Gastautor / 25.09.2021 / 12:00 / Foto: Pixabay / 31 / Seite ausdrucken

Coronismus: Die Angst vor der Freiheit

Wer sich an Corona-Politik und Panik-Medien abarbeitet, übersieht ein schmerzliches Grundproblem des Coronismus: Die Menschen wollten es so. Etwas in den Menschen wollte es so.

Von Marcus J. Ludwig.

Ende 2019, Anfang 2020 war ein neuartiges Corona-Virus in der Welt. Wie es in die Welt kam, ist ungeklärt. Laborunfall oder Wildtiermarkt, eine interessante Frage, aber als Faktum zweitrangig. Als Ausgangspunkt der Fantasie war beides erstrangig: „Fledermaus“ und „Biowaffe“ aktivierten Imaginationspotenziale, mit denen keine saisontypische Atemwegserkrankung mithalten konnte. Es war da plötzlich dieser spektakuläre Erreger, im chinesischen Wuhan, und die Tatsache, dass die dortigen Behörden extreme Maßnahmen trafen, verbreitete sich als Bild, als Video, als Gerücht und Erzählung rasend schnell rund um den Globus. Man harrte in angstvoller Erwartung der Ankunft des Unheils in Europa, in Deutschland, in der eigenen Stadt. Man fragte sich, ob auch hier Passanten auf offener Straße zusammenbrechen würden, als hätte man ihnen den Stecker gezogen, ob auch die Einkaufszentren in Augsburg und Aurich, in Stralsund und Soest von Seuchenschutzspezialisten in Hochsicherheitsanzügen würden desinfiziert werden müssen.

Die Menschen erwarteten die Pandemie, innerlich bereits mit all den ikonischen Bildern versehen, die sich durch den Konsum tausender Katastrophenfilme in ihnen angereichert hatten. Die unbewusste Matrix möglicher Szenarien war bereitet, die Seelen waren offen für die Dystopie, sie antizipierten den World War C, der sich durch Netflix und Co. lange schon tief in ihre Traumschichten gebrannt hatte. Die Leute wurden zu Preppern, kauften die Supermärkte leer, verschanzten sich in den eigenen vier Wänden und machten sich gefasst auf den Ausnahmezustand. Zunächst ohne Anweisung von oben, noch ganz ohne den seinerseits völlig verunsicherten Staat. Sie blieben zu Hause, sie zogen sich zurück, sie blieben auf Abstand. Und begannen, neben dem Grusel allmählich den Mehrwert, das feierlich Sinnstiftende an der sonderbaren Situation, zu spüren. Sie fanden Gefallen an den filmreifen Formeln und Motivationssprüchen der Solidargemeinschaft: „Flatten the curve. Stay at home. Follow the Science.“

Psychopolitisches Win-Win-Rezept

Und der Staat folgte dem Willen seiner Bürger, dem Willen zur totalen Sicherheit, dem Willen zu sommermärchenhafter Solidarität und sentimentaler Überhöhung des Banalen und verstand es, ihnen zu geben, was sie wollten: Sie durften zu Hause bleiben, sie mussten zu Hause bleiben, Vater Staat versprach, sie zu versorgen, auf unbestimmte Zeit die Vormundschaft zu übernehmen, am Geld sollte es gewiss nicht scheitern, und das Projekt „Zusammenhalt in der Krise“, das Projekt „Endlich mal Ernstfall“, erwies sich als psychopolitisches Win-Win-Rezept: Infantilismus fürs Volk, verordnete Regression, endlich wieder Kind sein, ganz ohne schlechtes Gewissen. Und Narzissmus ohne Reue für die Politik, Ausagieren der selbstherrlichsten Größenfantasien, Anerkennung fürs Machen, fürs Führen, fürs Diktieren und Durchregieren.

Und die Medien? Die kühl-distanzierten Beobachter und rationalen Analytiker des Zeitgeschehens? Sie wollten keine Spielverderber sein, sondern steuerten nach Kräften ihre Narrative bei zur Stabilisierung des bizarren Idylls. Eine Journalistin sagte in einer Journalisten-Talkrunde: Wir werden einmal ungläubig auf diese Zeit zurückblicken und uns wundern, welche übermenschlichen Leistungen wir da vollbracht haben. – Sie meinte die Leistungen von heldenhaften Homeoffice-Eltern, die an Videokonferenzen teilnehmen mussten, während die Homeschooling-Kinder um sie herumwuselten und nach Buntstiften verlangten.

