Henryk M. Broder / 21.12.2013 / 15:08 / 4 / Seite ausdrucken

Danke, Freiburg!

Nach zwei wunderbaren Weihnachtsfeiern und einem Riesenteller Pasta bei meinem Freund Giovanni bin ich genau in der richtigen Stimmung, um laut und vernehmlich “Danke, Freiburg!” zu rufen. Erstens hab ich etwas dazugelernt - es gibt noch undogmatische Linke, die weder Israel- noch Amerikahasser sind -, zweitens habe ich etwas bestätigt gefunden, was ich schon wusste, aber eben nicht mit dieser exemplarischen, lupenreinen Klarheit: Der Antisemitismus ist eine Krankheit, Antisemiten sind Menschen, die an einer psychotischen Störung leiden. Um das zu erkennen, muss man kein ausgebildeter Psychologe oder Psychiater sein, so wie man kein Ernährungswissenschaftler oder Lebensmittelkundler sein muss, um eine Portion “Cozze al vino bianco” von einer Ladung Ausgekotztem auf der Wiesn unterscheiden zu können.

Was geht in Menschen vor, die zwei Stunden vor der angesetzten Zeit zu einer Veranstaltung mit mir kommen, um einen möglichst günstigen Platz in meiner Hör- und Sichweite zu bekommen, sich dann zwei Stunden von mir sekkieren und kuranzen lassen, um dann aufzustehen und zu verkünden, sie seien enttäuscht, sie hätten etwas ganz Anderes erwartet? Ja, was haben sie denn erwartet? Dass ich mich vor ihnen in den Staub werfe und um die Vergebung meiner Sünden bitte? Gehen die auch zu einem Konzert mit Anne-Sophie Mutter, um am Ende zu jammern, sie hätten lieber Klaus dem Geiger gelauscht?

Was den Antisemiten auszeichnet, ist das vollständige Fehlen eines Schuldbewusstseins. Das hat er mit Kinderschändern und Vergewaltigern gemeinsam. Jeder Antisemit meint es gut mit den Juden, will nur ihr Bestes, und sei es nur, sie davor bewahren, in die Fußstapfen der Nazis zu treten. Auch Kinderschänder und Vergewaltiger pflegen ihre besondere Liebe zu Kindern und Frauen. Und wenn ein Kind nicht kooperiert oder eine Frau nicht will, dann muss es/sie eben zu seinem/ihrem Glück gezwungen werden. Wie die Juden bzw. die Israelis, über deren Köpfe hinweg der benevolente Antisemit entscheidet, ob sie nach Palästina abhauen, aus Palästina verschwinden, in einem bi-nationalen Staat leben oder die Zwei-Staaten-Lösung anstreben sollen. Und es gibt genug dekadente Juden, die bei diesem Spiel mitmachen, Moshe Zuckerman, Shlomo Sand, Gilad Atzmon - nur um drei der gruseligsten Beispiele intellektueller und mentaler Verwahrlosung zu nennen.

Dem dermaßen um das Wohl der Juden und das Seelenheil der Israelis besorgten Antisemiten reicht es nicht, im Mantel der “Israelkritik” seine totale historische Inkompetenz, sein Viertelwissen und sein Bedürfnis, die Last der deutschen Geschichte abzuschütteln, zu zelebrieren, er will dafür von einem Juden gelobt und somit für koscher erklärt werden. Beispielhaft dafür ist die Forderung der SS an Sigmund Freud, er möge bestätigen, dass er bei seiner Vertreibung aus Wien anständig behandelt wurde. Worauf er zu einer Serviette griff und darauf schrieb: “Ich kann die SS Jedermann nur empfehlen.” Verweigert der Jude diesen Liebesdienst, kann der Antisemit ungehalten werden. Und wittert er gar “Ironie” oder “Zynismus” auf Seiten des Juden, fühlt er sich nicht nur überrumpelt sondern auch gedemütigt, denn diese Kategorien sind ihm so wesensfremd wie dem Maulwurf das Verlangen nach Tageslicht.

Der Antisemit ist Sadist und Masochist in einem. Er fühlt sich dem Juden gleichzeitig über- und unterlegen. Er stilisiert sich zum Opfer und den Juden zum Täter. Am liebsten wäre er selber Jude. Manche schaffen sogar den Sprung über das Massengrab, um sich dann als die “wahren Juden” zu prostituieren. Andere müssen sich damit begnügen, “jüdische Freunde” zu haben oder die “Women in Black” zu unterstützen. So oder so, sie können von den Juden nicht lassen. Was derzeit in Aleppo, Homs oder Hama passiert, geht ihnen dagegen so am Arsch vorbei wie ein Gewitter hinterm Horizont.

In diesem Sinne möchte ich mich bei drei Besuchern der Veranstaltung vom 18.12. ganz besonders bedanken.

