Wolfgang Röhl / 19.02.2018 / 06:20 / Foto: Pixabay / 12 / Seite ausdrucken

Dänemark: Hygge hat Grenzen

Wenn ich einen Ausflug an die jütländische Westküste mache (nirgends ist mehr Nordsee, Mordsee), gerate ich seit einigen Jahren manchmal in einen kleinen Stau. Tatsächlich, auf der A 7 am Grenzübergang Padborg bei Flensburg gibt es wieder Kontrollen. Grenzer gucken in Fahrzeuge. Allerdings nur in jene, die von D nach DK wollen. Nach D darf jeder unbesehen rein.

Kontrolliert wird offenbar durch ein gewisses Profiling. Ein Audi mit CUX-Kennzeichen, chauffiert von einem weißen alten Mann wie mir, wird nur eines kurzen Blickes in den Fond gewürdigt. Ein Kleintransporter mit getönten Scheiben, der zum Beispiel in Frankreich, Holland oder Belgien zugelassen ist, am Steuer ein junger Mensch mit erkennbarem Mihigru, muss gelegentlich rechts ran fahren. Das Leben kann ungerecht sein, selbst in Dänemark.

Mich, selbstredend, genieren Grenzkontrollen nicht die Bohne. Im Gegenteil, ich beneide Länder, die noch oder wieder welche durchführen. Nur, lief mein geliebtes Königreich nicht schon mal auf einer anderen Schiene? Mit dem Beitritt zum Schengener Abkommen im Jahr 2000 war Dänemark für EU-Bürger offen. Nun wieder alles retour? Wie passt das zum total entspannten Hygge-Feeling, das wir Deutsche uns so gern von den Dänen ausborgen würden?

Ich muss da mal ein bisschen ausholen. Hygge ist ein Hit, ein Trend, ein Exportschlager. Dieses urdänische Lebensgefühl tourt seit etwa zwei Jahren durch Lifestyle-Redaktionen und Buchverlage. Feuilletons erklären uns das „Geheimnis Hygge“, Frauenblätter bieten Rezepte für Leckerlis an, deren Genusskraft wohl letztlich auf dem skandinavischen „Zauberwort“ Hygge basiert. In Buchhandlungen, die vorzugsweise von Frauen frequentiert werden (und welche wären das nicht), sind zuweilen ganze Schaufenster ausschließlich mit Hygge-Büchern vollgestellt. Bei Amazon gibt es Dutzende von Schmökern über die „dänische Glücksformel“, darunter „das Wohlfühlglück zum Ausmalen“. Bis nach Amerika ist der Trend gewandert. Das altehrwürdige Periodikum „The New Yorker“ ernannte 2016 zum „Year of Hygge“. Und der Hamburger Verlag Gruner + Jahr brachte ein Jahr später „Hygge“ auf den Markt, „das Magazin für das einfache Glück“. Wie zu hören ist, verkauft sich das Produkt bis jetzt ganz ordentlich.

Eines der Erfolgsgeheimnisse von Hygge besteht darin, dass man den Begriff außerhalb von Dänemark und Norwegen erklären muss. Er eignet sich deshalb vorzüglich für ambitioniertes Partygeschnatter. Also, Hygge (gesprochen: hügge; Adjektiv: hyggelig) bezeichnet so etwas wie einen Zustand von Wohlbefinden und Gemütlichkeit. Beides zum Beispiel hervorgerufen vom knackenden Holzfeuer im Brennöfchen der dänischen Traditionsmarke Morsø, welchem man nach einem Winterspaziergang seine in skandinavisch gemusterten, handgestrickten Wollsocken steckenden Füße entgegenhält.

Einfach hyggelig!

Hygge bezeichnet den Geruch von Zimtschnecken, starkem Kaffee sowie den Duft des dänischen Kräuterlikörs Gammel Dansk ebenso, wie die Beleuchtung eines Raumes durch wundermilden Kerzenschein (nirgendwo ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Talgwaren höher als im Königreich). Hygge kommt auf beim verträumten Betrachten selbstgebastelter Mobiles, die leise klingelnd von der Kieferndecke baumeln. Doch Hygge ist noch viel mehr.

Und zwar ein Lebensgefühl, das Geborgenheit, Harmonie, Friedfertigkeit, Gleichartigkeit, Einverständnis und ähnlich Schönes verströmt. Hygge ist die von vielen Dänen angestrebte Quintessenz monokulturellen Seins. Man könnte sagen, es handelt sich recht eigentlich um einen Seelenzustand, der die spießigsten Gemütlichkeitssehnsüchte einer deutschen Kartoffel noch übertrifft, nur verpackt in politisch unverhöhnbares skandinavisches Design.

