Archi W. Bechlenberg / 06.11.2016 / 06:18 / 4 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Harte Zeiten für den Boulevard

Sind Sie es auch so Leid? Diese ständigen Horrormeldungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft? Täglich werden sie besorgniserregender. Kaum haben sich die Wogen der Empörung wg. Klarah und Lietro Pombardi auf der nationalen Dichterskala von Stärke 10.5 zu 6.3 geglättet, sieht ein Fan den betrogenen Kappenträger angeblich bei einem Discounter (oder war es eine Disco?) mit einer Blondine, und da fragt man sich doch sofort, was Daniela Küblberger eigentlich noch so macht, und schon beginnt man, hektisch die Presse durchzublättern und findet und findet nichts, nur dass Dieter Bohlen angeblich von den beiden Ex-Schnuckeln die Trauringe zurück haben will, die er ihnen dereinst geborgt hatte.

Oder hätte, ich muss gerade nachschlagen. Nein, ich finde es nicht, ist auch egal. So jedenfalls geht es nicht, Herr Bohlen. Wiederholen ist gestohlen. Finger weg von den Fingern der schon genug gebeutelten Stars. Wir schauen Ihnen peinlich genau auf die Ihren, und wehe! Aus dem Ablegen der Eheringe kann RTL 2 noch eine sich über Monate erstreckende Reality Show fingern, in der die Lumpatzis jede Woche mit einer anderen Methode (Gleitgel, Olivenöl extra non virgine, Siliconspray, gewonnen aus den geplatzten Möpsen von … egal, sie hatte mal was mit einem Schweizer, war also eh schwer und genug gebeutelt) versuchen, das Geschmeide abzustreifen. Mein Tipp für gleich drei  besonders witzige Folgen: Pimento verwechselt die Fettpresse mit einer Kartusche Bauschaum. Was macht eigentlich Kater Koth?

Apropos Gleitgel. Der Kölner Express, immer ganz nah an unsagbar traurigen Schicksalen, erschütterte just mit dieser Meldung: "Er wollte doch nur Gleitgel kaufen... Mann verschwindet nach Besuch im Sexshop". Immerhin ist der lustige Greis bereits 77, da kann man leicht mal verloren gehen. Es genügt schon, beim Verlassen eines solchen Fachgeschäftes die falsche Türe zu nehmen (gibt es eigentlich noch Filmkabinen und Peep Shows? Ich komme gerade nicht zum Recherchieren vor Ort) und schwupps, ist man auf der schiefen Bahn. Wenn dann noch Gleitgel ins Spiel kommt … man mag es sich gar nicht vorstellen. Ein solcher Sturz kann leicht zu Schwellungen, wenn nicht Gebrochenem aller Art führen und in Folge dessen ins Krankenhaus. Was da einen erwarten kann – gleich werden Sie es lesen.

Hätten sich früher Damen wirklich um Salatgurken geprügelt?

Entsetzlich die geradezu inflationär auftretenden Meldungen über Gewalttaten. „Frauen-Prügelei! Streit um Salatgurke eskaliert“, liest man dieser Tage und fragt sich, wo das noch enden soll. Ist nach mehr als fünf Jahrzehnten wieder eine Gurkenkrise ausgebrochen (siehe die ZEIT vom 30. August 1963), womöglich hervor gerufen vom Gurkenmurkser ((Deflator dextrospirillus, im Englischen auch „augur-nosed-pickle-hater“ genannt)  einem widerwärtigen Kerbtier, dessen unheilvolles Wirken von Carl Barks 1957 eindrucksvoll dokumentiert wurde (Donaldisten werden sich erinnern). Hätten sich früher, in besseren Zeiten, Damen wirklich um Salatgurken geprügelt? Damals wusste doch noch jede gute Hausfrau, dass man Gurkensalat auch notfalls einmal mit Tomaten machen konnte, er unterschied sich dann bloß in Farbe und Geschmack vom Original. Heute aber ist man selbst im nachbarschaftlichen Bereich nicht mehr zu Kompromissen und einem freundlichen Miteinander bereit, es müssen sofort die Fäuste fliegen.

Apropos fliegen und fliegen lassen. Eine weitere Schreckensmeldung erschütterte dieser Tage die Presselandschaft. „Flammen im OP-Saal weil Patientin furzte!“ Ich glaube, es war der Berliner Kurier, der die Welt mit dieser Überschrift aus den Fugen hob. Nein, nicht die gleichnamige Zeitung, die ist schon lange aus denselben.

