Archi W. Bechlenberg / 04.03.2018 / 06:25 / 11 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Lieber ein Yard Tresen als ein Morgen Land

Schon einige Male haben Leser meiner Kolumne mir einen „galligen“ Humor bescheinigt. Das Attribut gefällt mir. Für ganzjährig, garantiert garstige, Gastritis generierende Gaukeleien mögen andere zuständig sein, ich begnüge mich gerne mit kleinen, wohl dosierten Prisen gepfefferter Bitterkeit zwischen den Zeilen. Damit bin ich mehr als zufrieden. Viel zu viele, die was mit Buchstaben machen, überschätzen sich oder, schlimmer noch, werden überschätzt und verenden als Autoren des staatstragenden Humors für so genannte Kabarett- und Satiresendungen wie Meute-Show, Dschungelort und Tatcamp.

Zum galligen Humor kommt vielleicht bald noch gälischer Humor hinzu. Ich weiß nicht, ob es den überhaupt gibt, und wenn, dreht es sich darin wahrscheinlich um irgendeinen Macalister oder Mackintosh, der einen Penny zu viel ausgegeben hat. Das sind aber dann Witze über Schotten und nicht von Schotten. Dass in schottischen Pubs Witze erzählt werden, halte ich für unwahrscheinlich; bekanntlich sind dort alle Schotten dicht und somit ausgesprochen harthörig, insbesondere dann, wenn ein Scherz auf ihre Kosten gemacht wird.

Während sich der Kölner tagelang über Tünnes & Schäälwitze beömmeln kann, wirft der Schotte höchstens mit ganzen Baumstämmen nach unvorsichtigen Komikern, wenn sie etwas über jemanden erzählen, der einen Penny zu viel ausgegeben hat. Ein Fips Asmussen wäre in Schottland wohl kaum länger als die erste Runde Whisky überlebensfähig. Niemals würde er als „bloody wanker" (blutiger Wichser) anerkannt und dürfte im Leben keine Witze erzählen, in denen Schafe vorkommen.

„Das schottische Stück“

Was dem Schotten an Humor fehlt, ersetzt er durch Aberglauben. Er würde das natürlich nicht „Aberglauben“ nennen, sondern jeden, der es „Aberglauben“ nennt, mit einem Baumstamm bewerfen. Der Schotte ist davon überzeugt, dass die Sprüche der drei Hexen in Macbeth tatsächlich funktionieren, und überhaupt ist das Zitieren aus Shakespeares Drama verflucht und ebenso der Name, weshalb der Schotte „Macbeth“ „Das schottische Stück“ nennt und nicht „Macbeth“. Wenn ein Schauspieler vor einer Aufführung dieses trotzdem tut, muss er sich außerhalb des Theaters drei Mal um sich selbst drehen, ausspucken, fluchen und dann anklopfen, um wieder ins Theater hinein gelassen zu werden.

Neben Schafen lieben die Schotten schwarze Hunde, die den nahen Tod ankündigen, Monsterkatzen und ihre Nessie. Und natürlich lieben sie Whisky, oder das, was in Pubs als solcher ausgeschenkt wird. Das von kontinentalen Snobs als Whisky geschätzte Destillat ist in Schottland unerschwinglich, erst recht, wenn man jeden Penny so lange umdreht, bis er zu einem Eurocent geworden ist.

Doch selbst von in Pubs mit Namen wie „The Pope And Queen“, „The Ugly Muffler“ oder „The Flatulence In The Willows“ ausgeschenkten Exsudaten lässt der sparsame Schotte ungern etwas verkommen. Zu den häufigsten Verletzungen – abgesehen von denen, die durch geworfene Baumstämme verursacht werden – gehören Holzsplitter in Zungen. Dann hatte mal wieder ein Wirt Whisky auf dem Tresen oder gar dem Fußboden verschüttet.

Ich schweife gewaltig ab – viel mehr möchte ich Ihnen doch heute kundtun, dass ich seit kurzem Eigentümer eines Latifundiums in Schottland bin. Genauer, auf einer schottischen Insel, noch genauer, auf Islay. Ausgesprochen wird der Name Eilah, und Eilah ist die südlichste Insel der Inneren Hebriden. Eilah ist ungefähr so groß wie 87.000 Fußballfelder oder 0,25 Saarlande und somit angenehm übersichtlich. Umgeben ist das Eiland von viel Wasser, was die Insel zu einem recht sicheren Refugium für Ruhe suchende Menschen macht. Wölfe und Braunbären hat man erfolgreich ausgerottet; wer nicht schwimmen kann, kommt nicht hin, und Schlauchboote lassen sich mittels zielsicher abgefeuerter Luntenschloßmusketenkugeln, Pfeilen oder langen Piken ohne viel Drumrum abwehren. Nur an Baumstämmen ist die Insel ziemlich knapp.

