Martina Binnig, Gastautorin / 12.09.2023 / 06:15 / Foto: Pixabay / 75 / Seite ausdrucken

Das RKI entdeckt mehr Klimakranke

Nach Corona hat das RKI ein neues Betätigungsfeld. Und das heißt, Überraschung: Klima. Diesmal ist der Klimawandel "die größte Herausforderung für die Menschheit​​​​". Das RKI folgt damit ganz der WHO-Linie. Vom Abstieg einer einstmals angesehenen Institution.

Am 6. September veröffentlichte das Robert Koch-Institut (RKI) den zweiten Teil seines „Sachstandsberichts Klimawandel und Gesundheit“. Er trägt den Titel: „Auswirkungen des Klimawandels auf nicht-übertragbare Erkrankungen und die psychische Gesundheit“. Bereits am 1. Juni ist der erste Teil des Berichts erschienen, in dem die „Auswirkungen des Klimawandels auf Infektionskrankheiten und antimikrobielle Resistenzen“ untersucht worden sind. Ein dritter Teil soll Ende des Jahres herauskommen. Darin soll es um „soziale Determinanten, Kommunikation und Handlungsoptionen“ gehen, also beispielsweise um „zielgruppengerechte Kommunikation“. Mit seinem aktuellen „Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit“ knüpft das RKI an eine gleichnamige Publikation aus dem Jahr 2010 an. Damals wurde noch festgestellt: „Die klimabedingten gesundheitlichen Auswirkungen in Deutschland sind bisher nicht so stark ausgeprägt, als dass sie schon jetzt ausschließlich auf den sich vollziehenden Klimawandel zurückgeführt werden könnten. Eine Ausnahme bildet die Zunahme allergischer Beschwerden, z. B. aufgrund einer klimabedingten verlängerten Pollenflugsaison.“

2023 klingt das deutlich anders. In einer Pressemitteilung vom 1. Juni dieses Jahres titelt das Robert Koch-Institut: „Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit.“ Dabei greift das RKI allerdings auf eine Formulierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2021 zurück: Laut WHO ist der Klimawandel „die größte gesundheitliche Bedrohung, der die Menschheit ausgesetzt ist“. Daher sei das 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris vereinbarte Klimaabkommen „das wichtigste Public-Health-Abkommen des 21. Jahrhunderts“. Zu diesem Abkommen heißt es auf der Webseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz: „Das Abkommen von Paris bildet ein anspruchsvolles Klimaregime mit universeller Geltung und völkerrechtlichen Pflichten für alle Staaten.“

Es verfolge drei Ziele: Die Erderwärmung soll im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzt werden mit Anstrengungen für eine Beschränkung auf 1,5 Grad Celsius. Die Fähigkeit zur Anpassung an den Klimawandel soll gestärkt und neben der Minderung der Treibhausgasemissionen als gleichberechtigtes Ziel etabliert werden. Die Finanzmittelflüsse sollen mit den Klimazielen in Einklang gebracht werden. Im Zeitraum 1990 bis 2015 habe Deutschland seine CO2-Emissionen insgesamt um 22,4 Prozent verringert; weltweit seien diese jedoch im gleichen Zeitraum um rund 57,5 Prozent angestiegen. Deswegen sei es besonders wichtig, neben der nationalen Klimaschutzpolitik vor allem globale Lösungen unter Einbeziehung der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer anzustreben.

„Technoider Neo-Kommunismus“

Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Berichte des RKI zu verstehen: Das Institut bemüht sich in erster Linie um die Erfüllung der WHO-Vorgaben sowie des Pariser Klimaabkommens. An der Publikation sind nach Angaben des RKI insgesamt mehr als 90 Autoren aus über 30 Forschungseinrichtungen und Behörden beteiligt, beispielsweise aus dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, dem Bundesamt für Naturschutz, dem Bundesamt für Strahlenschutz, dem Bundesinstitut für Risikobewertung, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Bundesanstalt für Gewässerkunde, dem Deutschen Wetterdienst, dem Friedrich-Loeffler-Institut (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit), dem Thünen-Institut (Forschung und Politikberatung zu ländlichen Räumen, Landwirtschaft, Wald und Fischerei) sowie dem Umweltbundesamt.

