Was für eine Woche. Hätte Pimento Lobotomi nicht dieser Tage seine wüste Sahara geschubst, Presse und Polizei wären vor Langeweile in vorgezogenen Winterschlaf gefallen. Nichts, aber auch nichts tat sich weltweit seit dem vergangenen Sonntag, keine Gurkenkrise, kein weg geflogenes Toupet, keine Kriege. Die Medien sind erstarrt, und nicht einmal das bloß einstellige Ergebnis der DFB Auswahl gegen San Marino an Sankt Martin sorgt für Empörung. Dabei war einer der acht Treffer auch noch ein Selbsttor, geschossen von einem gewissen Stefanelli, der, wenn er nicht auf dem Rasen steht, Briefmarken koloriert und Sardinen entschuppt.
Welch ein Segen die Musik ist, merkt man in derart ereignislosen Tagen ganz besonders intensiv, und so ist es heute wieder einmal Zeit für ein paar Plattenempfehlungen. Zudem ja zu befürchten ist, dass die abrupt getrennten Longdrinkis nun nicht mehr gemeinsam musiküssen werden. Selbst wenn man ihnen eine Konvolut an Verträgen um die Ohren hauen würde (Trennung nur vor laufender Kamera, Schubsen nur RTL2-kompatibel) - den endgültigen Rest hat ihnen ein Fußballer namens Podolski verpasst, der zwar nicht in San Marino dabei war, dessen Twitternachricht dem Express dafür aber online eine ganzseitige Meldung wert war: „Kann jemand diese Lombardis in die Wüste schicken?“ wütete der Kicker vor zwei Tagen, und prompt ist heute nichts Neues mehr über das „Trennungsdrama“ zu erfahren. Jedenfalls nicht in der Qualitätspresse; Spiegel, Stern und SZ habe ich allerdings noch nicht konsultiert.
Musikfreunde, die mit diesen Protagonisten der akustischen Pollution nichts vertraut sind, können wohl eher etwas mit Namen wie Nils Landgren, Wolfgang Haffner, Michael Wollny, Paolo Fresu und Viktoria Tolstoi etwas anfangen, und dass der Gruppenname e.s.t. nicht für Es Singen Trottel steht, muss man ihnen auch nicht erklären. Fahrt ins Blaue heißt ein schöner Sampler, den das ACT Label bereits zum Sommer hin veröffentlicht hat, der aber auch großartig zu Liegen im Warmen passt. 16 Titel bieten über exakt 70 Minuten erstklassige musikalische Unterhaltung von Meistern ihres Fachs, die überwiegend aus dem skandinavischen Raum und Deutschland stammen und die wissen, was sie ihren Zuhörern und der Musik als Kultur schuldig sind. Hören Sie einmal hinein.
Die Kunst, das Einfache nicht banal klingen zu lassen
Dass e.s.t. für Esbjörn Svenson Trio steht, dürfte weitgehend bekannt sein, und dass diese sensationelle Gruppe aus Schweden nicht mehr existiert, liegt am Tod des Namengebers, der im Sommer 2008 mit gerade einmal 44 Jahren bei einem Tauchunfall ums Leben kam. Esbjörn Svenson gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Jazz-Pianisten der Zeit um die Jahrtausendwende, und die Liveauftritte und Platten des Trios fanden weltweit begeisterte Hörer.
e.s.t. standen einerseits für Experimentalität, andererseits aber auch für Ohrwurmmelodien und packende Hooklines. Was das Trio so einzigartig machte, war der Spagat, diese beiden Pole auf Spannung zu halten. Das Einfache nicht banal klingen zu lassen und das Komplexe begreifbar zu machen, war die große Kunst der Band. Wie gut ihr das gelang beweist die Tatsache, dass e.s.t. auch Rock- und Popfans ansprach, die beim Begriff Jazz ansonsten eher abwinken. Hier können Sie sich einen Eindruck von dieser so unverwechselbaren Musik verschaffen, live aufgenommen bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen im Mai 2004.
Der Autor Hans-Olov Öberg hat vor drei Jahren „Die Saga vom Esbjörn Svensson Trio“ veröffentlicht, ein Buch, das von den musikalischen Anfängen in der schwedischen Provinz bis zu den musikalischen Konsequenzen von Svenssons Tod reicht. Öberg kannte Svensson und Schlagzeuger Magnus Öström seit Kindheit an, denn auch er stammt aus der Kleinstadt Skultuna. Es ist vor allem für Fans der Gruppe interessant, den Weg von E.S.T. bis hin zu den weltweiten Konzertsälen mit zu verfolgen, wo sie schließlich, als “The Magic Trio” apostrophiert, ihre Musik an ein so großes Publikum bringen konnten, wie es heute kaum einer Gruppe gelingt, deren Musik höchste Ansprüche an Interpreten wie Zuhörer gleichermaßen stellte.
