Rainer Grell / 29.04.2016 / 10:01 / 2 / Seite ausdrucken

„… darunter auch unschuldige Frauen und Kinder!“ Oder: Gibt es auch schuldige Opfer?

 “Die Sonne strahlt, der Himmel lacht,

der Yussuf hat sich umgebracht.

Den Sprengstoffgürtel festgeschnürt,

so ist er fröhlich explodiert.”

Diesen netten Vierzeiler hat uns der beliebte Kabarettist Dieter Nuhr, der laut Gerichtsentscheidung ungestraft als „Hassprediger“ bezeichnet werden darf, vor Jahren mal geschenkt.

Wieder hat ein Selbstmordattentäter irgendwo zugeschlagen. Leider ist Yussuf dabei nicht alleine explodiert, sondern hat 40 Menschen mit in den Tod gerissen,  „darunter auch Frauen und Kinder“, wie die Nachrichten häufig melden. An diesem Satz bleibe ich immer hängen. Warum ist das erwähnenswert? Wenn bei Kriegshandlungen Zivilisten, und das sind in erster Linie Frauen und Kinder, getötet werden, muss das hervorgehoben werden, da Angriffe auf ihr Leben nach der Genfer Konvention „jederzeit und jedenorts verboten“ sind (dass dies auch für weitere Personen gilt, zum Beispiel „Mitglieder der bewaffneten Streitkräfte, welche die Waffen gestreckt haben“, soll in diesem Zusammenhang unbeachtet bleiben).

Aber Terroranschläge sind keine Kriegshandlungen, mag George W. Bush auch von „war on terror“ gesprochen haben. Nicht einmal die deutschen Soldaten in Afghanistan befanden sich nach offizieller Version im Krieg, obwohl sie Panzer und Maschinengewehre einsetzten. Was steckt also hinter dieser Formulierung, die auch dann verwendet wurde, wenn die baskische ETA oder die irische IRA einen Anschlag mit entsprechenden Folgen verübt hat?

Natürlich kann man dahinter journalistische Gedankenlosigkeit vermuten und zur Tagesordnung übergehen. Es könnte aber auch der Gedanke mitschwingen, dass die Männer diesen Tod eventuell doch irgendwie verdient hätten, die Frauen und Kinder aber auf keinen Fall. Oder gar, dass es um Männer nicht so schade sei, während der Tod von Frauen und Kindern den „Aufstand der Anständigen“ hervorruft. Und Journalisten (beiderlei Geschlechts natürlich) gehören auf jeden Fall zu den Anständigen. Erstaunlich nur, dass Alice Schwarzer sich hierzu noch nicht geäußert hat (oder hat sie doch?). Und dass die Grünen in solchen Meldungen keine Diskriminierung der Frauen sehen, da sie offenbar allein aufgrund ihres Geschlechts erwähnt werden.

Besonders brisant wird es, wenn der Satz durch das Adjektiv „unschuldig“ ergänzt wird, was ab und zu auch zu hören oder zu lesen ist. So sind bei den „unverhältnismäßigen“ Angriffen der Israelis auf Gaza-Stadt nicht nur Hamas-Kämpfer, sondern auch „unschuldige Frauen und Kinder“ getötet worden. Mein Vorschlag, stattdessen von „unbeteiligten“ Personen zu sprechen, ist nicht aufgegriffen worden.

Sicher könnte man darstellen, wie viele der bei einem Anschlag getöteten Menschen Männer, Frauen und Kinder waren. Noch nie ist aber jemand auf die Idee gekommen anzugeben, wie viele der Kinder Jungen und Mädchen waren.

Ich werde daher das Gefühl nicht los, dass die Verfasser solcher Meldungen die Unterscheidung der Opfer nach Männern, Frauen und Kinder doch für bedeutsam halten, das Geheimnis, warum sie das tun, aber nicht preisgeben. Oder fehlt mir einfach die nötige Sensibilität in dieser Sache? Vielleicht folgt bald der sinnlosen Unterscheidung von „Mitgliedern und Mitgliederinnen“ (im Ernst, Fundstellen können bei mir nachgefragt werden) die zwischen „Opfern und Opferinnen“. In ihrer überborden­den Humanität wären dazu sicher einige fähig, damit auch nicht die geringsten Zweifel bestehen, dass sie zu den Guten gehören.

Also, liebe Historikerinnen und Historiker, fangt an, die 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs und die 6 Millionen Opfer des Holocausts in Männer, Frauen und Kinder aufzuteilen. Und wem das immer noch nicht genügt, kann auch noch zwischen „Schuldigen“ und „Unschuldigen“ unterscheiden.  

Nachlese

Gefunden bei Volker Pispers: Unglücksmeldung: ‚22 Tote, darunter Frauen und Kinder.‘ Warum ist das wichtig? Ich warte, dass es mal heißt: ‚10 Tote, zum Glück nur Männer!'

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Leserpost

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Raphael Jung / 30.04.2016

Hallo Herr Grell, ich halte die Lösung des Rätsels für relativ einfach. Historisch gesehen waren Frauen und Kinder nicht an “Waffengängen” beteiligt; sie sind körperlich Männern wenigstens unbewaffnet in der Regel unterlegen. Kriege wurden also - auch sprachhistorisch - von Männern gegen Männer geführt, die damit alle auch potenziell Täter waren, selbst wenn Sie Opfer wurden. Daher ist die “gefühlte” Logik, dass wenn bei einem Anschlag gewissermaßen berechtigte Kombattanten sterben, dies weniger schlimm ist, auch heute noch so. Die Hierarchie ist schlicht: war der andere ein Soldat => Berufsrisiko, Mann => Pech, hätte auch umgekehrt sein können, Frau => das hätte nicht passieren sollen, Kind => das darf nicht passieren.   Viele Grüße Raphael Jung

Marcel Seiler / 29.04.2016

Der Grund für diese Ungleichbehandlung der Geschlechter ist ganz einfach: traditionelle Gesellschaften schützen aus reproduktiven Gründen ihre Frauen und Kinder in erhöhtem Maße, nicht nur im Krieg, sondern auch in Notlagen (z.B. auf der Titanic: “Frauen und Kinder zuerst!”), woraus sich, im Gegenzug, männliche Privilegien entwickeln.  Der heutige Feminismus will angeblich diese traditionellen Geschlechterprivilegien aufbrechen, aber in Wirklichkeit geht es nur um die männlichen Priviliegien, die als “böse” denunziert werden, während die weiblichen Privilegien stillschweigend weiter beansprucht werden. Und das kommt ganz wunderbar in dieser politisch-korrekten Berichterstattung zum Ausdruck.

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