Die Koordination der Veröffentlichung erfolgt im Rahmen des Projekts „KlimGesundAkt“, das durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird und sich der „Ressortforschung im Handlungsfeld 'Globale Gesundheit'“ verschrieben hat. Die „Motivation“ für dieses Projekt wird wie folgt angegeben: „Der Klimawandel und seine Auswirkungen haben einen erheblichen, negativen Einfluss auf die menschliche Gesundheit. So führen beispielsweise Extremwetterereignisse zu einer erhöhten Sterblichkeit und Krankheitslast, Krankheiten verbreiten sich in neuen Regionen und die unsichere Zukunft beeinflusst die psychische Gesundheit vieler Menschen. Ein effizienter Klimaschutz ist somit wichtig für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung. Um Klimaschutz und Klimaanpassung voranzutreiben, ist eine klare Informationslage und darauf basierende Aufklärungsarbeit notwendig.“

Das „Handlungsfeld Globale Gesundheit“ wiederum nimmt Bezug auf die WHO-Initiative „Universal Health Coverage 2030“. Universelle Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage, UHC) bedeutet, dass „alle Menschen ohne finanzielle Einschränkungen Zugang zum gesamten Spektrum an qualitativ hochwertigen Gesundheitsdienstleistungen haben, die sie benötigen, und zwar wann und wo sie sie benötigen. Sie deckt das gesamte Spektrum grundlegender Gesundheitsdienste ab, von der Gesundheitsförderung über Prävention, Behandlung und Rehabilitation bis hin zur Palliativversorgung über den gesamten Lebensverlauf“.

Die Verwirklichung von UHC ist auch eines der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), die die Vereinten Nationen 2015 in der Agenda 2030 verabschiedet haben. Die Agenda 2030 werde zu einer Form von globalem „technoidem Neo-Kommunismus“ führen, wie Lobbyisten – beispielsweise der Umweltjournalist, Spezialist für nachhaltige Kommunikation und Lobbyist für die Nachhaltige Transformation Jürgen Zietlow ‒ ganz offen kommunizieren. Mit der Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele, durch die vorgeblich Armut und Hunger aus der Welt geschafft und der Klimawandel verhindert werden soll, könnten „die ewigen Pole Kapitalismus und Kommunismus zu einem Ganzen verwachsen“. Denn wo Freiheit zu Zerstörung führe, werde mehr Regulierung unerlässlich. Bei dieser Transformation komme nichtstaatlichen Akteuren wie digitalen Superkonzernen oder NGOs sowie supranationalen Organisationen wie EU, G20, WHO, UNO, WTO (Welthandelorganisation) oder WEF (Weltwirtschaftsforum) größerer Einfluss im politischen Prozess zu.

Klima, Corona, Impfen

Auf der hochrangigen Tagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Thema „Universal Health Coverage“ im Jahr 2019 bekräftigten die Länder noch einmal, dass Gesundheit „eine Voraussetzung, ein Ergebnis und ein Indikator für die soziale, wirtschaftliche und ökologische Dimension der nachhaltigen Entwicklung“ sei. Das Dreizehnte Allgemeine Arbeitsprogramm der WHO zielt außerdem darauf ab, dass bis zum Jahr 2025 eine Milliarde mehr Menschen von „Universal Health Coverage“ (UHC) profitieren. Im Rahmen der UN-Generalversammlung (UNGA) findet am 21. September dieses Jahres das nächste hochrangige UHC-Treffen der Vereinten Nationen statt. Das Bundesministerium für Gesundheit widmet sich in seinem „Handlungsfeld Globale Gesundheit“ übrigens nicht nur dem Forschungsprojekt „Klimawandel und Gesundheit“, sondern noch weiteren Forschungsschwerpunkten wie etwa der „Eindämmung der COVID-19-Pandemie“. Hier ist es das erklärte Bestreben des BMG, Forschungsarbeiten zu unterstützen, die sich mit der Wirksamkeit und Sicherheit von Corona-Impfstoffen sowie mit der „Wahrnehmung der Bevölkerung zu Impfangeboten“ befassen. Es fällt aber beispielsweise auch die Erforschung von Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 in Afrika ‒ konkret etwa in Nigeria – darunter. Außerdem beschäftigt sich das BMG mit Themen wie Monitoring von körperlicher Aktivität und Bewegungsförderung und einem Hitzeaktionsplan.

