Das Ahrtal in Chile

Im vergangenen Sommer kamen mehr als hundert Personen bei einer Flut im Ahrtal ums Leben. Ein ähnlich chaotisches Katastrophen-Management wie in Rheinland-Pfalz ließ sich bereits 2010 im wirtschaftlich arrivierten Chile beobachten. 

Im Februar 2010 sind in Chile in einer Küstenregion südwestlich der Hauptstadt hunderte von Personen bei einem Tsunami ums Leben gekommen. Und auch hier fehlte professionelles Krisenmanagement. Nachdem bereits mehrere Menschen in den Fluten den Tod gefunden hatten, verkündete die Präsidentin des Landes, dass kein Tsunami zu befürchten sei, die Bevölkerung solle sich ruhig schlafen legen.

Seit Ende der Regierung von Augusto Pinochet im Jahre 1990 hatte Chile sechs verschiedene Präsidenten, teils konservativer, teils sozialistischer Prägung. In dieser Zeit machte das Land einen gewaltigen Sprung nach vorne, von der dritten in die erste Welt. Chile wurde zum Powerhouse Lateinamerikas, die Hauptstadt Santiago mit sechs Millionen Einwohnern kann es heute mit jeder anderen Metropole weltweit aufnehmen.

Ein Problem aber kann auch der wirtschaftliche Aufschwung nicht beseitigen: die Erdbeben. Das Land liegt auf der Linie, an der sich zwei tektonische Platten übereinander schieben, angeblich mit einer Geschwindigkeit von 80 mm pro Jahr. Dabei türmen sich Gebirge mit Vulkanen auf, die Anden, und wegen der Reibung gibt es manchmal ruckhafte Bewegungen, die Erdbeben. Leichte Erschütterungen, so genannte „Temblores“, gibt es fast wöchentlich. Schwere Beben, in deren Verlauf der Verlust von Menschenleben zu beklagen ist, gibt es ein paarmal pro Jahrhundert.

Die Wahrscheinlichkeit dieser Beben kann man nicht beeinflussen, wohl aber den Schaden, der durch sie angerichtet wird. Das wirtschaftlich arrivierte Chile hat es gelernt Gebäude so zu bauen, dass sie Erschütterungen standhalten, und so steht in Santiago heute, mit 300 Metern, das höchste Gebäude Lateinamerikas. Aber nicht nur das: Es gibt diverse staatliche Einrichtungen, welche die Bevölkerung rechtzeitig vor Beben und insbesondere vor Tsunamis warnen sollen.

Teil des chilenischen Innenministeriums ist die „ONEMI“, die staatliche Organisation zum Katastrophenschutz, deren Direktorin eine von Präsidentin Bachelet eingesetzte Journalistin ist. Zu ONEMI gehört das Zentrum für Frühwarnung CAT. Neben dieser zivilen Einrichtung gibt es den Hydrographischen und Ozeanographischen Dienst der Marine (SHOA), der insbesondere für die Beobachtung von Tsunamis zuständig ist.

Ein verdammtes Beben der Stärke 9 bis 10

Ein regionaler Mitarbeiter von ONEMI, ein „ausgebildeter Beobachter“, war einer der Ersten, der den Beginn des mörderischen Bebens vom 27. Februar 2010 am eigenen Leib zu spüren bekam. Er wohnte in der Gegend des Epizentrums und die Möbel in seinem Haus fielen über ihn her. Er rief über Festnetz besagtes CAT in Santiago an, wissend, dass die Verbindung jederzeit abbrechen würde. Er schrie ins Telefon, dass er in einem Erdbeben Stärke 9 bis 10 säße, aber der Diensthabende am anderen Ende wiegelte ab, man hätte nur Information über Stärke 7. Er wiederholte dann noch einmal: „Hör mal zu, du Hurensohn, wir haben hier ein verdammtes Beben von Stärke 9 bis 10“.

Das Zentrum für Frühwarnung ignorierte diese Information, und das war nur eine in der Reihe von unsagbaren Pannen. So hatte ein Mitarbeiter des US Pacific Tsunami Warning Center (PCTW) in Hawaii die SHOA über die Gefahr eines Tsunami an der chilenischen Küste informiert, aber auch diese Information ging unter. Es könnte daran gelegen haben, dass auf chilenischer Seite niemand Englisch sprach und der Anrufer aus Hawaii kein Spanisch.

Auch die Meldung, dass bereits eine der Inseln des Juan-Fernandez-Archipels, 700 km vor der chilenischen Küste gelegen, durch Tsunami verwüstet worden sei, führte nicht dazu, dass Alarm für Chile gegeben wurde. Eine Warnung an die Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt wäre sehr hilfreich gewesen, denn die Wellen kamen in großen zeitlichen Abständen, und die dritte richtete die schlimmsten Verheerungen an. Hätten die Verantwortlichen ihre Pflicht erfüllt, dann hätte es deutlich weniger Opfer gegeben.

