Das Antidepressivum: Lob des Idioten

Erdmute ließ mir keine Ruhe. Sie erinnern sich – letzte Woche erzählte ich von einer etwas anstrengenden Reisegenossin, die ich aus Notwehr und in ihrem eigenen Interesse in der norwegischen Wildnis aussetzen musste. 

Seit Erscheinen des Textes plagten mich Alpträume und schlaflose Stunden. Was mochte aus ihr geworden sein? War sie in den Ridderspranget gestürzt? Hatte ein Bär sie entdeckt und war von ihr zu Tode gequatscht worden? Waren Millionen von Lemmingen gar nicht mehr in Richtung Meer gezogen, sondern hatten sich gleich an Ort und Stelle entleibt? Begann sich ab da das Klima zu wandeln, damit Frauen auch in Norwegen mit drei Bikinis und einer Shorts durch den ganzen Sommer kommen?

Ich konnte nicht anders, ich ging der Sache nach. Und siehe, Erdmute lebt und hat sich kaum verändert. Sie war über das Internet leicht zu finden, und man kann sagen: Sie ist ganz die Alte geblieben, macht heute was mit gesunder Ernährung und Nachhaltigkeit und ist aktiv in einer NGO und tut auch sonst noch tolle Dinge. Mir fiel ein mittelgroßer Elch vom Herzen. Immer schön zu erfahren, dass Menschen sie selber geblieben sind, selbst über mehr als vier Jahrzehnte.

An dieser Stelle möchte ich auch noch erwähnen, dass mir ein freundlicher Leser nach Lektüre der vorigen Kolumne einen weiteren „Rittersprung“ ans Herz gelegt hat. Und das auch noch bei den Sachsen des Guten.  

Ich habe ja ein Herz für Exzentriker und Außenseiter; vor geraumer Zeit thematisierte ich diese Leidenschaft schon einmal hier. Sie müssen allerdings gewisse Voraussetzungen erfüllen, um meiner Sympathie sicher zu sein. Sie müssen mich in Ruhe lassen und vor allem nicht politisch in Erscheinung treten. Dann habe ich ein weites Herz; selbst Claudia Roth könnte ich mir als Nachbarin vorstellen. Zumindest am anderen Ende des Ortes. Zwei Dörfer weiter wohnt auch eine komische Alte, sie steht, wann immer ich dort vorbei komme, brabbelnd vor ihrem Haus, ist unpassend gekleidet und lehnt sich entspannt an den Zaun. Niemand scheint sich daran groß zu stören, sie brabbelt leise und scheint sich so gut wie nie von der Stelle zu bewegen. Vorbildlich.

„Der Idiot leistet einen elementar psycho-sozialen Service“

In dem kleinen rheinischen Dorf, aus dem meine Familie stammt, gab es dazu ein männliches Pendant, an das ich mich lebhaft erinnern kann. Schlupps Drickes war sein Name; er war so sehr ein Teil der dörflichen Gemeinschaft, dass die Straße, in der seine Kate stand, allgemein nur Schlupps Gässchen genannt wurde. Schlupps Drickes saß meist auf einer Bank und hatte für uns Kinder immer ein freundliches Wort zur Hand. In ihm – und nicht in meiner Verwandschaft – sah ich ein Vorbild für meine Zukunft.

Während mein Opa und seine Söhne und Schwiegersöhne von früh bis spät, auch an den heiligen Sonntagen, ihre Latifundien beackerten, saß Schlupps Drickes auf der  Bank und hielt seinen stattlichen Ranzen in der Sonne. Sein einziger Makel war, dass er keinen Traktor besaß, und so hielt ich mich dann doch letztendlich mehr bei meiner männlichen Verwandschaft auf, wo es ein immer ein Leichtes war, einen Lift über die Felder und Äcker zu erhaschen. Ob ich davon heute Rücken habe?

Ein anderer Dorfbewohner war zwar in aller Munde, vor allem bei den Kindern, ich erinnere mich aber nicht, ihn jemals live gesehen zu haben. Er wurde Uhu genannt, war wohl mehr oder weniger erwachsen und wohnte bei seiner Mutter. Möglich, dass diese mal was mit Goofy hatte, der Uhu sei, so versicherten glaubwürdige Dorfbewohner, nämlich ein wenig zurück geblieben. Manchmal legten wir Kinder unsere Pfennige zusammen und gingen nach dem Mittagessen – also dann, wenn alles ruhte – zur einzigen Telefonzelle gleich neben der Kirche und wählten die Nummer von Uhus Mutter. Wenn diese dann abnahm, sagte der Anrufer (wir losten ihn stets vorher aus) „Ist der Uhu da?“ und legte schnell wieder auf. Gniffelnd und prustend über den gelungen Streich rannten wir davon, meist in Richtung Schlupps Gässchen, wo wir uns sicher vor Verfolgern fühlten. Als ich etwas größer wurde, hielt ich mein Geld besser zusammen, so dass ich mir alle paar Monate aus dem Zigarettenautomat draußen am  Alten Ulan, der Dorfkneipe, ein Päckchen Eckstein ziehen konnte.

