Archi W. Bechlenberg / 16.12.2018 / 06:28 / 24 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Baby its cold outside

Schon die ganze Woche bin ich nostalgisch gestimmt. Vielleicht, weil ein Blick vorwärts nicht gerade ermutigend ist. Vielleicht aber auch, weil früher alles schlechter war.

Sie haben es vielleicht mitbekommen: ein alter Schlager, „Baby it's cold outside“ steht im Fokus der Sittenpolizei. Der wurde vor allem in den USA gerne um die Weihnachtszeit gespielt. Aber dann entdeckte jemand, dass darin übelstes, sexistisches Gedankengut transportiert wurde. Der Mann, der die Frau mit allen Mitteln zum Bleiben nötigen will, hat nämlich keineswegs die Sorge, der Angeschwärmten könne eine Mittelohrentzündung drohen, wenn sie nicht bei ihm bleibt; er ist ein Quasi-Vergewaltiger, der ein „Nein!“ nicht akzeptieren will. Endlich hat das, nach 74 Jahren  jemand gemerkt! 

Was offenbar aber noch gar nicht zur Sprache kam: Das Lied verharmlost auch massiv den Klimawandel. Kalt draußen? Was ist denn das für eine Botschaft? Damit soll doch suggeriert werden, dass sich entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über die menschengemachte Planetenerwärmung in Wirklichkeit nichts verändert hat. Wäre der Text nicht auch noch als Pamphlet gegen die Klimakritiker gemeint, hätte der Lustmolch ja singen können „It's CO2 outside!“ 

Auch böse Menschen haben Lieder, und es war dringend an der Zeit, das offen anzuprangern. Ich bin sicher, da wird noch einiges kommen in nächster Zeit. Wer bis in die 1940er Jahre zurück greift, um Sexismus in Liedgut zu finden, der greift auch noch viel weiter zurück. Vielleicht in den Herbst 1816, in dem Schuberts „Die Forelle“ entstand, mit dem Text von Christian Friedrich Daniel Schubart. „Ein Fischer mit der Ruthe /  Wol an dem Ufer stand“ – um was es da in Wirklichkeit geht, dürfte ohne große Fantasie erkannt werden. Und richtig: „So zuckte seine Ruthe / Das Fischlein zappelt dran“ 

Keine 150 Jahre später greift der Schlager „Die Fischerin vom Bodensee“ auf das gleiche Motiv zurück. Der Text handelt diesmal zwar von einer Anglerin, doch nur vermeintlich setzt er emanzipatorische Zeichen; in Wirklichkeit handelt es sich nur um die schlüpfrigen Fantasien alter, weißer Männer. „Da kommt ein alter Hecht daher / übers große Schwabenmeer / er möcht' auch noch ins Netz hinein / bei der Maid gefangen sein...“das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sehen und hören Sie selbst! 

Sexistische Verkommenheit des weißen Establishments

Ein übles Machwerk stammt aus der Feder eines der übelsten Machwerker, wenn es um gesungenen Sexismus geht. Eigentlich sind es zwei, nämlich George und Ira Gerswhin. Der erste war für die Melodien verantwortlich, der andere für die Texte. „Nice work, if you can get it“ heißt der bis heute gern geträllerte Song aus dem Jahre 1937. „Nice work“, da denkt man zunächst an jemanden, der den ganzen Tag über Plastikstrohhalme am Strand aufgelesen hat und nun zufrieden auf das Ergebnis seines Umweltbewusstseins schaut. Von wegen! „The only work that really brings enjoyment /is the kind that is for girl and boy meant“ heißt es unumwunden! Es geht also wieder einmal um Sex, und nur um Sex. Schlimmer noch: um Sex zwischen Mann und Frau. Als gäbe es nur diesen! Und noch schlimmer: „...if you can get it!“ impliziert unumwunden, man müsse sich den eben besorgen, oder anders ausgedrückt „nehmen“.