Eine Destillerie namens Laphroig

Es ist wohl angebracht, die Dimensionen meines Grund und Bodens auf Islay zu präzisieren. Dessen Ausmaße belaufen sich auf exakt 1 foot im Quadrat, was 929,0304 Quadratzentimetern oder 0,0000130116 Fußballfeldern entspricht. Das klingt nach wenig, aber vergessen Sie nicht, Islay ist eine kleine Insel, und entsprechend klein sind auch die Grundstücke. Außerdem handelt es sich um ausgesprochen wertvollen Boden. Meine direkten Nachbarn kommen aus den USA, aus Kanada, Israel, Mexiko, den Niederlanden und England, allesamt also Bürger von Nationen, die für ein gutes Geschäft immer zu haben sind.

Zwei Faktoren sind es, die mein auf Lebenszeit erworbenes Land so wertvoll machen. Zum einen: es liegt mitten in einem Sumpf. Nach unten dürfte also reichlich Platz sein, und der gehört einem ja mit. Und zum zweiten: es wird vom Kilbride Stream durchflossen, einem Gewässer, das sich durch Weichheit, Torfigkeit und nahezu völlige Minerallosigkeit auszeichnet. Und dieses Wasser ist unerlässlich für die Herstellung eines Whiskys, der seit 1815 auf Islay produziert wird und, so ein selbstbewusster Werbespruch der Destillerie, seither „auf geteilte Meinungen stößt“. Ohne meinen Plot – und die der Nachbarn – sähe es für den Fortbestand des Getränks nicht gut aus.

Laphroig, so der Name der Destillerie – eine von acht aktiven auf Islay – ist sich über die Bedeutung seiner absentee landlords durchaus im klaren; einmal jährlich kann man vor Ort den Mietzins abholen, der aus 1 Dram der edlen Spirituose besteht. Wie viel ein Dram Scotch Whisky ist, liegt, so sagt man in Schottland, an demjenigen, der aussschenkt, es handelt sich um eine Menge zwischen 2 cl und 4 cl. Bei Laphroig (ausgesprochen: „Lafröig“) wird man sich gewiss nicht lumpen lassen.

Dass ich nun Eigentümer eines Stücks Sumpf auf einer abgelegenen schottischen Insel bin, kam eher unerwartet. Nach etlichen Jahren hatte ich vor kurzem mal wieder eine Flasche Laphroig 10 (10 Jahre gereift) gekauft. Der Trunk ist geschmacklich nicht ganz ohne, was für die vorhin zitierten „geteilten Meinungen“ sorgt. Und da ich den Geschmack bestens kannte und neugierig bin, griff ich in den letzten Jahren immer wieder mal eher nach anderen Flaschen, deren Inhalte mir noch nicht geläufig waren.

The huntsman, he can't hunt the fox,

Nor so loudly to blow his horn,

And the tinker he can't mend kettle nor pot,

Without a little Barleycorn

(John Barleycorn Must Die)

Warum die Meinungen so geteilt sind, lässt sich am besten durch eine Geschichte aus der Zeit der amerikanischen Prohibition von 1920 bis 1933 verbildlichen. Laphroig war in diesen unglücklichen Jahren des organisierten Verbrechens der einzige Whisky, der mit offizieller Erlaubnis der zuständigen amerikanischen Behörden importiert werden durfte.

Ins Medizinische weisender Geschmack

Man deklarierte ihn auf Grund seines deutlich ins Medizinische weisenden Geschmacks als Arzneimittel, und die strengen Prüfer der DEA (Drug Enforcement Administration) waren nach einer kurzen Kostprobe davon überzeugt, dass sich niemand mit so einem Drink freiwillig die Kante geben würde.

Heutige Verkoster geben dem insofern Recht, als dass sie die „medizinisch“ oder „phenolisch“ genannte Note nicht verschweigen. Die wird durch die Nähe der Destillerie zum Meer entwickelt, es sind bloß ein paar Meter bis zum Ufer, und nicht selten werden die Lagerräume bei Seegang von hohen Wellen umspült. Die jodhaltige Luft sowie das bei der Herstellung verwendete, torfige Wasser aus meinem Plot tun ihr Übriges. Alles zusammen ist längst zum hochgeschätzten Alleinstellungsmerkmal des Laphroig vereint geworden.

Auch weitere Charakteristika wie „salzig, ölig, teerig und rauchig“ sind keineswegs negativ gemeint, ganz im Gegenteil: gerade die Mischung vieler Aromen und Geschmacksnoten, zu denen auch süße und fruchtige gehören, macht das Besondere dieses erdverbundenen Tropfens aus. Weitere Abfüllungen des Laphroig, unterschiedlich gereifte, teils seltene Variationen runden das Angebot der Destillerie, auch preislich, nach oben ab.