Das sind Szenen aus der Frühphase der „neuen Normalität“, seit der Etablierung dieser Pseudorealität sind anderthalb Jahre vergangen, und die meisten Menschen haben aus der körperlichen, sozialen Abkapselung, der physischen Weltentfremdung inzwischen wieder halbwegs herausgefunden – das Corona-Biedermeier wurde trotz aller heroistischen Verbrämung doch einfach irgendwann zu stupide und langweilig.

Nicht herausgefunden haben viele hingegen aus dem metaphorischen „Zuhausebleiben“. Aus der Entwirklichung, der Auslagerung des Verstandes in mentale Schutzzonen, in die infantile Unerreichbarkeit. Und es ist fraglich, ob die neunormalen Massen je wieder in die Realität zurückfinden.

Opfer des Bestätigungsfehlers

Ein zugrundeliegendes, höchst fatales Mentalitätsproblem besteht – aller vermeintlichen modernen Rationalität und Aufgeklärtheit zum Trotz – wohl darin, dass die Menschen in ihrer Mehrheit keine Schwebezustände aushalten. Die kognitive Unruhe, die sich in langanhaltenden Situationen der Unklarheit einstellt, drängt sie zu vorschnellen Entscheidungen, sie optieren ohne verlässliche Grundlage für eine irgendwie annehmbare, plausible, handhabbare „Erkenntnis“, und werden in der Folge dann fast notwendig Opfer des confirmation bias, des Bestätigungsfehlers. Sie ertragen kein Dasein in dauernder Hypothese.

Und statt nach Falsifikationsmöglichkeiten zu suchen, wie wir es seit Karl Popper gewohnt sein sollten, sammeln sie Verifikationen: gute, überzeugende Gründe für den einmal eingeschlagenen Weg, den sie dann – je länger er schon beschritten worden ist – nicht mehr ohne Beschädigung des Selbstbildes verlassen können. Sie müssten sich ja eingestehen, dass sie unklug, voreilig, irrational gehandelt haben, dass sie verwirrt und intellektuell daneben waren. Nach einer Woche vergibt man sich so etwas noch, nach anderthalb Jahren aber wird es schwierig, für die Allermeisten unmöglich. Kritische Reflexivität als Antidot gegen die Automatismen des Unbewussten ist eine ziemlich unterentwickelte kognitive Kompetenz heutzutage.

Der Wille zur Anomalie

Die Menschen entschieden sich mehrheitlich für die Hypothese, dass Corona ein Killervirus sei. Sie machten aus der Entscheidung eine Glaubensfrage und aus der Hypothese ein Dogma. Sie richteten sich eine Realität ein, mit der sie umgehen konnten, einen Raum halbwegs sicheren Behagens, dekoriert mit Moralismus, Applaus vom Balkon, Triage-Horror, Gedenkstunden-Sentiment und statistischen Rekordwerten. Und es war nicht nur die Angst, die sie dort hielt, es war nicht nur medial induzierte Überbesorgtheit. Es war auch die Lust. Die Medien bedienten, aktivierten, verstärkten eine mentale Disposition, die schon lange da war.

Wer sich an Paranoiapolitikern und Panikmedien abarbeitet, übersieht ein großes, schmerzliches Grundproblem des Coronismus: Die Menschen wollten es so. Genauer gesagt: Etwas in den Menschen wollte es so. Etwas in den Massen wollte den Ausnahmezustand.

Ich erinnere mich gut an die Mischung aus Angst und Feierlichkeit, die im Frühjahr 2020 in der Luft lag, die affektiert-apokalyptische Lust am Atemberaubenden, die Herbeiredung, Herbeisehnung des globalen Fatums, die Willkommenheißung einer höheren Gewalt, die einen viel zu lange schon währenden Zustand ziellosen Herumdümpelns würde überwinden helfen. Und die Parole „Corona als Chance“ war erstaunlich schnell zur Hand. Nicht nur bei den Weltverbesserungseliten, auch bei den stillen Millionen, die der großen Auszeit vom falschen, mindestens fragwürdigen Leben offenbar dringend bedurften.

Jeder, der einmal Kind war, entsinnt sich dieser verstohlenen Erleichterung, mit der man eine nahende Krankheit begrüßt hat, das Fieber, den Infekt als Einbruch des Schicksals still bejubelt hat; jeder kennt diese autosuggestive Kraft, mit der man das immunologische Kampfgeschehen freudig forciert hat zuweilen. Sich den ernsten Zustand durch Stöhnen und Schniefen bestätigt hat, als Rechtfertigung gegen die Welt, gegen diese Zumutung aus Triebunterdrückung, Erwachsenwerdenmüssen, Realitätsprinzip, Disziplinierung, Regelunterwerfung, Wirklichkeitsanpassung. Man blieb im Bettchen liegen, man musste ja liegenbleiben, wenn die Stirn heiß war und die Nase lief, jedes Argument der Eltern- und Lehrerwelt musste verstummen vor den Symptomen, die den Ausnahmezustand beglaubigten.