Der aktuelle RKI-Sachstandsbericht soll nun „einem möglichst breiten Spektrum an Personen aus Wissenschaft, Politik und Allgemeinbevölkerung als fundierte Informationsquelle zu gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels“ zur Verfügung stehen. Daher ist er auch im „Journal of Health Monitoring“ des RKI veröffentlicht worden, wodurch er sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache abrufbar ist. Darüber hinaus soll das im Projekt erarbeitete Kommunikationskonzept zur Erstellung von „zielgruppenadaptierten Informationsmaterialien“ (wie Social Media-Content, Policy Briefs, Factsheets und Podcast) genutzt werden können. Die Laufzeit des Projekts erstreckt sich vom 1. Juli 2021 bis zum 30. Juni 2024. In der Einführung zum ersten Teil des Berichts wird angemerkt, dass im Vergleich zum Bericht aus dem Jahr 2010 den Ursachen des Klimawandels weniger Raum beigemessen wor­den sei, wohingegen andere Bereiche wie psychische Gesundheit und soziale Ungleichheit er­weitert oder neu aufgenommen worden seien. Mit anderen Worten: Anders als noch 2010 werden der menschengemachte Klimawandel und dessen gesundheitsgefährdendes Potenzial als gegeben vorausgesetzt. 

Tatsächlich wiesen die Autoren des 250 Seiten umfassenden Sachstandsbericht von 2010 mehrfach explizit auf die begrenzte Aussagekraft ihrer Forschungsergebnissen hin. Wörtlich schrieben sie:

„Der Anteil, den die anthropogenen Faktoren im Vergleich zu natürlichen Einflussfaktoren am gegenwärtigen Klimawandel haben, kann selbstverständlich nur auf der Grundlage des derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes mit einiger Unsicherheit quantifiziert werden. Dies gilt erst recht für sogenannte Klimaprojektionen, das heißt für die modellgestützten Simulationen der zukünftigen Entwicklung des globalen und (nord-/süd-) hemisphärischen Klimas wie auch von regionalen Klimaentwicklungen. Geht man nun noch einen Schritt weiter und versucht, die Auswirkungen des beobachteten oder gar die Folgen des zukünftigen (erwarteten) Klimawandels abzuschätzen, dann ergeben sich zusätzliche methodische Probleme, sodass die Unsicherheit der wissenschaftlichen Aussagen im Bereich der 'Klimafolgen-Forschung' eher noch zunehmen dürfte. Dies gilt nicht zuletzt für die Einschätzung der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels. Die hierzu publizierten Risikobetrachtungen variieren in ihrer Qualität und sind nach Auffassung der Autoren des hier vorgelegten Sachstandsberichtes zum Teil wissenschaftlich nur sehr bedingt belastbar.“

„Anhaltende Meinungsverschiedenheiten“

2010 galt es offenbar noch als seriöser wissenschaftlicher Standard, differenziert auf die Ergebnisse der Klimaforschung einzugehen. So wird durchaus informativ berichtet:

„Die instrumentelle Periode der Klimageschichte beginnt – im Hinblick auf die systematischen Lufttemperaturmessungen – etwa um das Jahr 1850. Die Klimaentwicklung in vorangegangenen Zeiträumen kann nur indirekt über Klimaindikatoren beziehungsweise Proxydaten erschlossen werden (Klimarekonstruktion). Im Laufe der Erdgeschichte kam es aufgrund natürlicher Einflüsse (Kontinentalverschiebung, Änderungen der Erdachsenneigung und Erdbahngeometrie, Schwankungen der Sonnenaktivität, verstärkter/verminderter Vulkanismus etc.) und durch diverse Rückkopplungsprozesse zu erheblichen klimatischen Veränderungen. Im Verlauf des bis heute anhaltenden quartären Eiszeitalters traten lang anhaltende Kalt-/Eiszeiten im Wechsel mit vergleichsweise kürzeren Warmzeiten auf. Die jüngste Eiszeit ist vor rund 15 000 Jahren ausgeklungen und in die seit etwa 11 000 Jahren anhaltende Warmphase, das Holozän, übergegangen. Innerhalb dieser Warmzeit ('Zwischeneiszeit') gab es Zeitabschnitte, in denen sich Jahre mit eher überdurchschnittlicher Mitteltemperatur häuften (z. B. das römische und das hochmittelalterliche Klimaoptimum) und solche in denen unterdurchschnittliche Temperaturen vorherrschten (z. B. die 'Kleine Eiszeit' vom 14. bis 19. Jh.).“

