Henryk M. Broder / 21.03.2011 / 02:03 / 0 / Seite ausdrucken

Da singt ein Mensch

Es war ein langes und anstrengendes Wochenende. Zuerst ein Jammerlappen von einem Mörder in Franfurt, dann ein sozialdemokratisches Rentnertreffen in Tutzing, schließlich eine Megafete in Augsburg.

Wieder in Berlin war mir nur nach RTL2 und Hühnersuppe zumute. Dann aber setzte ich mich doch in meinen Trabant und fuhr gen Osten, in das B-Flat in der Rosenthaler Straße, wo Walter Rothschild und die Minyan Boys spielten. Und was soll ich Ihnen sagen: Es wurde ein schöner Abend!

Rothschild ist von Beruf Rabbiner, ein kluger, witziger und lebensfroher Mensch. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Eisenbahnen im Orient, er gibt das “Journal of the Railways of the Middle East” heraus. Und seit etwas mehr als einem Jahr singt er auch, als Frontmann der Minyan Boys rund um den Pianisten Max Doehlemann.

Natürlich ist Rothschild kein Sänger. Aber wie er nicht singt, das ist einfach sensationell! Aus voller Seele schmettert er den “Shabbes Morning Blues” in die kalte Berliner Luft. “Für mich”, sagt er, “ist es eine Therapie, auf der Bühne kann ich Sachen sagen und singen, die ich in der Gemeinde nicht sagen kann”. Und dann macht er mit dem “Egalitarian Minyan” weiter, auf die Melodie von Chattanooga Choo Choo. Da singt ein Mensch, und das Publikum im B-Flat jubelt.

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