Wolfgang Röhl / 11.05.2009 / 10:24 / 0 / Seite ausdrucken

Cuba sí! Abwrackprämie für Gesinnungsschrott

Einer meiner Freunde hat über 40 Spiegelleserjahre auf dem Buckel, ist also schlaumeierisch bereits extrem betagt. Seine Frau, seit Menschengedenken in der Friedensbewegung aktiv, war mit einem Grüppchen von „Friedensfrauen“ auch beim diesjährigen Ostermarsch durch den noblen Hamburger Elbvorort gezogen, in dem sie residieren. Die beiden wählen gewohnheitsmäßig SPD und die Grünen. Kurz, sie könnten gut die Eltern des „Spiegel“-Redakteurs Jan Fleischhauer abgeben, deren juste milieu er in seinem gerade erschienenen Buch „Unter Linken“ ganz wunderbar veräppelt…

Neulich hatte mein Freund angekündigt: „Wir fahren nach Kuba. Wollen uns die Insel noch mal ansehen, bevor die Yankees sie wieder in einen großen Puff mit Spielhölle verwandeln.“ Sie hatten eine Rundreise mit anschließendem Badeurlaub gebucht. Flug nach Holguin, dann mit einer Tui-Gruppe eine Woche per Bus durchs Land. Sierra Maestra, umzu Santiago, Baracoa, Vier-Sterne-Beachhotel bei Guardalavaca, das volle Programm. Zurück gekehrt, erstatteten sie Bericht.

Ach, fiel der betrübt aus! Castros Menschenversuchsanstalt hatte sie bitter enttäuscht. Sie zeigten Fotos von uralten Tankwagen, welche die Menschen auf dem Land notdürftig mit Wasser versorgen. Auf anderen Bildern waren Leute zu sehen, die Tomaten oder Bananen auf der Straße verhökerten; in Stückzahlen, die sich an einer Hand abzählen ließen. Hummer, wurde ihnen gesagt, müssten die Fischer ausnahmslos staatlichen Stellen abliefern, auf dass ausländische Touristen sie sich an den Buffets der Strandhotels einverleiben könnten. Die größte Katastrophe aber sei der „Peso convertible“, so hatte die Tui-Gruppe von ihren - manchmal recht freimütigen - lokalen Reiseführern gesteckt gekriegt.

Diese auf Kuba in den Neunzigern eingeführte Zweitwährung (nur mit ihr kann man auf der Insel Waren kaufen, die was taugen) steht 1:1 zum Dollar, jener rund 1:28 zum „kubanischen Peso“. Da die Löhne auf Kuba zwischen 300 und 500 Pesos betragen, sei eine perfekte Zweiklassengesellschaft entstanden, in der menschenwürdig nur zurecht käme, wer im Tourismusgeschäft arbeite oder Devisen von Verwandten im Exil bekomme. Folglich flüchte sich jeder, der dazu in der Lage sei, aus der Landwirtschaft oder anderen, in kubanischen Pesos bezahlten, Berufen in den Fremdenverkehr. Ärzte verdingten sich in Venezuela; so dass auch das Gesundheitssystem immer maroder würde.

Von der Unterdrückung der Opposition oder der Homosexuellen war auf der Tour gar nicht die Rede gewesen. Das blühende Sexgeschäft zwischen Kubanerinnen und Touristen, an dem das Regime mitverdient, war meinen Freunden nicht aufgefallen. Aber sie hatten auch so von Kuba erstmal die Nase voll.

Ob man Ferien in Diktaturen machen darf, war unter ethisch hoch veranlagten Deutschen immer umstritten. Viele Linke haben Franco-Spanien, Salazar-Portugal oder das Griechenland der Obristen mutig gemieden – gab ja genug andere Destinationen. Mit Kuba, wo der Massentourismus aus dem Westen in den siebziger Jahren begann, hatten die wenigsten ein Problem. Kuba ist schließlich der Feind des Feindes USA; arm, aber angeblich stolz & glücklich, und der Mythos von der großen Volksbefreiung durch Castros Heldentruppe ist einfach nicht totzukriegen. Doch ein Erlebnisurlaub abseits der luxuriösen - zumeist von spanischen Konzernen gemanagten - Hotelresorts am Meer; ein bisschen aus dem Busfenster geschnupperte Realität, ein paar offene Gespräche mit Kubanern sowie einige Übernachtungen in den Bruchbuden im Inneren des Landes mit ihrem eintönigem Fraß – so etwas scheint eine heilsame Erfahrung zu sein.

Vorschlag: auch die Reiseveranstalter befinden sich bekanntlich in der Krise. Man gebe jedem Deutschen, der bei Tui & Co. eine Rundreise durch Kuba bucht, 300 Euro Zuschuss aus Steuermitteln.

Sozusagen als Abwrackprämie für politischen Gesinnungsschrott.

 

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