Archi W. Bechlenberg / 02.09.2018 / 06:29 / Foto: IMLS DC / 14 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Nach Norden mit der Pest an Bord

Ich welch' unruhigen Zeiten der Mensch früher lebte, kann man vor allem beim Reisen erfahren. Überall stehen Ruinen einst mächtiger Burgen und Festungen, die von erbitterten Angriffen berichten, bei denen äußere Feinde versuchten, ins Innere zu gelangen, um sich dort der Güter und Ersparnisse, ja selbst der Frauen zu bemächtigen. Natürlich tat man alles, um solche von außen herangetragenen Begehrlichkeiten abzuwehren und es den Feinden so schwer wie möglich zu machen, und niemand im Inneren wäre auch nur, selbst im schlimmsten Suff, auf den Gedanken gekommen, den Angreifern heimlich den Zutritt zu ermöglichen. Es sei denn, er hätte sich von außen dazu überreden lassen, mit der Aussicht auf reichlich Lohn und Ehre und vielleicht dem Vorsitz in einer Versammlung, bei der sich notorische Spitzbuben... aber nein, so etwas gab es niemals real, vielleicht nur in manchen Sagengeschichten, die erzählt wurden, um die schrecklichen Konsequenzen eines derartigen Verrats plastisch darzustellen. Denn natürlich endeten diese Überlieferungen nicht, ohne in aller epischen Breite die grauenhaften Strafen zu schildern, die auf ein derart verkommenes Subjekt warteten. Zu recht.

Wer ein wenig in der Welt herum kommt, kann interessante Parallelen entdecken, die die Kulturen ganz unterschiedlicher Länder, sagen wir Frankreich oder Norwegen oder Spanien oder Bayern verbindet. Ich habe ein Faible für derartige Erscheinungen. Insbesondere Teufelsbrücken und Rittersprünge haben es mir angetan. Teufelsbrücken finden Sie in vielen Ländern, eine kurze Recherche im Internet fördert zahlreiche Teufelsbrücken zutage; Sie können es sich aber noch leichter machen und bei Wikipedia das Stichwort eingeben. Teufelsbrücke hat einen eigenen Eintrag.

Rittersprünge sind nicht ganz so verbreitet; der Leibhaftige scheint deutlich aktiver gewesen zu sein mit seinen Brücken als edle Ritter, die beim Raub edler Fräulein auf der Flucht vor den Häschern über Bäche, Flüsse und reißende Ströme springen mussten, mal per Pferd, mal auch per pedes. Wenn es sich um besonders pittoreske Stellen handelt, eigneten sich Rittersprünge ganz hervorragend dazu, dort ein Schild aufzustellen und gleich daneben einen Stand mit Bier, Wurst und Postkarten. Ein wenig spektakulärer Ritterspung liegt am Grenzfluss Our zwischen Belgien und Deutschland, ein anderer in Heidelberg, wo der Ritter zu Fuß auf der Flucht war und man noch heute einen seiner Fußabdrücke im Gestein sehen kann.

Ein beeindruckender Rittersprung liegt in Norwegen, und da man dort norwegisch spricht, heißt der Rittersprung im östlichen Jotunheimengebirge Ridderspranget. Ein gewisser Sigvard Kvie soll dort die von ihm begehrte Maid Skårvangssola geraubt und mit seinem Pferd eine breite Schlucht übersprungen haben, in der sich acht Meter tiefer ein wilder Fluss seinen Weg bahnt. Der erste der Verfolger stürzte hinunter, so das die weiteren die Jagd abbrachen. Ob sich der Aufwand für Sigvard Kvie in den folgenden Jahren gelohnt hat, ist leider nicht überliefert.

Ein 180 D mit einem riesigen Stoffschiebedach

Es war 1975, da stand ich am Rand des Felsens, von dem Kvies treuer Zossen abgesprungen war. Beeindruckend. Hier tobte die ungezähmte Natur, hier sagten sich Bär und Forelle Gute Nacht. Allerdings, ich musste mich vor dem Mut des Ritters nicht verstecken; meine Reise nach Norwegen zeugte kaum von weniger Mut. Was ich natürlich erklären muss.