Der Dorftrottel erfüllte früher eine wichtige soziale Funktion. Sehr schön wird diese in einer Dokumentation deutlich, die von Monty Python in den 1970er Jahren produziert wurde. „In der Gesellschaft“, so doziert John Cleese, auf einer Mauer sitzend und gekleidet wie Claudia Roth, wenn sie eher dezent auftritt, „besteht ein sehr realer Bedarf an Menschen, die von nahezu allen anderen verachtet und ausgelacht werden. Und diese Rolle hat meine Familie während der letzten 400 Jahre in diesem Dorf wahrgenommen. Der Idiot leistet einen elementar psycho-sozialen Service an seiner Gemeinschaft.“

Natürlich gibt es auch brillante Köpfe bei Twitter

Im weiteren Verlauf lernt der Zuschauer viel Wissenswertes über das Leben eines Idioten, seine alltäglichen Bedürfnisse, sein Sexualleben und seine sozialen und persönlichen Verhaltensweisen. „Heutzutage“, so der Direktor der örtlichen Bank, „kann ein richtiger Vollidiot bis zu 10.000 Pfund im Jahr verdienen. Aber natürlich weigert er sich, Geld anzunehmen. Er nimmt kleine Schnüre und Stöckchen, tote Wellensittiche, Spatzen, einfach alles, und am Ende sind sie natürlich die Dummen, da der Zinssatz auf ein Stück Moos oder eine tote Wühlmaus über eine Laufzeit von zehn Jahren verschwindend gering ist.“

Wie gesagt: ich hege große Sympathien für Idioten und Exzentriker, so lange sie mir nicht allzu nahe kommen. Was heutzutage leider eine große Ausnahme geworden ist. Vorbei die schönen Zeiten, in denen man einem Schlupps Drickes begegnen konnte, ohne dass dieser einem gleich den heftig heffelnden Diesel mies zu machen versuchte. Zum Glück gibt es heute Twitter, ein Medium, das ich bisher nur vom Hörensagen kannte und dem ich auch tunlichst weiter fern bleiben werde; es ermöglicht aber, sich unter Einhaltung des nötigen Abstands über das Neuste aus der Welt der Exzentriker und Deppen zu informieren. Diese können dort weitgehend ungehindert ihr Zeug ablaichen, ohne einem zu nahe zu kommen. 

Natürlich gibt es auch brillante Köpfe bei Twitter; denken Sie nur an Ralf Stegner aus der Muppetshow, der dieser Tage twitterte: „Es gibt viele rechte Dumpfbacken aber: #WirsindMehr“. Solche Perlen sind ohne Frage geschichtlich bedeutsame Dokumente, sie zwischen all den geistigen Insolvenzerklärungen zu entdecken, ist aber eine mühselige Sache, und ich werde mir das nicht fortwährend antun. Ein Leben ohne Twitter ist möglich; ja mehr noch: Es ist lebenswerter.

In meiner Bibliothek entdeckte ich vor wenigen Tagen – ich konnte wg. Erdmute ja kaum schlafen – nachts einen geradezu opulenten Bildband wieder, den ich jedem Liebhaber exzentrischer Ästhetik ans Herz legen möchte. Natürlich nicht mein Exemplar, sondern ein eigenes. Das Buch, Ende der 1990er Jahre erschienen, ist für geradezu lächerliche Beträge antiquarisch zu bekommen, und ich rate Ihnen: Greifen Sie ganz schnell zu. Es heißt „Barock“ und im Untertitel „Die neue Lust am Exzentrischen“, und ich zitiere der Einfachheit halber den Klappentext: „Wir erleben die Kultur des Üppigen in Mode und Film, in Malerei und Fotografie, in Design und Dekor. Da ist es nur konsequent, wenn dieses Buch soviel Pink und Gold benötigt wie kein anderes, um den Barock im 20. Jahrhundert barock inszenieren zu können.“

Warum dieser prachtvolle, kiloschwere und einen halben Coffeetable mühelos bedeckende Band – der sich auch als Dekoration hervorragend eignet – im Antiquariat für bereits 1,15 Euro angeboten wird, erklärt sich mir nur durch seine außergewöhnliche Qualität. Dafür kann es nicht viele Leser geben. Dass es, unter etwa einem Dutzend anderer, einen Anbieter gibt, der immerhin 48 Euro verlangt, zeugt davon, dass der Mann Geschmack hat, er trägt wohl nicht umsonst einen Doktortitel. 

