Archi W. Bechlenberg / 11.09.2016 / 06:25 / 1 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Ennio Morricone

Vor drei Wochen erzählte ich an dieser Stelle ein wenig über Italo-Western und einen wesentlichen Bestandteil vieler dieser Filme, den Cigarillo im Mundwinkel. Kaum weniger wichtig ist ein anderer Bestandteil, nicht nur von Western: die Filmmusik. Angefangen beim Titelthema über die szenenbegleitende Untermalung bis zu den finalen Begleitakkorden für die Kinobesucher hinaus auf die Straße. Einer der ganz großen Meister bis in unsere heutige Zeit ist fraglos Ennio Morricone. Er hat über 500 Soundtracks für die unterschiedlichsten Genres geschaffen. Fünfhundert! Man sollte sich das einmal so richtig vor Ohren führen.

Zu seinen bekanntesten, wohl populärsten Werken gehören die Soundtracks zahlreicher Italowestern wie den Filmen von Sergio Leone und Sergio Corbucci. Darunter die von allen Dächern gepfiffenen Stücke wie Titel- und Szenenmusiken für „Spiel mir das Lied vom Tod”, „Für eine Handvoll Dollar”, „Zwei Companeros“ oder „Mercenario. Einen auch nur im Ansatz repräsentativen Querschnitt durch Morricones Werk aufzulisten, ist kaum möglich. Zudem der Maestro für eine Vielzahl von Genres schrieb. So für Kriminalfilme wie „Der Clan der Sizilianer“, für Dramen wie Pasolinis „Theorema“, für Thriller wie „Das verfluchte Haus“, für Melodramen wie „Die Nonne von Monza“ und für albernen Quatsch wie „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ (den ich gerne einmal sehen würde, alleine schon wegen Senta Berger).

Nein, hier einen Überblick auch nur zu skizzieren ist vergebliche Mühe. Wie schön, dass es ein prachtvolles Buch gibt, welches dem Schaffen Ennio Morricones gewidmet ist. Erschienen ist es in der Reihe EarBOOKS, es hat das Format einer klassischen Langspielplatte und enthält auf vier CDs mehr als 60 Stücke, allesamt in den von Filmen und Platten bekannten Originalfassungen, also keinen Einspielungen von zweiter oder dritter Hand. Zu hören gibt es Musik aus berühmten Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod”, „Für eine Handvoll Dollar”, „Es war einmal in Amerika”, „Die Unbestechlichen”, aber auch aus unbekannteren Filmwerken wie „Aufstand von Algier”, „Veruschka” oder „Palermo Vergessen”.

Morricone ist weit über die Grenzen des Kinos hinaus populär

Über 120 prächtig illustrierte Seiten bringen Morricones Werdegang und seine musikalische Vorgehensweise nahe, ein Verzeichnis seiner Arbeiten zwischen 1961 und 2013 listet sein Gesamtwerk auf und eine selektive Film-Übersicht bringt eine Vielzahl von Hintergrundinformationen, garniert mit Szenenfotos und Kinoplakaten. Ein anspruchsvoll geschriebenes Portrait über den Künstler, verfasst vom Musikprofessor und engen Freund Sergio Miceli, gibt einen Einblick in die Arbeitsweise Morricones und bietet zusätzliche Informationen über die Entstehung vieler Filmmusiken. Zwei weitere Seiten füllen die zahlreichen Preise, Ehrungen und Auszeichnungen, die der inzwischen 89jährige bis dato erhalten hat.

Dass Morricone auch über sein Werk als reiner Filmkomponist hinaus tätig war und ist, zeigt die vierte der CDs; auf dieser hört man im großorchestralen, teils experimentellen Kontext einige seiner Arbeiten in eher ungewohnten Klangfarben. Dass Morricone, mit großem Orchester, auf Tourneen große Häuser und Arenen füllt, zeigt, wie populär er weit über die Grenzen des Kino hinaus ist.

So prächtig das Buch auch ist – es fehlen leider einige musikalische Beispiele, die für mich unverzichtbar sind. Nicht, weil sie aus Filmen stammen, die ich besonders mag, sondern weil sie zu Morricones ganz großen Geniestreichen gehören. Das gilt vor allem für Sergio Corbuccis Schneewestern „Leichen pflastern seinen Weg“ (Il grande silenzio), bei dem bereits die traumhaft kontemplative Titelmusik eine so intensive Stimmung erzeugt, wie man sie im Kino nur ganz selten erlebt. Aber es fehlen auch wegweisende Stücke aus „Der Clan der Sizilianer“, „Companeros“, „Mein Name ist Nobody“ und „Malena“, um nur einige Lücken zu nennen. Ich will das aber nicht kritisieren, angesichts der Fülle an Musik, aus der die Herausgeber auszuwählen hatten. Man hätte problemlos auch die doppelte Anzahl an CDs beifügen können, aber das Buch sollte ja auch bezahlbar sein. Schade ist es trotzdem; zum Glück gibt es eine Vielzahl von Musikalben, die Morricones Werk weitgehend abdecken. Insgesamt ist der Band MORRICONE aus der EarBOOKS-Reihe ohne Frage ein Schatz für Film-, wie für Musikfreunde. Ihnen dieses Buch sehr ans Herz legend, verbleibe ich für heute Ihr

Links:

Ein Blick ins Buch hier.
Leichen pflastern seinen Weg, Titel hier
Il Mercenario, Duell hier
The Sicilian Clan hier

Ennio Morricone, bei earBOOKS, dreisprachig deutsch, italienisch, englisch, 132 Seiten, EUR 39,95, ISBN-10: 3943573028, ISBN-13: 978-3943573022

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Jochen Seelig / 11.09.2016

“Der Profi” mit Belmondo, Thema “Chi Mai”! Nicht zu vergessen!

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