Bei der jungen Frau in der ersten Reihe, die zum Beleg dafür, dass sie keine Antisemitin sein könnte (was ich ihr nicht einmal unterstellt hatte), erklärte, sie wäre mit einem Juden verheiratet. 

Bei dem Mann mit dem kurzen Zöpfchen im Haar und der Statur von Gerard Depardieu, der nach vorne kam, dem Publikum den Rücken zuwandte und mich aufforderte, Freiburg zu verlassen, weil er offenbar nicht mitbekommen hatte, dass die Reisebeschränkungen für Juden vor kurzem aufgehoben wurden.

Und last bei not least bei einem Aktivisten der Friedensbewegung, von dem ich nicht wusste, dass er in Freiburg weltberühmt ist. Er kam am Ende der Veranstaltung ebenfalls nach vorne und sprach ein wunderbares Schlusswort: „Wir alle wollen doch weg vom Zionismus!“ Erst als im Saal ein Superlacher losbrach, merkte er, was sein Es da erbrochen hatte. “Jeder kann sich mal versprechen”, stammelte er. Aber damit war jene exemplarische, lupenreine Klarheit ganz von alleine hergestellt, die man sonst bei Auseinandersetzungen mit Antisemiten erst analytisch erarbeiten muss.

In diesem Sinne; Ich kann Freiburg Jedermann und Jederfrau nur herzlich empfehlen.

 

 

 

 

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Dr. Ilan Fellmann / 23.12.2013

Zu “Danke Freiburg” von Henryk Broder, den ich in Wien kennenlernte und bei einer Lesung gegen islamische Kritiker unterstützte. Seine Aussage vom Antisemiten der die Juden hasst und gleichzeitig unter ihnen leidet - Sadist und Masochist in einem - gefällt mir und zeigt erneut seine Wortgewalt. Ich habe diese Thematik in meinem Buch “Flucht vor dem gelben Stern” im Pro-Business-Verlag in Berlin 2011 dargelegt; eine zweite völlig abgeänderte und gekürzte, zugleich aktualisierte Ausgabe wird im Jänner 2014 im Berliner Wissenschafts-Verlag erscheinen und ab Ende Jänner erwerbbar sein. Derzeit kann man nur eine Kurzfassung in der Zeitschrift DAVID im Internet abrufen. Ich schildere in diesem Buch die Erlebnisse meiner Großfamilie aus Wien, ursprünglich aus Galizien und Bukowina, in den Jahren 1938 und 1939 im Deutschen Reich und ihre Flucht - leider auch in über 20 Fällen deren Tod in Vernichtungslagern und bei Erschiessungen im Osten Polens. Das Spannende ist m.E. ihr vielfaches Überleben und der Neuanfang in den USA, Kanada, Israel, Australien und in wenigen Fällen in GB, Schweden und Österreich. Kein einziger Verwandter lebt heute in Deutschland, obwohl nicht wenige die deutsche Sprache sprechen und lieben. Eingeladen zur Rückkehr wurden sie nie. Meine persönlichen Antisemitismus-Erlebnisse als Schüler und Student im Nachkriegs-Österreich habe ich dargestellt; und auch über Psychotraumatische Aspekte bei bestimmten Personen geschrieben; kurzum ein spannendes aktuelles Buch zu vielen Fragen um den Antisemitismus bis heute.