Ich besaß damals mein – rückblickend aus heutiger Sicht –  schönstes Auto. Erstaunlicherweise kein englisches, sondern einen soliden deutschen Mercedes Benz. Ein 180 D von 1958 mit einem riesigen Stoffschiebedach und einer Inneneinrichtung, auf die manches gutbürgerliche Wohnzimmer neidvoll blicken musste. Da das Auto recht preiswert war, hatte ich mir erlaubt, die schäbige Originallackierung durch eine von VW angebotene Farbe mit Namen Iberisch Rot ersetzen zu lassen. Der Wagen war ein Knüller.

Natürlich hatte er auch Schwachpunkte, und die waren nicht ohne. Ich hatte für den Benz inklusive Iberisch Rot 1500,- DM bezahlt, was ein Witz war. Denn bis auf ein Detail handelte es sich um ein tadelloses Auto. Das Detail allerdings hatte es in sich. Der Motor des vermutlich einst als Taxi dienenden 180 D hatte mehr als die Strecke Erde-Mond-Erde hinter sich. Er lief, keine Frage, er lief ruhig und zuverlässig heffernd (so nannte der mercedesbastelnde Architekturstudent, von dem ich meinen Heffer gekauft hatte, das gemütliche Gediesel des mit gerade einmal 55 PS ausgestatteten Autos). Doch der Motor besaß altersbedingt so gut wie keine Kompression mehr, jedenfalls nicht, wenn er warm gelaufen war. Solange er lief, war das durch eine geringere Leistung bemerkbar, doch er fuhr, die Obergrenze für eine zuverlässige Dauergeschwindigkeit lag bei ca. 80 km/h. Das störte mich nicht groß, denn um mit einem Wohnzimmer durch die Gegend zu heffern, waren 80 km/h mehr als genug.

Man durfte den Heffermotor allerdings im warmen Zustand auf keinen Fall ausmachen. Um dann wieder zu zünden und zu starten reichte die Kompression einfach nicht. Dies hatte zur Folge – nachdem ich einige Male nicht von der Stelle gekommen war – dass ich den Heffer, gemütlich vor sich hin brabbelnd und blauschwarze Rußschwaden ausstoßend, laufend stehen ließ, sofern ich nur kurz etwas zu erledigen hatte. Einkaufen, Studentenausweis verlängern lassen, Essenfassen in der Mensa, Ein Plausch mit Kumpeln am Straßenrand, der Heffer lief derweil und wartete geduldig darauf, dass es weiter gehen würde. Und wenn ich ihn abstellte, musste ich eben warten, bis der Motor wieder erkaltet war. Am besten über Nacht.

Lieber die Pest an Bord als Erdmute.

Mit diesem abenteuerlichen Auto ging es also tausende Kilometer nach und durch Norwegen. Außer meiner Freundin waren noch zwei Passagiere mit an Bord, die ich zwecks Kostenminderung über ein Mitfahrangebot in der Mensa rekrutiert hatte; ein Student der Biologie und eine Lehrerin. Zum ersten Mal fiel letztere unangenehm auf, weil sie nicht am Tag der Abreise zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Treffpunkt war. Nach langem Warten fuhren wir zu ihr, um sie gemütlich inmitten von einem Dutzend Reisetaschen und -täschchen vorzufinden. Sie könne sich nicht entscheiden...

Rasch erwies sich Erdmute (so will ich sie einmal nennen) zu einer wahren Plage. Wir drei anderen hätten lieber die Pest an Bord gehabt, als Erdmute. Sie stopfte Kissen vor die Lautsprecher auf der Hutablage, die Fenster durften nie ganz aufgedreht werden und das Schiebedach nicht weiter als zehn Zentimeter offen stehen. Da es bei zehn Zentimeter keine Einrastmöglichkeit für den Schließmechanismus gab (woran man die überlegene deutsche Ingenieurskunst erkannte: niemand, der bei Verstand war, würde ein fast 1 Quadratmeter großes Schiebedach nur 10 cm öffnen, folglich musste da auch der Hebel nicht greifen), arbeitete sich die Plane durch den Fahrtwind rasch nach hinten, so dass der Schlitz bald doppelt und dann dreimal so groß geworden war. Erdmute sah das als persönliche Schikane an, es könne sich nicht sein, dass sich das Dach nicht auch in kleiner Stellung fixieren ließe.

