Archi W. Bechlenberg / 23.10.2016 / 06:00 / Foto: Archi W.Bechlenberg / 0 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Von Staren, Stars und Musikern

Seit etwa zwei Wochen irrlichtern Stare um mein Haus. Plötzlich waren sie da, erst ein paar, inzwischen sicher vier oder fünf Dutzend, sie zu zählen ist unmöglich. Das ist jedes Jahr um diese Zeit so, nur einmal, vor sieben oder acht Jahren, waren es gleich hunderte. Damals stand im Ort ein riesiger Baukran, dessen Ausleger auf die Vögel von nah und fern offensichtlich eine magische Anziehung ausübte. Je nach Windrichtung drehte sich der Kran, und einige Male ragte der Ausleger genau über meine Wiese und den Autoabstellplatz. Seitdem nenne ich Stare auch Kackspechte.

Ich mag sie trotzdem. Wenn sie sich in unglaublich variationsreicher Modulation miteinander unterhalten, erinnert mich das immer an die Geräuschkulisse auf Beerdigungskaffees. Waren erst einmal die eher peripheren Trauergäste gegangen und nur noch die engsten Verwandten anwesend, tauten Tante Fienchen und Onkel Pitter und all die anderen allmählich auf, und der Jägermeister kreiste mit dem Schinkenhäger und dem Chantré um die Wette, und mit  jeder Runde stieg die Stimmung. Als Kind fand ich das anfangs etwas makaber, was aber nur daran lag, dass ich noch nicht mitsüffeln durfte. Egal, genau so klingt es, wenn sich ein Rudel Stare über die in Frage kommenden, anzupeilenden Winterquartiere unterhält und nicht einig ist.

Ich weiß, dass Stare nicht sonderlich beliebt sind, vor allem Landwirte und Winzer hegen eine herzliche Abneigung gegen die hübschen Flattermänner mit den spitzen Schnäbeln. Ich besitze heute noch ein Comic-Heft mit dem klugen Salamander Lurchi, in welchen Stare als böse Räuber auftauchen. „Zuckersüße, pralle Trauben, wollen freche Stare rauben. Wartet nur, euch helfe ich, ruft erbost Freund Unkerich. Und mit Pulver, schwarz wie Kohle, stopft er seine Schreckpistole...“ Sie erkennen am Text, das Heft kann nicht von heute sein. Auch bei mir versammeln sich die Burschen deshalb, weil am Haus ein üppiger wilder Wein hochwächst, der jetzt in dieser Zeit über und über mit kleinen Trauben lockt. Doch mögen es noch so viele und für jeden Star reichlich sein: ständig versuchen sie, sich die Beute gegenseitig abzujagen; ein Schauspiel, dem ich stundenlang zusehen kann.

Wie nordafrikanische Antänzer versuchen sie, sich zu bemopsen, und da sich alle gleichermaßen antanzen, sind die Chancen gerecht verteilt, und das ist ok. Ich vermute, es würde den Staren etwas Entscheidendes fehlen, wenn sie sich nicht beim Beerenjagen gegenseitig austricksen könnten. Nur manchmal gehe ich dazwischen, indem ich ans Fenster klopfe, dann jagen sie davon, und Fidel, das treue Rotkehlchen in unserem Garten, kann sich endlich auch mit Weinbeeren den winzigen, bescheidenen Bauch füllen.

Das Ehebett roch nicht mehr nach Pietros Pitralon After Shave

Wo wir gerade von Staren reden – verfolgen Sie auch derzeit atemlos das Drama um... Moment … wie heißen die... ja... Sarah und Pietro Lombardi? Die Qualitätsmedien sind voll davon, ob Stern, ob ntv, von Bild, Express und all den anderen ganz zu schweigen. Ich habe gehört, Phoenix bereite eine Expertenrunde zu der Affaire vor und Arte einen Themenabend. Wir alle wissen, dass... Sarah und ja, dass Pietro sich bei Deutschland sucht den Superstar kennen und lieben lernten, und dann haben sie geheiratet und bekamen einen kleinen Sonnenschein und zeigten überall ihre Liebe, und dann tauchten jetzt plötzlich Bilder im Internet auf, die die... also die Sarah in einem Bett zeigten, in dem nicht der etwas tollpatschig wirkende Pietro lag, sondern ein bärtiger Beau namens... finde ich jetzt nicht mehr.