Peter Bereit / 23.12.2013

Manchmal frage ich mich, lieber Herr Broder, was sie wohl tun würden, gäbe es das Thema Semiten und Antisemiten nicht. Was wäre nur aus ihnen geworden? Wer zu Phobien neigt, der könnte angesichts der Vehemenz, mit welcher sie dieses Thema betreiben, durchaus zu der Auffassung gelangen, diese Thematik zöge sich wie ein roter Faden durch die deutsche und andere Gesellschaften. Nicht dass auch ich die Existenz von Antisemiten in Deutschland und der Welt leugnen wollte. Mitnichten. Es gibt sie. Daran besteht kein Zweifel. Doch sind es derart viele, dass es sich lohnt, ihre Existenz immer und immer wieder zu beschwören? Die Straftaten in Deutschland, die sich gegen Juden richten, weil sie Juden sind, sind so verschwindend gering, dass eigentlich niemand ernsthaft auf die Idee kommen könnte, Deutschland wäre der Hort des Antisemitismus oder hätte ein wirkliches Problem damit. Während in den USA seit Jahrzehnten faschistische Netzwerke existieren und selbst das Tragen von SS Uniformen nicht verboten ist, stellen wir in Deutschland Sonderposten vor jüdische Einrichtungen, ohne dass es je eine akute Gefahrenlage gegeben hätte. Es wird nicht lange dauern und sie werden mir eine Verniedlichung des Problems, das in meinen Augen keines ist, vorzuwerfen versuchen, wenn ich behaupte, dass die Gefahr, als alte Frau auf der Straße beraubt zu werden, um ein Vielfaches höher liegt. Das beweist die Kriminalstatistik in allen Bundesländern. Wäre es da nicht gerechtfertigt zu behaupten, wir hätten es mit einem Problem gegenüber alten Menschen zu tun und es wäre an der Zeit, sich insbesondere dieser Kriminalität zu widmen? Wir haben da ein Problem. Das wissen wir auch. Doch alte Frauen haben keine Lobby. Für sie steht niemand in der ersten Reihe auf und für sie hält auch niemand Vorträge. Liest man ihre Beiträge, Herr Broder, so könnte man auf die Idee verfallen, die deutsche Gesellschaft würde sich Tag und Nacht mit den Juden beschäftigen. Ich behaupte, die große Mehrheit der deutschen Gesellschaft, weiß über die Geschichte und die Gegenwart der Juden so viel, wie meine Oma über die Kernphysik wusste. Sie haben sicher schon etwas über den Holocaust gehört und wissen, dass das eine schlimme Sache war, doch daraus ein Interesse am Judentum abzuleiten? Den meisten Menschen sind die Juden so schnuppe, wie die Hindus, Bahei oder wie sie alle heißen. Sie beschäftigen sich nicht mit ihnen, weil sie andere Sorgen haben und im Straßenbild nicht auffällt, wer Jude ist und wer nicht und weil die meisten Deutschen ihre Nachbarn, sofern sie guten Willens sind, durchaus tolerieren. Fragt man junge oder Leute in Berlin und anderswo danach, was sie über Juden wissen, so sind es merkwürdigerweise die im Osten, die überhaupt etwas sagen können. Offenbar haben sie über ihre Eltern und Lehrer mehr vom Schicksal der Juden mitbekommen, als im Westen allgemein behauptet wird. Einigen fällt auf eine solche Frage spontan ein, „ach das sind doch die, deren Kassen in der Gemeinde immer nicht stimmen“. Vermutlich stufen sie diese Reaktion bereits als antisemitisch ein, getreu dem Bilde, der Deutsche bewertet Juden auf der Basis von Klischees. Für mich ist es ein Ausdruck dafür, dass die Deutschen, Juden als etwas völlig Normales betrachten. So sollten wir sie sehen. Als etwas völlig Normales. Sie sind nicht besser oder schlechter als Deutsche, Türken oder Koreaner. Ohne ihr Schicksal, insbesondere während der faschistischen Diktatur, zu vergessen. Bei all dem Gedenken, sollten wir auch nicht in den Hintergrund drängen, dass die Geschichte Deutschlands, nicht nur aus 12 Jahren faschistischer Diktatur und Antisemitismus besteht. Wir sollten auch nicht vergessen, dass neben 6 Millionen Juden, z.B. auch 20 Millionen Russen ihr Leben lassen mussten, weil sie als Untermenschen betrachtet wurden. Über Letzteres, habe ich von ihnen noch nie etwas gehört. Aber vielleicht ist ja gerade das zu verdrängen, ihre Mission.  

Sebastian Brant / 22.12.2013

Was geht in Menschen vor, die zwei Stunden vor der angesetzten Zeit zu einer Veranstaltung mit mir kommen, um einen möglichst günstigen Platz in meiner Hör- und Sichtweite zu bekommen“… Das werden sich beim Lesen dieses Artikels viele fragen. Mutiert vom linken „Enfant terrible“ zum vorgeblichen Islamkritiker und nun zum Publikumsbeschimpfer. Die Rolle des Eintänzers auf allen politischen Hochzeiten der Republik wird immer grotesker. Vielleicht wird die ideologische Grätsche zu groß, um noch mal auf dem bundesdeutschen Realitätsboden zu landen. Und man kehrt man zurück zum Antisemitismusexperten, der in allem und jeden, den hinter jeder Ecke lauernden Antisemiten erkennt. Vor allem in denen, die den Meister hofieren. Vielleicht entsprach das Publikum nur nicht den Vorstellungen Herrn Broders, zu wenig mundgerechte richtige Antisemiten? Aber vielleicht kann Herr Broder sich nur nicht mehr vorstellen, daß man in diesem Land mittlerweile ganz andere Probleme hat.

Fritz Wunderlich / 21.12.2013

“Der Antisemit ist Sadist und Masochist in einem. Er fühlt sich dem Juden gleichzeitig über- und unterlegen. Er stilisiert sich zum Opfer und den Juden zum Täter.” Das ist dergravierende Unterschied zum Rassismus, positiv stilisiert zum Multikulturalismus, dieser hat nur eine top-down-Perspektive. Der Antisemitismus hingegen ist ambivalent.

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