Von Nicole Ruggle.
In Ferdinand von Schirachs Drama „Terror“ tötet ein Pilot der Deutschen Luftwaffe 164 Menschen, indem er eigenmächtig ein Passagierflugzeug entgegen dem Befehl seiner Vorgesetzten abschießt. Das Passagierflugzeug wurde zuvor von Terroristen gekapert, welche es in die vollbesetzte Allianz-Arena in München abstürzen lassen wollten. Potenzielle Todesopfer: 70.000 Menschen.
Der Pilot Lars Koch wird nach der Landung festgenommen und angeklagt. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch; Koch habe das objektiv kleinere Übel gewählt. Im Klartext: Menschen dürften im Notfall durch staatliche Gewalt sterben, wenn dafür verhältnismäßig mehr Menschenleben gerettet werden können. Dies sei durch einen übergesetzlichen Notstand zu rechtfertigen.
Aber: Darf der Staat wirklich Menschenleben gegeneinander aufwiegen? Und: Wie viel ist überhaupt ein Menschenleben wert?
Die Corona-Krise lässt diese spannende philosophische Frage in einem aktuellen Kontext erscheinen. Vom totalitären China ausgehend, schwappte das "Lockdown-Prinzip" über das stark durchkorrumpierte und marode Gesundheitssystem Italiens über den Rest von Europa und bald auch über große Teile der restlichen Welt über. Geschäfte wurden geschlossen, Produktionen stillgelegt, Versorgungsketten zeitweise unterbrochen. Millionen Menschen mussten weltweit Kurzarbeit beantragen, verloren zeitweise oder vollständig ihr Erwerbs-Einkommen und müssen jetzt um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.
Experten warnten lange vor dem Lockdown, dass nicht nur häusliche Gewalt (vor allem gegen Frauen und Kinder) zunehmen wird, sondern ebenfalls mehr Suizide aufgrund wirtschaftlicher Ausweglosigkeit.
Konsequenz einer autoritären Staatspolitik
Wagen wir einmal einen Blick über den großen Teich in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Corona-Pandemie hat in den USA bis heute etwas über 100.000 Tote gefordert. Gleichzeitig kletterte die Arbeitslosenquote in den USA als Resultat des (partiellen) Lockdowns von ursprünglich niedrigen 3,5 Prozent im Februar auf 14,8 Prozent im April und schlussendlich auf 17,2 Prozent im Mai 2020 – und hatte damit seit dem Zweiten Weltkrieg ihren absoluten Höchststand erreicht.
Die Mortalitätsrate geht zwar bei Rezessionen allgemein eher zurück, was jedoch auf Faktoren wie weniger Verkehrstote oder Arbeitsunfälle zurückzuführen ist – demgegenüber steigt aber die Suizidrate, respektive das Todesrisiko für den Einzelnen nach dem Arbeitsplatzverlust. Weiter korreliert dieser mit diversen gesundheitlichen Problemen wie Depressionen, Herzkreislauferkrankungen etc.
Dr. M. Harvey M. Brenner (2002) von der Yale University hat dazu eine Studie veröffentlicht und hält zusammenfassend fest:
“Economic growth is the single most important factor relating to length of life. […] “Employment is the essential element of social status and it establishes a person as a contributing member of society and also has very important implications for self-esteem,” said Brenner. “When that is taken away, people become susceptible to depression, cardiovascular disease, AIDS and many other illnesses that increase mortality.”
Diese Opfer sind kein Produkt eines Virus, dessen Mortalitätsrate bei unter 30-Jährigen praktisch bei Null liegt und bei welchen statistisch gesehen der Grossteil aller Toten Menschen mit schweren Vorerkrankungen waren.