Seit 2013 gehen Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström mit dem Projekt e.s.t. Symphony auf Tournee. Damit erhält die Musik der bedeutendsten und einflussreichsten europäischen Jazzband der letzten 20 Jahre eine sinfonische Form. Mehr noch, Stücke und heutige Jazzklassiker wie „Tuesday Wonderland“, „Viaticum“ oder „From Gagarin’s Point Of View“ werden dank eines 90-köpfigen Klangkörpers auf eine ganz neue Stufe gestellt. Die Kompositionen führen, reduziert auf ihre Genialität und losgelöst vom Trio, nun ein eigenes Leben. Auch für gestandene e.s.t. Fans gibt es darin neues und packendes zu entdecken.
Dass die sinfonische Adaption der e.s.t. Musik ganz im Sinne Svenssons gewesen wäre, liegt nahe. In seinem Elternhaus wuchs er mit klassischer Musik auf. Die Mutter war Konzertpianistin. In der Band war Svensson der große Klassik-Fan. „Im Tourbus hörte er mit großer Vorliebe Bach. Und vor Konzerten spielte er sich gerne mit Chopin-Etüden ein“, erzählt Bassist Dan Berglund. Svensson war es auch, der die abendländische Kunstmusik in die e.s.t.-Musik einfließen ließ. Wie sehr er davon inspiriert war, hört man vielleicht am besten auf dem Album „Viaticum“, der Platte, durch die ich seinerzeit auf e.s.t. Aufmerksam wurde und die mich zum Fan machte. Die Idee, e.s.t. mit einem sinfonischen Klangkörper zu interpretieren, schwirrte Svensson zeitlebens durch den Kopf.
Der 13. November vor einem Jahr war ein Samstag und ein Alptraum
Das Projekt E.S.T. SYMPHONY entstand evolutionär, über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Und nun kann jeder daran teilhaben. Im Konserthuset in Stockholm machte am 10., 11. und 12 Juni diesen Jahres das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra Aufnahmen, die vor einigen Tagen unter dem Titel E.S.T. SYMPHONY auf CD und Vinyl veröffentlicht wurden. Bevor das Orchester mit den Solisten ins Studio ging, wurde die Symphony mehrfach aufgeführt. Feuertaufe war das umjubelte Konzert im Musikverein Wien, dem heiligen Ort der Klassik-Welt. Immer wieder wurde am Programm gefeilt und nachjustiert, bis der perfekte Klang gefunden war. E.S.T. SYMPHONY ist ein großartiges Album, das Liebhaber von Jazz wie moderner Klassik gleichermaßen anspricht und zu begeistern vermag und das ich Ihnen wirklich ans Herz legen möchte. Hier können Sie ein kurzes Making of anschauen.
Wenn dieses heutige Antidepressivum rund um Musik nicht antidepressiv endet – enden kann – dann liegt das am Datum. Der 13. November vor einem Jahr war ein Samstag; viele Menschen freuten sich auf ein Konzert, dem sie abends im Pariser Konzertsaal Bataclan beiwohnen wollten. Wenn Sie hier diesen Text am heutigen Morgen, Mittag oder Nachmittag lesen, denken Sie bitte einen Moment daran, dass diese Menschen um diese Zeit am 13. November 2015 noch lebten, sich gerade liebten, mit Freunden telefonierten, einkauften, Pläne für den nächsten Tag machten. Doch den erlebten sie nicht mehr, sie wurden am Abend von islamischen Mördern im Namen Allahs auf bestialische Weise umgebracht. Ein großer Teil der Umstände, unter denen dieser Massenmord geschah, gelangte nie wirklich in die breite Öffentlichkeit, und ich bin mir nicht schlüssig, ob das gut oder schlecht ist. Denn es kann selbst bei denen zu Albträumen führen, die es nicht selber erlebt (und überlebt) haben.
Noch immer werden diese Taten als Verbrechen irre geleiteter Verbrecher bezeichnet, die „nichts mit dem Islam zu tun“ haben. Unsere Fantasie reicht nicht aus, um sich auch nur im Ansatz vorzustellen, was die Menschen im Bataclan in den Stunden erleben mussten, in denen sie neben Schüssen und Schreien immer wieder eins hören mussten: Allahu akbar. Der Grafiker Fred Dewilde, überlebendes Opfer des Bataclansmassakers, hat zur Verarbeitung seiner Erlebnisse einen Comicband geschaffen, der im wörtlichen Sinne aus erster Hand einen sehr persönlichen Bericht über die Ereignisse dokumentiert. Wir müssen uns das alles nicht im Detail vorstellen; ein stilles Gedenken für die ermordeten Menschen vom 13. November im Bataclan und an den anderen Anschlagsorten dieses Tages und an all die anderen Opfer weltweit im Namen Allahs sollte genügen, um der Religion des Friedens ins Gesicht zu schauen.