Gerade an diesem Song lässt sich exemplarisch die ganze sexistische Verkommenheit des weißen Establishments aufzeigen. Erstmals gesungen wurde er von Fred Astaire, einem als Antänzer in Hollywood tätigen Schmierlappen, der keine Frau in Ruhe lassen konnte und so lange um sie herum schwänzelte, bis sie das Gehoppse leid war und sich lieber von ihm aufs Bett bugsieren ließ, als ihn weiter herumzappeln zu sehen

Astaire hatte jeden noch so miesen Trick auf Lager, wenn es darum ging, eine Dame in die Kiste zu bekommen. Ganz unschuldig singt er ihr etwas von einem Tanz „Cheek to cheek“, also „Backe an Backe“ vor und erschleicht sich so das Vertrauen seiner Beute. Aber dann! Sehen Sie nur, wie perfide der Lustmolch – der an ganz andere Backen denkt – sein Opfer immer weiter von den anderen Leuten wegtanzt, bis er endlich alleine mit ihr ist und ihr gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als dem Wüstling nachzugeben. Hätte sie doch nur auf den Text geachtet: „Oh I love to go out fishing...“ Hier spätestens hätten bei ihr alle Alarmglocken schrillen müssen. Aber Astaire hat es eben drauf, und mit erigierten Frackschößen tanzt er die Schöne in die Horizontale

„Other dancers may be on the floor / Dear, but my eyes will see only you / Only you have the magic technique / When we sway I go weak“ – dass es einem weiteren berüchtigten Schmierlappen, Dean Martin, um alles andere als ums Tanzen geht, dürfte kaum überraschen, und so sollte Martins musikalisches Werk unbedingt eingehender unter die #metoo Lupe genommen werden.

Natürlich hat auch Dean Martin „Baby It's Cold Outside“ gesungen, und als wäre die Kälte nicht ausreichend, ließ er es auch noch tüchtig schneien. „Let it Snow“. Aber klar doch! „When we finally kiss good-night / How I'll hate going out in the storm“ – welche Frau würde sich da nicht erbarmen? Sogar Doris Day schmolz dahin, eine durch und durch saubere Frau, von der Groucho Marx einmal gesagt hat: „Ich kannte sie schon, bevor sie Jungfrau wurde.“ Dean Martin wäre als Oktopus ebenso erfolgreich gewesen wie als Verführer, so viele Arme und Hände er hatte, wenn es darum ging, Beute zu greifen. Unter Wasser hätte er allerdings nicht rauchen und saufen können. 

Drogen und noch mehr Drogen und immer noch mehr Drogen

Wir wollen Cole Porter nicht vergessen. Der war zwar schwul, seine Lieder besingen aber natürlich nur die Heteroliebe. Sie verherrlichen Sexbesessenheit („Under the hide of me / There's an oh such a hungry yearning burning inside of me / And this torment won't be through / Until you let me spend my life making love to you / Day and night, night and day“) und noch mehr Sex („And that's why birds do it, bees do it / Even educated fleas do it / Let's do it, let's fall in love / In Spain the best upper sets do it / Lithuanians and Letts do it“) und noch mehr Sex („I get a kick out of you“). 

Es ist wie bei den Schundfilmen, von denen ich Ihnen in den letzten Wochen erzählt habe. Beginnt man erst einmal zu wühlen, hat man die Büchse der Pandora geöffnet. Sex in allen Variationen, dazu auch noch Drogen und noch mehr Drogen und immer noch mehr Drogen bringen das Fass wieder einmal zum Überlaufen.

Ich gebe an dieser Stelle zu: Ich habe ein unstillbares Faible für die Musik unserer Altvorderen. Gershwin, Porter, Jimmy van Heusen und Johnny Burke, Duke Ellington, Arthur Schwartz, Howard Dietz – sie und viele mehr haben uns Musik geschenkt, die durch ihre Vielseitigkeit immer und immer wieder neu interpretiert wurde und bis heute wird. Oft waren es zunächst „nur“ Schlager oder Melodien aus Musicals, aber dann erkannten Musiker, vor allem Jazzer, das Potenzial, das in ihnen steckte, und sie schufen ihre eigenen Interpretationen. Viele der Musicals aus dieser Zeit sind längst vergessen, nur einzelne Melodien wurden unsterblich und erfuhren teils hundertfach Neuaufnahmen. Ein typisches Beispiel ist „The Man I Love“ von den Gershwins, ein Lied, das aus seinem ursprünglichen Kontext, einer Broadway Show, gestrichen wurde. Er kam in einer anderen Produktion unter, die mangels Publikum gleich wieder abgesetzt wurde, und ein dritter Versuch endete ebenfalls in der Streichung aus dem Programm.