Außerdem wird auf „anhaltende Meinungsverschiedenheiten“ insbesondere hinsichtlich der Modellierungen zukünftiger Temperatur-Mortalitäts-Beziehungen verwiesen.

2023 ist von diesem wissenschaftlichen Diskurs nichts mehr übrig geblieben. In der Zusammenfassung des Berichts von 2010 wird sogar festgestellt, dass bis in die 2030er Jahre hinein – abgesehen von einer Zunahme der Pollenallergen-Belastung – „keine eindeutig klimaassoziierten Gesundheitsrisiken von signifikantem Ausmaß“ zu erwarten seien und auch niedrige Umgebungstemperaturen mit einer erhöhten Sterblichkeit der Bevölkerung verbunden seien. Wissenschaftler, die heutzutage solche Aussagen formulieren würden, müssten vermutlich ein Ende ihrer Karriere befürchten. Liest man die Berichte von 2010 und 2023 im direkten Vergleich, fällt auf, dass sich auch die Sprache wesentlich geändert hat. 2023 scheinen eher Behörden als Wissenschaftler am Werk gewesen zu sein. Warum der Bericht von 2023 in drei Teilen erscheint, obwohl er weniger wissenschaftlich validen Inhalt enthält als derjenige von 2010, erschließt sich ebenfalls nicht.

Gesundheit in allen Politikfeldern

Der erste Teil des aktuellen RKI-Berichts, der 119 Seiten umfasst, behandelt vor allem den Einfluss des vorausgesetzten Klimawandels auf Infektionskrankheiten. Themen sind Vektor- und Nagetier-assoziierte Infektionen, wasserbürtige Infektionen und Intoxikationen (Vergiftungen), lebensmittelassoziierte Infektionen und Intoxikationen sowie Antibiotikaresistenzen. Schlüsselbegriffe sind dabei „Public Health“, „One Health“, „Planetary Health“ und „Health in All Policies“. „Public Health“ wird definiert als Wissenschaft und Praxis zur Vermeidung von Krankheiten, zur Verlängerung des Lebens und zur Förderung von physischer und psychischer Gesundheit unter Berücksichtigung einer gerechten Verteilung und effizienten Nutzung der vorhandenen Ressourcen.

Unter „One Health“ wird der Ansatz verstanden, den Menschen als Teil des Tierreichs zu sehen, das wiederum in eine gemein­same Umwelt eingebettet ist. Dazu hat die WHO schon im vergangenen Jahr einen entsprechenden Aktionsplan entwickelt. Mit „Planetary Health“ (planetare Gesundheit) wird ein Konzept bezeichnet, das die menschliche Gesundheit in Zu­sammenhang mit den politischen, ökonomischen und so­zialen Systemen sowie den ökologischen Grenzen der Erde bringt und das 2015 unter anderem von der Rockefeller Foundation vorgestellt wurde.

Und „Health in All Policies“ (Gesundheit in allen Politikfeldern) schließlich ist eine von der WHO verfolgte Strategie, die eine ressort- und politikfeldübergreifende Zusammenarbeit im Sinne einer Gesundheit als gesamtgesellschaftlicher Aufgabe verfolgt. Darüber hinaus entwickelt die WHO derzeit Ansätze weiter, die den Klimawandel in Gesundheitskon­zepten berücksichtigen, wie etwa die EPHFs („Essential Public Health Functions“) zur Bewertung und Weiterentwicklung öffentlicher Gesund­heitsstrukturen und ihrer Funktionen.

