße Kochmütze trägt. „Das kommt später!“ antwortet dieser. „Erst werdet ihr gewürzt.“ Auch fragt der Koch nach den Namen seiner Gefangenen: „Für die Speisekarte.“ Nur dank der geistigen, westlich-geprägten Überlegenheit von Maus und Co gelingt den Helden zuletzt die Flucht. Welches Gift für Kinderseelen!

„Mecki bei Harun al Rashid“

Micky Maus flog auf den Lurchistapel. Ich zog ein größeres Heft mit festem Einband hervor. Grundgütiger! „Tim und Struppi im Kongo“. Schon beim kurzen Durchblättern und Betrachten der Eingeborenen wurde mir klar, warum Afrikaner bevorzugt mit Schlauchbooten nach Europa reisen. Immerhin, bei Hergé sind die Eingeborenen nicht völlig unterbelichtet. Als Tim mit seinem Auto eine Dampflok rammt und zum Entgleisen bringt, sagt er: „Wir werden die alte Töfftöff schon wieder flott machen“und wird von einem Afrikaner korrigiert: „Wie bitte, Töfftöff? Das sein echt Krupp-Dingsbums!“

So also ist der Samen des Nazitums in mich geraten. Ich war erschüttert, wollte aber die Hoffnung nicht aufgeben; die Hoffnung, doch noch Lektüre wiederzuentdecken, die mich eventuell auch im Guten geprägt hatte, und so griff ich noch einmal in die unerschöpflichen Tiefen der Kiste. Es kamen einige querformatige Bilderbücher ans Tageslicht. Ach wären sie doch drinnen geblieben! „Mecki bei den Negerlein“ „Mecki bei Prinz Aladin“. „Mecki und die 40 Räuber“. „Mecki bei Harun al Rashid“. Und weitere Bände, in denen es von verschlagenen Arabern, Sklavenhändlern und Schlauchbootlipplern nur so wimmelt, von Chinesen und Eskimos ganz zu schweigen. Und Indianern! Gerade vor wenigen Tagen habe ich bei einer Recherche gelesen, welch rassistischer Begriff „Indianer“ ist.

Der Zeichner der Mecki Bücher (ab dem 2. Band) war ein gewisser Wilhelm Petersen. Der Mann spielte unter Hitler eine bedeutende Rolle und gehörte zur NS-Künstlerprominenz. In seinem Wikipedia-Eintrag findet sich nichts sympathisches. Petersen stattete Carinhall, Jagdsitz des Reichsjägermeisters Göring, mit Wandgemälden aus und war allenthalben bestens mit den Großen seiner Zeit liiert. Hitler persönlich verlieh ihm den Professorentitel, obwohl er kein Studium absolviert und keinen akademischen Grad erworben hatte. Nach dem 2. Weltkrieg wurstelte er sich so durch, zeichnete hier etwas, malte dort etwas, meist heroische Germanen, und wurde schließlich für die Meckibücher engagiert. Ja, Petersen war ein echter Kulturschaffender. Ob er Petitionen unterzeichnet hat, ist nicht bekannt, dafür kann man aber seiner Biografie entnehmen, dass etliche seiner Bilder im Besitz Hitlers und Görings waren, und sein Gemälde „Inken“ wurde von einem gewissen Martin Bormann erworben.  

„Führer durch die Strömungslehre“

Es war hoffnungslos. Die ganze Kiste ein einziger Hort braunen Gedankenguts. Von ihrem Boden schimmerte mir „Petzi bei den Pyramiden“ entgegen. Vermutlich gab es darin Ärger mit ausgefuchsten Ägyptern. Es hätte nur noch gefehlt, dass mir Führerbücher entgegengeschritten wären. „Führer durch die Strömungslehre“, „Führer durch die Alpen“ oder, ganz aktuell, „Führer durch das lasterhafte Berlin.“

Als ich am späten Abend vom Dachboden herunterstieg, war ich schwer getroffen. Kein Zweifel, meine Kinderseele war einst vergiftet worden, subtil, tückisch, wie von einem Gift, das sich erst im menschlichen Organismus verbreiten und vermehren muss, ehe es seine Wirkung entfaltet. In diesem Fall nach mehr als fünf Jahrzehnten.

Erschreckend ist die Tatsache, dass man diese Lektüre auch heute noch ohne Mühen kaufen kann. Mecki-Bücher werden für kleines Geld angeboten, so gibt es „Mecki im Schlaraffenland“ bereits für 2 Euro, „Mecki bei Sindbad“ für unter 10 Euro, „Mecki bei Frau Holle“ für 2 Euro und „Mecki bei Zwerg Nase“ für 5 Euro. Warum man für „Mecki bei den Negerlein“ bis zu 90 Euro hinblättern muss? Fragen Sie besser nicht.