Ja, und dann haben Spezialisten in aller Welt, also Experten von NSA, NASA, Hubble, Google und dem international aufgestellten Blubberlutsch-3D 4k Pixel-Konsortium die Bilder untersucht und analysiert und festgestellt, dass ein Fälscher solcher kompromittierenden Aufnahmen derart versiert mit Photoshop umzugehen wissen müsse, wie es den gar nicht geben kann. Kurz: die niedliche Sarah habe tatsächlich mit dem Barbudo rumgemacht, und außerdem habe Pietro festgestellt, dass das Ehebett nicht mehr nach seinem Pitralon After Shave riechen würde. Aber was erzähle ich Ihnen das alles, Sie wissen das längst und sind mit Sicherheit besser informiert als ich. Aber haben Sie auch gelesen, dass Sarah ihrem Pietro schon vor vier Wochen bei einer Kochshow die kalte Shoulder gezeigt hat? Haben Sie? Was frage ich überhaupt.

Was ich mich manchmal frage: Wie gehen eigentlich die Menschen mit Talent und einer seriösen, soliden musikalischen Ausbildung damit um, dass gnadenlos platte Flachpfeifen durch Sendungen wie DSDS einen zumindest temporären Starstatus erhalten, der sich durchaus deutlich pekuniär manifestiert? Was für geraume Zeit endlich einmal dazu führen kann, seine finanziell unsichere Situation als Künstler ein wenig gelassener nehmen zu können, als gewohnt. Das gilt nicht nur für Musiker, sondern ebenso für bildende Künstler und Autoren. Wer an jedem seiner Worte und Sätze feilt und zugleich sehen muss, wie sich gehypeter Buchstabenschrott abermillionenfach verkauft, muss darüber die Krise bekommen.

Seid doch mal neidisch, Kollegen, steht dazu!

Selbst wenn man weiß, dass Millionen Fliegen sich irren können, steckt man das doch nicht so gelassen weg, wie manche Betroffenen vielleicht nach außen hin zu zeigen versuchen! Mir kann niemand erzählen, dass für ihn oder sie doch die Hauptsache ist, dabei zu sein. Seid doch mal neidisch, Kollegen, steht dazu! Es ist völlig ok und legitim und menschlich und überhaupt. Und wenn ihr dann auch anfangt, Schrott zu produzieren, um endlich auch einmal etwas Kohle in der Tasche zu haben: macht es! Tut es! Haut rein, lasst Millionen Fliegen zu euch schwirren! Nur bitte: kuckt jeden Morgen in den Spiegel. Sobald ihr euren Anblick nicht mehr ertragen könnt, ist mindestens Defcon 3 angesagt.

Kommen wir zu einem echten Star – wobei ich keine Ahnung über seine finanziellen Verhältnisse habe, die sind vielleicht ganz ok. Angemessen wäre es in jedem Fall, denn der Norweger Håkon Kornstad ist einer der besten Saxophonisten der Welt. Man kann sagen: er ist das heutige  Aushängeschild des norwegischen Jazz. Obendrein ist er einer der wenigen Norweger, die im "Critics Poll" des US-Jazzmagazins Down Beat geführt worden sind. Er leitet die einflussreichen Wibutee und das Kornstad Trio, spielte mit Pat Metheny und Joshua Redman, und war eine der zentralen Figuren in Bugge Wesseltofts New Conception of Jazz. Håkon Kornstads Karriere schien vor ein paar Jahren schon auf ihrem Höhepunkt zu sein. Doch damit gab er sich nicht zufrieden. 2009, er war für einige Wochen in New York City, sah er sich Pietro Mascagnis Oper "Cavalleria Rusticana" an und war hingerissen. Kurz darauf nahm er erste Gesangsstunden.

