Das Wort Cosplay setzt sich zusammen aus Costume und Play und bezeichnet ein Hobby vieler junger oder jung gebliebener Japaner und Japanerinnen. Einen ersten Boom gab es in Japan schon in den 1990er Jahren. Damals war vor allem der Distrikt Harajuku in Tokyo ein Zentrum, da traf man öfters junge Leute in ausgefallenen Kostümen, die dort flanierten oder in Gruppen zusammen standen und sich fotografieren ließen. Angeblich fand das erste Cosplay Event in Japan jedoch bereits Ende der siebziger Jahre statt, aber erst durch die Kommerzialisierung breitete sich der Trend ab den achtziger Jahren weiter aus.
Heute wird Cosplay meistens dadurch definiert, dass sich Leute als bekannte Manga-, Anime-oder Videospiel-Figuren verkleiden. Wobei Manga die japanischen Comics bezeichnet und Anime eine Verkürzung von animated film bedeutet. Viele Nichtjapaner halten Manga anhand der vor allem für weibliche Figuren charakteristischen Idealtypen mit großen Augen für einen eigenen japanischen Comicstil, doch dem ist nicht so. Es existiert in Japan eine Fülle verschiedenster Comics für unterschiedliches Publikum, die unterscheiden sich je nachdem, ob sie eher für männliche oder weibliche Leser gedacht sind. Und Comics richten sich auch an unterschiedliche Altersgruppen, sodass es verschiedene Grafikstile gibt, von einem einheitlichen Manga-Stil lässt sich daher nicht sprechen.
Typisch für die japanische Manga-Kultur ist aber, dass sie relativ unbeeinflusst von ausländischen Comics entstanden ist, es handelt sich um keine Nachahmung amerikanischer oder anderer westlicher Comics, sondern sie hat sich aus japanischen Traditionen heraus entwickelt. Zwar sind die beliebten amerikanischen Comicfiguren von Disney oder auch Superman, Snoopy und Charlie Brown in Japan bekannt, doch französische oder belgische Comics kennt kaum jemand. Ich war vor allem verblüfft, dass so populäre Charaktere wie Asterix und Obelix in Japan völlig unbekannt sind.
Einige Cosplayer wurden inzwischen zu Stars
Als ich in den 1990er Jahren nach Japan kam, kannte ich nur Kureyon-Shinchan und Akira. Obwohl damals Sailor Moon auch schon im deutschsprachigen Raum populär zu werden begann, hatte ich von der vielfältigen japanischen Comic-Kultur keine Ahnung. Im japanischen Fernsehen liefen regelmäßíg Serien wie Sazae-san, Chibi-Maruko, Doraemon und andere. Doch obwohl die Hauptfiguren Kinder oder Jugendliche waren – nur Sazae-san war schon eine junge Frau in den Zwanzigern – waren die Themen meist Familiengeschichten. Es konnte auch um einen komischen Ehestreit der Eltern oder andere Konflikte in der Familie oder mit Freunden gehen.
Die Figuren, die in diesen Serien auftraten, waren aber nicht die Vorbilder für die Cosplayer, denn die waren weder kawai (lieb) noch cool, sondern wirkten eher wie Karikaturen von Durchschnittsjapanern. Bei den verkleideten jungen Leuten in Harajuku konnte ich daher nicht sagen, welche Charaktere sie darstellten.
Besonders stilprägend für die Cosplay-Szene sollen jedoch NARUTO und One Piece, Mangas, die Ende der neunziger Jahre entstanden und später auch Welterfolge wurden, gewesen sein. NARUTO spielte in der Welt der Ninjas im alten Japan, und in One Piece ist die Hauptfigur ein Junge, der davon träumt, Piratenkönig zu werden. Es gibt aber unzählige andere Manga-Serien, manche laufen irgendwann aus und dann kommen wieder neue hinzu.
Mir gefielen die Kostümierungen als Street Event, vor allem weil damals an den Wochenenden stundenweise auch einige Straßenzüge für den Autoverkehr gesperrt wurden, und in den temporären Fußgängerzonen traten Straßensänger und ähnliche Unterhaltungskünstler auf. Inzwischen hat sich die Cosplay-Szene aber eher weg von der Straße hin zu besonderen Veranstaltungen, eigenen Cosplay-Events, entwickelt. Und einige Cosplayer wurden inzwischen zu Stars, die das nicht mehr als Hobby betreiben, sondern sich quasi professionell vermarkten.