Als nächstes flog Erdmutes Strohhut davon, den sie wegen der Sonne, die auf sie schien – da das Schiebedach ja offen stand – zu tragen gezwungen war. Auf eine Diskussion über die Frage, warum man nicht auf der Autobahn stehen bleiben kann, um einen Strohhhut zu suchen, ließ ich mich nicht weiter ein, stattdessen begann ich, leise pfeifend, die ersten Mordpläne zu schmieden. Wenn ich Ihnen im Einzelnen schildern würde, was sich auf den nächsten paar hundert Kilometern, inklusive Überquerung des Skagerrak und Dümpelns durch den Oslofjord, alles ereignete, würden Sie zu Recht fragen, warum ich Erdmute nicht längst verklappt hatte.

Ich gebe zu, es fehlte nicht viel, doch da kam sie mir zuvor, indem sie mitten auf dem Meer erklärte, sie werde uns in Oslo verlassen und den Heimweg antreten. Es sei ein schlechtes Karma im Auto. Sobald wir festen Boden unter den Füßen hatten, war davon allerdings nicht mehr die Rede, nun wollte sie uns weiter Gesellschaft leisten.

Mit Altöl wieder in den Normalbereich

Ja, Sie fragen völlig zu Recht, warum wir anderen, insbesondere ich als Kapitän, das weiter mitmachten, und die Antworten, die ich heute, mehr als 40 Jahre später, darauf zu geben wüsste, wären weder für Sie noch für mich befriedigend. Bleiben wir also beim wirklichen Geschehen. Erdmute blieb weiterhin im Heffer. Der sich übrigens prächtig schlug, zudem nie jemand plötzlich auftauchte und irgendwas von „Machen Sie den Motor aus“ nØrgelte.

Da es außer „Norwegen muss es sein“ kein festes Ziel gab, hielt ich mich strikt in nördliche Richtung. Beim Tanken hefferte der Motor weiter, und wenn der Tank voll war und ich bezahlen ging, folgte stets ein – Außenstehenden eventuell seltsam anmutendes – Ritual. Ich fragte nämlich den Tankwart, ob er ein Fass für Altöl habe und falls ja, ob ich daraus 5 Liter abzapfen könne. Denn der Heffer verbrannte natürlich dank der ausgeleierten Kolbenringe reichlich Getriebeöl. Da der Motor nicht anspruchsvoll war, ließ sich der gesunkene Ölstand auch mit Altöl wieder in den Normalbereich anheben, egal, in welchem Zustand und aus welchen Viskoseklassen sich dieses zusammensetzte. Und es kostete nichts aus dem Fass hinter der Tanke.

Erdmute hatte sich zwar ein wenig der Allgemeinstimmung angepasst (manchmal durfte Musik sogar ohne vorgeschaltete Dämpfungskissen laufen), aber das hielt nicht lange an. Die Lage spitzte sich nach zwei weiteren Tagen wieder zu. Wir hatten in einer wunderbaren Gebirgsgegend einen kleinen Campingplatz entdeckt, auf dem es bescheidene Holzhütten zu mieten gab. Meine Freundin und ich nahmen eine, der arme Biologe teilte sich mit Erdmute die andere. Bereits zum Frühstück kam er zu uns rüber und klagte sein Leid. Erdmute und er hatten am Abend zuvor beim Hüttenwirt in dessen kleinem Shop ein paar Lebensmittel gemeinsam gekauft. „Die hat vorhin das Toastbrot ausgepackt und in zwei exakt gleichgroße Haufen geteilt. Den Käse hat sie halbiert, die Butter, und die Milch...“ Ich tröstete den Gefährten, so gut ich konnte, fühlte ich mich doch zutiefst schuldig, da ich die Frau entgegen besseren Wissens nicht im Meer...

Der nächste Schock kam am kommenden Tag. Es war zwar Mitte Juli, aber in der Nacht hatte sich ein feiner Schneeteppich auf den Rasen rings um die Hütten gelegt. Erdmute war außer sich und nicht zu beruhigen. Auf die Frage, was sie denn überhaupt in Norwegen wolle, antwortete sie, das wisse sie jetzt auch nicht mehr. Sie habe in der Mensa geschaut, welche Mitfahrgelegenheiten angeboten wurden, und weniger darauf, wohin diese denn führen würden. Ich sah mich dezent um. Hier waren wir zwar mehr als 1.000 Meter oberhalb des Meeresspiegels, aber ein verträumter Gletschersee würde es auch tun...