Man könnte jetzt endlos darüber spekulieren, ob der Run von Außerdänischen auf derlei tucholskysche Jemietlichkeit etwas mit den aktuell recht rauen, zugigen Zeitläufen zu schaffen hat, die womöglich was mit den Themen Massenmigration, Teufel Trump oder der AfD zu tun haben, welche wiederum vielleicht untereinander in einschlägiger Verbindung stehen. Stattdessen ein paar versöhnlerische Worte zum komplizierten dänisch-deutschen Verhältnis.

Von allen durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg überfallenen Ländern musste Dänemark vergleichsweise am wenigsten leiden. Das hatte mit der klugen Entscheidung von König Christian X. zu tun, nach dem Einfall der Deutschen keine Mobilmachung anzuordnen (Widerstand gegen die Wehrmacht wäre völlig aussichtslos gewesen). Ebenso mit der Tatsache, dass Deutschland im Krieg Dänemark dringend als Lebensmittellieferant benötigte, weshalb die Nazi-Statthalter Streiks oder gar Aufstände vermeiden wollten. Auch die abenteuerliche Rettung fast aller dänischen Juden vor der Deportation wäre vermutlich nicht geglückt ohne die Sonderstellung, die Dänemark unter den okkupierten Staaten einnahm.

Ab den 1950er Jahren entwickelte sich das Verhältnis überraschend schnell zum Positiven hin. Besonders die Deutschen schlossen die Nachbarn mit dem niedlichen Akzent regelrecht ins Herz, großmütig entschlossen, ihnen den verlorenen Krieg nicht nachzutragen. Vivi, Gitte und Dorthe wurden praktisch eingemeindet, diesmal schlagermäßig.

Abwesenheit von Kurtaxe-Sheriffs

Urlaub an dänischen Gestaden geriet zum Renner. Man wohnte dort anfangs in sehr bescheidenen Ferienhütten, bekochte sich selbst mit Aal und Scholle oder mampfte kalorienschwere Hot Dogs an schlichten Kiosken und freute sich über die Abwesenheit von Kurtaxe-Sheriffs wie jenen auf Sylt. Ja, es hätte einem an den endlosen Stränden Jütlands ganz kannibalisch wohl sein können als wie fünfhundert Säuen, wäre der Alkohol nicht leider schweineteuer gewesen. Meine Kumpane und ich, viele Jahre harte Jütland-Fans, pflegten Hochprozentiges in Hohlräumen unserer Rostlauben über die Grenze zu schmuggeln, flogen dabei aber gelegentlich auf.

„Sei froh in Dänemark“ – so lautete 1969 der Titel eines offiziellen Reiseführers. Ein paar Jahre später avancierte er zum genialen Slogan der gesamten dänischen Fremdenverkehrswerbung. Eine Art Hygge-Versprechen, schon damals. Wobei die Affinität vieler Urlauber zu Dänemark sowieso latent politischer Natur war. Das kleine, ab 1864 friedfertige Land (dessen fernere, durchaus kriegslüsterne Vergangenheit beherzt übersehen wurde) stellte auch einen Sehnsuchtsort für Sozialdemokraten, sogenannte Linksliberale, Pazifisten und andere Menschen guten Gemüts dar.

Dänemark wurde viele Jahrzehnte lang sozialdemokratisch verwaltet, selbst wenn die Sozis mal nicht stärkste Partei waren. Hohe Steuern, üppige Sozialleistungen, Frauenquoten, jede Menge Bildungsangebote und eine – wenigstens in der Theorie – quietschsolidarische Gesellschaft, in der alle auf Augenhöhe miteinander verkehrten und sich folglich duzten: Das war die real existierende Utopie für viele deutsche Linke, welche von der DDR leicht enttäuscht waren. Ab 1969 gab es in Dänemark freiverkäufliche Pornos. Aber richtige! Über allem schwebte Papa Staat, weise und gerecht umverteilend.

Besonders zu Zeiten der Willy-Euphorie pilgerten deutsche SPD-Funktionäre gern zu den Genossen nach Kopenhagen, sofern sie nicht in Stockholm oder Oslo weilten. Wie man schafft, es allen recht zu machen und niemanden auszugrenzen, ohne dass der Laden wirtschaftlich zusammenklappt – sozusagen revoluzzen und dabei noch Lampen putzen, das glaubten deutsche Sozen von den Nordlichtern lernen zu können.

Liebesentzug aus Prantlhausen

Kam hinzu, dass die Dänen schwer im Ruf der Fremdenfreundlichkeit standen. Tatsächlich begegnete man im Königreich schon in den 1970ern auffallend häufig Paaren, die ein schwarzes oder braunes oder ostasiatisches Kind adoptiert hatten. Bis Mitte der 1980er galt in Dänemark eines der großzügigsten Einwanderungsgesetze der Welt.