Es gibt in Japan keine Tradition wie Fasching oder Karneval, wo die Leute verkleidet durch die Straßen laufen, oder sich für Gschnasfeste aufwändig kostümieren. Auch der Halloween-Brauch, dass sich Kinder und junge Leute als Geister, Zombies oder Vampire verkleiden, ist erst in den letzten Jahrzehnten aufgekommen. Allerdings sind seit einigen Jahren in Tokyo Halloween-Events so populär geworden, dass sie auch ausländische Touristen anziehen.
Kleider machen Leute
Was aber sind die Gründe für die Beliebtheit von Cosplay-Events in Japan? Meiner Meinung nach liegt ein Hauptgrund darin, dass in der japanischen Gesellschaft ein starkes Bewusstsein dafür besteht, dass Kleider Leute machen. Für die meisten jungen Japaner ist es normal, als Schüler Schuluniformen zu tragen. Die Bezeichnung Uniform bezieht sich nur darauf, dass in der Schule alle gleich gekleidet sind. Es soll dadurch ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt und verhindert werden, dass soziale Unterschiede sichtbar werden.
Früher waren die Schuluniformen für Mädchen sogenannte Sailor-fuku, das weiße Oberteil orientierte sich an Matrosenblusen, der Unterteil bestand aus einem blauen Rock. Man sieht so gekleidete Mädchen noch heute, aber manche Schulen werben damit, dass sie für ihre Schülerinnen ganz besonders schicke Blusen und Röcke als Uniform entworfen haben.
Die Schulkleidung für Jungen hat sich aus Militäruniformen entwickelt, was vor allem an den dunklen hochgeknöpften Jacken mit schmalen Krägen auffällt. Aber es gibt auch Schulen, die für Jungen außer weißen Hemden, legere Jacken und Hosen vorschreiben.
Uniformen begegnet man später aber auch im Beruf, vor allem weibliche Bankangestellte und Verkäuferinnen tragen oft kostümartige Uniformen. Und selbst dort, wo keine Uniformen explizit vorgeschrieben sind, tragen die Angestellten Berufskleidung, die sie wie uniformiert aussehen lässt. Wenn Männer in ihrer Firma zu keiner Uniform verpflichtet sind, tragen sie alle dunkle Anzüge und darunter ein weißes Hemd, nur extreme Individualisten wagen es, ab und zu davon abzuweichen.
Alle Bahnangestellten tragen Uniform, selbst bis hin zum Putzpersonal. Aber auch Busfahrer und Reiseführerinnen tragen Uniform, Kellner und Kellnerinnen in den Restaurants tragen spezielle Kleidung, so auch Angestellte in Hotels oder in Ryokans. Eine Sonderform sind dabei die Maid-Cafés, wo die Kellnerinnen besondere Kostüme tragen, die sich am Aussehen von Dienstmädchen in den Häusern der Reichen des 19. Jahrhunderts in Europa oder Amerika orientieren. Dazu gehört auch ihr Verhalten gegenüber den Gästen, die meist allein stehende jüngere Männer sind. Trotzdem handelt es sich bei den Maid-Cafés keineswegs um Animierlokale, sondern sie sind in gewisser Weise mit der Cosplay-Welt assoziiert.
Aus starren gesellschaftlichen Normen ausbrechen
Aber abgesehen von Berufskleidung gibt es auch bei vielen anderen Gelegenheiten strikte Bekleidungsvorschriften in Japan, zum Beispiel bei der Teilnahme an Hochzeiten oder Begräbnissen, für die Abschlussfeiern an den Universitäten und so weiter. Fast jede Japanerin hat einen Kimono zu Hause, obwohl sie den fast nie trägt, höchstens einmal im Jahr zu Neujahr beim Besuch eines Shinto-Schreins.
Im vormodernen Japan existierte noch ein tieferes Bewusstsein als heute, dass nicht nur die Kleidung, sondern alle Aspekte der äußeren Erscheinung bis hin zur Frisur sehr viel über eine Person aussagen. Wie auch im alten Europa zeigte die Bekleidung, beziehungsweise dazugehörige Accessoires, den sozialen Stand an. Die Kleidung der Frauen machte aber auch sichtbar, ob sie verheiratet waren oder nicht. Bei Kimonos kann man das anhand der Ärmel noch heute erkennen.