Dutzend Bikinis und Badeanzüge

Gegen Mittag beruhigte sich Erdmute. Es war nämlich die Sonne hervorgekommen, der Schnee war weg, stattdessen war es richtig warm geworden. Erdmute holte aus der Hütte ihre beiden Reisetaschen und breitete die Inhalte auf einer Decke aus. Es war unfassbar. Eine – immerhin die kleinere – Tasche, enthielt ausschließlich Kosmetika; aus der anderen fischte sie ein halbes Dutzend Bikinis und Badeanzüge in Farben, wie sie in ganz Norwegen bis dahin noch nie gesehen worden waren. Zumindest nicht in den ländlichen Regionen. 

Unser Biologe verkroch sich in die Hütte, wo er vermutlich in den handgefertigten Flickenteppich biss, um keine unartikulierten Schreie ausstoßen zu müssen. Meine Freundin kicherte hinter meinem Rücken und murmelte wenig freundliche Worte, unter denen „bekloppt“ mehrfach vorkam. Erdmute focht das alles nicht an. Sie rechnete mit seltsamen Formeln aus, welcher Sonnenschutzfaktor wohl dort oben am Bitihorn vonnöten sei, studierte die Betriebsanleitungen zahlreicher Lippenbalsame und legte zuletzt reichlich Farbe auf, so, als würden abends die Arbeiter einer Ölplattform auf einen Drink vorbei kommen.

„Was hast du denn so an warmen Sachen dabei?“ fragte ich Erdmute. Sie überlegte, schaute dann in die eine Tasche und sah mich an. Es sei halt nicht viel Platz in nur zwei Taschen, und außerdem hätten wir sie so gedrängelt am Morgen der Abfahrt. Sie hatte nicht einmal einen Pullover eingepackt. Ich war der Verzweiflung nahe. Wie sollte das weiter gehen? Würde es dem Hüttenvermieter auffallen, wenn statt vier nur drei Personen abreisten? Würde ihm auffallen, dass ein Stückchen abwärts ein ca. 1 x 2 Meter großer Steinhaufen entstanden war? Und würden der Biologe und meine Freundin dicht... ja, sie würden.

„Mit einem Colt und einem freundlichen Wort erreicht man stets mehr, als mit einem freundlichen Wort alleine“ hat Al Capone einmal weise gesagt. Leider kannte ich den Satz damals noch nicht, und so versuchte ich es mit einem freundlichen Wort alleine. Ich bekniete Erdmute, hier zu bleiben und den nächsten Bus Richtung Süden zu nehmen. Es werde jetzt nicht drei Wochen lang Sonne scheinen, morgen könne es schon wieder schneien, und ohne Pullover sei sie völlig verloren, schließlich – hier dramatisierte ich ein wenig – würden wir jetzt straight Richtung Norden fahren. Sie machte tatsächlich ein nachdenkliches Gesicht und meinte dann, ich habe wohl recht, innerhalb von zwei Tagen könne sie mit Bus und Bahn zumindest in Dänemark sein, und da wäre sie mit ihren Bikinis genau richtig. Ich beglückwünschte sie zu ihrem Entschluss, der Abend verlief friedlich an einem kleinen Lagerfeuer, und meine Freundin, der Biologe und ich liehen Erdmute unsere Zweitpullover.

„Hier ist die Fahrt für dich zu Ende“

Dies könnte das Ende einer zwar amüsanten Reisegeschichte sein, amüsant aber nur mit 43 Jahren Abstand. Leider sah das Ende anders aus. Erdmute hatte in der Nacht erneut beschlossen, noch ein Stück weiter mit uns zu fahren. Es gäbe, so habe ihr der Hüttenwirt gesagt, weiter nördlich eine Stadt mit Bahnanschluss, von dort könne sie ohne große Mühen nach Oslo kommen, ja wahrscheinlich die ganze Reise inklusive Fähre nach Dänemark quasi bis an den Strand auf einen Sitz buchen. 

Die Lage war ernst, und ich besprach mich mit den Gefährten. Auf der Karte sah es bis zu dieser Stadt noch recht weit aus, aber wir waren damals jung und locker und tolerant, und was würde es uns schon ausmachen, die Dame noch zwei oder drei Stunden länger in unserer Gesellschaft zu ertragen?

Ich teilte also Erdmute mit, wir seien einverstanden, wenn auch unter Bedingungen. Keine Kissen vor der Musik, bei Sonne das Schiebedach offen, und sie solle, wenn irgendwie möglich, am besten ganz die Klappe halten. Sie stimmte zu.