Dennoch wurde The man I Love zu einem Welterfolg, als Solonummer bei Konzerten machte er sich einen Namen. Gershwin verkaufte innerhalb von sechs Monaten hunderttausendmal die Noten, und der britische Komponist John Ireland kommentierte ihn mit den Worten „Das ist perfekt. Das ist die Musik Amerikas. Sie wird so lange bestehen wie ein Lied von Schubert oder ein Walzer von Brahms.“ Unter allen bekannten Versionen habe ich Ihnen die schönste und ergreifendste ausgesucht, von Billie Holiday aus dem Jahr 1939

Dem Internet sei Dank finden wir unzählige Aufnahmen aus den Jahren zwischen 1930 und 1960, in der die großen Komponisten, Arrangeure, Sänger und Sängerinnen zeitlose Schönheit erschaffen haben. Besonders nennen möchte ich Al Bowlly, ein englischer Star der Zeit vor 1940, dessen wunderbare Stimme auch heute noch rührt und bewegt, so in seinem Song „Guilty“ von 1931 („Is it a sin, is it a crime / Loving you, dear, like I do? / If it's a crime, then I'm guilty / Guilty of loving you“). Al Bowlly wurde einem jüngeren Publikum durch den Film Amélie bekannt, in dem man zwei seiner Lieder hören kann. Er kam 1941 bei einem deutschen Bombenangriff auf London ums Leben. 

Auch heute gibt es noch Musiker, die sich dieser Tradition verbunden fühlen. Ganz und gar ging der englische Komponist und Pianist Peter Skellern darin auf, der in den frühen 1970er Jahren einen kleinen Welthit mit „You're a lady“ hatte, wundersam altmodisch arrangiert mit einer wuchtigen Brassband im Hintergrund. Auch wenn Skellern nie die Anerkennung fand, die ihm auf Grund seines musikalischen Wirkens zugestanden hätte (er starb 2017), zumindest mit You're a lady hat er sich in die Popgeschichte geschrieben.  

Skellern war ein großer Bewunderer der früheren Komponistengenerationen und interpretierte sie geradezu penibel altmodisch, wie er mit Irwing Berlins „Isn't it a lovely day“, einst einer der Standards von Fred Astaire (Sie erinnern sich, der Antänzer; er versucht es darin nicht mit der Sauwetter-Nummer, sondern mit dem Gegenteil!) beweist. 

Selbst ein musikalischer Paradiesvogel wie Brian Ferry, einst glitternder Roxy Music Vorsteher, besitzt ein großes Herz für die Melodien von gestern. 1999 hat er dieser Leidenschaft ein ganzes Album (As Time goes by) gewidmet, und live ist er mit einem Cole Porter Repertoire aufgetreten. Seine Fans haben ihm das wenig gedankt, die Platte wurde ein Flop. Ich liebe sie dafür um so mehr.

Ich habe eine Linkliste zusammengestellt, die Ihnen viele Stunden nostalgische Musik bietet. Diese Musik hat viele Jahre überlebt, und sie wird auch #metoo überleben. Ob sie die Zukunft überlebt – man wird sehen. Fast könnte man etwas melancholisch werden.

Al Bowlly – The Very Thought of You – 50 Hits 

Perfect Nostalgia – Best Music of the 1920s 30s & 40s 

Jazz Café – 1920s, 30s, 40s Vintage Blends 

Sophistication – Music, Songs & Style From the 1930s 

Fred Astaire – Songs From the Movies 1930s & 40s 

The Great British Dance Bands of 1920s 30s & 40s 

More of This Thing Called Love: Cool Love Songs Of The 40s & 50s 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (24)
Brigitta Maácz / 16.12.2018

Danke schön, hat Freude gemacht und wurde per Paypal gleich honoriert. Ich wünsche Ihnen eine friedliche Adventszeit.

