Wolfgang Röhl / 12.07.2011 / 07:49 / 0 / Seite ausdrucken

Da brennt der Deich! Über nachhaltigen Rock ´n´ Roll

Lang ist´s her, da fuhren wir sommers im treuen, alten, hoch beladenen R 4 zu Rockfestivals, hörten ein Wochenende lang mehr oder minder gute Musik, mampften Mitgebrachtes und hatten eine gute Zeit. Klar, dass dabei auch erhebliche Mengen von Wein und Dosenbier vertilgt wurden, von anderen Stimmungshebern zu schweigen. Ebenso klar, dass der Platz hinterher wie eine Müllkippe aussah. Wenn es gut lief, lagen nicht wenige gebrauchte Kondome in den Rabatten. Scherte uns nicht. Schließlich hatten wir (meistens) für die Fete hübsch gelöhnt. Sollte der Veranstalter oder der Bauer, der ihm die Wiese vermietet hatte, doch aufräumen. Genug Geld hatten sie abgezockt.

Alles falsch, von heute her gesehen. Auch so ein Rockdingens muss natürlich nachhaltig ablaufen. Daher wird mittlerweile, etwa beim „Deichbrand-Rockfestival“ (22. - 24. Juli, Seeflughafen Nordholz bei Cuxhaven) der Müll gesammelt und sorgsam getrennt.

„Europaweit ist GREEN CAMPING der Mega-Trend auf führenden Festivals. Wer in ruhiger und sauberer Umgebung inmitten gleich gesinnter Nachbarn übernachtet, hat am nächsten Tag mehr Power für mehr Rock´ n´ Roll“. Teilt http://www.deichbrand.de mit. Die „Green Camp Philosophie“ sieht so aus: „Sauberer Campingplatz. Ruhe und Rücksicht auf Nachbarn. Geselliges Zusammensein im Tipi Zeltdorf.“

Der Kleingartenverein „Abendsonne e.V.“ könnte es nicht schöner postulieren. Beim Check-in der Rocker werden für 5 € Müllsäcke ausgegeben. Das Pfand gibt es „nach Abgabe eines vollen Müllsacks“ zurück.  Vergiss Woodstock! Nie wieder diesen Dreck.

Noch etwas hatten wir früher nicht bedacht. Beim Rocken und Rollen wird Strom verbraucht! Spätestens nachdem Bob Dylan - unter harscher Kritik - die Klampfe mit der E-Gitarre vertauscht hatte. Aber, no problem: „Grüne Energie rockt! Auch beim Thema nachhaltiger Energien leisten wir unseren Beitrag zum Klimaschutz. So wird unsere 500.000 Watt Tonanlage beider Stages vom EWE Strom Natur Watt gepowert. Der Strom ist zu 100% nachhaltig. Bei seiner Produktion wird kein klimaschädigendes CO2 freigesetzt“, versprechen die Deichbrand-Veranstalter. Sicherlich haben sie speziell für das Festival dicke Leitungen gelegt, die den Strom von den rund um Cuxhaven flächendeckend aufgestellten Windrädern abholen. Hoffentlich herrscht da oben während des Festivals keine Flaute.

Schon bei der Anreise können um Mutter Erde besorgte Rockfans ihren „Beitrag zur CO2-Senkung“ leisten. Auf „umweltfreundliche Travel-Methoden“ wie Bahn, Fahrgemeinschaften und Shuttle-Busse („gegen geringen Aufpreis“) umsteigen. „Das macht die Fahrt zum Festival noch spaßiger“, weiß der Veranstalter.

Derart bespaßt, dürfen sich die Besucher auf die Attraktionen des Festivals freuen. Etwa auf die Begegnung mit den Aktivisten der Gruppe „Viva con Agua“, welche sich „dem Problem des fehlenden Trinkwasserzugangs vor allem in Entwicklungsländern“ verschrieben hat. Ferner mit der Gruppe „Sounds for nature“ diskutieren, die Tipps gibt, Festivals „ökologischer und naturverträglicher“ zu gestalten. Last not least sind auch die jungen Pioniere von Greenpeace mit ihrem „Urwaldpostamt 2011“ vor Ort. Dort können sich Rock-Fans „über Arbeiten und Projekte rund um das Thema Klima- und Umweltschutz informieren und selbst an lustigen Malaktionen für alle Altersgruppen teilnehmen.“

Könnte man den Cuxhavener Rock-Event also nicht einfach mit dem nächsten evangelischen Kirchentag zusammenlegen, wo ungefähr dieselben Planetenretter auftreten? Das wäre bestimmt megalustig. Und würde zudem viele Tonnen CO2 einsparen. Unsere ewig junge Margot Käßmann würde mit von der Party sein und - falls neben der CO2-Verhinderungsarbeit noch etwas Zeit für Musik bleibt - die Bands über die klimaneutrale PA-Anlage ansagen. Sowie diejenigen Besucher ansprechen, die vielleicht alkoholbedingt etwas wackelig auf den Beinen sind („Ihr könnt nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes“).

Nein, zeitgemäße Festivals müssen keine Umwelt-Verbrechen sein. Für die wir uns später, in Anbetracht unserer Kinder, von denen wir den Rock ja nur geliehen haben, zu schämen hätten. Und zwar nachhaltig.

Kleiner Tipp: auch benutzte Kondome kann man recyceln. Ist etwas kompliziert, im Prinzip aber möglich. Genauso wie CO2-freie Stromversorgung bei Rockfestivals mittels 100-prozentig erneuerbarer Energien.

Der Urwald dankt schon mal.

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