Muss ich es sagen? Das ging keine halbe Stunde gut. Erst nur leise vor sich hin brabbelnd klagte Erdmute uns schließlich an. Wir würden sie wie den letzten Dreck behandeln, sie habe für die Fahrt bezahlt, es sei eine Zumutung mit der Musik, und einen Sonnenbrand habe sie auch wegen der offenen Dachluke. Und einen Hut habe sie auch nicht mehr, weil ich damals nicht auf dem dazu ja schließlich vorhandenen Seitenstreifen hätte halten wollen. Man konnte deutlich spüren, wie die Temperatur im Heffer sank.

Ich sah nicht einmal in den Rückspiegel

Niemand, außer Erdmute, sagte etwas. Wir sollten uns dazu jetzt mal äußern, und als erstes sei jetzt mal Schluss mit der Musik. Sie stopfte ein Kissen vor den Lautsprecher hinter ihr, das andere hatte der Biologe geistesgegenwärtig konfisziert und sich darauf gesetzt. Ich sagte nichts, fuhr die schnurgrade Straße entlang und ließ meine Blicke schweifen. Dann endlich. Rechts und links der Straße standen zwei massive, geschlossene Buswartehäuschen. Ich querte die Straße und hielt vor der Hütte Richtung Süden. Ich stieg aus, öffnete die hintere Türe des Heffers auf Erdmutes Seite und sagte: „Hier ist die Fahrt für dich zu Ende.“

Sie sah mich entgeistert an; ich hielt mich nicht damit auf, sondern holte aus dem Kofferraum ihre beiden Taschen und trug sie in das Häuschen. Erdmute federte aus dem Auto und überzog mich mit einem Schwall von Flüchen. Ich machte die hintere Türe zu und setzte mich hinter das Steuer. In einem letzten verzweifelten Versuch wand sie sich an die beiden Mitreisenden. Was sie denn dazu sagen würden? Nichts. Es kam keine Reaktion. Ich legte den Gang ein – der Motor lief ja aus Gründen weiter – und bog zurück auf die Straße Richtung Norden. Ich sah nicht einmal in den Rückspiegel.

Wir hatten dann noch einen wunderschönen Urlaub, wir besuchten Wasserfälle und Stabkirchen und Gletscher und Fjorde und aßen riesige Pilze und seltsame Käse und Brote und einmal einen Stockfisch, ohne ihn vorher tagelang gewässert zu haben. Und der Heffer absolvierte dank üppiger Versorgung mit Altlöl die vielen tausend Kilometer nahezu klaglos. Bis auf eine verlorene Mutter, die das Kuppeln unmöglich machte. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Links: 

Der Ridderspranget von unten

Der Ridderspranget von oben

Die Sage von der Teufelsbrücke (Schweiz)

Le Pont Du Diable im französischen Hérault

Le Pont Du Diable über die Ardèche

Le Pont du Diable über die l'Ariège

Puente del Diablo, Tarragona

Die Teufelsbrücke im französischen Valgaudemar 

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Leserpost (14)
Immo Sennewald / 02.09.2018

Herzliches Dankeschön für die Ausflüge in die Ferne an einem etwas grauen, verregneten Sonntag. Die Geschichte von Erdmuthe ist ein rechtes Antidepressivum, umso mehr, als einer sich der vor 40+ Jahren erlebten Abenteuer erinnern darf. Die Erdmuthen sind das Salz in der Suppe von Anekdoten, die einen mit dauerhaften Freundschaften aus jener Zeit verbinden. Nur weiter!