Die Corona-Hysterie ähnelt – mindestens in der Anfangsphase – stark diesem kindlichen Pochen auf das ultimative Argument, das die Erlaubnis zur Regression erzwingt. Hier! Seht! Das Thermometer zeigt es doch! Die Wissenschaft sagt es doch! Follow the Science! Es geht nicht! Selbst wenn ich wollte, ich darf nicht! Ich kann nicht in die Schule gehen, ich kann nicht in die Welt gehen, man kann mir diese Härten nicht zumuten, wer kann von mir die Konfrontation mit einer solchen Realität verlangen?! Einer Realität, die mir keinen Sinn mehr zu geben vermag, einer Welt, die nichts mehr für mich bereithält außer Konsum, die nichts von mir verlangt als zu funktionieren, Regeln zu befolgen, Posen, Phrasen, Gesten von Role Models nachzuspielen und mich selbst möglichst glaubhaft zu belügen über meine Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit.

Vita virulenta

Ich gehe immer noch davon aus, dass niemand das, was sich abspielte, bewusst so gewollt oder gar geplant hat. Nichts von alledem wurde heimtückisch herbeigeführt, keine steuernde Instanz sah sich alles von oben, von außen an und rieb sich lächelnd die Hände. Aber: Sehr viele Menschen hatten offenbar etwas davon, eine Art „sekundären Krankheitsgewinn“, sonst hätte das Ganze nie so lange dauern können.

(Es sollte klar sein – aber ich sag es zur Sicherheit explizit –, dass hier natürlich nicht die Rede vom einzelnen Kranken ist. Covid ist zweifellos eine ernsthafte Krankheit, von der Betroffene bestimmt keinen Gewinn haben. Es geht mir um die Erkrankung der Gesellschaft, um die Störung des Sozialcharakters, die am Umgang mit der Corona-Situation beispielhaft – beziehungsweise beispiellos – sichtbar wird.)

Dass Politiker, Medien, Pharmaindustrie, Wissenschaftler etwas davon hatten, ist offensichtlich. Viele Leute profitierten von der Krise, manche finanziell, die meisten aber schlicht durch die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwurde. Menschen, die bis dahin ruhig und still ihre Arbeit gemacht hatten, als Ärzte, als Mathematiker, als Landräte und Bürgermeister, als Leiter von Gesundheitsämtern, als harmlose Nebenmenschen, von denen niemand außerhalb ihrer Büros, Amtsstuben, Labore, Stationen je Notiz genommen hatte, saßen plötzlich in Talkshows, standen plötzlich im Rampenlicht und waren wichtig.

Dann gab es – aber schalten wir hier ruhig wieder ins Präsens um –, dann gibt es natürlich die vielen, die schlichtweg Angst haben, die gewissermaßen „unschuldig“ Angst haben, echte Angst vor dem Sterben, vor dem Ersticken, vor dem Verlust ihres einen einzigen Lebens. Sie bilden die womöglich unheilbare Gruppe derer, die auch „nach Corona“ die habitualisierten Hygieneregeln freiwillig beibehalten werden. Die schon das nächste Killervirus mit rechthaberisch-fatalistischem Grauen herbeifürchten. Bei all diesen zu Tode geängstigten armen Seelen, die allein auf weiter Flur, allein im Wald, allein im Auto eine medizinische Maske tragen, hat der Daueralarmismus der Medien immer wieder leichtes Spiel, da er auf eine entsprechend empfängliche Charakterstruktur trifft: die zeittypische maligne Mischung aus Haben-Orientierung, spirituellem Vakuum und Furcht vor der Freiheit.

Halbpsychotische, moralistische Ersatzreligion

Sicher: Wer hätte keine Angst vor dem Tod, wer wollte – außerhalb depressiver Phasen zumindest – nicht am Leben bleiben? Aber die maßlose, realitätsverneinende Angst vor dem Tod hat mit dem, was Erich Fromm Biophilie nannte, mit echter Liebe zum Leben, erkennbar wenig zu tun.

Wer das Leben, die Lebendigkeit liebt, wer das Wachstum, das Gedeihen fördern will und sich – emotional gereift – freuen kann am Natürlichen und Gesunden, der ist einigermaßen unfähig, sich derart zwanghaft auf das Bloß-nicht-Sterben, Bloß-kein-Risiko-Eingehen zu fokussieren, dass ihm dabei die Lust am Gestalten des Lebens und am Aufbau des Menschlichen abhanden kommen könnte.