„Starkregenereignis“ als Folge des Klimawandels

Durch Maßnahmen, die sowohl gut für das Klima als auch für die Umwelt seien, würden sogenannte „Co-Benefits“ erzielt. Unter dem Stichpunkt „Transformation hin zu einem resilienten Public-Health-System“ wird im RKI-Bericht dazu ausgeführt:

„Relevante Bereiche für die Reduzierung des ökologi­schen Fußabdrucks von Krankenhäusern, der pharmazeu­tischen Industrie und anderen Gesundheitseinrichtungen sind u. a. die Herstellung und die Lieferketten von Arznei­mitteln und Medizinprodukten, die Bauweise, die Ener­gieversorgung, Ernährung bzw. Gemeinschaftsverpflegung, Abfallreduzierung und Mülltrennung, klimafreundliche Alternativen bei Verbrauchsmaterialien (von Narkosega­sen über Single-Use-Instrumente bis zu Büromaterialien) sowie umweltfreundliche betriebliche Gesundheitsförde­rung und Arbeitsschutz. Mit einem hohen Grad an Ver­trauen in der Bevölkerung kommt Ärztinnen und Ärzten eine wichtige gesellschaftliche Rolle bei der Bewusstseins­bildung und Verhaltensänderungen zugunsten von Co-Be­nefits zu, z. B. Ernährung, die wenig CO2 verursacht und zudem die Gesundheit fördert.“

Insbesondere die Bereiche Ernährung und Mobilität seien nämlich für die Gesundheit relevant, da ein ge­sundheitsförderndes Verhalten gleichzeitig dem Klima­schutz diene. Muskelbasierte statt motorisierte Mobilität führe etwa gleichzeitig zu Emissionsreduzierung, zur Verbesserung der Luftqualität wie auch zur Erhöhung der körperlichen Aktivität. Im Rahmen der Deutschen Anpassungs­strategie an den Klimawandel (DAS) spielt das Thema Ge­sundheit ebenfalls eine wichtige Rolle.

Außerdem wird im ersten Teil des RKI-Berichts behauptet, dass Katastrophen wie das „Stark­regenereignis“, das im Juli 2021 zu großflächigen Über­schwemmungen vor allem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geführt habe, durch den Klimawan­del häufiger vorkommen würden. Von dem nachgewiesenen politischen Versagen, das die Katastrophe erst auslöste, kein Wort. Stattdessen wird „auf einen anhaltend hohen Forschungsbedarf“ und ein erforderliches „erweitertes Monitoring vieler gesundheitlicher Aus­wirkungen des Klimawandels“ aufmerksam gemacht. Hier sei die Zusam­menarbeit von Behörden und Forschungsinstitutionen besonders gefragt. Erwähnt wird auch ein Erklärvideo der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in dem unter anderem eine Impfung gegen die von Zecken übertragenen FSME-Erkrankung empfohlen wird.

„Selektive Literaturrecherche“

Im zweiten Teil des aktuellen RKI-Berichts geht es vor allem um die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels auf nicht-übertragbare Erkrankungen, also um gesundheitliche Risiken durch Hitze und andere Extremwetterereignisse, um allergische Erkrankungen, um die psychische Gesundheit sowie um die Folgen veränderter UV-Strahlung und höherer Luftschadstoffbelastungen. So wird beispielsweise vor Gewitterasthma gewarnt und bemerkt, dass die Sorge bezüglich der globalen und regionalen Folgen des Klimawandels zu behandlungsbedürftigen Ängsten und Depressionen führen könne.

Fragt sich allerdings, ob diese Sorge nicht gerade durch Publikationen wie diejenigen des RKI verstärkt wird. Immerhin wird eingeräumt, dass eine einheitliche Definition des Begriffs „Hitzewelle“ bis­lang nicht existiere. Gerne wüsste man auch, was mit der Angabe gemeint ist, dass der Berichts-Artikel „Hitze in Deutschland: Gesundheitliche Risiken und Maßnahmen zur Prävention“ auf einer „selektiven Literaturrecherche und eigenen Auswertungen“ basiere. Die „selektive Literaturrecherche“ hält die Autoren nicht davon ab zu verkünden: „Infolge des Klimawandels nehmen Temperaturen und Hitzewellen in Deutschland stärker zu als im globalen Mittel.“

