Archi W. Bechlenberg / 07.10.2018 / 06:25 / 7 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Grausiges Ende in Neuschweinstein

Oh, wie war ich verblüfft, als ich in einem Artikel des geschätzten Kollegen Steinhöfel hier auf Achgut vor kurzem den Namen Charles Napier las!

Offenbar unerfreulich unbeleckt von solidem historischen Wissen war mir der Name Charles Napier nicht im Zusammenhang mit der glorreichen Geschichte der britischen Marine bekannt. Um einen der Helden dieses Standbeins Englands ging es in Steinhöfels Text. Ich hingegen sah sogleich beim Lesen dieses Namens ein Gesicht vor mir, das man im Volksmund gerne „Hackfresse“ nennt. Ein kantiger Kopf mit schmalen, schäbig grinsenden Lippen, zwischen denen meist eine phallische Zigarre lüngelte – DAS war mein Charles Napier.

Heute müssen Sie stark sein, liebe Leser. Ich nehme sie mit in die Tiefen unsäglicher Trivialität, so trivial, dass wir darüber im direkten Weg in die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art absteigen. Oder aufsteigen?  

Ich nutze die Gelegenheit, dass an diesem Wochenende das jährliche Treffen der Achgut-Autoren stattfindet und mir vermutlich niemand auf die Finger gucken kann. Das nutze ich gnadenlos aus. Denn im Folgenden geht es um Sex und Gewalt und Horror jeglicher Art. Ein Themenbereich, der mir schon lange auf den Nägeln brennt, nur traute ich mich bisher nicht, diesem hier zu huldigen.

Gigantische Brüste, bizarre Brüste, groteske Brüste

Charles Napier also. Er war der bevorzugte Darsteller von abgrundtief umsympathischen Kotzbrocken in den Filmen des amerikanischen Regisseurs Russ Meyer. Sollte Ihnen dieser Name nichts sagen, grämen Sie sich nicht. Meyer hat sich in einem Satz umfassend berschrieben: „Wenn ich mich nicht so für Brüste interessiert hätte, wäre aus mir sicher ein richtig guter Regisseur geworden.“

Und in der Tat: Meyers Fetisch waren Brüste, gigantische Brüste, bizarre Brüste, groteske Brüste. Und da er ganz offensichtlich nicht der Einzige mit dieser Macke war, machte er sich rasch einen Namen als König der Brustfilme. Seine ersten Streifen, ab Ende der 1950er Jahre entstanden, wurden nicht von einer nennenswerten Story getragen, sondern waren nichts als eine Ansammlung von Brüsten, und zwar nackten.

Das war neu und begeisterte ein männliches Publikum in den USA so sehr, dass Meyer ein glücklicher Mann wurde: Er konnte seiner Passion nachgehen und nackte Brüste filmen, und damit auch noch Geld verdienen. Ein typisches Beispiel für diese Phase in Meyers Werk ist „Der unmoralische Mr. Teas“. Teas ist ein durchschnittlicher amerikanischer Mann, den Meyer einen Tag bei seinen Besorgungen begleitet. Überall sieht Teas Brüste, beim Zahnarzt, im Coffee Shop, im Büro, am Meer, ja selbst die Psychiaterin, deren Hilfe er wegen seiner Fixierung aufsucht, erscheint ihm nackt. Der Film spielt mehr als das 400-fache seiner Herstellungskosten ein und wird zum Auslöser eines neuen Genres, den „Nudies“; Filme, die Nacktes zeigen, aber keinen Sex. 

Bald wurde auch Europa auf den Meister aufmerksam, 1964 engagierte ihn Artur Brauner, um in Deutschland „Fanny Hill“ zu verfilmen. Heraus kam ein Film, in dem Darsteller wie Walter Giller, Chris Howland und Uli Lommel chargierten, die Brüste hatte man aber alle weitgehend raus geschnitten. So auch die der deutschen Mimin Rena Horten, die Meyer so gut gefielen, dass er sie mit nach Amerika nahm als seinen zeitweiligen Zeitvertreib. Rena Horten hieß eigentlich Renate Hütte, und die Vermutung, der Spruch „Viel Holz vor der Hütte“ habe seinen Ursprung in Anerkennung ihrer körperlichen Vorzüge, liegt nahe, ließ sich aber von mir bisher nicht verifizieren.