Sie sind die Konsequenz einer autoritären Staatspolitik, die sich, ohne die Verfassung noch einmal durchzublättern, kurzerhand entschieden hat über wertvolles und weniger wertvolleres Leben zu richten. Die Leben potenzieller Opfer des neuartigen COVID-19 wurden als schützens- und lebenswerter gewichtet als die Gesundheit misshandelter Ehefrauen, depressiver Suizidopfer und jener, welche sich dank des wirtschaftlichen Debakels des weltweiten Lockdowns kein Dach über dem Kopf, keine gesundheitliche Versorgung und keine menschenwürdige Lebensgrundlage mehr leisten können. Diese Staaten haben sich per Exekutivgewalt kurzerhand zum Richter, Henker und Vollstrecker hochgespielt, ohne das Volk auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Man fragt sich zu recht: Mit welchem Recht?
In Namen der moralischen Selbstbeweihräucherung
Zurück zum Beispiel USA: Schwarze, respektive people of colour sind, statistisch betrachtet, stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als ihre weißen Mitbürger. Die Folgen des Lockdowns werden sie härter treffen. Kurz nach den Black-Lives-Matter Protesten wird nun die zweite Welle erwartet. Die Chance eines erneuten (partiellen) Lockdown ist groß, wiederum würden Arbeitsplätze und wirtschaftliche Existenzen auf dem Spiel stehen – nicht nur in den USA.
Die Ironie ist himmelschreiend; für ein bisschen gewaltsame Empörung setzt man seine schwarzen Mitbürger, für die man sich so lauthals und selbstgerecht echauffiert hat, noch viel größeren existenziellen Risiken aus. Alles in Namen der moralischen Selbstbeweihräucherung.
Und ganz grundsätzlich: Wer es während des Lockdowns wagte, die restriktiven staatlichen Anordnungen zu hinterfragen, wurde als unsolidarisch, egoistisch und menschenfeindlich betitelt. Die Solidarität mit den Alten und Kranken prägte den Consensus narrativ; wer Zweifel an der ganzen Sache äußerte, stand subito mit dem Rücken zur Wand.
Wo nun die gleiche Solidarität blieb, als die BLM-Bewegung tausende von Menschen trotz immer noch geltender Abstands- und Hygieneregeln auf die Straße brachte und illegale Demos gefeiert wurden – diese Frage bleibt unbeantwortet. Warum der Staat und die Politik diesem Treiben (größtenteils) achselzuckend zusahen, ebenso. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt; wie in etwa, dass der Staat seine einmal ausgeweitete, unbegrenzte Exekutivmacht gerne noch ein wenig beibehalten will.
Das Flugzeug vorzeitig vom Himmel holen?
Noch einmal zurück zum eingangs erwähnten Fall des Piloten, der sämtliche Insassen eines Passagierflugzeuges geopfert hat, um weitere Leben zu schützen.
Am Ende der Geschichte von Ferdinand von Schirachs Terror entscheidet letztendlich der Zuschauer/Leser über Schuld oder Unschuld des Angeklagten. Im Sinne der Schuldigsprechung ist folgendes Zitat von Schirachs Werk zu entnehmen:
„Das Gericht hält es jedenfalls für falsch, Menschenleben gegeneinander abzuwägen. Es verstößt gegen unsere Verfassung, gegen die Grundnormen unseres Zusammenlebens. Auch in extremen Situationen muss die Verfassung Bestand haben. Ihr oberstes Prinzip – die Würde des Menschen – ist zwar eine Erfindung, aber das macht sie nicht weniger schützenswert." (2015, S.136).
Von Schirach geht in einem seiner philosophischen Essays "Die Würde ist antastbar" (2015, S. 10–11) noch einmal auf dieses moralische Dilemma ein. Er schreibt: „Das Bundesverfassungsgericht sagt, Würde bedeutet, ein Mensch dürfe niemals zum bloßen Objekt staatlichen Handels gemacht werden. […] Wenn nun über einen Menschen bestimmt wird, ohne dass er darauf Einfluss nehmen kann, wenn also über seinen Kopf hinweg entschieden wird, wird er zum Objekt. Und damit ist klar: Der Staat kann ein Leben niemals gegen ein anderes Leben aufwiegen. Keiner kann wertvoller sein als ein anderer, eben weil Menschen keine Gegenstände sind. Dies gilt auch für große Zahlen."
