Archi W. Bechlenberg / 03.04.2016 / 06:15 / Foto: Alan Wilson / 0 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Die Donalds der Weltgeschichte

Die Wolken ziehn dahin/Sie ziehn auch wieder her/Der Mensch lebt nur einmal/Und dann nicht mehr

Die unbestritten dramatischste Folge der Ereignisse im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen ist ohne Zweifel die verheerende Kontamination des alten, ehrlichen Vornamens Donald. Während der exaltierteste Mörtelmischer Europas schlicht „Richard“ heißt, musste seine amerikanische Kopie natürlich mit „Donald“ noch einen draufsetzen. Allerdings hat Richard Lugner, was die Frauen angeht, die Nase vorn. Seine derzeitige Gattin Spatzi stammt zwar aus tiefster Eifler Einöde, nämlich Wittlich, ist dafür aber 57 Jahre jünger als ihr Wiener Investor. Trump hingegen kann gerade einmal 24 Jahre Altersunterschied zwischen sich und der aus noch tieferer slowenischen Einöde stammenden Melania vorweisen. Da ist Lugner doch ohne Zweifel der tollere Hecht.

Aber ich schweife ab; es geht ja um den ehrenwerten Vornamen Donald. Das im Verlag Traugott Bautz erschienene Biografisch-Bibliografische Kirchenlexikon berichtet von einem frommen Einsiedler dieses Namens, der im 8. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung alleine mit seinen neun Töchtern in einer besonders tiefen, nämlich schottischen Einöde lebte. Das klingt nach Askese und Enthaltung in jeglicher Hinsicht, hat also mit dem vielleicht zukünftigen und möglicherweise letzten Präsidenten der USA nicht das Geringste zu tun.

Unter den Donalds der Weltgeschichte ragt einer besonders hervor

Unter den Donalds der Weltgeschichte  ragt – Rumsfeld hin, Tusk her - natürlich einer ganz besonders hervor. Alleinerziehender Onkel, geplagter Neffe, unglücklicher Geschäftsmann, beruflicher Versager, glückloser Liebhaber - und doch ein grundsympathischer Typ: das alles verkörpert niemand so authentisch und liebenswert wie der aus dem weltstädtischen Entenhausen stammende Donald Duck. 

Duck nur als wildgewordenen, stets nahe am Herzinfarkt entlang schrammenden Kleinbürger zu sehen, tut ihm bitter Unrecht. Ich möchte denjenigen sehen, der ohne jede moralisch erforderliche Verpflichtung drei hyperaktive Neffen bei sich aufnimmt und versucht, aus ihnen anständige Menschen zu machen, ohne dabei das eine und andere Mal an seine Grenzen zu stoßen! Man mag darüber streiten, ob das in besonders schweren Fällen erfolgte Verhauen der Delinquenten heute noch angemessen wäre, aber man muss das eben aus der Zeit heraus bewerten. Ich habe in den 1950er Jahren als Kind noch ganz anderes erlebt und hätte mich lieber von Onkel Duck verhauen lassen, als angedroht zu bekommen, man würde mich wegen Ungehorsam ins Kloster Ettal stecken.

Nein, als völligen Versager darf man Donald Duck nicht abtun. Sicher, was er anpackte, ob als Abbruchunternehmer, als Bäcker, als Wettermacher, Himmelsschreiber oder Echoverkäufer, ging zuverlässig in die – von ihm nie getragene - Hose. Und wenn er doch einmal etwas Besonderes schaffte - wie das Sitzen auf dem kürzesten Flaggenmast der Welt – stand am nächsten Tag in der Zeitung zwar ein Bericht darüber,  aber sein Name war falsch geschrieben. Ronald Dunk. Was konnte denn er dafür?

Ducks Größe liegt gerade in seinem Scheitern

Alles nicht schön. Aber niemand kann Duck vorwerfen, er habe sich von seiner Unfähigkeit und seiner Glücklosigkeit entmutigen lassen. Dieser Donald stand immer wieder auf und begann einen neuen Anlauf. Selbst den härtesten Brocken seines Daseins, die unerfüllte Liebe zu einer gewissen Daisy, hat er immer wieder aufs Neue als Herausforderung angenommen. Ducks Größe liegt gerade in seinem Scheitern, ohne jemals zu kapitulieren.