Nirgendwo in der Welt ist man mehr sicher: Das durften auch verflossene Liebhaber der Studentin Lily Washere (Name ist der Redaktion vertraut) hautnah erfahren, wenngleich sie noch Glück hatten und ihre Bekanntschaft mit der Dame nicht auch auf einem OP Tisch endete. Lily sammelt nämlich die Penisse der Penetrierer! Allerdings - hier können Sie wieder aufatmen, liebe Leser - netterweise nur in Form von Keramikabdrücken. Derer bekam die gleitgelfreudige Gespielin inzwischen so viele zusammen, dass sie damit eine Ausstellung organisierte, was dann natürlich auch die deutsche Presse faszinierte. Da es sich ausnahmslos um erigierte Penisse handelt, finde ich zwar die Überschrift des Artikels zu dem Thema – Schräges Hobby – etwas daneben, bin aber dennoch dankbar, dass ich davon erfahren habe und knallhart an Sie weiterreichen darf. Unter dem gleichen Titel gibt allerdings auch das männliche Pendant, ein Hamburger sammelt Vagina-Abdrücke. Ergänzend vielleicht noch die New Yorker Ausstellung The Dic-Tators.

Neues zur Attacke der Kackspechte

Womit ich für heute fast am Ende bin, eine noch immer anhaltende Sehnenentzündung im Arm macht mir das Tippen schwer. Ich muss den Arm schonen, um nicht ins Krankenhaus … Doch auf keinen Fall möchte ich versäumen, mich zwischendurch einmal für so manche Reaktion auf meine sonntäglichen Gedanken zu bedanken. So schickte mir ein Leser – inspiriert von meinem Text zum Thema Stars und Stare - ein wunderbares Foto aus Rom, auf dem man ein Auto sieht, das offenbar einer Attacke dieser von mir auch liebevoll „Kackspechte“ genannten fliegenden Freunde ausgesetzt war.

Auf meine besorgte Nachfrage, ob das seine Macchina sei, konnte er mich beruhigen. Ein anderer Leser schickte mir ein Bild, auf dem man etwas sieht, das einer sehr dicken Pizza gleicht, die mit sehr kleinen, gerupften Vögeln belegt ist. Ob es zwischen dem Koch und dem Besitzer des Lancia eine Verbindung gibt, ist nicht auszuschließen, ich konnte es (mein Arm!) nicht so rasch nachprüfen. Der Gedanke liegt aber ohne Frage nahe. Auch schickte ein freundlicher Leser einen Link zu einer Seite, die sich mit den von mir vor einer Woche thematisierten Pariser Apachen näher befasst. Danke!

Die schönste Reaktion kam jedoch in diesen Tagen von einem Herrn bei Facebook, ich teile mir das Folgende mit einem darin ebenfalls angesprochenen, guten Freund, der für einen anderen Blog tätig ist: „Früher sagte ich zu Ihresgleichen (den sogenannten Agnostikern): Du hast es gut, du bist blöd und merkst es nicht. Damit würde ich Ihnen ein Kompliment machen. Dumm zu sein, ist keine Schande, aber wenn einer noch stolz darauf ist, gehört der eigentlich in die Psychiatrie. Aus Kälbern werden Kühe oder Ochsen. Das sind kastierte Stiere. Eine Sonderform sind Hornochsen. Raten Sie mal, wie ich auf diese Tier komme, wenn ich an Sie und Ihren Kumpel, den Essayschreiber denke. Sie beide sind trübe Lichter, geistige Tranfunzeln, die stolz auf ihre Dummheit sind.“

Musik, drei, vier! Nein, nicht der Narrhallamarsch.

Noch mehr zum Thema Geist, Genuss und Gelassenheit finden Sie wauf Archi W.Bechlenbergs Blog "Herrenzimmer"

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B.Kröger / 07.11.2016

Habe herzlich gelacht. Vielen Dank dafür!

Clemens Hofbauer / 06.11.2016

Und warum kriegen die anderen Männer im Clip keine Erektion? Oder warum beginnen die anderen Frauen die in den beworbenen Nuttendiesel Gedunkte zu verprügeln? Weil wir Gesehenes immer nur so sehen wie wir es uns wünschen. Gott mag ja mit Nietzsche bereits tot sein, aber die selktiv-chirurgisch-gezielte Wirkung eines Duftes ist ein Unding, das gerne geglaubt wird.

Karla Kuhn / 06.11.2016

Gott sei Dank ist bei Ihnen Humor im Übermaß vorhanden Herr Bechlenberg.

Jürgen Fritz / 06.11.2016

Herrlich, mein lieber Archi. Du bist und bleibst der Meister des feinen, schwarzen Humors. :-) Und selbst bei einem “trüben Licht” leuchtet ja doch immerhin etwas. Damit könnte man also ja nur Not leben. Vielleicht meinte der Sprecher respektive Schreiber aber auch “be-trübte Lichter” und hat in seiner (verständlichen?) Aufregung das Präfix quasi verschluckt. Wer weiß? ;-)

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