Der Staatsanwalt untersuchte später die Tragödie und ging dieser Frage nach, ob ein effizientes Krisenmanagement Menschenleben hätte retten können. Letztlich aber gab es für die Verantwortlichen bestenfalls einen Klaps auf die Finger. Immerhin aber trat die Direktorin des ONEMI zurück, nachdem sie vor der Kamera pflichtschuldig ihre Tränen vergossen hatte, und das tat sie sofort, und nicht erst nach einem Jahr.

Haltung statt Kompetenz

Im öffentlichen Dienst vieler Länder herrscht die Anschauung vor, man könne Kompetenz durch Haltung ersetzen, insbesondere sozialistische Haltung. Fachfremde politische Entscheidungsträger verteidigen sich dann gerne mit der Feststellung, ihnen stünden gute Experten für die fachlichen Fragen zu Verfügung – aber wie wollen die das beurteilen, wenn sie selbst nichts vom Fach verstehen? Dazu kommt die Einstellung, Ministerien und nachgeordnete Ämter seien primär für die Amtsinhaber da und nicht für den Dienst an der Bürgerschaft, die ja die Gehälter bezahlt. Der Schaden, der durch derartige Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit verursacht wird, ist nicht immer so unmittelbar zu beobachten wie bei Fluten und Erdbeben, aber er kann durchaus auch langsam und stetig angerichtet werden und eine Nation zugrunde richten, wenn sich die Bürger das gefallen lassen.

Der Zeitgeist hat es sich nicht nehmen lassen, diese Tragödie auch für das Streben nach Gendergerechtigkeit zu instrumentalisieren. Es entstand eine engagierte Aktion, die fast lächerlich wäre, wenn es sich hier nicht um ein schreckliches Unglück handeln würde. Man hat angeblich festgestellt, dass bei Tsunamis meist mehr Frauen als Männer ums Leben gekommen sind, und man hat auch gleich die Erklärung dafür gefunden: Es ist die patriarchalische Hierarchie. Aber es gibt Hoffnung. Dank weiblicher Aktivistinnen in Chile, über die folgendermaßen berichtet wird:

„…Diese Frauen haben gezeigt, dass Widerstandsfähigkeit ein Weg ist, um angesichts des Tsunami-Risikos langfristige Veränderungen in der Gleichstellung der Geschlechter herbeizuführen.“

Beim Risikomanagement während des chilenischen Tsunamis im Jahre 2010 hatten ja durchaus auch Frauen das Sagen: die Präsidentin des Landes und die Präsidentin des Katastrophenschutzes.

Dieser Artikel erschien zuerst im Blog des Autors Think-Again. Sein Bestseller „Grün und Dumm“ ist bei Amazon erhältlich.

Foto: Unsplash

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Leserpost

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Arne Ausländer / 08.05.2022

Ein interessanter Parallelfall, den ich nicht kannte. Dort wie im Ahrtal stellt sich die Frage, ob strukturelle Dummheit tatsächlich solche Ausmaße annehmen kann. Beim Ahrtal kommt hinzu, daß gerade dort sich ein Ausbildungszentrum des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) befindet, einer Institution, die ausgerechnet als Konsequenz einer Flutkatastrophe eingerichtet wurde. - Das systematische Ignorieren der wie eigentlich immer und routinenmäßig vorliegenden Warnungen kann ich nur als Absicht verstehen. Aber welches wäre die Absicht? Vielleicht eine Verhaltsstudie unter Ernstfallbedingungen? Im Interesse der Wissenschaft zum Wohle aller? In Chile, Experimentierfeld seit einem halben Jahrhundert, kann ich mir das vorstellen. Dort gibt es ja viel, was man ungern hört. Ungern selbst als Kritiker, weil sehr unappetitlich, wie z.B. Colonia Dignidad, stets treu aus Deutschland unterstützt. Wo ja spätestens mit Corona auch ziemlich alle Hemmungen gefallen sind. Wo nicht mehr gilt, was lange selbstverständlich war. Aber auch früher wurde hier der Tod von Millionen in Kriegsszenarien für weniger schlimm gesehen, als wenn diese Menschen flüchtend das Militär behindern würden. Das immer gleiche Prinzip: Wer dem Fortschritt (und sei es dem des Militärs) im Wege steht, muß weg. So sieht nun mal die wahre Philanthropie aus. Letztes Jahr im Ahrtal. Demnächst…

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