Heinz Sielmann ganz ohne Tiere

Rena Horten spielte in Meyers ein Jahr nach Fanny Hill gedrehtem Film „Mud Honey“ eine hervorstechende Rolle. Mud Honey ist eine wüste, zur Zeit der großen Depression in den 1930er Jahren spielende Geschichte, der man selbst beim bösesten Willen nicht große Qualitäten absprechen kann. Der Schwarzweißfilm erzählt die Geschichte eines entlassenen Strafgefangenen, der irgendwo in Amerika ein neues Leben anfangen will. Meyer stand dem Projekt nach einem Roman von Friday Raymond Locke zunächst ablehnend gegenüber: „Keine Fickereien, keine Nacktszenen, sehr viel Handlung.“ Das muss hart für ihn gewesen sein. Man stelle sich vor, Heinz Sielmann hätte einen Film ganz ohne Tiere drehen sollen. Dennoch lässt sich Meyer überreden, den Film zu machen. Die Reaktion des Kinopublikums gibt seiner Skepsis Recht: Weder der ursprüngliche Titel „Strick aus Fleisch“ noch der Name Russ Meyer zieht die Zuschauer an. Meyer tut, was ein Mann tun muss. Er dreht eine Reihe von Nacktszenen nach und ändert den Titel in „Mudhoney“, eine von Oscar Wilde entliehene Wortschöpfung.

Mudhoney ist, wie es Amerikas Kritikerpapst Roger Ebert ausdrückt, „Meyers vernachlässigtes Meisterwerk“. Und in der Tat. Selten hat ein Film den Mythos vom freien Amerika derart dekonstruiert; das in so vielen Filmen verherrlichte ländliche Amerika wird in Mudhoney ganz und gar entlarvt. Prediger, die zum Lynchen aufrufen, Inzest, hemmungslose Gewalt und Abwesenheit jeglicher Moral, alles und mehr zeigt Mudhoney, mit dem sich Russ Meyer – jedenfalls bei seriösen Filmkritikern und anspruchsvollem Publikum – einen Platz im Olymp der Filmgeschichte gesichert hat.  

Es folgen einige weitere, nicht weniger wüste schwarz-weiße Filme, für deren Bücher Meyer alleine verantwortlich zeichnet und entsprechend viele Brüste zeigt. „Motor Psycho“ und „Faster Pussicat! Kill, Kill!“ sind unter vielen Aspekten, vor allem, was die Filmsprache angeht, wegweisend. Schnelle Schnitte, nur Sekunden dauernde Szenen und ungewöhnliche Perspektiven zeigen, dass Meyer tatsächlich ein genialer Filmemacher ist. Er dreht stets für kleines Geld, die Rocker in Motor Psycho sind mit lächerlichen Mopeds unterwegs, und damit sie trotzdem böse und verwegen wirken, müssen sie riskante Manöver fahren, was einen Kameramann für einige Zeit ins Krankenhaus bringt.

Anfang der 1970er Jahre kommt Charles Napier ins Spiel. Meyer braucht einen Gegenspieler zu den immer dominanter auftretenden Frauen in seinen Filmen. In „Cherry, Harry und Raquel“ kann Napier erstmals tonangebend seine immense physische Präsenz beweisen. Zuvor hatte er nur in einigen TV Serien unbedeutende Rollen gespielt. Meyer erkennt das Potenzial des Enddreißigers und lässt ihn einen widerlichen, korrupten Cop spielen, der vor allem eine Leidenschaft pflegt: Frauen mit großen Brüsten zu begatten.

Bormann und sein plärrender Truck

Einen besonders starken Auftritt hat Charles Napier in „Supervixens“; auch hier spielt er einen Polizisten, der in seinem Revier nicht etwa für Ordnung, sondern das Gegenteil sorgt. Supervixens ist einer von Meyers stärksten Filmen, in denen er seinen bizarren Humor so richtig von der Leine lässt. So heißt ein Garagenbesitzer Marty Bormann, aus dem Radio seines Abschleppwagens errrtönt das Horst Wessel Lied. Zur Story trägt das nichts weiter bei, Bormann ist ein sympathischer Kerl (so weit es in Russ Meyer Filmen überhaupt sympathische Charaktere gibt). Bormann und sein plärrender Truck in einer gottverlassenen Gegend, in der niemand tot überm Zaun hängen wollte, macht sich aber als Anfangsszene so gut, dass das Kinopublikum gebannt wird. Legendär ist Bormanns Rat, den er seinem Gehilfen Clint gibt, ein Rat, der leider nicht übersetzbar ist und nur im amerikanischen Original funktioniert: „The f*** you get is not worth the f*** you get.“ Soll sagen: Der Sex, den du bekommst, ist nicht den Ärger wert, den du bekommst.

Supervixens ist ein wüster Ritt voller Sex und Gewalt, und niemand unter den Zuschauern kommt auf den Gedanken, dass hier irgend etwas anders als spekulativ gemeint ist. Es gibt jede Menge praller Frauen, jede Menge Niedertracht, Napier grinst dreckig wie nie zuvor und danach, und mit Shari Eubank als Super Angel / Super Vixen sieht man die schönste aller Russ Meyer Heroinen; sie hat leider nur diesen einen Film gedreht, dann verschwand sie für immer von der Leinwand.

Charles Napier hingegen sieht man noch in vielen Produktionen, meist spielt er starke, aber kurze Rollen, so in Rambo II, Blues Brothers, Das Schweigen der Lämmer. Philadelphia, Gefährliche Freundin und etlichen TV Serien. Er wirkte in weit über 100 Filmen mit.  Heute vor sieben Jahren ist er im Alter von 75 Jahren gestorben.