Da allerdings nur für einen sehr kleinen Teil der während Hitzeperioden aufgetretenen Sterbefälle „Hitze“ als offizielle Todesursache identifiziert werde (in der Todesursachengruppe „Schäden durch Hitze und Sonnenlicht“ nur zwischen 7 und 60 Todesfälle in den letzten 20 Jahren!), sei man auf Schätzungen angewiesen. Diese Schätzungen ergaben für das Jahr 2018 etwa 8.300, für 2019 rund 6.900 und für 2020 um die 3.600 hitzebedingte Ster­befälle. Im Jahr 2021 sei die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle in Deutschland nicht statistisch signifikant gewesen, für 2022 wurden dann rund 4.500 hitze­bedingte Sterbefälle geschätzt. Insgesamt liege die Hitzewelle des Augusts 2003 auf Platz 1 aller Hitzewellen seit 1950, gefolgt von der Hitzewelle im Juli/August 1994.

Im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen übrigens das Sendai-Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge 2015–2030 (Sendai Framework for Disaster Risk Reduction 2015–2030) verabschiedet. Dieses Dokument soll eine Handlungsgrundlage für Staaten und Zivilgesellschaften weltweit bieten. Bis zum Jahr 2030 sollen Katastrophenrisiken verringert, die Entstehung neuer Risiken vermieden und die Widerstandsfähigkeit von Bevölkerung und Institutionen gegenüber Katastrophen erhöht werden. 2017 richtete die UN-Generalversammlung mit dem Sendai Framework Monitor dann noch ein Kontrollsystem ein, das die Fortschritte in der Umsetzung des Rahmenwerks überwachen und dokumentieren soll. Darin ist auch „die Bekämpfung des Klimawandels als eines der Treiber des Katastrophenrisikos“ aufgeführt, weswegen „Klimawandelszenarien“ gefördert werden sollen.

Weitreichender WHO-Einfluss

Demgegenüber klingt der RKI-Bericht von 2010 geradezu klimaskeptisch. Hier wird doch tatsächlich die „nicht eindeutig zu beantwortenden Frage“ gestellt, „inwieweit die untersuchten Wetter- und Witterungsereignisse (etwa in Form einer Hitzewelle) tatsächlich schon Ausdruck des Klimawandels sind oder ein 'normales statistisches Extremereignis' darstellen“. Weiter wird ausgeführt: „Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels sind 'Langzeitstudien' oder repetitive Untersuchungen mit einem Zeithorizont von mindestens drei Jahrzehnten. Diese Zeiträume sind auch erforderlich, um die Ergebnisse von Klimamodellprojektionen und von sog. Impactmodellen oder sonstigen klimatologisch medizinischen Wirkungsprognosen zu überprüfen und die Modelle zu verbessern.“

Zwar schließen die Autoren längerfristige negative Auswirkungen des Klimawandels nicht aus, doch sie geben zu bedenken: „Angaben zur mittleren globalen Oberflächentemperatur, auch als 'globale Erdoberflachentemperatur' oder 'global (mean) surface temperature' bezeichnet, sind zwangsläufig mit Unsicherheiten behaftet. Diese ergeben sich vor allem aus Messnetzlücken, d. h. Lücken in der räumlichen und zeitlichen Datenabdeckung, und aufgrund anderer messtechnischer Artefakte.“ Und sogar ein gesundheitlicher Nutzen aufgrund des milderen, „mediterraneren“ Klimas wurde 2010 nicht ausgeschlossen. In der Tat stellt sich die Frage, wie überhaupt etwa die Bewohner Norditaliens die vergleichsweise höheren Temperaturen bislang überlebt haben.

Insgesamt scheinen Welten zwischen dem aktuellen RKI-Bericht und demjenigen von 2010 zu liegen. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Gründe dafür lediglich in der bundesdeutschen Politik der vergangenen 13 Jahre zu suchen. Vielmehr fällt auf, dass international agierende Organisationen und Stiftungen immer mehr an Einfluss gewonnen haben. Neben der EU und den UN ist hier vor allem die WHO zu nennen, die nicht demokratisch legitimiert und zu großen Anteilen von privaten Geldgebern finanziert ist, aber dennoch weitreichende Kompetenzen im Gesundheitsbereich aller Mitgliedsstaaten erlangt hat.