Als ich nun vor wenigen Tagen die kleidsame Papprolle, welche die Laphroigflasche umgibt, öffnete, fiel mir, direkt in die Hand, ein gefalteter Zettel. Und ich staunte beim Lesen. Mittels dieses Papieres konnte ich a) ein FOL (Friend Of Laphroig) werden und b) als solcher das besagte Stück Sumpf beanspruchen. Das klang sympathisch und ein wenig schräg. Als ich dann den Korken zog und die Nase an die Flasche hielt, gab es kein Halten. So, genau so riecht es in Notaufnahmen von Kreisstadt-Krankenhäusern in der Eifel, also dort, wo besonders häufig die Schürfwunden von Motorradfahrern behandelt werden. Aber nur, wenn die diensthabende, sowohl in Gummistiefeln wie Pumps parkettsichere Ärztin ein exquisites Parfüm aufgelegt hat und der Patient aus einer gut eingetragenen Ledercombi geschnitten werden musste und, ganz wichtig, beim Sturz in einem Heidekrautgebüsch gelandet war, an dem Schafe genagt haben. Ein geradezu archaischer, den Überlebenskampf selbst unter widrigsten Umständen beschreibender, sinnlich-tiefgründiger Duft.

„Wenn du ein altes Ledersofa abfackelst und dann für 10 Jahre in einen Sumpf versinken lässt, wird es wie dieser Whisky schmecken: Prächtig.“

Dank der Anleitung auf dem Zettel verwalte ich also nun unter den Koordinaten LAT: 55.6336989900134 / LONG: -6.15207659545264 ein Stück schottische Inselerde, und wenn ich in absehbarer Zeit den Mietzins einfordere, werde ich dort auch eine feierliche Gedenkstunde absolvieren. Ich hoffe, die Nachbarn werden mir den Zutritt und Aufenthalt ermöglichen, ansonsten sieht es räumlich bei 1 foot im Quadrat schon etwas eng aus. Mit gemütlich breit machen ist also eher nix. Doch was soll's. Dann trinke ich mir den Plot eben passend. „Air do shlàinte!“

Links:

Website von Laphroig https://www.laphroaig.com/de/

Film über Laphroig und Islay https://youtu.be/GUDTyfF8UL8

Besichtigung der Brennerei Laphroaig

Geo 360°: Das Whisky-Geheimnis von Islay

Wikipedia über Islay und die acht Destillerien der Insel

Website der Islay Whisky Society

Steve Winwood: John Barleycorn Must Die

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Leserpost (11)
Danny Wilde / 04.03.2018

@ Barbara Ethel, der Archi hatte wohl doch schon die Flasche leer…

Bechlenberg Archi W. / 04.03.2018

Ich könnte jetzt sagen, ich wollte nur mal sehen, ob Sie aufpassen - da steht die Flasche beim Schreiben vor meiner Nase - ich schwöre, unangetastet - und mir geht doch das a im Namen durch die Lappen. Wie peinlich ist das denn? Muss ich zur Strafe jetzt eine Woche Rum trinken? Oder Gin? Oder gar Nix? Oder so lange Laphroaig, bis ich es im Schlaf tanzen kann? *Nach Diktat untergetaucht *

Andreas Rochow / 04.03.2018

Über Geschmack soll man nicht streiten. Meine erste und zugleich letzte Flasche “Lafroaig 10 years” hielt ich für “defekt” und nutzte die Gelegenheit, sie einem Schottlandexperten und Dudelsackspieler aus der Region zur Begutachtung zu überreichen. Sein Urteil: “Laphroaig muss so, mein absoluter Favorit!” Sein Honorar: Die Flasche! - “Torfig” ist ein Euphemismus. Der Qualm, der beim Versuch entsteht, feuchtes Laub zu verbrennen, enthält ähnliche Mengen Phenol (Karbolsäure) wie der Torfqualm, mit dem die Schotten die gekeimte und gemälzte Gerste in der Pagode trocknen. Offenbar qualmt es auf Islay besonders stark, denn Lagavulin (Lagavulin Distillery, ebenfalls Port Ellen/Islay) und Caol Ila (Bulloch Lade & Co., Port Askaig) haben ähnlich spitzenwertige phenolische Noten.  - Warum das so ist, wird man möglicherweise in den Links erfahren, die mit unserem Antidepressivum geliefert wurden.

Erika Schaeper / 04.03.2018

Köstlich !!  Herr Bechlenberg,  Sie sind ein beneidenswerter Mann ! Und danke, daß Sie mir an diesem Sonntagnachmittag ein paar heitere Minuten geschenkt haben.  Mit Gruß  E. Schaeper

ponzio antonio / 04.03.2018

steve winwood fantastico, uno dei miei pezzi preferiti, saluti dal lontano finestere.

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