Die verbissene Lebens-Habsucht, die Pseudo-Biophilie, wirkt auf den heutigen Diagnostiker des Gesellschaftscharakters wie die hell aufgeschminkte Fratze einer Nekrophobie, die wiederum nur die passive Rückseite einer destruktiven Nekrophilie ist und mit ihr die Fixierung auf Tod, Sterben, Leblosigkeit gemeinsam hat. Der Nekrophobe krümmt sich unter der Herrschaft des Todes, er klammert sich ans Leben mit panischem Blick auf das allerorten und andauernd drohende Ende. Menschen mit dieser bedauernswerten Anfälligkeit haben in der Pandemie einen quasireligiösen Lebensinhalt gefunden und werden sich daher so lange wie möglich gegen etwaige Entwarnungen sträuben. In Kombination mit einer oftmals aggressiv zelebrierten Selbstaufwertungssolidarität, ergibt sich das vollendete Bild einer halbpsychotischen, moralistischen Ersatzreligion. Weniger zurückhaltend formuliert: einer narzisstischen Schundreligion.

Das ist die eine Seite der Dynamik, die eine große, stabilisierende Trieb- und Haltekraft der epochalen Anomalie: Angst und quasireligiöser Wahn auf der Grundlage eines hochpathogenen Gesellschaftscharakters: Eine nebulöse Bedrohung trifft auf eine existenziell haltlose, konsumistisch entseelte Gesellschaft, auf seit Jahrzehnten schon notdürftig mit Sinnsurrogaten sich behelfende Psychen, und die machen das Beste daraus: Sie stürzen sich in den Nebel, und die Welt ist mit einem Male weg, der Zwang zur Orientierung in Offenheit, Freiheit und Tageshelle ist von ihnen genommen. Das Leben reduziert sich auf ein Tappen im kleinsten Radius, ein vorsichtiges Tasten nach einem Geländer durch die Sinnleere zwischen ungelebtem Leben und endgültigem Tod.

Es klingt pervers, aber sehr vielen Menschen wird etwas fehlen, wenn die Pandemie vorbei ist. Ihre diffuse Daseinsangst hatte einen konkreten Namen, sogar einen schönen, einen prachtvollen Namen. Ihre fundamentale Unsicherheit war von ganz oben gerechtfertigt. Ihr Verdacht, ihre Aversion gegen das Leben, gegen die hinterhältig-unsichtbare, todbringende Vita virulenta war von der Wissenschaft beglaubigt. An einem Freedom Day bräche ihnen das mentales Gerüst weg, das ihre existenzielle Furcht vor der Freiheit lange Zeit ziemlich wirkungsvoll kompensiert hat.

Die Unfähigkeit, zu bedauern

Die andere Seite, die andere Kraft, die den Ausnahmezustand aufrechterhält, stellt wesentlich weniger Ansprüche an die tiefenpsychologische Metaphorik, ich nenne sie ganz trivial Revisionsrenitenz. Noch trivialer könnte man sie auch Sturheit nennen. Und davon betroffen sind leider nicht nur Politiker, Medienleute, Experten, Richter und sonstige Influencer der öffentlichen Meinungsbildung und Urteilsfindung; auch Millionen von Normalmenschen, die nicht unbedingt leichtfertig, sondern in anfänglich durchaus redlichem Bemühen ihre Urteile gefällt haben, diese aber irgendwann nicht mehr infrage gestellt haben, sich ihre Überzeugungen nicht mehr zur Revision vorgelegt haben und daher Schritt für Schritt immer weiter in die Irre gegangen sind, finden nicht mehr den Weg heraus aus der epistemischen Verstiegenheit.

Dieser Weg würde eine Fundamentalkritik der persönlichen geistigen Integrität erfordern und er ginge, wenn er konsequent begangen würde, notwendig einher mit erschütternden Emotionen, mit Fragen, die einen des Nachts nicht schlafen lassen, mit Einsichten, die den Kern der Persönlichkeit bedrohen. Die Vertrauensfrage an den eigenen Intellekt würde vielfach zu einer tiefen Kränkung des Selbst führen.

Es bedarf keiner überragenden Menschenkenntnis, um abzusehen, dass nahezu alle Personen, die man sich in diesem Zusammenhang mit Namen und Gesichtern vorstellen kann, unfähig zu solchen Prozessen der Selbsterforschung, der Revision, der tätigen Reue sein werden. Mir jedenfalls scheint es unvorstellbar, dass wir in näherer Zukunft irgendwelche öffentlichen Eingeständnisse, Schuldbekenntnisse, Rücktrittserklärungen, Worte des Bedauerns hören werden.