Dr. Roland Stiehler / 02.09.2018

Lange vor der Wende ist ein DDR´ler mit seiner Frau und seinem Wartburg in die große Sowjetunion gefahren. e Einreise erfolgte über Ungarn. Aber nach nicht zu langer Fahrt auf Holperpisten krachte es unter dem Auto und die Ölwanne war hin. Was nun? Nach einigen Versuchen hielt endlich ein großer LKW und hängte uns wortlos an den LKW an. Man muss wissen, dass es die Obrigkeit äußerst ungern sah, wenn Sowjetbürger mit Ausländern Kontakt aufnahmen. Es war also ein einfühlsamer hilfs- und risikobereiter Sowjetmensch. Er war aber auch ein rasanter Fahrer. Die beiden Globetrotter hatten nun eine riesige LKW-Wand vor sich und der Fahrer hatte Mühe, bei dem Tempo den genügenden Abstand zu halten. Es war inzwischen neblig geworden und plötzlich kurvte der LKW nach rechts ein, koppelte wortlos ab und verschwand. Jetzt sahen sie, dass sie auf dem Hof einer Gaststätte standen umgeben von neugierigen Leuten, die in das Auto guckten. Er stieg aus und versuchte mit seinen kärglichen russischen Vokabeln jemandem klarzumachen, dass er mit der DDR-Botschaft in Moskau sprechen müsse.  Prompte Antwort war: Moskau ist weit. Nach einigen Versuchen sah er ebenfalls ein, das Moskau weit war. Seine Frau unterdessen immer noch umgeben von Schaulustigen traute sich erst nach unerträglich angestiegenem Druck auszusteigen. Nach einem freundlichen Imbiss war man ihnen nun behilflich beim Anhängen an einen LKW der Richtung Ungarn fuhr. Und so ging es nach aufregender Fahrt zurück. Plötzlich hielt der LKW, der Fahrer koppelte wortlos ab und verschwand. Da sahen sie in einiger Entfernung bergab die Grenze und ließen sich rollen. Als sie über der Grenze waren, bekam seine Frau einen Schreikrampf und der ungarische Beamte streichelte sie und sagte: Gnä´ Frau, nun beruhigen sie sich doch, sie sind jetzt wieder in Österreich-Ungarn!

Robert Jankowski / 02.09.2018

Danke für einen schönen Start in den Sonntag. Die damaligen Touren gen Skandinavien (bei mir wars ein Scirocco GT mit Kanu auf dem Dachgepäckträger) waren einfach genial. Verglichen mit den heutigen fahrbaren Wohnzimmern war es damals Abenteuer pur! Was das Öl angeht: wahrscheinlich hat der Motor permanent ca. 0,25 L/100 Km verbrannt und weitere 0,25L auf der Straße verteilt. Heutzutage wird über NOx Werte geklagt, die Ihr Diesel damals wahrscheinlich um das Hundertfache übertroffen hat. :) Alleine diesen Fakt einem der selbsternannten Umweltheiligen unter die Nase zu halten, wird Sie für alle Zeiten in der Hölle schmoren lassen!

Manni Meier / 02.09.2018

Sehr geehrter Archi W. Bechlenberg, vielen Dank für die wunderbare Schilderung. Kann ihre Qualen gut nachempfinden. Meine Erdmute hieß Hildegunde und mit (leicht verändertem) Nachnamen von Frauteuffel. Als ich (Offizier d.R.) sie beim ersten Zusammentreffen ganz arglos fragte, ob da vielleicht verwandtschaftliche Beziehungen zu einem berühmten Panzergeneral gleichen Namens bestünden, kam die pikierte Rückfrage, ob mein Vater eventuell Aufseher in einem von Hitlers KZs gewesen sei. Damit waren die Grenzen unserer Beziehung also abgesteckt. Mein “Buswartehäuschen” war dann erreicht, als sie uns bei einem Zwischenstop unbedingt zum Besuch des ersten Restaurants am Platze, stinkvornehm und sündhaft teuer, drängte. (“Haben mir Freunde empfohlen, muss man besucht haben.”) Dort bestellte sie sich selbstsicher ein Glas Leitungswasser und stellte dann auf den Knieen unter dem Tisch ihre Dubbeldose mit vegetarischen Köstlichkeiten bereit, die sie sie zu dem Leitungswasser zu verzehren gedachte. Trotz knapper Kassen legten wir zusammen und luden Hildegunde von Frauteuffel erst ein und dann aus.

Peter Volgnandt / 02.09.2018

Wie heißt es doch so schön in Nürnberg: «Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor.» Es bezieht sich auf den Raubritter Eppelein, der sich seiner Hinrichtung am Galgen durch einen Sprung mit seinem Pferd über den Burggraben entzog. Der Hufabdruck des Pferdes ist heute noch zu sehen. Er wurde einige Zeit später dann doch festgenommen und 1381 in Neumarkt hingerichtet, wobei er vorher die Worte sprach: : «Die Nürnberger sollen meinen Kopf nicht haben. Doch mein Arsch steht zur Verfügung». Eine seiner Nachfahrin, die Dorothea Gailing von Illesheim heiratete 200 Jahre später Götz von Berlichungen, der angeblich den Schwäbischen Gruß erfand: „Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet Ihr! Bin ich ein Räuber! Sag deinem Hauptmann: Vor Ihrer Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“ Da hat die Dame wohl in die richtige Familie eingeheiratet.

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