
Zu “Danke Freiburg” von Henryk Broder, den ich in Wien kennenlernte und bei einer Lesung gegen islamische Kritiker unterstützte. Seine Aussage vom Antisemiten der die Juden hasst und gleichzeitig unter ihnen leidet - Sadist und Masochist in einem - gefällt mir und zeigt erneut seine Wortgewalt. Ich habe diese Thematik in meinem Buch “Flucht vor dem gelben Stern” im Pro-Business-Verlag in Berlin 2011 dargelegt; eine zweite völlig abgeänderte und gekürzte, zugleich aktualisierte Ausgabe wird im Jänner 2014 im Berliner Wissenschafts-Verlag erscheinen und ab Ende Jänner erwerbbar sein. Derzeit kann man nur eine Kurzfassung in der Zeitschrift DAVID im Internet abrufen. Ich schildere in diesem Buch die Erlebnisse meiner Großfamilie aus Wien, ursprünglich aus Galizien und Bukowina, in den Jahren 1938 und 1939 im Deutschen Reich und ihre Flucht - leider auch in über 20 Fällen deren Tod in Vernichtungslagern und bei Erschiessungen im Osten Polens. Das Spannende ist m.E. ihr vielfaches Überleben und der Neuanfang in den USA, Kanada, Israel, Australien und in wenigen Fällen in GB, Schweden und Österreich. Kein einziger Verwandter lebt heute in Deutschland, obwohl nicht wenige die deutsche Sprache sprechen und lieben. Eingeladen zur Rückkehr wurden sie nie. Meine persönlichen Antisemitismus-Erlebnisse als Schüler und Student im Nachkriegs-Österreich habe ich dargestellt; und auch über Psychotraumatische Aspekte bei bestimmten Personen geschrieben; kurzum ein spannendes aktuelles Buch zu vielen Fragen um den Antisemitismus bis heute.
Manchmal frage ich mich, lieber Herr Broder, was sie wohl tun würden, gäbe es das Thema Semiten und Antisemiten nicht. Was wäre nur aus ihnen geworden? Wer zu Phobien neigt, der könnte angesichts der Vehemenz, mit welcher sie dieses Thema betreiben, durchaus zu der Auffassung gelangen, diese Thematik zöge sich wie ein roter Faden durch die deutsche und andere Gesellschaften. Nicht dass auch ich die Existenz von Antisemiten in Deutschland und der Welt leugnen wollte. Mitnichten. Es gibt sie. Daran besteht kein Zweifel. Doch sind es derart viele, dass es sich lohnt, ihre Existenz immer und immer wieder zu beschwören? Die Straftaten in Deutschland, die sich gegen Juden richten, weil sie Juden sind, sind so verschwindend gering, dass eigentlich niemand ernsthaft auf die Idee kommen könnte, Deutschland wäre der Hort des Antisemitismus oder hätte ein wirkliches Problem damit. Während in den USA seit Jahrzehnten faschistische Netzwerke existieren und selbst das Tragen von SS Uniformen nicht verboten ist, stellen wir in Deutschland Sonderposten vor jüdische Einrichtungen, ohne dass es je eine akute Gefahrenlage gegeben hätte. Es wird nicht lange dauern und sie werden mir eine Verniedlichung des Problems, das in meinen Augen keines ist, vorzuwerfen versuchen, wenn ich behaupte, dass die Gefahr, als alte Frau auf der Straße beraubt zu werden, um ein Vielfaches höher liegt. Das beweist die Kriminalstatistik in allen Bundesländern. Wäre es da nicht gerechtfertigt zu behaupten, wir hätten es mit einem Problem gegenüber alten Menschen zu tun und es wäre an der Zeit, sich insbesondere dieser Kriminalität zu widmen? Wir haben da ein Problem. Das wissen wir auch. Doch alte Frauen haben keine Lobby. Für sie steht niemand in der ersten Reihe auf und für sie hält auch niemand Vorträge. Liest man ihre Beiträge, Herr Broder, so könnte man auf die Idee verfallen, die