Unter den Studenten meiner Universität erfreuten sich die Filme Russ Meyers vor 40 Jahren großer Beliebtheit. Eigentlich war die Uni ja eine Technische Hochschule, auch wenn man inzwischen einige geisteswissenschaftliche Studiengänge buchen konnte. Hauptsächlich belegten aber männliche Studenten Fächer wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Hüttenkunde. Und diese armen Kommilitonen hatten angesichts ihrer Überzahl unter den Studierenden sowie eines allgemein eher verhuschten Auftretens selten einmal Gelegenheit, nackte Brüste zu sehen.

Dies machte sich ein von Studenten organisierter Filmclub zum Anliegen, der zweimal in der Woche in einem Hörsaal Filme präsentierte. Es verstand sich, dass pro Semester mindestens ein Russ Meyer Film im Programm war. Und dann war der Hörsaal stets überfüllt. Erst viele Jahre später habe ich erfahren, dass einer der Clubmitglieder der später als Filmkritiker bekannt gewordene Rolf Thissen war, und ausgerechnet er hat 1985 eine Russ Meyer Biografie bei Heyne veröffentlicht, „Russ Meyer – Der König des Sexfilms“. Man kann das Buch antiquarisch leicht finden, ebenso einfach ist es, Russ Meyers filmisches Werk auf Datenträgern zu erwerben, es gibt mehrere Boxen mit bis zu 18 Filmen des Meisters. 

Auch ich habe eine solche Box für das Heimkino angeschafft. In größeren zeitlichen Abständen lade ich einige enge Freunde ein, mit denen ich dann Russ Meyer Abende zelebriere. Natürlich unter rein filmtechnischen Aspekten; wir diskutieren dann die einzelnen Szenen durch, manche immer und immer wieder; wir analysieren Meyers Schnitttechnik, die Kameraperspektiven und die Locations und kritisieren, wenn wir der Meinung sind, in der einen und anderen Szene oder gar in einem ganzen Film sei er seiner Devise „Lust und Profit!“ nicht ganz gerecht geworden. Und wir freuen uns über frische Gesichter wie das von Charles Napier („Ein Kerl mit kantigem Gesicht und einem IQ von 37“, so Meyer) oder das von Edward Schaaf im Historienknüller „Up!“ aus dem Jahre 1976, in dem der Darsteller einen gewissen Adolph M. Schwartz spielt, der in Schloss Neuschweinstein ein grausiges Ende findet. Sehen Sie selbst. 

Up! Adolph Schwartz findet sein Ende  

Mudhoney

Cherry, Harry & Raquel! Trailer

The Immoral Mr Teas

Faster Pussycat! 

Supervixens 

Up! (Ganzer Film)

Charles Napier hasst kleine Autos

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Leserpost (7)
Manuel Leitgeb / 07.10.2018

Als Trekkie denke ich bei Charles Napier an den von ihm gespielten irren Hippie Adam, der auch ein verdientes Ende nahm. Und Napier hat sich 25 Jahre später ein weiteres Mal die Ehre bei Star Trek gegeben. Als US-General, natürlich mit Zigarre.

Dr. Thomas Stevens / 07.10.2018

Es gibt zwei CDs mit original Soundtracks aus Russ Meyer Filmen, produziert und vertrieben von Normal Records in Bonn. (Q.D.K. Media). Heute nur noch antiquarisch zu erhalten. In meinem ersten Post muss es natürlich “im Hafenbecken” heißen.

Marc Blenk / 07.10.2018

Lieber Herr Bechlenberg, in diesen prüden Zeiten? Sie trauen sich was. Da hat Herr Steinhöfel nicht nur einen prima Artikel geschrieben, sondern auch noch für guten Anstoß gesorgt für allerfeinste Unterhaltung. Fein.

Manni Meier / 07.10.2018

Sehr geehrter Archi W. Bechlenberg! “In größeren zeitlichen Abständen lade ich einige enge Freunde ein, mit denen ich dann Russ Meyer Abende zelebriere.” Ich finde es sehr lobenswert von Ihnen, durch solche Treffen das kulturelle Erbe verdienter Filmgrößen wach zu halten. Deshalb wäre ich, als fundierter Kenner und alter Genießer des Meyerschen Schaffens, auch gerne bereit, bei Verhinderung eines Teilnehmers, diesen intimen Kreis zu ergänzen. “Natürlich unter rein filmtechnischen Aspekten;...” Setzen Sie mich doch bitte in Kenntnis, falls Bedarf besteht.

R. Nicolaisen / 07.10.2018

Supervixens - einer der besten Filme aller Zeiten. Ja, und mit einer so schönen Hauptdarstellerin, daß man wirklich nur von einem Menschenwunder sprechen kann, wunderschön faßt es nicht. Russ Meyer war gut. ( 0 Ironie)

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