Wir verdanken es seinem Biografen Carl Barks (1901-2000), dass wir so  intime und umfassende Einblicke in das Leben Donald Ducks verdanken, wie wohl bei keinem anderen Erpel zuvor und seitdem. Über 23 Jahre hinweg hat Barks jede Aktivität der Sippe nicht nur schriftlich dokumentiert, sondern auch mit größter Akribie und Detailtreue im Bild festgehalten. Wenn man bedenkt, auf welche weltumspannenden Reisen sich Donald und seine Neffen – meist auf Veranlassung ihres reichen Onkels Dagobert - über die Jahrzehnte hinweg begeben haben, kann man die akribische Arbeit von Carl Barks gar nicht hoch genug loben. Ob man auf den Spuren des spanischen Eroberers Ponce de Leon in Südamerika lauernden Lebensgefahren ausgesetzt war, ob man im Land der viereckigen Eier seltsamen Lebensformen begegnete, ob man dem Gespenst von Duckenburg oder dem Goldenen Helm von Erik dem Roten auf der Spur war – stets hat Barks bis ins Detail hinein die Ereignisse für die Nachwelt festgehalten.

Kongenial unterstützt wurde er seit Beginn der 1950er Jahre von der deutschen Kunsthistorikerin, Archäologin und Übersetzerin Johanna Theodolinde Erika Fuchs  (1906-2005), die nicht nur die Barks'schen Originaltexte treffsicher ins Deutsche übertrug, sondern diesen noch, an zahlreichen Stellen, der deutschen Sprache entlehntes Kulturgut in Form von Zitaten und Ableitungen beifügte. Bekannt ist der an Schiller orientierte Rütlischwur der Neffen Ducks, „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.“ Selbst profanen Unterhaltungen in Entenhausen konnte Erika Fuchs hochkulturelle Qualität verleihen, etwa wenn eine Dame von der  Erziehung ihrer Töchter schwärmt: „Im Entsagen reich, im Ertragen stark, in der Arbeit unermüdlich!“ Fuchs war Meisterin in der Kunst der Alliteration („Marinierte Marderfilets“, „Schorchel Schachermann“, „Rimfire Remington“), und ihre lautmalerische Verwendung der Inflektivform („Grübel, grübel“, „Schluck!“ „Stöhn!“)  wird heutzutage in Fachkreisen als „Erikativ“ bezeichnet.

Schicksalsschläge eines Donald-Verstehers

So erzsympathisch Duck erscheint – auch er war und ist nicht unumstritten. Zu den dramatischsten Ereignissen meiner Kindheit gehört die Stunde, in der meine Mutter einen ganzen Karton Micky Maus Hefte, die sie unter meinem Bett entdeckt und als „Schund“ diffamiert hatte, vor meinen Augen in den Ofen warf. Es war nicht nur der materielle Verlust dieses Schatzes (für dessen heutigen Wert man sicher ein nettes Anwesen auf Sylt erwerben könnte); noch schwerer wog die Tatsache, dass mir die Hefte gar nicht gehörten. Und so musste ich dem rechtmäßigen Besitzer nicht nur meine gesamten Sigurd- und Akim- Piccolohefte übereignen, sondern auch noch bis zum Ende des Schuljahres die Tasche tragen.

Andere Donald-Versteher traf es kaum weniger hart. Zwei FAZ Feuilletonredakteure, Patrick Bahners und Andreas Platthaus, die jahrelang Fuchs'sche Zitate in ihre Artikel geschmuggelt hatten (so das bereits zitierte „Im Entsagen reich, im Ertragen stark, in der Arbeit unermüdlich“ als Überschrift einer Buchrezension oder den schönen, von Duck für ein Preisausschreiben erdichteten Zweizeiler „Prickelwasser Entenfein, das ist billig und schmeckt fein“ leicht modifiziert über einen Artikel zu Bad Ems positionierten) wurden zunächst von einem schurkischen Österreicher und dann vom Trittbrett fahrenden SPIEGEL in Heft 17/2000 verpetzt, was zu unschönen Folgen führte; das Feuilleton verödete daraufhin wie der Gumpensund bei Flut.

Erika Fuchs, deren Todestag sich in diesem Monat zum elften Mal jährt, wurde in Schwarzenbach an der Saale – wo sie einen großen Teil ihres Lebens verbracht hat -  das Erika-Fuchs-Haus – Museum für Comic und Sprachkunst  gewidmet, das im August 2015 nach mehrjähriger Bauzeit öffnete. Es versteht sich, dass diese einmalige Kulturstätte auf 600 qm Ausstellungsfläche nicht alleine der großen alten Dame, sondern auch Donald Duck und dem Leben in und um Entenhausen huldigt. Vorherzusagen, dass eine solche Ehre diesem blondierten, amerikanischen Kandidaten Trump wohl niemals zuteil werden wird, dürfte nicht vermessen sein.

Website Erika-Fuchs-Haus http://www.erika-fuchs.de/

Website der D.O.N.A.L.D. http://donald.org/

Sechs Stunden Donald Duck Carttons auf Youtube

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