Ob es in der Realität nun richtig war, dass (fast) alle Staaten sich entschieden haben, das Flugzeug vorzeitig vom Himmel zu holen, um damit weitere Menschenleben zu schützen – oder ob sie damit nicht alle grob verfassungsbrüchig wurden; dies lasse ich den Leser entscheiden.
Nicole Ruggle wohnt in Zürich und ist Mitglied der Stadtzürcher FDP. Sie arbeitet für eine Schweizer Bildungseinrichtung und studiert parallel an einer technisch-wirtschaftlichen Hochschule in den Alpen.
Quellen:
Von Schirach, Ferdinand. Terror: Ein Theaterstück und eine Rede. Btb. 2016.
Von Schirach, Ferdinand. Die Würde ist antastbar: Essays. Piper. 2015.
Die Yale Studie finden Sie hier.
Beitragsbild: Thomas Edwards Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons
1) Natürlich muss der Staat solche Abwägungen treffen u. im Extremfall kalt u. rational Menschenleben, kleinere gegen größere Übel abwägen. Wer sich nicht fähig fühlt im Extremfall a. solche Entscheidungen zu treffen, gehört nicht in die Politik. Und was in Friedenszeiten gilt, gilt umso mehr in Kriegszeiten u. das von Schirach beschriebene Szenario ist im Grunde Terror als asymetrische Kriegsführung. Herr Schriach verwechselt jedoch m.E. wie so viele individuell gebotene Moral u. politische Moral, bzw. verweigert sich der Anerkennung der Staatsräson als ein dem Indiviuum übergestelltes Prinzip gesellschaftl. Ordnung. Auf individueller Ebene ist eine kalte Entscheidung, das bewusste Töten von Einen um Drei zu retten, sicherlich eine Anmaßung, man spielt Gott. Subjektiv kann es sogar moralisch gerechtfertigt sein, nur einen nur zu retten, wenn dieser ein Verwandter o. Freund ist, statt der restlichen drei Fremden. Außer Gutmenschen würde niemand einen für solch eine Entscheidung verurteilen. Darum würde man beim Szenarium Schirachs a. alle aus einer solchen Entscheidung ausschließen, die Angehörige im Flugzeug hätten - aus Gründen der Befangenheit. Gutmenschen jedoch lehnen die seit ewigen Zeiten geltenden Prinzipien ab, weil viele von ihnen das Prinzip des Staates als ein dem Individuum übergeordnetes Prinzip grundsätzlich ablehnen.
@Dov Nersher: Wenn ein von Terroristen gekapertes Flugzeug mit 100 Passagieren abgeschossen wird, dann sind diese 100 auch nicht Opfer des Staates und seiner Rakete, sondern die Opfer der Terroristen.
Natürlich muss man das Flugzeug vom Himmel holen. Es darf nur keine Carte blanche geben, dass eine eventuell falsche Entscheidung vor Strafverfolgung gedeckt ist. Und nicht nur die Würde der Passagiere ist betroffen, sondern auch die Würde der Leute in der Allianz-Arena, die für 7 € in der Südkurve stehen und selten für gute Stimmung sorgen. Zum Nichtstun und zusehen muss man sich genauso aktiv entscheiden. Die Würde der Passagiere ist verletzt durch die Terroristen, die mit diesen Leuten im Gepäck dem Staat, den sie angreifen wollen, in ein ethisches Dilemma manövrieren. Dass die Menschen zum Objekt werden, wenn man sie als Kollateralschaden hinnimmt, um andere Menschen vor dem Tod zu bewahren sehe ich nicht. Zudem sind die Passagiere dem Tode geweiht, ob man das Flugzeug abschießt oder nicht.
