Die immense Bedeutung der Reichsstadt Nürnberg in der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit steht außer Frage. Als Zentrum von Handel, Kunst und Gelehrsamkeit pflegte die Stadt nahezu weltweiten Austausch. Diese – im besten Sinne vielfältigen – Verbindungen illustriert die gegenwärtige Sonderausstellung des Germanischen Nationalmuseums unter dem Titel „Nürnberg GLOBAL 1300-1600“ äußerst anschaulich. In Form einer Art Kunst- und Wunderkammer wurden über 120 Objekte zusammengetragen, deren Gemeinsamkeit im jeweiligen Bezug zu Nürnberg steht. Und die meisten von ihnen künden von der großen weiten Welt, entstanden in einer Zeit, in der nur sehr wenige weite Reisen unternehmen konnten.
Die Ausstellungsmacher, die gern von „Netzwerken“ sprechen, haben versucht, Schneisen zu schlagen. Zunächst erfolgt ein eher in den Stadtmauern verbleibender Blick auf Nürnberg, danach finden sich die Objekte um Themen wie „Luxus und Gewalt“, „Über die Alpen“ oder „Sehnsucht nach den Heiligen Land“ gruppiert.
Als Leihgabe aus dem „Grünen Gewölbe“ in Dresden wird ein Lavabo gezeigt, eine mit Perlmutt besetzte Holzschale aus dem 16. Jahrhundert. Hergestellt wurde sie im westindischen Gujarat, über Lissabon kam sie nach Nürnberg. Hier erhielt sie ein Dekor mit Nymphen und Flußgöttern, eine Kanne in Form eines drachenähnlichen Wesens wurde hinzugefügt. Der Sächsische Hof erwarb das Ganze schließlich auf der Leipziger Messe. Eine Nürnberger Spezialität waren die sogenannten Beckenschlägerschüsseln, die in ganz Europa Absatz fanden. Mittels Matrizen wurde das Dekor in das Metall geschlagen, was eine serielle Fertigung ermöglichte. Europaweiter Nachfrage erfreuten sich die aufwendig gefertigten Nürnberger Ringpanzerhemden.
Reines Luxusobjekt war die „Scheurlsche Erzstufe“, ein Miniaturbergwerk aus edlen Materialien, ebenso der „Imhoff-Holzschuher-Pokal“ mit Bergbauszenen. Beide Stücke verweisen auf die Bedeutung und den Erfolg der Nürnberger Montanunternehmer. Einer von ihnen, der 1571 verstorbene Hans Tetzel, betrieb Kupferminen auf Kuba. In der Ausstellung ist er durch den für ihn angefertigten Totenschild gegenwärtig. Ein Mitglied der Familie Imhoff stiftete für die Elisabethkirche in Breslau, wo die Firma eine Niederlassung unterhielt, ein Marienretabel. Im großformatigen Pflanzenbuch des Apothekers Georg Öllinger, entstanden 1553, sind auf 680 Aquarellen Pflanzen und einige Tiere aus der ganzen Welt zu sehen. Greifbar praktischen Wert hatte das auseinandernehmbare Konstruktionsmodell der Rialtobrücke aus dem Besitz des Nürnberger Ratsbaumeisters Wolf Jacob Stromer, der selbst in Venedig studiert hatte. Die Brücke der Lagunenstadt war Vorbild für die Nürnberger Fleischerbrücke. Ebenfalls aus der Familie Stromer stammt der bemalte Panzer eine Meeresschildkröte, der aber wohl lediglich repräsentativen Zwecken diente.
„Rom*njafamilie“ statt „Türkenfamilie“
In Nürnberg gedruckt und später mit Ultramarin aus Afghanistan koloriert wurde die älteste erhaltene Darstellung der Aztekenhauptstadt Tenochtitlán. Globen werden gezeigt, etwa derjenige von Johannes Schöner, gefertigt in Bamberg 1520, der später als Geschenk an die Stadt Nürnberg kam. Den Behaim-Globus, den ältesten erhaltenen Globus, der Amerika noch nicht verzeichnete und der sich im Besitz des Germanischen Nationalmuseums befindet, haben die Ausstellungsmacher zwar in den Katalog eingefügt, aus konservatorischen Gründen allerdings in seiner Vitrine in der Dauerausstellung belassen.