Bechlenberg Archi W. / 16.12.2018

Hallo Frau Smielowski, wir sind hier in der Rubrik “Antidepressivum zum Sonntag”. Natürlich ließe sich das Thema auch ganz und gar anders abarbeiten als, wie hier, von einer humorvollen Seite. Wer weiß, wie viel CO2 in 100 Jahren Filmgeschichte unnütz produziert wurde? Wer weiß, wie viele hoffnungsvolle junge Mädchen aus Omaha Nebraska nach Hollywood aufbrachen und statt einer Karriere als Primaballerina nur einen Job hinter der Theke eines Hamburger Drive-In fanden? Vermutlich hatte Fred Astaire einen afro-amerikanischen Schuhputzer und einen chinesischen Koch namens Hop-Sing. Und wer ahnt schon, wie viele Hühner ihre Federn für das Kleid von Ginger Rogers lassen mussten, womöglich, um anschließend gegrillt zu werden? Ja, das Böse ist überall, und es zu verschweigen ist ganz und gar falsch. Dafür aber gibt es bento und die Huffington Post und andere Jugend-Magazine. Dort werden Sie mit Ihren Fragen gewiss willkommen sein, und vielleicht wird sogar ein Artikel daraus! Sans rancune!

Sabine Hartmann / 16.12.2018

Tausend Dank! ....für den herrlichen Artikel und die wunderbare Songzusammenstellung!! Habe alles gleich weiter nach Kanada geschickt!

armin wacker / 16.12.2018

Frueher konnte das mit den Frauen noch was werden. Heute geht es nur noch um Trennungsschmerz. “Help me through the night tonight “

Sabine Richter / 16.12.2018

Dabei haben die Macher von “Baby it’s cold outside” doch sogar das Gendersternchen berücksichtigt: da tritt nicht nur ein männlicher “Schleimbeutel” auf, sondern auch ein weiblicher, der mit seinem Opfer NOCH rigoroser vorgeht (z.B. Absprechen der Geschlechtsidentität durch Vorgabe gegengeschlechtlicher Kleidung, Verbinden des Opfers mit der Gardine(!), sensorische Deprivation durch Ausschalten des Lichts). Es fehlen natürlich die Paarungen w/w, m/m, w/d, m/d, d/d. Wer jetzt sagt, dafür ist das Lied nicht lang genug, hat nichts verstanden und muss zur Strafe Sternchen an jede Nadel seines/ihres/d* Tannenbaums kleben!

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Archi W. Bechlenberg / 06.01.2019 / 06:23 / 26

Das Anti-Depressivum: So viel brillante Musiker in einem Raum!

Wie es genau war – darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Allerdings keine von  Claas – The Kleverle – Relotius, sondern nur von tatsächlich Beteiligten.  George Harrison und…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 30.12.2018 / 06:00 / 20

Das Antidepressivum: Wo kommen die Löcher in Käthe her?

Silvesterabend ist Gesellschaft bei Willendorf. Auch die Kinder dürfen heute aufbleiben, sie sind ja schließlich schon kleine Erwachsene. „Ich mag Frau Merkel, sie ist sehr lieb…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 26.12.2018 / 06:15 / 11

Das Weihnachts-Antidepressivum (4)

Gerade hatte Leif-Lasse Thorenson die erste Treppenstufe betreten, da ging die Türe auf. Es waren Urbi et Orbi. Sie wedelten mit ihren – nein, mit Thorensons…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 25.12.2018 / 06:25 / 5

Das Weihnachts-Antidepressivum (3)

„Sie haben sich verfahren, wissen aber selber nicht, wohin Sie wollen, Laus?“  Leif-Lasse Thorenson hatte tatsächlich einen Moment gebraucht, bis er diese Frage über die Lippen…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 24.12.2018 / 12:00 / 9

Das Weihnachts-Antidepressivum (2)

Der 24. Dezember begann wie jeder 24. Dezember auf dem Breitengrad von Hypohytta mit tiefer Dunkelkheit, und die würde auch bis zum Abend nicht flacher…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 23.12.2018 / 06:20 / 9

Das Weihnachts-Antidepressivum (1)

War das eine Kälte! Leif-Lasse Thorenson konnte sich nicht erinnern, wann es jemals so frostig gewesen war. „Ihr Gedächtnis wird noch einige Zeit brauchen, bis…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 22.12.2018 / 16:30 / 4

Ein Nachruf auf Fritz Weigle alias F. W. Bernstein

Schon in sehr jungen Jahren wusste Fritz Weigle, dass er einmal ein ganz Großer sein würde. Aber mit diesem Namen? Damit war kein Staat zu…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 13.12.2018 / 14:30 / 27

Humor verharmlost nichts

Die sozialen Medien sind voller Zynismus und Häme, und auch eine islamisch motivierte Mordtat wie die von Straßburg wird nicht ausgespart. Die Nutzlosigkeit von Merkelsteinen…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com