Es stellt sich heraus, dass in dem Mann, der als Saxophonist mehrfach für den norwegischen Grammy nominiert wurde, ein veritabler Tenorsänger steckt. Sechs Jahre später hat Kornstad einen Master-Abschluss der norwegischen Opernakademie und mehrere erfolgreiche Gesangsrollen. An der Oper Kristiansund wird er den Lenski in Tschaikowskys "Eugen Onegin" geben, und kürzlich war er Teil einer Auftragsarbeit der zeitgenössischen Komponistin Cecilie Ore.

Das Saxophon aber hat der gebürtige Osloer nicht vergessen. Wenn zwei Saxophonisten einer Session in den 50er Jahren um die Rolle des schnellsten und lautesten konkurrierten, nannte man das einen "Tenor Battle". Bekannt sind die Battles zwischen  Dexter Gordon und Wardell Gray aus den 1940er Jahren. In Håkon Kornstads neuem Ensemble bekommt der Ausdruck eine gänzlich neue Bedeutung: eine frisch gefundene Tenorstimme trifft auf ein einzigartiges Tenorsaxophon. Eine Battle im hergebrachten Sinn ist das nicht, viel mehr eine symbiotische Beziehung. Dokumentiert auf einem Album, das mich ganz heftig begeistert.

Hier hört man echte musikalische Bildung, große Künstler sind am Werk sind und keine „Stars“

Wer wollte, könnte Schubladen aufmachen. Caruso trifft Coltrane, Björling trifft Garbarek. Opernarien von Massenet, Gluck und Bizet, sowie klassische Kunstlieder, gehen nahtlos in skandinavischen Jazz über. Håkon Kornstad singt auf Italienisch, Französisch und Deutsch, mit einer eindringlichen, hellen Tenorstimme. Wer „Tenor Battle“ auflegt, wird sich auch an die Salonorchester der Schellack-Ära erinnert fühlen.

Kontrabassist Per Zanussi, der auch die singende Säge (sic!) spielt, eröffnet das Album. Kornstads Saxophon gesellt sich dazu, mit seinem typischen klaren und warmen Klang.
Sigbjørn Apelands Harmonium erfüllt gleichzeitig die Funktion von Streichern als auch von Bläsern, und Øyvind Skarbø trommelt auf Arien, die nie für ein für Schlagzeug konzipiert waren. Dagegen ist Cembalist Lars Henrik Johansen mit seinem barocken Instrument der perfekte Begleitmusiker für romantischere Stücke. Das alles zusammen klingt wie aus einem Guss und sollte jeden begeistern, der musikalisch sowohl für Klassik, als auch für Jazz etwas übrig hat.

Die vier Musiker in Kornstads Ensemble kommen aus Jazz, Folk und Klassik. Vier Jahre sind vergangen, seitdem sie zum ersten Mal aufeinander trafen. Sie haben ihrem Sound durch intensives Proben und ausgedehnte Konzerttouren in Norwegen Zeit gegeben, sich organisch zu entwickeln. Das hört man durchgehend auf dem ganzen Album.  Respektvoll und spielerisch zugleich ist das Quintett daran gegangen, instrumentale Stücke und klassische Arien zu arrangieren und dazu zu improvisieren. Hier hört man, was echte musikalische Bildung bewirken kann, wenn große Künstler am Werk sind und keine „Stars“.

Womit wir noch einmal bei … also bei diesen beiden DSDS Stars sind... ach, Sie wollen von denen nichts mehr hören und sehen? Recht so.  Dann habe ich etwas für Sie. Das Electronic Press Kit von Håkon Kornstad  mit unfassbaren 77 Zugriffen bisher. Die hat ein DSDS Star wahrscheinlich in der Sekunde, aber seien Sie versichert: Hier sind Sie besser unterhalten.

Und noch ein Link: Dexter Gordon vs. Wardell Gray

Noch mehr zum Thema Geist, Genuss und Gelassenheit finden Sie wauf Archi W.Bechlenbergs Blog "Herrenzimmer"

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