Der 1471 in Nürnberg geborene und 1528 auch dort verstorbene Albrecht Dürer war bereits zu Lebzeiten weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und geschätzt. Seine Kaiserbilder von Karl dem Großen und Sigismund werden in „Nürnberg GLOBAL“ ebenso gezeigt wie seine Darstellung des indischen Nashorns von 1515, das als Geschenk für den Papst bestimmt war, allerdings vor der ligurischen Küste ertrank und das Dürer selbst nie gesehen hatte. Bemerkenswert ist die Rezeption Dürers. So findet sich etwa sein „Dudelsackpfeifer“ als Motiv in Elfenbeinschnitzereien aus Sri Lanka aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, andere seiner Figurenmotive sind als Randzeichnungen in einer indischen Handschrift vom Anfang des 17. Jahrhunderts, dem „Jahangir-Album“, zu sehen.
Vieles in der Ausstellung ist einfach nur schön, vieles ist lehrreich, ohne penetrant zu sein. Penetrant hingegen ist der allgegenwärtige, völlig unnötige politische Hauptstromeinschlag. Ausstellung und Katalog biedern sich der Gendermode an. Besonders bizarr: „Aztek*innen“ oder ein Kupferstich Dürers, lange als türkische Familie bezeichnet, nunmehr revidiert und als „Rom*njafamilie“ identifiziert. Schon am Eingang von „Nürnberg GLOBAL“ wird der Besucher auf die gelben Markierungen bei der Erläuterung einiger Objekte hingewiesen. Diese seien aus der Sicht der Ausstellungsmacher „kritisch oder sensibel zu betrachten“, da sie beispielsweise „gewaltvolle und diskriminierende Bilder“ zeigten oder „frühen Kolonialismus“ thematisierten. Der Besucher wird aufgefordert, seine Gedanken aufzuschreiben und „mit uns zu teilen“. Eine „stereotype Figur“ sei der schwarze der Heiligen Drei Könige in einem Gemälde von Hans Pleydenwurff und Werkstatt um 1455/1460. Zudem: „Die Präsenz und das Leben Schwarzer Menschen im frühneuzeitlichen Nürnberg sind bisher kaum erforscht.“ Um wie viele wird es sich wohl gehandelt haben?
Die Holzschnittserie „Der König von Gutzin“ von 1511, die unterschiedliche Bevölkerungsgruppen Afrikas und Indiens zeigt, sei „lange als Beleg eines frühen ethnographischen Interesses verstanden“ worden. Der „vermeintlich forschende Blick“ sei aber „ebenso gewaltvoll“ und „abwertende Bildelemente fallen auf“, derartige Bilder „festigten ein europäisches Überlegenheitsgefühl“. Die osmanische Bedrohung – ein vielleicht nicht ganz unbedeutendes Problem für die Europäer im Zeitraum, den die Ausstellung in den Fokus nimmt und darüber hinaus – wird quasi negiert. Die in Nürnberg produzierten „Türkendrucke“ seien „Kriegspropaganda“ gewesen, sie „überhöhten politische Konflikte religiös“. Einseitig „warfen sie den Osmanen Grausamkeit“ oder „Plünderungen“ vor. Die „Mechanismen dieser Flugblätter sind bis heute in islamfeindlicher Propaganda wirksam: Einseitigkeit, Vereinfachung, Halbwahrheiten…“ Da wendet sich auch der geneigteste, nicht völlig verzeitgeistigte Besucher mit Grausen. Bedauerlich, weil die Grundidee, Nürnberg zwischen 1300 und 1600 im Rahmen seiner weitverzweigten Beziehungen mittels herausragender Ausstellungsstücke zu präsentieren, eine sehr schöne war.
„Nürnberg GLOBAL 1300-1600“, Germanisches Nationalmuseum, bis 22. März 2026. Katalog 48 Euro.
Beitragsbild: Martin Behaim / Georg Glockendon - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Na ja, die älteren Vertreter der germanischen Schulhofminderheit müssen sich im heute osmanisch kolonisierten Nürnberg natürlich anpassen und gewisse Empfindlichkeiten der Kolonialmacht und zukünftigen Herren ihres Germanenmuseums berücksichtigen. Bei den harten Realitäten der eigenen Kolonisierung, der eigenen „kolonialen Situation“ wie man es in diesem Milieu gerne nennt, hört die gefällig antiwestliche, postkolonial kritelnde Nabelschau eingeborener Demokratiewissenschaftler dann ja auch ganz schnell auf. Aus dem ebenfalls weitgehend osmanisch kolonisierten Hessen ist mir noch der Fall jenes gerne mit Schuhcreme arbeitenden Direktors der Kasseler Staatlichen Museen, heuer Burghauptmann der Wartburg, erinnerlich. Der brave Mann hatte sich gleich untertänigst auf Arabisch an die lokalen Moscheevereine gewendet. Zur grossen Freude derselben sogar auf dem offiziellen Dienstpapier, also eine gleichsam amtliche Unterwerfung. Es wird Nacht in Paligermanistan, tiefste finsterste Nacht.