Ermattet auf dem Sofa liegend, dachte ich lange nach, denn es dürstete mich nach versöhnlicher Lektüre. Die Marx-Engels Gesamtausgabe hatte ich im letzten Winter entsorgt, ebenso den Parisführer für Schwule und Lesben. Und eigentlich müsste ein Antidot zu all der braunen Pampe ja ebenfalls von früher stammen... 

Da, ich hatte es! Rasch sprang ich auf und griff in eine Ecke meiner Bibliothek, in der sich reichlich Staub angesammelt hatte. Meine Hand tastete sich wie durch eine sandige Wüste. Hier standen meine noch verbliebenen Karl May Bände. Ich zog einen heraus. Wie passend! „Durch die Wüste“, mit dem tapferen Halef Omar. Ich legte mich wieder hin, machte es mir bequem, schlug das Buch auf und begann zu lesen.

„Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?« »Ja,« antwortete ich. »Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht.“ 

Bleibe ich eben Nazi.

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Leserpost

netiquette:

Harald Weiler / 14.10.2018

Hi Archi, riskier mal keine dicke Lippe! Es reicht schon wenn Baba, der Ausguck des Piratenschiffes in den Asterix-Heften das macht. Viele Grüße Harald

Gerald Hendryk / 14.10.2018

Herr Bechlenberg, was Sie waren oder sind, vermutlich sind Sie noch immer auf der Suche nach Ihrer Identität. Wen interessiert das?

Hans-Peter Klein / 14.10.2018

“Lange tönt’s im Walde noch, Salamander lebe hoch !”. Wenn ich nur wüsste, wo die Hefte von damals geblieben sind, ich gäb’ was dafür. Wenn ich solche Zeilen lese, dann in letzter Zeit immer mehr und öfters schwarz-weiß Filme auf Youtube aus dieser Zeit schaue, spielende Kinder sehe, Deutsche spielende Kinder wohlgemerkt, und mich freue, nur bei diesem Anblick aus der Kinderzeit, dann fühle ich mich wie ertappt: Lurchi-Hefte, spielende deutsche Kinder, wir bedeuteten unseren Eltern, der Tätergeneration aus dem verlorenen Krieg, Zukunft. Ich fühle mich ertappt als ein verspäteter Nazi, der neue linke Zeitgeist verlangt das genaue Gegenteil: Es war eine vermuffte, verlogene, verdrängende Zeit, alles Gute lag nur in der Zukunft, dem Neuen zugewandt, der Abkehr vom Alten. Es fällt mir ersichtlich schwer, eine wirklich eigene Positionsbestimmung zu finden, denn in allem ist was Wahres dran. Mit den Eltern konnte man nicht offen reden, ein gutes Essen bestand aus möglichst viel Fleisch, möglichst billig erstanden, die Auswahl der Gesprächs-Themen war überschaubar. Und doch: Sehe ich die alten Schwarz-Weiß Bilder von damals: Es wurde mindestens so viel gefeiert wie heute, die Familienfeste haben mich aber trotzdem in der Tiefe erfasst, man gab sich richtig Mühe beim schmücken und allem, was für Stimmung sorgte, und:  Auf Qualität der Waren und Produkte wurde großen Wert gelegt, ob Schuhe oder Modelleisenbahn. “Schund”, das war nicht nur anzügliches mit wenig Textil drumherum, im Grunde verbotenes,  es war eigentliches alles, was keinen echten Wert hatte, kurzlebiges ohne lange Gebrauchsdauer, auch “Kitsch” fiel darunter. Und heute: Verdammt zu dieser verdammten Konsumwelt befällt mich eine gewisse Wehmut, wenn ich an “Lurchi”  erinnert werde, der für eine ganze Epoche steht . Dann bin ich eben ein Nazi für den linken Zeitgeist:  “Salamander lebe hoch!”. MfG,  HPK    

Ulla Smielowski / 14.10.2018

Schon erstaunlich wie leicht heutzutage Leuten im täglichen Umgang “Nazi und Rassist” über die Lippen kommt… Da bekomme ich dann immer so müde Stellen im Gesicht…

Gabriele Schulze / 14.10.2018

Bündische Fahrtenlieder im Musikunterricht, ein Lehrer, der uns Zehnjährige zwang, das Deutschlandlied komplett zu singen, Lurchi, Mecki und Co., Karl May - was hab ich mir angetan bzw. antun lassen! Mark Twain war schon subversiv, da in Huckleberry Finn der Vater so despektierlich behandelt wird. Man wurschtelte sich durch und wurde “links”. Und jetzt? Mir gefällt die Definition in einem gestrigen Artikel auf achgut: konservativ sein heißt realistisch sein…Im Grunde kann man an diesen Literaturen ablesen, daß es keine Stunde Null gegeben hat, auch nicht geben kann. Genauso wenig wie den guten Menschen von Sezuan und anderswo.

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