Gleichzeitig gab es für die Japaner früherer Zeiten hin und wieder Gelegenheiten, aus den starren gesellschaftlichen Normen auszubrechen. Zum Beispiel bei Volksfesten oder auch bei Pilgerfahrten kleideten sich die Teilnehmer anders als im Alltag. Und diese Tradition hat sich bis heute erhalten, es gibt verschiedene Prozessionen, die Volksfestcharakter haben, und wo die Teilnehmer in historischen Kostümen durch die Straßen ziehen. Und die Hauptdarsteller übernehmen dabei zum Teil die Rollen historisch bekannter Persönlichkeiten.
Die Lust an der Verkleidung, wie sie sich bei Cosplays zeigt, könnte daher kommen, dass sich die Japaner nach wie vor sehr bewusst sind, dass das Tragen einer bestimmten Kleidung mit der Übernahme einer bestimmten Rolle einhergeht. Doch man kann aus diesen Rollen auch ausbrechen und dazu wählt man Fantasy-Kostüme. Indem man in solch ein Kostüm schlüpft, übernimmt man eine Rolle aus der Welt der Mangas. Zum Cosplay gehört aber auch, dass nicht nur das Kostüm möglichst echt wirken soll, sondern dass auch das Gehabe des Trägers oder der Trägerin der verkörperten Fantasy-Figur entspricht. Man soll sich, solange man das Kostüm trägt, mit dem Manga-Charakter identifizieren.
Das Kostüm selbst nähen
Ein anderer Grund für die Beliebtheit von Cosplays könnte auch darin liegen, dass, obwohl man sich an einer vorgegebenen Figur orientiert, doch viel Eigeninitiative und Kreativität erforderlich ist, um eine gezeichnete zweidimensionale Gestalt aus der Comicwelt in die dreidimensionale Welt zu transformieren und dort zum Leben zu erwecken. Es gibt Kostüme populärer Figuren zwar auch zu kaufen, doch vor allem weibliche Cosplayer legen Wert darauf, ihr Kostüm selbst zu nähen und Requisiten, die dazu gehören, selbst herzustellen. Aber auch Perücken und Schminkmasken sind ein wesentlicher Aspekt bei der Kreation der Charaktere. Deshalb gibt es bei Cosplay Events oft auch Wettbewerbe, wo dann prämiert wird, wer die ausgewählte Figur am besten verkörpert.
Nicht direkt Cosplay, aber doch damit verwandt, sind Maskottchen, die in den letzten Jahren als Werbefiguren entstanden. Bekannte Touristenregionen ließen entweder von Designern Maskottchen entwerfen, oder veranstalteten Wettbewerbe, aus denen dann ein Maskottchen als Sieger hervorging. Meist sind es rundliche, niedlich wirkende Comicfiguren, aber manche werden bei Events auch von Darstellern in Kostümen verkörpert. Sie treten am Rand von Veranstaltungen auf, hüpfen, gestikulieren und winken ins Publikum. Üblicherweise sprechen diese Maskottchen nicht, aber manche doch, und einige wurden so populär, dass sie in Japan jeder kennt, zum Beispiel Kumamon, das Maskottchen der Präfektur Kumamoto.
Ein anderes Beispiel ist Funashi, das Maskottchen der Stadt Funabashi in der Präfektur Chiba. Funashi wurde zwar von der Stadt Funabashi gar nicht offiziell als Werbeträger anerkannt, entwickelte aber seit seinem ersten Auftauchen Ende 2011 sehr rasch ein Eigenleben und wurde sehr beliebt, weil der Darsteller, der in dem Kostüm steckt, ein witziger und origineller Typ ist. Er verkörpert ein Maskottchen, das nicht nur Faxen macht, sondern auch sprechen kann. Er hat seiner Figur inzwischen schon eine ganze Biographie angedichtet, und durch Auftritte in Fernsehshows wurde er landesweit bekannt. Man weiß aber bis heute nicht, wer da eigentlich dahinter steckt.
Ich muss gestehen, dass ich der Cosplay Szene in Japan nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt habe, ich hielt das nur für eine Subkultur von Comic-Freaks. Ich habe gegen Rollenspiele und Kostümierungen nichts einzuwenden, im Gegenteil, ich bin in Japan sogar einmal als Super Mario aufgetreten, aber nicht bei einer Cosplay-Veranstaltung. Denn über das Alter, in dem man als verkleidete Comicfigur durch die Gegend läuft, war ich damals schon hinaus.
