Henryk M. Broder / 09.07.2011 / 19:31 / 0 / Seite ausdrucken

Dachschaden für Deutschland

Nachdem der Haushaltsausschuss des Bundestages rund 590 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses genehmigt hatte, sprach der stellvertretende Präsident des Bundestages, Wolfgang Hirse (SPD), von einem drohenden “Schaden für Deutschland”. So wurde er zumindest von den Medien zitiert. Und das nicht zum ersten Mal. Anlässlich der deutsch-polnischen Querelen um die Besetzung der Stiftung “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” erklärte Thierse, dieser Idee sei nun “ein großer Schaden zugefügt” worden.

Nachdem es bei einem Volksfest in der sächsischen Kleinstadt Mügeln zu einer Hetzjagd auf eine Gruppe von Indern gekommen war, äußerte Thierse die Befürchtung, ein solcher Vorfall könnte Deutschland als “Wirtschaftsstandort” beschädigen. Und als über den Sinn und Unsinn eines Holocaustmahnmals diskutierte wurde, vertrat Thierse den Standpunkt, sollte das Mahnmal nicht gebaut würde, würde dies dem Ansehen Deutschlands in der Welt schaden.

Wolfgang Thierse hat sich also auf Schadensprävention spezialisiert, was für einen Politiker recht ungewöhnlich ist, weil die meisten ihre Aufgabe vor allem darin sehen, während ihrer Amtszeit möglichst viel Schaden anzurichten, um ihren Nachfolgern das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Und nun also das Stadtschloss. Der Schaden, den Thierse heraufkommen sieht, liegt nicht im Wiederaufbau an sich, sondern in dem Umstand, dass die Kuppel ohne die “barocken Verzierungen” rekonstruiert werden soll, die sie mal hatte. Die Kuppel eines barocken Schlosses ohne barocke Verzierungen ist freilich so nackt und so unpersönlich wie eine Louis-Vuitton-Tasche ohne das Louis-Vuitton-Logo. Deswegen warnt Thierse: “Damit würde sich dieser Staat auf peinliche Weise lächerlich machen.”

Das ist sogar für Menschen, die gerne No-Name-Produkte kaufen, nachvollziehbar. Man muss sich nur einmal eine Gruppe von Japanern vorstellen, die nach Berlin gekommen sind, um das wiederaufgebaute Schloss zu besichtigen und die dann feststellen müssen, dass an der Kuppel die “barocken Verzierungen” fehlen. Sie könnten auf dem Absatz kehrt machen und heim reisen oder, noch schlimmer, sich auf dem Schlossplatz vor Lachen auf dem Boden wälzen und schreien: “590 Millionen Baukosten! Und für ein paar Zierleisten hat es nicht gereicht. Dabei gibt es die doch in jedem Baumarkt!”

Ja, damit würde sich dieser Staat “auf peinliche Weise lächerlich machen”; und das kurz nachdem wir durch den Ausstieg aus der Kernenergie in der ganzen Welt an Ansehen gewonnen haben. Deswegen sollen die Kosten für die barocken Verzierungen an der Kuppel und an drei Portalen, schlappe 25 Millionen Euro, durch Spenden finanziert werden. Sollte danach noch etwas Geld übrig bleiben, könnte man über ein historisches “Rahmenprogramm” nachdenken, das so authentisch sein müsste wie die barocken Verzierungen an der Kuppel.

Der Hauptmann von Köpenick und seine Soldaten, dargestellt von Wolfgang Thierse und Angehörigen der AG “60 plus” in der SPD, könnten das Schloss bewachen, während Mitarbeiter der Firma “Aschinger” Erbsensuppe und Kaisersemmeln an die Besucher verteilen, derweil eine Schützenkapelle das “Kaiserlied” von Joseph Haydn spielt. Das galt zwar dem österreichischen Kaiser, aber auf solche Bagatellen darf es nicht ankommen, wenn Schaden von Deutschland abgewendet werden soll.

Die Welt, 9.7.11

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