Ganz persönlich möchte ich nicht in der Haut desjenigen stecken, der den Befehl zum Abschuss des Passagierflugzeuges geben muss ,oder die Kompetenz dazu hat. Wenn der Pilot aus eigener Initiative gehandelt hat, ohne den Befehl eines großen Krisenstabes dazu bekommen zu haben, ist dass meines Erachtens eine falsche Entscheidung und dürfte strafrechtliche Folgen nach sich ziehen. Es könnte ja auch möglich sein, dass die Terroristen bluffen, bzw. die Allianz- Arena rechtzeitig geräumt, bzw. evakuiert werden könnte. Genauso könnte man es mit einem harten umfangreichen Lockdown betrachten, der bei einer Corona -Krise wie hier in Deutschland und anderen Ländern geschehen, so angewendet wurde. Extreme Maßnahmen werden betrieben ohne im Grunde genommen genau zu wissen, ob sie gerechtfertigt sind. Es werden Szenarien und alle mögliche Ereignisse dargestellt, die aber im Grunde genommen nur spekulativem Wissen oder Grundlagen entnommen sind und keine genauen Sicherheiten bieten. Außerdem müssten viele echte Experten an einem Tisch zusammenkommen um die Ausgangslage der Probleme konstruktiv anzugehen und zu bewerten. Das ist bei diesen Lockdown und anderen Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft nicht geschehen. Es wurden nur Experten eingeladen oder gehört, die im wesentlichen den Vorgaben der Politik gefolgt sind und sie untermauert haben. Ich denke mal die ganzen möglichen Folgen des Lockdowns, die aber auch nur spekulativ sind, hätten möglicherweise vermieden werden können. Schauen wir in dieser Richtung mal nach Norden und betrachten wir uns mal das schwedische Modell und wie sie es gemacht haben und gut dabei weggekommen sind. Wenn Deutschland sich in dieser Richtung bewegt hätte, würde uns auch viel erspart bleiben, aber auch dieses sind nur Spekulationen. Mein Fazit dazu. Die Politik hier im Lande hat die Corona - Situation für andere Ziele ausgenutzt und alles dabei extrem überzogen und sie tuen es immer noch!
Aufrechnung von Menschenleben! Wissen Sie eigentlich, was an der westlichen Politik hinsichtlich der Staaten Ukraine, Libyen und Syrien insgesamt schiefgelaufen ist? Richtig erkannt, grundsätzlich überhaupt nichts! Denn die Migrationswelle SELBST war das einzige strategische Ziel der westlichen Staaten in diesen drei Staaten, und das auch bereits von Anfang an! Wir Alteuropäer sind heutzutage sogar dermaßen bevölkerungsschwach, daß wir heutzutage bereits Nichteuropäer gewaltsam(!) nach Europa hineintreiben müssen, damit unsere eigenen Staaten in demographischer, einhergehend in gesellschaftlichen Hinsicht nicht vollständig zusammenbrechen! In Wahrheit haben wir es hier mit Staatenkannibalisierung und einem Menschheitsverbrechen ohnegleichen zu tun!
Na, die "100 000" wollen wir doch mal bezweifeln...
Natürlich ist es ethisch geboten, Menschenleben gegeneinander abzuwägen, wenn es sein muss. Ethisch verwerflich ist es, stattdessen den Kopf in den Sand zu stecken. Die Position des Verfassungsgerichts, dass der Staat dies nicht tun dürfe, hat eine Moral, die so hoch ist, dass sie auf dem Mond liegt. Und gerade die, die die jetzigen Corona-Maßnahmen angreifen, tun es doch mit dem Argument, dass die Corona-Maßnahmen insgesamt tödlicher/schlimmer seien als die Krankheit. Sowie dass die Corona-Maßnahmen die Falschen träfen, nämlich die Jungen, und nicht die Alten, die ohnehin nicht mehr lange zu leben haben.