Mit dem Internationalen Pandemievertrag und den Internationalen Gesundheitsvorschriften, die gerade ausgearbeitet werden, könnte die WHO ein noch wirkungsvolleres Instrument im Fall eines Notstands, den sie selbst ausrufen könnte, an die Hand bekommen. Auch die EU-Kommission könnte im Rahmen des „Digital Services Act“ Krisen ausrufen und beispielsweise die Sozialen Medien kontrollieren. In diesem Zusammenhang ist die immer engere Verzahnung der Themen „Klimawandel“ und „Gesundheit“, wie sie im aktuellen „Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit“ des RKI zum Ausdruck kommt, durchaus kritisch zu sehen.

 

Martina Binnig lebt in Köln und arbeitet u.a. als Musikwissenschaftlerin (Historische Musikwissenschaft). Außerdem ist sie als freie Journalistin tätig.

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Wolfgang Richter / 12.09.2023

Wenn ich mal Rat und Führung durch Leben benötigen sollte, melde ich mich, aber sicher nicht bei den “Lügenbolden der Nation”. Wo die auftauchen, mache ich mich weg. Wann begreifen Lauterbach und Freunde eigentlich, daß sie mich und viele andere nicht mehr erreichen, egal welchen geistigen “Müll” sie in die Gegend posaunen.

A. Ostrovsky / 12.09.2023

@Thomas Szabó : >>Menschengemachter Klimawandel = Verschwörungstheorie<<  Ja, aber das ist trotzdem Quatsch. So eine riesige Verschwörung. Es gibt 8 Milliarden Menschen. Wenn die sich alle verschworen hätten, das Klima zu machen, könnten die das doch nicht geheim halten. So viele Leute, einer “singt” immer. Näää, das is nich wahr.

Thomin Weller / 12.09.2023

Der große Betrug. Deutsche Bäume, 90 Milliarden laut Bundeswaldinventur, speichern pro Jahr 2,2 Millarden Tonnen CO2 und die BRD produziert 657 Millionen Tonnen laut Statista. Das ist grob das 3,3fache. Die BRD ist damit quasi schon immer Co2 neutral um nicht zu sagen CO2 negativ. Ein Baum über alle Arten hinweg, speichert durchschnittlich jährlich 24.62 kg CO2.

Wolfgang Schüler / 12.09.2023

Wäre die Intention nicht so bösartig,  könnte ich mich kaputt-lachen über soviel plumpe und schäbig verpackte Geldgier. Pfui Teufel !

D. Schmidt / 12.09.2023

Wenn das Deutsche Schlaumeier-Weichei ein Problem mit dem Überleben bei Hitze oder Kälte hat, sollte er sich mal Rat holen, in Ländern wo sowas normal ist. Wie überleben die nur alle, die Nicht-Deutschen? Die Deutschen haben doch ständig ein Problem, mit dem sie nicht fertig werden. Luschen!

Thomas Szabó / 12.09.2023

Menschengemachter Klimawandel = Verschwörungstheorie

Thomas Szabó / 12.09.2023

Ich war heute in der Mittagshitze 2 Stunden lang laufen. Ich liebe es, wenn die grellgelbe Klimakrise hoch oben am Himmel auf meinen nackten Oberkörper scheint und mich saftig zum Schwitzen bringt und nachher kopfüber ab ins Swimmingpool! Ich fühle mich ganz und gar nicht krank! Laut Wetterbericht morgen brennender Klimakrisenschein, geil!

Niels Dettenbach / 12.09.2023

Kurioserweise fragt niemand dieser Heilsbringer, welche Menschen überhaupt von ihnen „gesünder gemacht“ werden wollen. Stattdessen behandeln sie die Menschen wie Haustiere in ihrem persönlichen Besitz, über deren Lebensstil und medizinische Behandlungen der Halter oder Besitzer verfügt - nicht aber das „beglückte“ Individuum selbst.

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