deutsche Gesellschaft würde sich Tag und Nacht mit den Juden beschäftigen. Ich behaupte, die große Mehrheit der deutschen Gesellschaft, weiß über die Geschichte und die Gegenwart der Juden so viel, wie meine Oma über die Kernphysik wusste. Sie haben sicher schon etwas über den Holocaust gehört und wissen, dass das eine schlimme Sache war, doch daraus ein Interesse am Judentum abzuleiten? Den meisten Menschen sind die Juden so schnuppe, wie die Hindus, Bahei oder wie sie alle heißen. Sie beschäftigen sich nicht mit ihnen, weil sie andere Sorgen haben und im Straßenbild nicht auffällt, wer Jude ist und wer nicht und weil die meisten Deutschen ihre Nachbarn, sofern sie guten Willens sind, durchaus tolerieren. Fragt man junge oder Leute in Berlin und anderswo danach, was sie über Juden wissen, so sind es merkwürdigerweise die im Osten, die überhaupt etwas sagen können. Offenbar haben sie über ihre Eltern und Lehrer mehr vom Schicksal der Juden mitbekommen, als im Westen allgemein behauptet wird. Einigen fällt auf eine solche Frage spontan ein, „ach das sind doch die, deren Kassen in der Gemeinde immer nicht stimmen“. Vermutlich stufen sie diese Reaktion bereits als antisemitisch ein, getreu dem Bilde, der Deutsche bewertet Juden auf der Basis von Klischees. Für mich ist es ein Ausdruck dafür, dass die Deutschen, Juden als etwas völlig Normales betrachten. So sollten wir sie sehen. Als etwas völlig Normales. Sie sind nicht besser oder schlechter als Deutsche, Türken oder Koreaner. Ohne ihr Schicksal, insbesondere während der faschistischen Diktatur, zu vergessen. Bei all dem Gedenken, sollten wir auch nicht in den Hintergrund drängen, dass die Geschichte Deutschlands, nicht nur aus 12 Jahren faschistischer Diktatur und Antisemitismus besteht. Wir sollten auch nicht vergessen, dass neben 6 Millionen Juden, z.B. auch 20 Millionen Russen ihr Leben lassen mussten, weil sie als Untermenschen betrachtet wurden. Über Letzteres, habe ich von ihnen noch nie etwas gehört. Aber vielleicht ist ja gerade das zu verdrängen, ihre Mission.
Was geht in Menschen vor, die zwei Stunden vor der angesetzten Zeit zu einer Veranstaltung mit mir kommen, um einen möglichst günstigen Platz in meiner Hör- und Sichtweite zu bekommen“… Das werden sich beim Lesen dieses Artikels viele fragen. Mutiert vom linken „Enfant terrible“ zum vorgeblichen Islamkritiker und nun zum Publikumsbeschimpfer. Die Rolle des Eintänzers auf allen politischen Hochzeiten der Republik wird immer grotesker. Vielleicht wird die ideologische Grätsche zu groß, um noch mal auf dem bundesdeutschen Realitätsboden zu landen. Und man kehrt man zurück zum Antisemitismusexperten, der in allem und jeden, den hinter jeder Ecke lauernden Antisemiten erkennt. Vor allem in denen, die den Meister hofieren. Vielleicht entsprach das Publikum nur nicht den Vorstellungen Herrn Broders, zu wenig mundgerechte richtige Antisemiten? Aber vielleicht kann Herr Broder sich nur nicht mehr vorstellen, daß man in diesem Land mittlerweile ganz andere Probleme hat.
“Der Antisemit ist Sadist und Masochist in einem. Er fühlt sich dem Juden gleichzeitig über- und unterlegen. Er stilisiert sich zum Opfer und den Juden zum Täter.” Das ist dergravierende Unterschied zum Rassismus, positiv stilisiert zum Multikulturalismus, dieser hat nur eine top-down-Perspektive. Der Antisemitismus hingegen ist ambivalent.
Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.