Die Unfähigkeit, zu bedauern, sie betrifft nicht nur jene Eliten, die die selbstkritische Konfession ihrer Irrationalität den Job, das Amt, die Karriere, die Reputation kosten würde, sondern Millionen von Besserwissern, Starrköpfen, Rechthabern, Verleumdern, Denunzianten, Diskussionsverweigerern, Ausgrenzern und Hetzern.

Sie alle haben die größte Fehleinschätzung ihres Lebens zu verantworten, und sie müssen nun irgendwie festhalten an ihren Wahn-Narrativen, sie haben fatale Entscheidungen, unnennbare Wertvernichtungen und Lebensbeschädigungen mitgetragen, sie haben Tote auf dem Gewissen, sie haben die Welt aus den Angeln gehoben. Und ich glaube, die meisten wissen das längst in irgendeinem hellen Winkel ihrer Seele.

Wiederherstellung einer gemeinsamen Wirklichkeit

Aber es gibt nun für all diese Verrannten kein einfaches Zurück mehr, keine Korrekturmöglichkeit ohne allerschwerste Selbstbeschädigung. Sie müssten sich die beschämendste Versündigung gegen die Gebote der Aufklärung eingestehen. Sie schlugen Kants Ermutigung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, einfach in den Wind, und sie müssen nun ums Verrecken bleiben bei ihrer Geschichte vom Killervirus, sie müssen gegen alle Evidenz konsequent bleiben. Es würde einer geradezu heldenhaften Schonungslosigkeit bedürfen, um jetzt noch sich freizukämpfen aus der Verpanzerung und sich einzugestehen, welch einer grauenhaften Selbstentmündigung und Selbsttäuschung man sich so lange hingegeben hat.

Wird man sie irgendwann zu dieser Einsicht zwingen können? Man wird es müssen, zumindest wird man sie zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zwingen müssen. Das wird nicht ohne eine Art von Wahrheitskommission gehen. Ein Verfahren, in dem mindestens die Hauptakteure des Coronismus mit ihren zerstörerischen Wahngebilden, ihren Exzessen, ihren Unverhältnismäßigkeiten, ihren vorsätzlichen Einseitigkeiten konfrontiert werden. Nein, es ginge dabei nicht um die Befriedigung von Rache- und Rechthabegelüsten. Es ginge um einen öffentlich wirksamen Akt zur Wiederherstellung einer gemeinsamen Wirklichkeit. Und ohne die ist Versöhnung kaum möglich.

Es darf allerdings bezweifelt werden, dass der Mehrheit überhaupt an Versöhnung, an Gemeinsamkeit oder gar an Gemeinschaft gelegen ist. Corona scheint längst Teil des kulturellen Bürgerkriegs geworden zu sein, die Ansichten zur Pandemie sind unwiderruflich in die gängige Links-Rechts-Codierung eingepasst.

Realistisch gesehen wird hier erst einmal nicht viel zu bewegen sein. Für die derzeit und in näherer Zukunft regierenden Politiker sind alle Korrekturmöglichkeiten passé. Alle Zeitfenster sind geschlossen, alle Brücken sind abgebrochen, sie müssen vorwärts wanken auf dem einmal eingeschlagenen Weg des hygienischen Totalitarismus, des allzuständigen Sanitätsstaates, der selektiven Szientokratie. Oppositionelle Kräfte haben im politischen Prozess kaum eine Chance.

Eine Änderung müsste von den Bürgern ausgehen. Von Menschen, die erwachsen und rational werden wollen. Sie müssten eine ganz andere Welt wollen. Irgendwie wollen sie aber nun mal diese. Sie wollen eine Welt, in der Corona-Krisen möglich sind. Oder andere Krisen. Hauptsache irgendetwas, das sie von einem Leben in Freiheit abhält, einem Leben in echter, menschengemäßer, lebensgefährlicher Freiheit.

 

Marcus J. Ludwig ist Essayist und Erzähler. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Der Geist von Carson Cokes“ sowie der Essay-Band „Meine feindlichen Freunde“.

Er betreibt den Blog EMPORE. Dort widmet er sich mal humoristisch, mal analytisch, meist aber verzweifelt kulturpessimistisch den Gruselthemen der Gegenwart.

Foto: Pixabay

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Sirius Bellt / 25.09.2021

Boah. Ein großartiger Artikel. Super analysiert.

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