Was in dieser Bubble immer wieder auffällt, sind die aus meiner Sicht doch recht holzschnittartigen Wortwendungen, als ob es irgendwo eine Liste von Buzzwords gäbe, die alle unbedingt untergebracht werden müssten, um den eigenen Mitstreitern zu demonstrieren, dass man die richtige Gesinnung hat. Tragisch, wenn das jetzt in die Museen schwappt, Nürnberg ist da leider kein Einzelfall, man denke an die Völkerkundemuseen. Solche Ausstellungen sollen ja angeblich herkömmliche Denkmuster durchbrechen, herauskommt aber leider meist nur eine noch größere Reduktion der Realität auf sehr verengte Sichtweisen.
„Die “Mechanismen dieser Flugblätter sind bis heute in islamfeindlicher Propaganda wirksam: Einseitigkeit, Vereinfachung, Halbwahrheiten…„ Allein die Türken zurückschlagen zu wollen vor Wien war eine unvorstellbare Grausamkeit, das Ergebnis früher islamophober Propaganda und Zeichen eines rückständigen Mindsets. Schließlich wollten die Türken nur ein wenig campen, aber die bösen schon länger dort wohnenden Christen ließen es nicht zu. Dabei hätte der damaligen weißen Mehrheitsgesellschaft ein paar wertvolle kulturelle Impulse aus der friedliebenden islamischen Welt gut getan, stattdessen zog man es vor, sich in seiner christlichen Einheitskultur zu verschanzen. Unfassbar!
Dass die Nürnberger es damals geschafft haben, den Raubritter Eppelein von Gailingen zu erwischen – ein übler Bursche, der die Kaufleute auf den Nürnberger Handelswegen jahrelang um ihre Waren erleichterte – , war einer konzertierten Aktion der ansässigen Kaufmannsgilde und dem Rat der Stadt zu verdanken, die von ihm einfach die Schnauze vollhatten. Die Legende berichtet, dass er nach dem Prozess auf seinem Schlachtross geflohen sei (der Hufabdruck ist heute noch auf der Stadtmauer zu sehen), was erwiesenermaßen nicht stimmte, denn der Kerl wurde gerädert und enthauptet (die übliche Vorgehensweise damals). Womit wir bei den Machern der Ausstellung wären. Hätte der Eppelein dunnemals auf Rassismus plädiert oder die Diskriminierung des Raubrittertums, begeklagt, er wäre trotzdem nicht davongekommen, denn die Nürnberger waren ja zu den Zeiten nicht blöd. Gegen den Eppelein haben die Nürrnberger gesiegt, gegen die woken Ausstellungsmacher mit ihren Tafeln und Täfelchen zu Kolonialismus und „Aneignung fremden Kulturguts“ ist heutzutage leider kein Kraut gewachsen. Da hilft auch kein „Scharfrichter“!
Grauenhaft, was geht bloß in den Köpfen von Kuratoren vor? Sind die noch als normal zu bezeichnen? Ich hoffe, Sie haben Ihre Gedanekn mit denen geteilt, Herr Lommatzsch, auch wenn es vergebens ist, dass die das verstehen. Aztek*innen – wer so etwas von sich gibt, ist reif für die Klapsmühle. Eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes. Ich hoffe, Sie haben denen Ihre Gedanken mitgeteilt, auch wenn es verlorenen Liebesmüh ist. Danke für diesen tollen Artikel, Herr Lommatzsch.
hi, der aktuelle Zeitgeist ist autistisch, ohne Sinn für WerteWandel oder -relativität und Ironie bzw. unterschiedliche Bedeutungsebenen. Die sogenannte freie Welt erstarrt zu einer Salzsäule, ihr Wasserkopf zumindest.
Mon dieu! Unerträglich diese woken Dummbrocken*Innen, denn sie sind durch und durch Gehirngewaschene:Innen!