Musiktip zum anhören: Das Esbjörn Svensson Trio, Jazzbaltica 2003, mit dem Schleswig-Holstein Kammerorchester, feat. Pat Metheny
Noch mehr zum Thema Geist, Genuss und Gelassenheit finden Sie wauf Archi W.Bechlenbergs Blog "Herrenzimmer"
Wir sollten über dem 13. November 2015 auch nicht vergessen, dass der 13. November 2016 Volkstrauertag ist.
Lieber Herr Bechlenberg, Sie wissen nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass die deutschen Medien die Details der sadistischen Gewaltorgie im Bataclan verschwiegen haben. WISSEN tue ich es auch nicht, aber ich halte es für schlecht, falsch, verlogen und vor allem gefährlich, und das auch noch aus gesinnungsterroristischen Motiven. Es soll um jeden Preis verhindert werden, dass wir sehen, WIE brutal, menschenverachtend, grausam, unmenschlich die Ideologie des Islam ist, was ihre Anhänger Menschen antun, die sie, ganz subjektiv, für Untermenschen halten. Und ich benutze dieses Unwort mit Bedacht. Laut dem in ausländischen Medien veröffentlichen Polizeibericht der französischen Sicherheitskräfte wurden die Geiseln im Bataclan grausam gefoltert, bevor man sie tötete oder sie an ihren furchtbaren Verletzungen starben. Ihnen wurden die Augen ausgestochen, die Gesichter zerschnitten, Männern wurden die Geschlechtsteile abgetrennt und Frauen Messer in die Geschlechtsteile und den Unterleib gerammt. Das sagten Überlebende und Polizeibeamte nach dem Massaker aus. Ich denke, wir MÜSSEN das erfahren, damit wir wissen, wogegen wir kämpfen müssen, bevor die Ideologie, die solche Verbrechen in Auftrag gibt und verübt, unsere Zivilisation und uns zerstört. Dazu passt ,dass heute (schon) die Bundesregierung das eingeräumt hat, was wir als achgut-community schon seit langem wissen und wofür wir als Nazis und Rassisten kriminalisiert wurden und werden: Der IS trainiert seine Leute ganz gezielt, um sie weiter erfolgreich als "Flüchtlinge" ins grenzenlose Deutschland und damit nach Europa einschleusen zu können. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann die nächsten verheerenden Anschläge die Politiker dazu veranlassen, uns zu erklären, dass nichts etwas mit gar nichts zu tun hat. Fanny Brömmer
13. November vor einem Jahr war ein Freitag (2016 ist Schaltjahr). Erinnere mich deshalb so gut, da wir damals einen vergnügten privaten Freitagabend mit Freunden hatten, der jäh unterbrochen wurde.
Der 13. November 2015 war ein Freitag !
.....und an all die anderen Opfer weltweit im Namen Allahs sollte genügen, um der Religion des Friedens ins Gesicht zu schauen. Und nicht vergessen all die Opfer im Namen Gottes, die die westlichen Demokratiechristen und Heilsbringer im letzten Jahr in Afghanistan und Syrien durch Drohnen und Kriegsführung - ohne dass wir allzuviel davon erfahren - auf dem Kerbholz haben.
"Esbjörn Svenson gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Jazz-Pianisten der Zeit um die Jahrtausendwende ..." "e.s.t. standen einerseits für Experimentalität, andererseits aber auch für Ohrwurmmelodien und packende Hooklines." Nun ja, das e.s.t. war nett zu hören, hatte aber so wenig vom Jazz, dass man schon überlegen muss, es dazuzuzählen. Svensson (mit Doppel-s) war für den Jazz kein bedeutender oder einflussreicher Musiker, seine Rhythmusgruppe Mittelmaß. "Experimentell" war das Trio nun mal gar nicht, wie kommt man nur darauf? Man höre sich nur mal in Deutschland um, vergleiche zum Beispiel das Pablo-Held-Trio mit e.s.t., und man weiß, was Sache ist. e.s.t. war eine Popgruppe mit Improvisationsanteil; sonst könnte man auch jede Rockgruppe mit improvisierten Gitarrensoli als Jazzband bezeichnen.