Ich rate dazu, sehr schnell nach „Stephen Calloway – Barock“ im Verzeichnis antiquarischer Bücher zvab.com zu suchen und das 1,15 Euro-Exemplar zu ergattern, dann können Sie sich für die eingesparten 46,85 Euro noch eine exzellente Flasche Laphroiag Quarter Cask dazu leisten und sogar noch ein Päckchen Toscano Drei-Männer-Zigarren. Ich wünsche einen erbaulichen Sonntag!

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (15)
Anders Dairie / 09.09.2018

Die Dorf- und Kleinstadttrottel gab es tatschlich überall.  Wir hatten einen, den nannten sie “Spitz”.  Das entsprach dem Geräusch, wenn man den Oberteil eines Gebisses per Ansaugen festsitzen läßt.  “Spitz” war ein kleiner Gauner, völlig versoffen,  er klaute dreist Billigware wie Zahlpasta für 70 Pfennige.  Wenn er wieder mal einen Brief des Amtsrichters bekam , wegen Lappalien und “einfahren” musste,  bat ihn der Dorfscheriff irgendwo auf sein Dienstmotorrad.  “Spitz” tat, was er immer tat:  Er wollte noch mal heim zu seiner Frau…..  Der Dorfscheriff,  der Spitzens Schulkamerad war, wartete vor der Tür, bis sich “Spitz” genügend lange verabschiedet hatte— und ab ging’s in die Arrestanstalt.  Nach einigen Wochen kam “Spitz” wieder raus,  und das Spiel wierholte sich, nur in umgekehrter Reihenfolge.  “Spitz” ging klauen,  der Schulfreund fuhr mit dem Haftbefehl vor .......den Rest kennen Sie schon !  Archi, ich höre ihnen einfach gerne zu. Es hat den Eindruck, als kennten sie den “Spitz” ebenfalls.  Das verbindet.

Gerhard Giesemann / 09.09.2018

Ein “Idiot” ist ja EIGENTlich nix anderes als ein Eigener - der sich nichts schert als um sein Eigenes, mitnichten um sonstwas. Habe viel Spass mit Ihren Beiträgen, vielen Dank dafür. Denn: Mit gelben Birnen hänget und voll mit wilden Rosen das Land in den See, ihr holden Schwäne. Und trunken von Küssen tunkt ihr das Haupt in’s heilig nüchterne Wasser. Weh mir, woher nehm’ ich, wenn es Winter ist die Blumen und den Sonnenschein der Erde! Die Mauern steh’n, sprachlos und kalt. Im Winde klirren die Fahnen. Von meinem Lieblingsverrückten.

Archi W. Bechlenberg / 09.09.2018

Schön zu sehen: das von mir empfohlene Buch ist inzwischen -die bezahlbaren Exemplare - ausverkauft :-). Viel Spaß den glücklichen Lesern.

Manni Meier / 09.09.2018

Ja, in den (nieder)rheinischen Dörfern und Städtchen waren die Trottel lange Zeit akzeptierte und sogar gern gesehene Mitbürger - frei nach dem amerikanischen Wahlspruch “Right or Wrong, my Country” - gehörten sie schließlich zu “unserem” Dorf, also waren es auch “unsere” Trottel und kein Auswärtiger durfte es wagen, sie blöd anzumachen. In meinem Städtchen (Heimat eines bekannten Niederrheiischen Kabaretisten) waren sie allerdings nicht so fixiert wie bei Ihnen, Herr Bechlenberg. Nein, sie liefen frei herum und suchten aktiven Kontakt zu ihren geliebten Mitbürgern. Da war z.B. “Alaska”, den in der Mitte seiner Jugend unerklärlicherweise der Liebe Gott mit einem Schlaganfall bedacht hatte. Davon geblieben war eine linksseitige Lähmung und eine Lallsprache, dazu jedoch etwas, um was er von vielen beneidet wurde, nämlich ein unerschütterlich sonniges Gemüt. Und so sah er es als seine persönliche Aufgabe an, sich nach der Morgentoilette und dem Frühstück auf den Weg zu machen, und seine Mitbürger nach dem werten Wohlbefinden zu befragen. Also zog er einmal die Einkaufstraße rauf und runter. Dabei kehrte er in jedes Geschäft ein, hob zum Gruß den (unpolitischen) rechten Arm, und ließ sein laut und deutliches “Alles Klar?” - was aus seinem Munde allerdings ehr wie “Alaska” klang- vernehmen. Daher auch sein Spitzname. Wenn dann aus allen Ecken des Geschäfts das Echo kam “Jau, alles klar” zog er zufrieden weiter zum nächsten Laden. Ansonsten wurde die “Alaska”-Frage wiederholt, bis die erwünschte Antwort erfolgte. Wenn man ihm etwas Gutes tun wollte, schloss man noch die Gegenfrage : “Und bei Dir” an. Dann strahlte er über das ganze Gesicht und setzt mit einem zufrieden “Jajajaja” sein morgendliche Begrüßungsrunde durch unser Städtchen fort.

Andreas Rochow / 09.09.2018

Genuss pur. Herzlichen Dank dafür.

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