Eine ganze Halle auf der Leipziger Buchmesse
In der Hinsicht muss ich aber wohl umdenken, denn ich war sehr überrascht, als ich festellen musste, dass die Cosplay-Welle längst in alle Welt, auch nach Europa und nach Deutschland übergeschwappt ist. Es gibt auch hierzulande immer mehr Cosplay-Events, und es entwickelt sich daraus eine Unterhaltungsindustrie. Diese Entwicklung darf keiner verpassen, der up to date sein will.
Als ich die Leipziger Buchmesse besuchte, gab es dort eine ganze Halle, die nur japanischen Mangas und Animes gewidmet war. Zahlreiche Verlage, Buch- und andere Händler haben erkannt, dass sich hier eine neue Business Chance auftut und sich auf das Genre spezialisiert. Viele Besucher, vor allem jüngere, erschienen kostümiert. Die blieben aber hauptsächlich nur in ihrer Welt und interessierten sich wenig dafür, was in den anderen Hallen los war. Um diesen Trend nicht zu verpassen, haben auch andere Messen die Idee aufgegriffen. So ist unter anderem bei der ersten Müncher Buchmesse am 14. November 2026 ebenfalls ein Bereich mit Asiatischer Popkultur und Cosplay geplant.
Und der internationale Boom gibt der Cosplay-Szene in Japan weiter Auftrieb. In Nagoya gibt es seit über zwanzig Jahren jährlich einen World Cosplay Summit, auch dieses Jahr wird von 31. Juli bis 2. August 2026 einer veranstaltet. Dort laufen die Cosplayer nicht nur verkleidet durch die Straßen, sondern es gibt auch Bühnenshows. Und am letzten Tag wird die World Cosplay Championship veranstaltet, wobei ein Wettbewerb mit internationaler Beteiligung stattfindet, wer das beste Kostüm hat und sich darin am besten präsentiert. Ausdrücklich sind zum Summit auch Fotografen eingeladen, damit der Event breit dokumentiert werden kann.
Beitragsbild: Oliver Francis Huang-Hsu - Own work, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
maciste grüßt euch. ich habe mir bereits vor gut zwanzig jahren auf der frankfurter buchmesse die vielen weiblichen cosplayer angeschaut und mich auch über die verbreitete weibliche militanz gewundert. ich bin nicht bewandert in der materie, aber das alles war interessant und schön anzusehen – ich konnte nichts verwerfliches erkennen. ich bin rechts. battle on.
Besser als am Handy sitzen.
Cosplay gab es auch schon in den 70er, 80er, 90er in USA & Europa, ausgehend von der Science Fiction & Fantasy Szene.
Auf organisierten Zusammentreffen von Fans (Convention) gab es immer wieder Teilnehmer die im Kostüm auftraten, typischerweise inspiriert von Star Trek oder Star Wars oder als Elf, Zauberer oder Krieger in mittelalterlicher Gewandung.
Das Problem beim heutigen Cosplay ist YouTube und OF. Viele weibliche Cosplayer haben einen YouTube Channel wo in ihren Kostümen posieren und teilweise auch den ganzen Prozeß der Kostümherstellung zeigen…
…und häufig auch einen OF Account auf dem es dann die freizügigen Bilder & Filme in diesen Kostüm gibt, oder die Cosplayerin & ihr Lebensabschnittsgefährte im Eva- & Adamskostüm auftreten und die besten Stellen aus dem Kamasutra nachstellen.
Cosplay und LARP (live action roll playing) gibt es in Europa schon lange. In GB sind solche Events, die sich gerne an Jane Austen und den Regency orientieren seit langem in. In Deutschland steht man mehr auf Mittelalter und Fantasy.
Cosplay ? Nicht so schlimm. Bin ich schon lange daran gewöhnt … und ausserhalb von Tokyo ist es nicht so allgegenwärtig !
Sorry. Ich bin eine alter weißer Mann. Aber selbst ich weiß, dass Cosplay bei uns schon ein alter Hut ist Schon vor über 20 Jahren wollte sich die Tochter eines ehemaligen (linken) Bekannten zur Manga-Figur umarbeiten. Da muss der Autor – wie es so schön heißt (und nichts für ungut) – die vergangenen Jahre wohl unter einem Stein verbracht haben.
Vielleicht ist Cosplay eine Flucht aus der Realität, aus der harten japanischen Arbeitswelt in eine freie Phantasiewelt?
Ich war eben auf der Affordable Art Fair Vienna in der Karl Marx Halle. Zeitgleich fand eine Comicmesse statt. Viele als Anime kostümierte junge Leute.