Um die Gruppen von Asylbewerbern, die zu dieser Zeit auch in Kleinstädten wie dem jütländischen Varde anzutreffen waren, musste man sich keine Sorgen machen, dachte man. Das vorbildliche dänische System würde sie fürsorglich belabern, beschulen und volle Kante integrieren. Bald würden sie sein wie Johan, Mads und Aksel.

Doch Zeiten ändern sich. Ausgerechnet Dänemark hatte schon im Sommer 2011 für kurze Zeit  einige seiner Grenzen wieder kontrolliert. Was die „Welt“ so interpretierte: „Die Dänen schotten sich ab.“ Klagte der „Welt“-Autor über die schleichende Erosion des Königreichs unserer Herzen: „Misstrauen und Kontrolle haben eine Gesellschaft erfasst, die einmal für ihre Liberalität und gegenseitiges Vertrauen bekannt war.“ 

Und was geschah nach der Merkelschen Schleusenöffnung im Herbst 2015? Wieder wurde kontrolliert, wurden Menschen an der Einreise nach Dänemark gehindert. Dafür setzte es auch aus Prantlhausen Liebesentzug. „Warum sich Dänemark so kalt gegenüber Fremden gibt“ frug die „SZ“ besorgt. Zwar habe das Land „nicht wenige“ Flüchtlinge aufgenommen – im Verhältnis zur Einwohnerzahl von 5,7 Millionen läge es auf dem fünften Platz in Europa. Eben deshalb jedoch, so die Süddeutsche mit verwegener Logik, „schämen sich viele nun auch für die Abschottungspolitik ihrer Regierung.“ Wie viele sich schämten, ließ das Blatt vorsichtshalber offen.

„Bewaffnete Soldaten in Kampfuniform“

Mittlerweile ist die Frage geklärt. „Umfragen weisen die Grenzkontrollen als populär aus“, meldete die „Frankfurter Rundschau“ (doch, die gibt’s noch!) im September 2017 unter der Headline „Die Dänen machen dicht“. Und zürnte: „Rechtspopulisten setzen auf ausländerfeindliche Symbolpolitik und verärgern deutsche Nachbarn.“

Möglicherweise glauben Rechtspopulisten in dem uns ehedem so sympathischen Zwergstaat, sie könnten ungestraft gegen Deutsche widerständig werden, in Erwägung der Kampfkraft von Uschis Truppe. Diese Rechten können sich mausig machen, weil die Minderheitsregierung des Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen von der konservativ-liberalen Partei Venstre seit langem auf die Kooperation der Dänischen Volkspartei (DF) angewiesen ist, eine Art AfD Dänemarks. Die DF ist treibende Kraft der „Abschottungspolitik“.

Sogar „bewaffnete Soldaten in Kampfuniform“ (statt unbewaffnete Deeskalationskräfte in Zivil) entsende die Regierung an die deutsch-dänische Grenze bei Flensburg, berichtete die FR konsterniert. Der Grund, den das frühere Pflichtblatt der Linken gar nicht mal verhehlt, ist bemerkenswert: Die Polizei soll entlastet werden. Sie wird nämlich anderenorts dringend benötigt. In den beiden größten Städten Kopenhagen und Aarhus, ja, sogar in der 72.000-Seelen-Hafenstadt Esbjerg toben blutige Bandenkriege, fliegt das Blei wie im Western. Und die beteiligten Cowboys hören, Überraschung, sämtlich nicht auf die Namen Johan, Mads oder Aksel.

Alter Däne! Wirklich gemütlich klingen solche Nachrichten nicht. Scheint, dass es sich beim Hygge-Hype um ein Paradoxon handelt. Während wir vor’m Bollerofen in dänischer Glückseligkeit versinken, läuft am Geburtsort des hübschen Mythos längst ein harter Actionstreifen. Vielleicht sind die Promoter der Hyggeligkeit beim Zeitgeistsurfen irgendwie vom Brett gefallen. Oder ihnen das Brett auf die Birne.

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Gerd Koslowski / 19.02.2018

Dänemark, du hast es besser…...  Kleiner Korrekturvorschlag: Gammel Dansk würde ich nicht als Likör bezeichnen, ist ein ausgewachsener Kräuterbitter,  ein sehr guter.

Judith Hirsch / 19.02.2018

Die Entwicklung in Dänemark macht Hoffnung. Man stelle sich einmal vor Angela Merkel würde Dänemarks Ministerpräsident Rasmussen folgen und mit einem Maßnahmenplan gegen Parallelgesellschaften vorgehen, wie Dänemark den Austritt aus der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR erklären und im TV versichern, dass man ab sofort keine Flüchtlinge mehr aufnimmt. Solch eine Träumerei versüsst mir den Start in eine lange und harte Arbeitswoche.

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